You are currently browsing the archives for April, 2011

Town Hall Meeting der deutschen Botschaft: Denn man tau!

April 28th, 2011 | Tagged , | 19 Kommentare | 3619 mal gelesen

Erst hörte man von der deutschen Botschaft gar nichts – obwohl ich mich extra vor Jahren in eine Notfallliste eingetragen hatte. Lediglich offizielle Statements waren über Umwege aus der Presse vernehmbar: Ihr Deutschen, verschwindet aus Tokyo. Dann erfuhr man nebenbei, dass die Botschaft sich nach Osaka verlegt hat.
Am 25. März, zwei Wochen nach dem Erdbeben, kam schliesslich ein Schreiben: Ein schieft eingescanntes Schriftstück. Vorgestern, also gute sechs Wochen nach dem Beben, nun ein zweites Schreiben: 5 Mal kam innerhalb von 8 Minuten das gleiche Schriftstück von der Botschaft an – alles an die gleiche Email-Adresse geschickt, wohlgemerkt. Das wäre in meiner Firma eigentlich schon ein Kündigungsgrund. Ein Doppelklick auf das PDF auf meinem Mac – und ich sehe gar nichts, ausser schwarzen Linien und der eingescannten Unterschrift. Herrlich. Das Problem kenne ich – und es lässt sich relativ einfach vermeiden. Nun gut, Adobe Illustrator gestartet, und dann konnte ich endlich den Inhalt lesen.

Der Botschafter lädt ein zu einem Town Hall Meeting – am Dienstag, den 10. Mai 2011 von 18.00-21.00 Uhr im Atrium der Botschaft. Ob die eigentliche Botschaft in Tokyo oder die provisorische Botschaft in Osaka gemeint ist, hält man nicht für erwähnenswert. Warum auch – sollen die Leute doch googeln. Im Schlepptau hat man wohl Experten für Kernenergie und es soll zu einer offenen Diskussionsrunde kommen, denn:

Mit Abklingen der akuten Gefährdung werden die Fragen zu unserem weiteren Verhalten jedoch immer komplexer.

Was auch immer das heissen mag. In der DinJ (Deutsche in Japan)-Gruppe auf Yahoo ruft schon der erste zum Boykott auf, aber das halte ich für falsch – wer hin kann, sollte hingehen. Ich habe auch grosse Lust, hinzugehen, sitze aber dummerweise just zu dieser Zeit im Flieger, und das ist schon wesentlich länger geplant als das Erdbeben.

Falls jemand hingeht, wäre ich an einem Bericht hoch interessiert.

Aber ich muss es noch mal hier loswerden: Das Krisenmanagement der deutschen Botschaft in Japan nach der Katastrophe halte ich nachwievor für höchst unprofessionell und sehr enttäuschend. Ich erwarte nicht viel von einer Botschaft – aber zumindest in Sachen Informationspolitik gibt es hier einen enormen Nachholbedarf, von Kleinigkeiten wie 5 mal an die gleiche Adresse gesendeten offiziellen Schreiben mal ganz abgesehen.

Teilen:  

Neue Regeln für Kommunalwahlen – ein Denkanstoß

April 25th, 2011 | Tagged , , | 9 Kommentare | 1466 mal gelesen

Heute, am 24. April 2011, fanden in etlichen Städten und Gemeinden Japans Kommunalwahlen statt. Darunter auch in etlichen Stadtvierteln in Tokyo, sowie auch bei uns in unserer 164’000-Einwohner-Stadt. Gewählt wurde nicht einmal der Bürgermeister – die Wahl fand vor einigen Monaten statt. Dieses Mal ging es um die Abgeordneten der Stadtversammlung. Und so sieht der Kommunalwahlkampf in Japan aus:

1. Grosse Tafeln werden allerorts aufgestellt, auf denen die Kandidaten ihre Poster pappen dürfen (siehe Photo unten)
2. Kandidaten oder deren Ehegatten, Kinder oder sonswie in der Schuld stehende Leute verteilen Flugblätter und schütteln Hände an den Bahnhöfen. Gute 80% schauen übrigens betreten schnell irgendwo anders hin, wenn ich antrabe. Ist ja auch logisch: Selbst mit permanenter Aufenthaltsgenehmigung darf ich nicht wählen, da lohnt sich die Mühe nicht.
3. Kandidaten fahren wie besessen mit bunt beklebten Autos voller Lautsprecher kreuz und quer durch die Stadt – von Montag bis Sonntag, von 8 Uhr morgens bis 10 Uhr abends. Meistens wiederholen sie dabei permanent ihre eigenen Namen, als ob sie Angst hätten, selbigen zu vergessen, wenn sie ihn nicht alle 10 Sekunden laut sagen (siehe kurzes Video hier, gepostet bei den letzten Kommunalwahlen vor 4 Jahren).
4. Kandidaten springen gelegentlich aus ihren Autos oder irgendwelchen Büschen, um dem potentiellen Wahlvieh plötzlich die Hand zu schütteln. Mit Handschuhen, versteht sich.

 

 

Kleine Rechenaufgabe: Wie viele Kandidaten werben auf der Tafel da oben? Richtig, ziemlich viele. Aber alle von ihnen schienen in den letzten zwei Wochen mit Autos und Lautsprecher unterwegs gewesen zu sein. Unsere Stadt ist 17 km² gross, rechnen wir also mal einfacherweise 4 mal 4 km. Es gab dieses Jahr 32 Kandidaten (für 21 Sitze). Das sind also im Schnitt zwei bläkende Lautsprecherwagen pro Quadratkilometer – und die Dinger sind schon von weitem zu hören.

