You are currently browsing the archives for Freitag, März 25th, 2011

Sanriku-Kantō-Erdbeben: Update XII

März 25th, 2011 | Tagged , , , | 24 Kommentare | 2366 mal gelesen

Noch einmal ein kurzes Update zur Lage der Nation und des Authors – knapp zwei Wochen nach dem schweren Erdbeben, welches – ein Leser hatte sich bereits gewundert – schon eine ganze Zeit lang anders genannt wird, nämlich das 2011 Tōhoku-Pazifik-Erdbeben. Es wird sich jedenfalls auf lange Zeit in das Gedächtnis einbrennen.

AKW Fukushima und Folgeschäden
———————————
Die Lage ist nachwievor ernst, auch wenn sich die Medien zumindest ein bisschen abgewendet haben. Hin und wieder tritt Rauch aus dem AKW auf und man weiß scheinbar nicht so recht, warum. Zumindest ist aber zu allen Blöcken Strom gelegt worden, und scheinbar ist man momentan mit einer Bestandsaufnahme beschäftigt: Was funktioniert noch und was nicht. Die Arbeiter vor Art riskieren dabei nachwievor ihr Leben – so wurden heute offensichtlich zwei Arbeiter vor Ort stark verstrahlt – zumindest deren Füße, aber bis zu einem Grad, bei der man von Strahlenverbrennung reden kann.
Allmählich kommen auch die Folgeschäden ans Licht. Zwar sind die Strahlenwerte in der Hauptstadtregion stabil und sehr niedrig (Leute, die zum Beispiel wegen der Lage nach Deutschland zurückgeflogen sind, haben allein durch den Flug eine weitaus höhere Strahlenbelastung erlitten als die, die in Tokyo zurückgeblieben sind, aber das nur am Rande).
Jedoch sorgt das für diese Jahreszeit eher ungewöhnliche Wetter (es ist recht kalt, und der Wind weht oft aus dem Norden) dafür, das es zum Beispiel gestern und vorgestern durch den Dauerregen zu einem starken Eintrag radioaktiven Jods in die Trinkwassereinzugsgebiete von Tokyo und Saitama kam. Die Werte überschritten zeitweise den Grenzwert der für Säuglinge zugelassenen Höchstgrenze um das Zweifache. Verständlicherweise war prompt alles Wasser aus Flaschen innerhalb kürzester Zeit ausverkauft.
Heute lagen die Werte wohl wieder unter dem Grenzwert, aber mit diesem Problem werden wir hier mit Sicherheit noch eine Ganze Weile zu kämpfen haben. Und mit den weiteren Folgeproblemen – in Punkto verstrahlter Nahrung, vor allem bei Gemüse, Milch- und Fleischprodukten und Meerestieren, stehen wir wahrscheinlich erst ganz am Anfang diverser Hiobsbotschaften.
Grund dafür ist freilich auch schlichtes Unwissen: Im Fernsehen wurde ein Milchbauer interviewt, dem es aufgrund der hohen Radioaktivität in seiner Milch untersagt wurde, die Milch zu verkaufen. Er war völlig enttäuscht – und kippte vor den Augen der Kameraleute die komplette Milch in die Jaucherinne. Klar, warum nicht, ist ja auch nur kontaminiert – was soll man sonst damit machen. Der Stadt hat dabei jedoch schon zugesagt, dass die Bauern entweder durch den Betreiber Tepco oder den Stadt entschädigt werden.

Der Stromversorger der Insel Kyūshū kündigte heute übrigens an, zwei seiner zur Zeit in Wartung befindlichen Meiler eventuell vorerst nicht mehr anzustellen, da man keine Akzeptanz von der Bevölkerung erwarten könne. Es handelt sich um das AKW in 玄海 (Genkai) in der Provinz Saga. Sollte man diese Ankündigung wirklich wahrmachen, dürfte sich Kyūshū auch auf Stromausfälle im Sommer gefasst machen.

Es wird übrigens immer schwieriger, verlässliche Neuigkeiten über das AKW Fukushima I zu bekommen – die Nachrichten (auch in Japan) beginnen, sich eher mit anderen Dingen zu beschäftigen. Die wenigen Nachrichten klingen zum Teil auch absurd bzw. unbrauchbar: „Licht im Kontrollraum des Blocks 1 funktioniert wieder“ oder „rechte Pumpe der Anlage so und so scheint kaputt zu sein“. Es ist eine skurrile Situation, denn niemand gibt Entwarnung – das AKW muss sich scheinbar in einer Art Status Quo befinden.

Norden
———————
Man müht sich, es geht Schritt für Schritt voran, aber – es wird wirklich sehr lange dauern, bis das Gröbste überstanden ist. Die Lage am AKW Fukushima sorgt nun leider auch dafür, dass Ortschaften und Städte unweit des AKW mehr und mehr leiden müssen: Heute meldete sich der Bürgermeister der Stadt Iwaki recht unjapanisch-laut zu Wort und kritisierte die Regierung heftig: In der Stadt gehen mittlerweilen die Nahrungsmittel zu neige, keiner liefert mehr, das Wasser ist radioaktiv verseucht usw. Die Gegend wurde nicht allzu sehr zerstört beim Erdbeben – weshalb man es scheinbar nicht für nötig hielt, den Ort in Notfallpläne aufzunehmen. Überhaupt: In besonders gefährdeten Gebieten werden regelmässig Tsunami-Übungen sowie im ganzen Land Erdbebenübungen abgehalten. Übungen für Störfälle im AKW wurden unter den Anrainern scheinbar jedoch nie abgehalten, weshalb keiner so recht zu wissen scheint, was eigentlich los ist.

Sonstiges
———————
Die planmässigen Stromausfälle gehen weiter – aber wie in anderen Updates schon angedeutet, wird dies noch über Monate weitergehen. Ansonsten versucht sich jeder so gut wie möglich, sich der Arbeit zuzuwenden. Die Nachbeben haben an Frequenz scheinbar abgenommen – die letzten fünf Stunden waren komplett bebenfrei, und das gab es schon lange nicht mehr. Dafür hatte es am Vormittag mehrfach relativ kräfti gewackelt.
Vom deutschen Botschafter in Japan gab es einen netten Aufmunterungsbrief an alle Deutschen in Japan. Schräg eingescannt und als PDF verschickt. Kann es denn so schwer sein, ein ausgedrucktes Blatt halbwegs gerade zu scannen? Scheinbar schon. Aber egal. Hauptsache, unseren Botschaftern geht es gut in Osaka.
Die Lufthansa fliegt derweilen wenigstens wieder direkt nach Tokyo. Und die ersten Reporter scheinen sich auch wieder in die Hauptstadt zu wagen. Wissen die etwas, was ich nicht weiss!?

Und sonst…
———————
Auch ich versinke zur Abwechslung wieder in Arbeit. Mein Schwiegervater wohnt noch bei mir, aber ich sehe ihn kaum. Heute morgen sah ich ihn allerdings – als er um 6 aufstand und ich um 6 schlafen ging (war bis 4 Uhr arbeiten). Morgen kommen dann endlich meine Frau und die Kinder zurück. Und sie haben vorgesorgt: Aus Kōbe haben sie bereits eine riesengrosse Kiste mit Gemüse aus Kansai sowie, später, noch ein paar Kisten mit Wasser geschickt.
Ach, in was für einer Zeit sind wir doch gelandet….

Teilen: