Neue Regeln für Kommunalwahlen – ein Denkanstoß

April 25th, 2011 | Tagged , , | 9 Kommentare | 1471 mal gelesen

Heute, am 24. April 2011, fanden in etlichen Städten und Gemeinden Japans Kommunalwahlen statt. Darunter auch in etlichen Stadtvierteln in Tokyo, sowie auch bei uns in unserer 164’000-Einwohner-Stadt. Gewählt wurde nicht einmal der Bürgermeister – die Wahl fand vor einigen Monaten statt. Dieses Mal ging es um die Abgeordneten der Stadtversammlung. Und so sieht der Kommunalwahlkampf in Japan aus:

1. Grosse Tafeln werden allerorts aufgestellt, auf denen die Kandidaten ihre Poster pappen dürfen (siehe Photo unten)
2. Kandidaten oder deren Ehegatten, Kinder oder sonswie in der Schuld stehende Leute verteilen Flugblätter und schütteln Hände an den Bahnhöfen. Gute 80% schauen übrigens betreten schnell irgendwo anders hin, wenn ich antrabe. Ist ja auch logisch: Selbst mit permanenter Aufenthaltsgenehmigung darf ich nicht wählen, da lohnt sich die Mühe nicht.
3. Kandidaten fahren wie besessen mit bunt beklebten Autos voller Lautsprecher kreuz und quer durch die Stadt – von Montag bis Sonntag, von 8 Uhr morgens bis 10 Uhr abends. Meistens wiederholen sie dabei permanent ihre eigenen Namen, als ob sie Angst hätten, selbigen zu vergessen, wenn sie ihn nicht alle 10 Sekunden laut sagen (siehe kurzes Video hier, gepostet bei den letzten Kommunalwahlen vor 4 Jahren).
4. Kandidaten springen gelegentlich aus ihren Autos oder irgendwelchen Büschen, um dem potentiellen Wahlvieh plötzlich die Hand zu schütteln. Mit Handschuhen, versteht sich.

 

 

Kleine Rechenaufgabe: Wie viele Kandidaten werben auf der Tafel da oben? Richtig, ziemlich viele. Aber alle von ihnen schienen in den letzten zwei Wochen mit Autos und Lautsprecher unterwegs gewesen zu sein. Unsere Stadt ist 17 km² gross, rechnen wir also mal einfacherweise 4 mal 4 km. Es gab dieses Jahr 32 Kandidaten (für 21 Sitze). Das sind also im Schnitt zwei bläkende Lautsprecherwagen pro Quadratkilometer – und die Dinger sind schon von weitem zu hören.

Helfen diese Kampagnen? Natürlich nicht. Um 15 Uhr lag die Wahlbeteiligung bei 15%, und sie wird mit Sicherheit nicht über 30% gestiegen sein. Ich halte die Kampagnen selbst sogar für kontraproduktiv. Eigentlich soll den Wählern nur im Vorbeifahren ein Name eingetrichtert werden, damit man an der Wahlurne sagt „Den Namen hab ich schon mal gehört“. So ziemlich alle, die ich kenne, sind von den Lautsprecherwagen einfach nur völlig genervt, da die Wagen auch kleinste Gassen abfahren.
Deshalb hier ein Vorschlag für kommende Kommunalwahlen (oder für alle Wahlen?):

1) „Reversed voting“: Man hat die Wahl, ob man jemanden wählt – oder jemanden ausdrücklich nicht wählt. Es gibt viele Leute, die nicht wissen, wen sie wählen sollen, aber ziemlich genau wissen, wen sie NICHT wählen wollen. Das gilt bei allen Wahlen.

2) Wird jemand „nicht gewählt“, wird eine Stimme abgezogen. Mit negativen Endzahlen ist zu rechnen, aber das geht in Ordnung.

3) Wer unter 0 Stimmen fällt, muss die nächste Wahl aussetzen.

Vorteil 1: Die Wahlbeteiligung kann somit erhöht werden.
Vorteil 2: Protestwähler nehmen ab. Anstatt eine komische Partei zu wählen, wählt man einfach gegen eine etablierte Partei.

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9 Responses to “Neue Regeln für Kommunalwahlen – ein Denkanstoß”

  • Umij sagt:

    es gibt aber auch durchaus, insbesondere auf lokaler Ebene, durchaus Politiker die rausgehen und versuchen, ganz „deutsch“ mit Menschen zu reden und die Diskussion zu suchen, und auf diesen Lautsprecherquatsch zu verzichten.

    Nur, wenn man sich mal so die Wahlergebnisse in großen Teilen Japans anschaut (Ishihara?!), dann weiß man auch, warum das eigentlich „bound-to-fail“ ist und man mit gesundem Menschenverstand oft nicht weiterkommt…

  • Bernd Berger sagt:

    Großartige Idee. Man sollte dieses neue Wahlrecht weltweit anwenden. Was natürlich niemals geschehen wird :-( Schön wär’s trotzdem!

  • Joppi sagt:

    Reversed voting… interessanter Vorschlag, der nicht einer gewissen Komik entbehrt. Die Wahlbeteiligung -auch hier- wäre bestimmt höher. Aber ob da irgendwas regierungsfähiges zusammenkommt… fraglich!

  • Sascha sagt:

    Das ist ja mal interessant!
    Solch ein Wahlverfahren wäre mir auch hier ganz recht. Statdessen muss man schauen, das man das kleine übel wählt -.-

  • JochenSteig sagt:

    Naja aber wenn man mal folgendes Szenario zusammenspinnt: die „linken“ wählen alle die FDP ab, die „rechten“ die NPD (klar, würde auch abgewählt werden).

    Dann hat man doch genau das, was die Meisten vermeiden wollen, oder?

  • Juergen sagt:

    Vielleicht sollte man freie Wahlwerbung verbieten, finde ich sowieso undemokratisch. Besonders in D gehen mir die Sprüche auf den Wahlplakaten gegen den Strich, wie „Hans Müller, für ein besseres Schönefeld“, wo mit keinerlei Kompetenzen oder Zielen geworben wird (dafür sind Plakate mit ihrer begrenzen Botschaftslänge halt auch nicht geeignet). Andererseits, wenn man Wahlwerbung Kanalisiert, z.B. über ein Programmheft aller Kandidaten, das in den Haushalten verteilt wird, würde man Manipulationen und Zensierung Tür und Tor öffnen.

  • Heydal sagt:

    Bei uns bekommt man ein Wahlcouvert in den Briefkasten, wo alle Parteien und Kandidaten ihre Broschüren und Wahlwerbung platzieren können. Sehr praktisch, einfach zack rein ins Altpapier und gut ist.

  • Julia sagt:

    Oh Gott, ja, diese furchbar lauten Autos, wenn man sich konzentrieren oder einfach mal ausschlafen will.
    Teilweise hatten wir auch Wagen, die ausländerfeindliche Parolen zum Besten gegeben haben, vor dem Wohnheim (das waren aber keine Wahlfahrzeuge, vermute/hoffe ich.)
    Wenn man die verbieten würde, wäre das schon ein riesiger Schritt in einen angenehmeren Wahlkampf.

  • Tobey sagt:

    Dieses Wahlsystem will ich auch in Deutschland haben! So viele beschweren sich, es gäbe keine Alternativen bei den Wahlen. Das „Reversed voting“ würde die Wahlbeteiligung um einiges anheben!