Helfen diese Kampagnen? Natürlich nicht. Um 15 Uhr lag die Wahlbeteiligung bei 15%, und sie wird mit Sicherheit nicht über 30% gestiegen sein. Ich halte die Kampagnen selbst sogar für kontraproduktiv. Eigentlich soll den Wählern nur im Vorbeifahren ein Name eingetrichtert werden, damit man an der Wahlurne sagt „Den Namen hab ich schon mal gehört“. So ziemlich alle, die ich kenne, sind von den Lautsprecherwagen einfach nur völlig genervt, da die Wagen auch kleinste Gassen abfahren.
Deshalb hier ein Vorschlag für kommende Kommunalwahlen (oder für alle Wahlen?):

1) „Reversed voting“: Man hat die Wahl, ob man jemanden wählt – oder jemanden ausdrücklich nicht wählt. Es gibt viele Leute, die nicht wissen, wen sie wählen sollen, aber ziemlich genau wissen, wen sie NICHT wählen wollen. Das gilt bei allen Wahlen.

2) Wird jemand „nicht gewählt“, wird eine Stimme abgezogen. Mit negativen Endzahlen ist zu rechnen, aber das geht in Ordnung.

3) Wer unter 0 Stimmen fällt, muss die nächste Wahl aussetzen.

Vorteil 1: Die Wahlbeteiligung kann somit erhöht werden.
Vorteil 2: Protestwähler nehmen ab. Anstatt eine komische Partei zu wählen, wählt man einfach gegen eine etablierte Partei.

Teilen:  

Grosse Ostjapan-Erdbebenkatastrophe: Update XVII

April 19th, 2011 | Tagged , , | 12 Kommentare | 1915 mal gelesen

Schon Teil 17… mittlerweilen bekomme ich wirklich allmählich Lust, mal wieder über etwas Anderes zu schreiben.
Seit dem Erdbeben sind nun schon gute 5 Wochen vergangen, aber noch immer bestimmen die Folgen hier die Nachrichten und die Gedanken. Deshalb mal wieder ein paar Informationen dazu, was in Japan gerade passiert in punkto Erdbeben – verbunden mit ein paar wichtigen Schlagwörtern.

Lage im Norden
————–
Es scheint mehr oder weniger schnell voranzugehen im Norden. Am 30. April soll wohl die gesamte Shinkansen-Strecke im Norden wieder freigegeben werden – man arbeitet mit Hochdruck daran, die teilweise zerstörten Trassen (ein grosser Teil verläuft ja auf Stelzen) wieder herzurichten. Sicher gibt es wichtigere Dinge als funktionierende Shinkansen, aber eine gewisse Bedeutung, und nicht zu vergessen Symbolkraft, haben sie schon. Auch erste Flughäfen (Sendai) und Häfen können wieder benutzt werden, womit der Transport von Hilfsgütern schneller vonstatten gehen sollte.
Mittlerweilen untersuchen mehr und mehr Forscher die direkten Folgen und beginnen zu verstehen, was wirklich geschah: Mittlerweilen weiss man, dass der Tsunami an einigen Stellen – vor allem im Inneren kleiner Buchten – mit einer Höhe von bis zu 40 Metern auf die Städte und Dörfer prallte. Nun war man sich der Gefahr durch Tsunamis schon seit jeher bewusst und hatte entsprechend Dämme errichtet, aber ein 10 Meter hoher Damm hilft bei einer 40 Meter hohen Wasserwand nicht viel. Dazu tauchte unlängst das folgende Video auf. Der Mann im Hintergrund klagt immer wieder: „Was ist mit dem Damm? Wozu haben wir den Damm?“

Wissenschaftler haben bei GPS-Vermessungen des weiteren zwei weitere Dinge festgestellt:

– das Absinken ganzer Küstenlandschaften, genannt 地盤沈下 jiban chinka, erreicht mancherorts mehr als einen Meter – das ist in Gegenden katastrophal, wo die einzigen Ebenen bereits vorher auf Meeresniveau lagen. Kleinere Sturmfluten bzw. eine etwas erhöhte Flut reicht aus, um zahlreiche Ortschaften und sehr viel Ackerland volllaufen zu lassen.

– die Plattengrenze ist noch immer in Bewegung, und man kann, trotz nachlassender Nachbeben, noch nicht von Entwarnung sprechen. Es ist sehr gut möglich, dass in absehbarer Zukunft – dies können allerdings auch Jahrzehnte sein – ein weiteres starkes Beben im Bereich 8+ folgt.

Man baut derweilen mit Hochdruck provisorische Unterkünfte – hat jedoch gleichzeitig in einigen besonders tief gelegenen Ortschaften teilweise einen Baustopp erlassen.

Lage in Fukushima
—————-
Auf Druck der Politik veröffentlichte TEPCO, der Betreiber des AKW Fukushima, einen vorläufigen 工程表 kōteihyō Baufahrplan: Demzufolge will man das AKW innerhalb der nächsten 6 bis 9 Monate stabilisiert haben – will heissen, man will bis dahin einen cold shutdown aller Meiler erreicht haben und die weitere Ausbreitung radioaktiver Substanzen verhindert haben. Sofort nach Veröffentlichung hagelte es skeptische Kommentare. Bekräftigt wurden die Kritiker allein durch heutige Meldungen, in denen es erst hiess, dass das radioaktiv stark belastete Wasser innerhalb eines Blockes 20 cm hoch sei – diese Zahl aber Stunden später auf 5 m korrigiert wurde. Das ist kein unwesentlicher Unterschied und nicht gerade ein Beweis dafür, dass TEPCO auf dem richtigen Wege sei.

