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Sanriku-Kantō-Erdbeben: Update X

März 21st, 2011 | Tagged , | 20 Kommentare | 2407 mal gelesen

Nach fast drei Tagen Internetabstinenz (maximal Emails und ein paar wenige Webseiten auf dem Handy) bin ich nun wieder in meiner eigenen Wohnung in der Präfektur Chiba. Deshalb zum ersten Mal seit drei Tagen ein Update bzw. eher ein Stimmungsbericht aus Tokyo bzw. Japan.

Wer nicht mitgelesen hat – ich war seit Freitag abend in Kōbe bei der dorthin evakuierten Familie, und dort ist – nicht überraschenderweise – alles normal. Würde man ohne Fernseher und Zeitung sein, wäre es fast unmöglich, zu merken, dass sich in einem grossen Teil Japans ein Drama abspielt.
Ich beschloss, heute relativ früh, kurz nach Mittag, den Rückweg nach Tokyo anzutreten. Ich hatte da so eine Ahnung – nämlich dass die Shinkansen recht voll werden könnten. Und siehe da – keine Platzkarten, und schon in Kōbe gab es in den nicht-reservierungspflichtigen Waggons nur noch gedrängte Stehplätze. Will heissen, von Shin-Kōbe bis Shin-Yokohama stand ich im Gang. Im Blog würde ich schreiben: 2½ Stunden im Shinkansen gestanden. Für andere Medien sollte ich wohl besser schreiben: Über 600 km im Gang gestanden.

———Nachrichtenquellen—————–
Es ist momentan schwer zu sagen, ob sich die Lage in Japan etwas entspannt hat – oder ob die Leute einfach nur noch müde von den Nachrichten geworden sind und die Nachrichtensender ebenso. Es scheint immer schwerer, herauszufiltern, was wirklich stimmt und was nur so scheint, wie es scheint. Grund dafür ist auch der grosse Unterschied der Sachen, die in Japan gemeldet werden und der, die in Deutschland gemeldet werden. Ein gutes Beispiel dafür ist der Nachrichtenticker auf der Webseite der Tagesschau. Dort erscheinen dann Meldungen wie „Infolge des Nachbebens in der Region Tokio wurde der Flugverkehr am Hauptstadt-Flughafen Narita vorübergehend eingestellt. “ (19. März 2011, 11:37) – eine Meldung, die in der Tat wichtig ist. Dass der Flugverkehr wenig später wieder in den Normalbetrieb ging, steht danach jedoch nirgendwo mehr. Oder vor wenigen Stunden (21. März, 09:05): „Einsatzkräfte im AKW werden in Sicherheit gebracht“ (nachdem grauer Rauch aufstieg). Japanische Nachrichten: Ein paar der Einsatzkräfte wurden von Reaktor 3 aus Sicherheitsgründen abgezogen. Das liest sich schon etwas anders.
Deshalb: Leute mit schwachem Herz sollten deshalb momentan lieber nicht den Nachrichtenticker der Tagesschau lesen: Die Titel sind oftmals reisserisch oder falsch gewählt, und schlechte Nachrichten finden schneller den Weg in den Ticker als gute Nachrichten.

———AKW Fukushima I—————–
Scheinbar sieht es – aus Sicht der japanischen Öffentlichkeit, so aus: Im AKW Fukushima I werden scheinbar Fortschritte gemacht – das Werk wurde ans Stromnetz angeschlossen (das ist zweideutig – hat also wieder Strom) und die elektrischen Anlagen in einigen der 6 Meiler scheinen noch zu funktionieren. Die Armee hat zudem einen Panzer entsandt, der den Platz zwischen Werk und Meer von Trümmern räumt, da diese die Rettungsmassnahmen erschweren.
Sorgen scheinen hauptsächlich noch Reaktor 3 und 4 bzw. deren Abklingbecken zu machen: Besonders Block 3 scheint demzufolge das Potential für eine Katastrophe zu haben, da hier besonders gefährliche Materialien (MOX? Bin nicht sicher) benutzt bzw. gelagert wurden.
Obwohl die Gefahr noch nicht gebannt ist, sieht es (scheinbar) besser aus als in der vorgangenen Woche, als ein Block nach dem anderen in die Luft flog. Allerdings setze nach und nach die Folgen ein: Radioaktivität in Luft, Wasser, Nahrungsmitteln – in ersten Orten wurde bereits davor gewarnt, Leitungswasser zu trinken. In bestimmten Lebensmittel (hauptsächlich Milch und Blattgemüse wie Spinat) wurden zu hohe Konzentrationen radioaktiven Jods entdeckt und der Verkauf entsprechend gestoppt. Dies stellte man in bisher mindestens 5 Präfekturen fest. Dies wird nur die Spitze des Eisberges sein. Würde es beim Jod bleiben, hätten wir noch relativ viel Glück, denn die Halbwertszeit beträgt nur 8 Tage. Jedoch – man darf davon ausgehen, dass radioaktiv belastete Nahrungsmittel das Leben für die nächsten Wochen oder Monate bestimmen werden.

Laut dieser Meldung (japanisch) von Mainichi Shinbun wurde das AKW Fukushima 1 übrigens laut neuesten Schätzungen nach dem Beben von einem 14 m hohen Tsunami getroffen: Gebaut wurde das AKW jedoch so, dass es lediglich bis 5 m standhält. Soll heissen: Der Tsunami war in Fukushima I aussergewöhnlich stark. Und: Kein Wunder, dass es dort jetzt so katastrophal aussieht.

———Lage in Tokyo—————–
Wie eingangs erwähnt, waren die Shinkansen Richtung Tokyo heute stark überfüllt – es waren auch sehr viele Familien unterwegs. Will heissen, viele, die vorher für ein paar Tage aus der Region verschwanden, kehren nun nach Tokyo zurück. Mit, wie oben erwähnt, einer gewissen Unsicherheit im Nacken.
Über das lange Wochenende wurde der Strom im Grossraum Tokyo nicht abgeschaltet (soweit ich das sehen konnte, wurden Abschaltungen jeweils erst geplant und dann ausgesetzt). Das war zu erwarten – an Wochenenden scheint man den Bedarf decken zu können. Ab Morgen wird es wieder planmässige Stromsperren geben, und man kann davon ausgehen, dass dies auch wirklich geschehen wird: Es ist nach ein paar wenigen warmen Tagen wieder sehr kalt geworden, und morgen ist Werktag, also verbrauchen Betriebe und Büros wieder viel Strom. Wenn es ganz dumm kommt, schwebt wieder die Gefahr eines völligen, unplanmässigen Blackouts über der Stadt. Mit entsprechenden Konsequenzen: Unsicherheit, Mangel an Informationen, keiner kommt rein oder raus aus der Stadt. Wollen wir hoffen, dass dies nicht passiert.

Im hiesigen Supermarkt gab es heute sogar ganz normal Milch und Brot – beides Dinge, die vorher schwer bis gar nicht erhältlich waren. Mit Windeln, Toilettenpapier, Servietten usw. sieht es noch immer teilweise mau aus, da nachwievor vieles nach Norden geschickt wird.

———Was kommt jetzt?—————–
Bereits jetzt gibt es Diskussionen darüber, was mit Fukushima 1 geschehen soll. Stillegen oder reparieren? Mal wird das eine gesagt, mal das andere. Angeblich hat das bei den Löschversuchen eingesetzte Meerwasser die Meiler ohnehin schon irreparabel geschädigt. Jedoch: Woher bekommt Ostjapan so schnell die nötige Energie her, die gerade fehlt? Es dürfte nicht übertrieben sein, zu behaupten, dass die wirtschaftliche Lage des Landes in den nächsten Monaten und Jahren davon abhängt, wie schnell man den Energiehunger wieder sättigen kann. Das ist ein harter Brocken.

———Was gelernt?—————–
Wer denkt, dass sich in Japan jetzt Antiatomkraftgegner finden und sammeln werden, dem sei hier schon vorweg gesagt: Nein. So tickt das Land nicht. Das mag für manche paradox klingen, zumal das Land ja bereits zwei Kernwaffenexplosionen wegzustecken hatte. Aber in Sachen Kernkraft denkt man da ganz pragmatisch. Eines wird sich jedoch bestimmt vertieft haben: Das Misstrauen gegenüber der Politik und den Energiefirmen.

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