Im Grossraum Tokyo nimmt die radioaktive Belastung ansonsten permanent ab – wobei hier nochmals ausdrücklich erwähnt werden sollte, das die Belastung zu keinem Zeitpunkt gefährliche Werte erreichte. Aber keine (bzw. nur natürlich verursachte) Radioaktivität ist natürlich besser als geringfügig höhere Werte.

Energieversorgung
—————-
Erwartungsgemäss finden momentan keine Stromabschaltungen mehr statt, da es warm genug ist, Heizungen nicht einschalten zu müssen, und kühl genug, Klimaanlagen nicht benutzen zu müssen.
Man ist wohl zum jetzigen Zeitpunkt in der Lage, 50 Gigawatt produzieren zu können. Im Hochsommer liegt der Verbrauch bei rund 60 Gigawatt. Man hat noch ein paar Monate Zeit, sich für den Hochsommer vorzubereiten, aber das sollte man auch mit Hochdruck tun: Gibt es wieder einen so langen wie heissen Sommer wie im vergangenen Jahr, würden Stromausfälle unweigerlich zu zahlreichen Todesfällen führen – gerade unter älteren Leuten. Persönlich hoffe ich jedoch, dass man das Problem weniger mit Erhöhung der Kapazitäten als mit Massnahmen intelligenter Stromeinsparung erreichen kann. Denn da hat Japan definitiv noch sehr viel Potential.

Politik
—————-
Bei den Kommunalwahlen in einigen Teilen der Region verloren die regierenden Demokraten vielerorts an Boden, und gerade in ausländischen Medien wird viel darüber geschrieben, dass man in Japan sehr unzufrieden mit der Arbeit der Regierung sei. Das stimmt so nicht: Es gibt durchaus sehr viele Japaner, die die Leistung der Regierung unter Kan in dieser Krise anerkennen. Sicherlich gibt es viele kritische Stimmen, aber man muss sich auch vor Augen halten, dass die Regierung auf jeden Fall hier und da nur Prügel beziehen kann: Beschwichtigt man zu sehr, wie in den ersten Wochen geschehen, gibt es Kritik. Nimmt man kein Blatt vor den Mund, auch.
Immerhin hat man begonnen, die Dinge beim Namen zu nennen: Zum Beispiel durch die „Aufwertung“ der Lage in Fukushima zum Unfall der Kategorie 7 (na bitte, also doch ein Super-GAU! Ein bisschen zumindest (!?)) oder durch die Aussage, dass auch einige Gebiete ausserhalb der Evakuierungszone nicht mehr bewohnbar sei.

Ansonsten
—————
So nichts dazwischen kommt, werde ich demnächst mal wieder über etwas anderes schreiben. Insgesamt 20 Katastrophenmeldungen innerhalb der letzten fünf Wochen reichen.
Ansonsten – in zwei Wochen beginnt die Goldene Woche, und ich werde mich zusammen mit Tochter für eine Woche nach Deutschland aufmachen. Das war schon sehr lange geplant. Wird auch langsam Zeit – der letzte Besuch liegt schon über zwei Jahre zurück. Hoffentlich kann ich mich zu Hause noch halbwegs verständlich artikulieren :)

Teilen:  

Grosse Ostjapan-Erdbebenkatastrophe: Update XVI

April 12th, 2011 | Tagged , , , , | 18 Kommentare | 2713 mal gelesen

Letzte Woche Donnerstag, ca. 11 Uhr abends: „Mensch, heute war der erste Tag seit dem grossen Erdbeben vor vier Wochen, an dem ich kein Erdbeben gespürt habe! Das lässt hoffen!“. Nix war. Eine halbe Stunde später ein vernehmliches Rütteln, das sich langsam aufschaukelte. Wie ein Schnellzug, der direkt neben dem Haus vorbeifährt – nur lautlos, und es ist ein sehr langer Zug. Stärke 7,4 dieses Mal, Tsunamiwarnungen, Kurznachrichten aus dem AKW: Strom weg. Kurze Zeit später – Strom doch wieder da, alles in Ordnung.

Was zieht ein starkes Nachbeben nach sich? Genau, Nach-nachbeben. Ich hoffe, dass genau das gerade der Fall ist. Am Wochenende gab es konsequenterweise wieder mehr Nachbeben als in der vergangenen Woche. Und heute am späten Nachmittag der Nachschlag – wieder sehr deutlich spürbar, Stärke 7,1, Epizentrum bei Fukushima. Dieses Beben war zwar wesentlich schwächer als das Hauptbeben, aber es reichte, da auch näher in Tokyo, aus, um den Zugverkehr wieder ein bisschen ins Stocken geraten zu lassen. Eins kann ich den Lesern versichern: Das macht wirklich langsam keinen Spass mehr.

Natürlich hat meine Tochter auch die Nase voll und Angst, aber wir haben es auf eine clevere Art und Weise geschafft, sie zu beruhigen: Wir haben ihr gesagt, das seien alles 余震 yoshin – Nachbeben. Jedes Mal, wenn es bebt, fragt also unsere 4-jährige: これは余震? 地震? (ist das ein Nachbeben? Oder ein Erdbeben?) und wir antworten „Nachbeben“, worauf sich ihre Mine jedes Mal schlagartig erhellt. Zwar hatten wir ihr mal irgendwann erklärt, dass Nachbeben auch Erdbeben sind, aber wenn wir ihr bei einem Beben jetzt sagen würden: „DAS ist ein Erdbeben“, würde sie definitiv in Panik verfallen.
Überhaupt, Kinder – meine Tochter ist also keine vier-einhalb Jahre alt, bringt aber Sätze wie diese:

– „計画停電中止だって“ – keikaku teiden chūshi datte – „Heute wird der planmässige Stromausfall nicht stattfinden, wurde gerade gesagt!“

oder

– „放射線って何?“ hōshasen tte nani – „Was ist Radioaktivität“?

oder

– „この家は倒れない?“ – kono ie wa taorenai? „Unser Haus fällt nicht um?“

und, daraufhin, ganz die Eltern, verlangt sie auch sofort nach einer Quellenangabe:

– „誰が言うった?“ – dare ga iutta? „Wer hat das gesagt (dass es nicht umfällt)?“

… der Onkel von der Stadt!

Anmerkung: Meine Tochter versteht und spricht auch ein bisschen Deutsch, aber die jetzigen Ereignisse überfordern verständlicherweise ihre Deutschkenntnisse. Leider sah sie zwangsläufig auch die Bilder vom Tsunami im Fernsehen, da wir vor allem in den ersten Tagen schlichtweg auf umfangreiche Informationen angewiesen waren.

Nun gut, ich will nicht nur Negatives schreiben. Die Strahlenwerte in und um Tokyo sinken seit Wochen langsam aber stetig, Chiba verzeichnete heute 0.055 Mikrosievert/Stunde. In Bayern sind es im Schnitt wohl 0.042 (→ Quelle. Eigentlich ein Wunder, das Bayern noch nicht wie leergefegt ist, Politiker wie Reporter sich nach Bayern trauen und Gerüchten zufolge selbst die Lufthansa regelmäßig München und Nürnberg anfliegen soll.

Was sonst noch passierte:

Ausweitung der Evakuierungszone
——————————-
Heute weitete die Regierung die Zone der „planmässigen Evakuierung“ aus – so wird nunmehr auch den Bewohnern von 飯館 Iitate, gut 30 km nordwestlich des AKW Fukushima I – empfohlen, sich evakuieren zu lassen. Dort lag die Strahlenbelastung teilweise bei 50 Mikrosievert, jetzt ist sie seit Wochen im einstelligen Bereich, also immer noch 100 Mal mehr als in Tokyo. Die Bewohner sind ob der Evakuierung erbost: „Erst erzählt man uns, alles sei in Ordnung und nicht gesundheitsgefährdend – und jetzt sollen wir doch von hier weg?“ Verständlich. Iitate liegt übrigens in einem Talkessel, was die Strahlenbelastung noch zusätzlich erhöht. Vor allem einige Bauern wollen nicht weg, da sich niemand um die Tiere kümmern würde. Es ist bedauerlich, dass man ihnen, so bitter es ist, keinen reinen Wein einschenkt: Was helfen ihnen die Kühe, wenn deren Milch innerhalb der nächsten Jahre/Jahrzehnte nicht verkauft werden darf?

Flughafen Sendai geht wieder in Betrieb
——————————-
Im Norden wird der Flughafen der Stadt Sendai wieder für Linienflüge geöffnet. Der Flughafen liegt nahe am Meer und wurde ebenfalls durch den Tsunami verwüstet. Bei der Wiederherstellung halfen – wie an vielen anderen Orten auch – die amerikanischen Streitkräfte nach Leibeskräften mit. Die sind momentan im Rahmen der Operation „トモダチ“ (tomodachi – „Freunde“) sehr stark bei den Wiederaufbauarbeiten dabei, und man dankt es ihnen sehr.

Nachbeben und Folgen verzögern Wiederaufbau
——————————-
Die zahlreichen Nachbeben lassen im Norden regelmässig den Strom ausfallen. Beim Nachbeben Donnerstag nacht (7. April 2011) gab es Tote und teilweise 4 Millionen Haushalte ohne Strom, und auch beim heutigen Nachbeben (11. April) gab es mindestens einen Toten und Sachschäden. Diese Nachbeben machen die Wiederaufbauarbeiten mit Sicherheit nicht einfacher.

Nachbeben
——————————-
Man ging anfangs davon aus, dass sich die Nachbeben nach einem Monat halbwegs legen. Diese Hoffnung wurde leider zunichte gemacht – man rechnet nunmehr damit, dass die Plattengrenze entlang der Region Miyagi-Chiba auf ca. 400 km Länge auf längere Zeit aktiv sein wird. Auch mit Anschlussbeben im Raum Tōkyō und Tōkaidō (zwischen Tokyo und Nagoya) muss zwangsläufig gerechnet werden.

Disneyland öffnet am 15. April
——————————-
Und das ist gut so! Das ist weder pietätslos noch unnütz: Ich bin froh, dass Disneyland wieder aufmacht. Wem nutzt es, dass viele tausend Angestellte auf lange Zeit ihre Einkommen verlieren? Was Japan jetzt nicht braucht, ist eine lange Periode der „自粛“ jishuku – Selbstbeschränkung.
Disneyland blieb, von ein paar Parkplätzen abgesehen, im Gegensatz zum Rest meiner Stadt relativ unversehrt, da das Neuland dort solider angelegt wurde. Man hätte auch eher öffnen können, aber Disneyland verbraucht viel Strom und Wasser – und aus Rücksicht auf die Stadtbewohner, die teilweise noch immer ohne Wasser/Abwasser dastehen, hatte man die Wiedereröffnung verschoben. Das ist anständig.
Der Unterschied war allerdings auch zu krass: Ich fahre vom Disneyland-Bahnhof zur Arbeit, seit Jahren, und sehe so jeden Morgen und jeden Abend hunderte, tausende glückliche Gesichter. So glücklich, dass es manchmal schon fast unerträglich war :)
Von einem Tag zum anderen verschwanden diese Gesichter. Stattdessen sieht man nur mürrische Mienen, die sich grau und trist durch den abgedunkelten Bahnhof schieben. Ja, ich gehöre dazu…

Versorgungslage
——————————
Holt mich hier raus! Es gibt kaum noch Bier zu kaufen! Im Ernst – zahlreiche Brauereien liegen/lagen im Norden, und so verzögert sich der Nachschub. In einigen Supermärkten sind die Bierregale quasi leergefegt. Ausser Sapporo’s „Creamy White“ – das gab’s neulich noch, aber das hat auch seinen Grund.
Prinzipiell hat sich die Lage leicht gebessert. Es gibt teilweise auch wieder Wasser in Flaschen. Es gibt Windeln. Es gab neulich sogar wieder Joghurt. Teilweise werden die Dinge rationiert. Und das Auftauchen von Joghurt hatte einen Beigeschmack: Gleichzeitig wurde von der Regierung bekanntgegeben, dass das Verbot der Milchausfuhr aus Teilen der Präfektur Fukushima und Ibaraki aufgehoben wurde.

Aufgrund unserer Kinder sind wir übervorsichtig: Wir versuchen, Gemüse aus der näheren Umgebung zu meiden (und benutzen nachwievor kein Leitungswasser). Aber eine vollständige Sicherheit wird es wohl nie geben. Letztendlich weiss man bei vielen Sachen (wie Joghurt, nur eins von vielen Beispielen) nicht wirklich, wo die Bestandteile herkommen.

AKW Fukushima 1
——————————
Momentan bemüht man sich hauptsächlich um die Stabilisierung der Brennstäbe – das ultimative Ziel ist der „cold shutdown“, bei dem sich die Brennstäbe nicht über 100 Grad erhitzen.
Vor ein paar Tagen entschied TEPCO in einem logisch erscheinenden Schritt, schwach radioaktives Material ins Meer zu pumpen, um stark radioaktives Wasser auffangen zu können. Daraufhin hagelte es Kritik aus Korea, Russland und den Fischern der Region, da dies ohne Vorwarnung geschah. Das ist natürlich mehr als verständlich.
Hoffen wir, dass es gelingt, das Austreten radioaktiver Substanzen so schnell wie möglich einzudämmen. Hoffen wir auch, dass die Nachbeben nicht noch schwerere Schäden am AKW (und natürlich der ganzen Region) verursachen.

Teilen:  

Eilmeldung: Schweres Nachbeben bei Sendai

April 7th, 2011 | Tagged | 12 Kommentare | 2082 mal gelesen

Um 23:35 JST gab es ein schweres Nachbeben – das Zentrum lag in der Nähe des vorherigen Erdbebens bei Sendai.
In Sendai und Umgebung wurde eine starke 6 auf der japanischen Skala gemessen (Höchstwert: 7). Auch in und um Tokyo hat die Erde kräftig geschwankt.

Das Beben war kürzer (unter einer Minute) und schwächer als das vorherige Beben, aber doch recht stark. Schäden vor allem in und um Sendai sind zu erwarten.

Vor einem Tsunami in der Gegend um Sendai wird gewarnt – die Welle soll gegen 0:30 eintreffen und nach ersten Berechnungen max. 1 m hoch sein

Mehr später.

Nachtrag 1:39 nachts:

– Tsunami-Warnung wurde um 0:55 aufgehoben
– laut AKW-Betreiber keine (zusätzlichen) Schäden an den AKW’s
– Akita, Iwate und Aomori meldeten wohl kompletten Stromausfall (Notabschaltung anderer AKW, bereits bestehender Stromengpass als Grund)

Das Beben war zwar stark aber wesentlich schwächer als das Hauptbeben. Was genau dieses Mal zu Bruch ging, wird man wahrscheinlich erst bei Tagesanbruch erfahren.

Teilen:  

Grosse Ostjapan-Erdbebenkatastrophe: Update XV

April 4th, 2011 | Tagged , , , , , | 23 Kommentare | 2757 mal gelesen

Ja, doch, der Name des Erdbebenereignisses vom 11. März 2011 wurde schon wieder geändert: Man hat sich nun auf 東日本大震災 Higashi-Nihon Daishinsai, Grosse Ostjapan-Erdbebenkatastrophe geeinigt. Der Name trifft es auch gut, denn auf die eine oder andere Weise war bzw. ist dieses Erdbeben eine Katastrophe für (fast) ganz Ostjapan.

Zwischen Westerwelle und Libyen scheint das AKW in Fukushima noch immer gelegentlich für eine Hauptmeldung in den Nachrichten gut zu sein: Immerhin wurde man ja rhetorisch auch schon seit drei Wochen auf die Apokalypse vorbereitet – da kann man die ja schliesslich nicht so einfach abblasen. Natürlich ist der Reaktor noch immer nicht stabil. Natürlich ist die Lage kritisch, da stark radioaktiv verseuchtes Wasser direkt in den Pazifik fliesst. Natürlich wird man hier noch lange mit den Langzeitfolgen kämpfen müssen. Trotz allem bleibt uns hier in Tokyo nichts weiter übrig, als nach vorne zu schauen, und auch die wenigen Erfolgsnachrichten zu bewerten. „Leck, durch das radioaktiv stark verseuchtes Wasser in den Pazifik gelangt, konnte noch nicht geschlossen werden“ kann man nämlich auch anders lesen: „Leck, durch das radioaktiv stark verseuchtes Wasser in den Pazifik gelangt, gefunden“. Zynismus hin oder her: Das ist wenigstens ein Fortschritt. Man weiss, wo das Wasser herkommt. Und wenn man das weiss, kann man auch über Massnahmen nachdenken. Vor eins, zwei Wochen wusste man – gar nichts.
Andere, momentan leicht beruhigende Nachrichten sind z.B., das die Strahlungsbelastung in ganz Ostjapan seit zahlreichen Tagen zwar langsam, aber stetig abnimmt. Und das das Trinkwasser in der Region um Tokyo nicht mehr mit über 100 Becquerel pro Liter, sondern nur noch mit knapp einem Becquerel belastet ist. 0 wäre natürlich besser, aber weniger als 1 ist besser als 100. Oder? Das sich die Lage beim nächsten Regen wieder verschlechtern kann/wird, ist natürlich klar.

In diesem Sinne stiess ich gerade auf einen Beitrag von Reinhard Zöllner für „Die Welt Online“. Ich kenne Professor Zöllner flüchtig – er stiess zur Japanologie der Martin Luther Universität Halle-Wittenberg, als ich wegging. Als Japanologe ist er dem Thema gegenüber sicherlich nicht unvoreingenommen, aber besagter Artikel Apokalypse jetzt! Wir Deutschen sollten uns schämen trifft es meiner Meinung nach genau auf den Kopf. Und es rückt den kurzen THW-Einsatz erneut in ein schlechtes Licht, wie hier schon einmal diskutiert.

Eines der Wörter, die man zur Zeit am häufigsten liest und hört, ist das Wort 自粛 – jishuku – Selbstbeschränkung. Das bedeutet zum Beispiel, dass plötzlich die Werbung von den Fernsehbildschirmen verschwindet, da Firmen und Agenturen aus Pietätsgründen darauf verzichten. Grössere, eher erfreuliche Veranstaltungen (Feuerwerke im Sommer, Festivals, Konzerte usw) werden auch abgesagt. Auch die nächtliche Beleuchtung der Kirschblüten usw. usf. Mittlerweilen melden sich jedoch auch die Kritiker: Versinkt Japan in einer monatelangen Selbstbeschränkung, schadet das der Wirtschaft und der Gesellschaft eher. Ein verständliches Argument, drei Wochen nach dem Beben. Aber es fällt natürlich schwer, so unbeschadet wie vorher weiterzumachen. Jedoch: Selbst die Kirschblüten betreiben jishuku. Normalerweise stehen die Kirschbäume vor unserem Haus ab Ende März in voller Blüte – jetzt sind noch nicht mal Blütenansätze zu sehen. Der Grund ist der ungewöhnlich lange Winter / kalte Frühling: Normalerweise herrschen zu dieser Zeit 18 Grad am Tag und 9 Grad in der Nacht. Die Tageshöchsttemperatur war heute 9 Grad. Den Apokalyptikern sei jedoch versichert: Dies ist nicht der atomare Winter!

————

Anbei noch ein paar Bilder, die ich heute in meiner Stadt gemacht habe: Die Bilder entstanden innerhalb einer halben Stunde – auf dem Weg von unserem Haus zum Bahnhof (mit ein paar Umwegen). Alle Bilder zeigen Schäden durch Bodenverflüssigung – sie sind also eine indirekte Folge des Bebens.
Dazu eine schlichte Erklärung zur „Bodenverflüssigung“. Man kann dies eigentlich ganz leicht zu Hause darstellen. Man nehme eine kleine Kiste und fülle Sand hinein. Dann giesst man etwas Wasser dazu – und zwar so viel, dass der Sand feucht wird, sich aber keine Wasseroberfläche bildet. Dann lege man etwas auf den Sand – Hauptsache, es hat ein kleines bisschen Gewicht. Dann schüttele man das ganze sanft für eine Weile – und man kann zuschauen, wie das Objekt langsam versinkt und Wasser hochsteigt.
Im Extremfall können Gebäude umstürzen – in vielen Fällen passiert jedoch folgendes: Flächen mit geringem Bebauungsgewicht sacken ab, während schwerere Objekte wie Inseln stehenbleiben. Absackungen von bis zu einem Meter sind keine Seltenheit. Gullis bleiben meist stehen und ragen aus der Oberfläche, da sie mit Rohren im Untergrund verankert sind.

 

 

Dieses Haus (rechts) ist nicht mehr bewohnbar – es ist teilweise abgesackt. Das linke Haus ist noch halbwegs intakt.

 

 

Dieses Gebäude wurde von den Einwohnern liebevoll きのこ交番 – „Pilz-Polizeiwache“ – genannt. Auch dieses Gebäude wird man wohl nicht retten können.

 

 

In diesem Fall hat es den kompletten Balkon abgerissen – da der Balkon weniger Druck auf den Untergrund ausübte.

 

 

Viele Japan-Besucher wundern sich, warum fast überall die Elektrik oberirdisch verlegt ist. Das mag verschiedene Gründe haben – ein Grund ist jedoch auf jeden Fall die hohe Anzahl von Erdbeben: Natürlich besteht eine gewisse Gefahr, dass die Masten umstürzen und die Trafos im schlimmsten Fall Brände auslösen. Andererseits sorgt die oberirdische Verkabelung dafür, dass so schnell der Strom nicht ausfällt. Selbst die am schlimmstenn betroffenen Gebiete in unserer Stadt hatten wochenlang zwar nichts – aber Strom und Internet funktionierten.

 

 

Als Folge der Bodenverflüssigung setzt sich das Wasser vom Sand ab und sprudelt nach oben, während der Rest in Folge der Volumenabnahme im Untergrund absackt. Neben dem Wasser sprudelt natürlich auch grauer Schlamm aus dem Untergrund – und das in nicht unbeachtlichen Mengen.

 

 

Herausragende Gullies sind quasi das Symbol der Bodenverflüssigung.

Rein theoretisch hätte es in unserer Stadt nicht zu solch extremer Bodenverflüssigung kommen sollen – bei uns wurde „nur“ eine starke 5 nach der japanischen Skala (Maximalwert: 7) verzeichnet. Jedoch: Die Besonderheit dieses Bebens war die Länge: Das Beben dauerte fast zwei Minuten. Wer obiges Experiment einmal ausprobiert – und zwei Minuten rüttelt, wird sehen, was ich meine…

Teilen:  

Tōhoku-Pazifik-Erdbeben: Update XIV

April 1st, 2011 | Tagged , , | 14 Kommentare | 1967 mal gelesen

Nach ein paar Tagen Pause mal wieder ein Update zur Lage in Japan – um ein bisschen darüber zu berichten, was die Leute hier vor Ort in Tokyo und Umgebung zur Zeit bewegt.

Lage im Norden
————–
Man ist immernoch dabei, die Schäden zu kartographieren und die Toten zu bergen. Es geht voran, aber der Wiederaufbau wird natürlich sehr, sehr lange dauern. Interessanterweise hat man jedoch festgestellt, dass ein Forscher die Ausmasse des Tsunamis bereits vorhersagen konnte – vor dem Beben. Im Jahr 869 gab es in der Nähe des diesjährigen Epizentrums das 貞観地震 (Jōkan-Erdben), welches eine geschätzte Stärke von über 8 hatte – und Tsunamiwellen kilometerweit ins Land rollen liessen. So etwas lässt sich anhand von Bodenproben prima feststellen. Dies ist insofern interessant, dass man – theoretisch zumindest – vorher bestimmen konnte, welche Gebiete tsunamigefährdet sind: In vielen Ortschaften lebte man schon immer mit der Gefahr, doch die Wucht des Tsunamis hatte dieses Mal selbst gestandene Wissenschaftler überrascht.

Trotz der enormen Zerstörung wollen viele Bewohner nicht weggehen, sondern wieder aufbauen. Das überrascht nicht, denn die ländliche Bevölkerung ist in Japan, wie auch anderswo, sehr sehr bodenständig. Momentan müht man sich (logischerweise) jedoch erstmal hauptsächlich um die Reparatur der Infrastruktur, und da wurden bereits grosse Fortschritte gemacht. 90% der Telefonleitungen sollen wohl wieder funktionieren, und in grösseren Orten gibt es, begrenzt, wieder Strom. Auch viele Trassen sind bereits wieder befahrbar. Der Nordosten ist auch seit dieser Woche keine Sperrzone mehr – wer hinein- oder herauswill, kann das tun. Dadurch ist auch die Arbeit von Freiwilligen möglich geworden.

Lage in Tokyo
————–
Nur am Montag, und dort auch nur in zwei von 5 Zonen, kam es zu planmässig eingeleiteten, begrenzte Stromausfällen: Die Temperature sind diese Woche auf bis zu 14 Grad gestiegen, und somit heizt kaum noch jemand. Der Strom reicht – aber die Stromsparmassnahmen müssen nachwievor durchgeführt werden, sonst muss wieder rationiert werden.
Die Versorgungslage bessert sich auch etwas. Ich habe heute sogar zum ersten Mal seit gut einer Woche Wasserflaschen im Laden gesehen. Seit ca. einer Woche sinken die Strahlungswerte – in der Luft langsamer, im Wasser schneller. In Tokyo liegt der Wert momentan bei rund 0.1 Mikrosievert/Stunde, in Chiba bei 0.07 (normal sind in Chiba wohl zwischen 0.022 und 0.044). Die Werte für Trinkwasser liegen wohl bei 10 bis 20 Becquerel pro Liter (der Grenzwert für Kinder unter einem Jahr liegt bei 100 Becquerel, für Erwachsene bei 300). Allerdings kam ans Licht, dass das Trinkwasser in einigen Gebieten vor gut über einer Woche teilweise 300 Bq überschritt – dies wurde jedoch erst Tage später veröffentlicht.

AKW Fukushima
————-
Schaue ich mich so unter unseren Bekannten um, scheint es nur zwei Gruppen zu geben: Absolut Unbekümmerte, die bereits aufatmen und einfach weitermachen wie früher. Und absolut Besorgte, die sich plötzlich in die Materie hereinzulesen versuchen – und, logischerweise, mehr und mehr der Regierung sowie dem AKW-Betreiber sowieso misstrauen.
Dazu hat man gute Gründe. Die Regierung beschwichtigt, wo es nur geht – die Pressekonferenzen sind mitunter schlichtweg absurd. „Wir haben Plutonium im Boden gefunden! Macht aber nichts, ist keine gesundheitsgefährdende Konzentration!“. Schon klar. Ist ja nur Plutonium. Dauert ja auch nur gute 20’000 Jahre, bis die Hälfte weg ist.
Die Internationale Atombehörde sowie Greenpeace haben heute besonders eindringlich an die Regierung appelliert, die Evakuierungszone auszuweiten, da auch ausserhalb der Zone enorm hohe Strahlungswerte festgestellt werden. Die Regierung will davon nichts wissen und behauptet nachwievor, dass die Strahlung noch nicht gesundheitsgefährdend ist (seit Wochen liegt sie nun schon bei bis zu 10 Mikrosievert pro Stunde). Und hat auch gleich eine Erklärung parat: Die anderen messen direkt über dem Gras, wo die Werte am höchsten sind. Die japanische Regierung misst jedoch direkt die Belastung für Menschen.

Mittlerweilen kommen hier mehr und mehr Fragen auf, die irgendwann geklärt werden müssen. Ich werde aber nicht den Fehler machen und schreiben „Die Japaner stellen sich diese Fragen“ – denn wie in den obigen Zeilen bereits erwähnt, stellen sich viele diese Fragen eben nicht. Zu den Fragen gehört folgendes:

– Wer arbeitet dort eigentlich im AKW Fukushima I?
Es mehren sich mehr und mehr Gerüchte und Meldungen, dass dort nicht etwa eine Menge Facharbeiter vor Ort sind, sondern hauptsächlich arme Schlucker, die auf die eine oder andere Weise überredet wurden, dort zu arbeiten. Ich meine damit nicht Zwangsarbeiter, aber Arbeiter, die entweder aus finanziellen Gründen und/oder aus Unwissen über die Gefahr dort arbeiten. Laien also. Das ist nicht unbedingt beruhigend zu wissen. Dort geht es schliesslich nicht darum, eine Grube auszuheben, sondern ein AKW vor dem endgültigen Kollaps zu bewahren.
Die Arbeitsbedingungen sollen den Nachrichten zufolfe hundsmiserabel sein: Es fehlt an Versorgungsnachschub, die Leute arbeiten bis zum Umfallen und – unter hoher Strahlenbelastung.
Ach ja – ein Leser fragte mich in einer Email besorgt, ob den neulich durch radioaktiv stark verseuchtes Wasser verletzten Arbeitern die Füsse amputiert werden mussten. Antwort: Nein. Die Arbeiter sind wohlauf und bereits aus dem Krankenhaus entlassen. Spätfolgen? Wird sich zeigen.

– Warum gab es im AKW Onagawa (bei Sendai) keine Probleme?
Das AKW in Onagawa steht auch am Meer und war wesentlich näher am Epizentrum dran. Auch Onagawa wurde von einem mächtigen Tsunami getroffen, der ähnlich hoch gewesen sein soll wie in Fukushima (ca. 14 m). Es sah am Anfang auch kurzzeitig so aus, als ob es Probleme geben könnte – gab es letztendlich jedoch (so wird zumindest gesagt) nicht. Diese Frage muss man klären, denn die Antwort könnte das Argument „damit konnte man nicht rechnen“ entkräften. Denn teilweise kam es bereits ans Licht: In Fukushima I wird die Eskalation der Lage letztendlich weniger auf der Naturkatastrophe beruhen als auf menschlichem, und zudem noch grob fahrlässigen Verhaltens seitens der Betreiber.

– Warum hört man so vielen Hilfsangeboten aus dem Ausland – und doch sind sie nicht im Einsatz?
Viele Staaten haben bereits ihre Hilfe angeboten, um das AKW in den Griff zu bekommen. Scheinbar ist jedoch nichts davon durchgeführt worden. Meldungen zufolge hat die japanische Regierung – zumindest anfangs – Hilfe abgelehnt. Dies soll sich jetzt wohl ändern. Endlich. Auch dieses Verhalten der Regierung wird man später gewiss noch unter die Lupe nehmen.

Im AKW scheint man zur Zeit zwei Ziele zu verfolgen:
a) den Zufluss stark verstrahlter Substanzen in das Meer zu stoppen
b) den Reaktor, hauptsächlich Block 2, mit einer Plane aus Kunstharz abdecken, um die Verbreitung radioaktiver Strahlung zu unterbinden.

Zusammenfassung: Die Lage scheint etwas besser als noch vor eins, zwei Wochen. Aber das AKW wird uns noch sehr, sehr lange verfolgen. Und wir werden noch lange besorgt auf den Wetterbericht schauen müssen, um festzustellen, woher der Wind weht und wann es regnet. Hoffentlich fasst sich auch die Regierung irgendwann ein Herz und arbeitet enger mit ausländischen Institutionen zusammen. Dieser falsche Stolz hat das Potential, die Bevölkerung vor Ort in Fukushima in ein langes Unglück zu stürzen.

Teilen: