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Tōhoku-Pazifik-Erdbeben: Update XIII

März 29th, 2011 | Tagged , , , | 43 Kommentare | 9462 mal gelesen

Hier mal wieder ein kurzes Update aus Tokyo, fast zweieinhalb Wochen nach dem Erdbeben.

AKW Fukushima
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Na wenigstens scheint Fukushima in Deutschland etwas bewirkt zu haben – halb amüsiert, halb pikiert schaue ich der Lage in Deutschland natürlich mit grossem Interesse zu, und auch die japanischen Medien schauen auf Deutschland – Schlagzeilen wie „eine Viertel Million Deutsche demonstrieren gegen Kernkraft“ machen hier die Runde – ohne dies positiv oder negativ zu werten. Kernkraft in Deutschland abschaffen? Warum nicht. Schade fände ich es persönlich jedoch, wenn man auch die Forschung dazu einstellen würde: Kernenergie ist und bleibt eine Energiequelle, die, wer weiss, vielleicht irgendwann gebändigt werden kann (was ist eigentlich aus der Idee der kalten Fusion geworden?)

Auch wenn mir das einige wenige Kommentatoren abzusprechen scheinen – ich mache mir natürlich auch Sorgen und bemühe mich, so weit es geht, an verlässliche Messdaten zu kommen. Wie hoch ist die Strahlung in der Umgebung? Wie stark belastet ist das Trinkwasser? In Tokyo und Umgebung hatte sich die Strahlung in den letzten Tagen (überwiegend Nordwind) bei ca. 0.1 Mikrosievert (μSv) pro Stunde eingependelt. Normal sind in dieser Gegend wohl 0.02 μSv – wir sprechen also von einem fünffach erhöhten Wert. Ein Hin- und Rückflug nach New York (von mir aus auch nach Deutschland – das liegt jedoch ein bisschen näher) bringt wohl 190 μSv mit sich, eine Röntgenaufnahme des Thorax 50 μSv.
In Tokyo konnte angeblich in den letzten Tagen keine Radioaktivität im Trinkwasser festgestellt werden, aber so richtig wollen die Leute das noch nicht glauben, und so wird wohl Wasser in Flaschen auf Dauer Mangelware bleiben. Wer will es den Müttern verdenken. Auch wir haben uns ein paar Kisten Wasser aus Kansai und Kumamoto geschickt bzw. schicken lassen.
Auf Gemüse aus dem Raum Kantō verzichten wir und viele andere mit Sicherheit auch – und hoffen, dass das Herkunftsgebiet ordnungsgemäss etikettiert ist. Auf Fisch aus der Gegend verzichten wir vorläufig, bis wir mehr wissen, auch. Viele dieser Vorsichtsmassnahmen sind wahrscheinlich nicht von Nöten, aber mit einem Säugling und einem Kleinkind im Haus geht man freilich lieber auf Nummer sicher.

Die Meldungen aus dem AKW sind nachwievor verwirrend. Mal gibt es stundenlang keine neuen Nachrichten – und man fragt sich ernsthaft, ob keine Nachricht eine gute Nachricht ist oder eine schlechte. Heute hat zumindest offiziell eingestanden, dass es ganz offensichtlich zu einer partiellen Kernschmelze gekommen war – aber darin schienen sich die Experten ja zuvor schon einig gewesen zu sein.

Wir verfolgen unter anderem den Blog des Wissenschaftlers und ehemaligen Nuklearforschers Takeda, der meiner Meinung sehr kritisch, aber – und das ist wichtig – besonnen mit dem Thema umgeht. Takeda sah Tokyo vor allem um den 16. März herum in ernsthafter Gefahr (am 15. hatte ich meine Familie weggeschickt…), geht aber im Moment von einer Stabilisierung der Lage aus. Sein Blog ist auf Japanisch und – ja, lesenswert.
Ansonsten – wer sich genau dafür interessiert, wie es mit den Strahlenwerten in der Gegend momentan verhält, dem sei ein Blick auf die Strahlenwerte, veröffentlicht von der Japan Times, empfohlen. Zeigt zwar nur die Durchschnittswerte vom Vortag, aber besser als gar nichts.

Lage im Norden
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Da ich nicht vor Ort bin, kann ich leider nicht sehr viel dazu sorgen. Die Aufräumarbeiten scheinen voranzugehen, und man hat mit dem Bau von Notunterkünften begonnen. Wichtige Verkehrstrassen wurden zum Teil wieder hergestellt, und da es mittlerweilen auch wieder mehr Benzin gibt und das Wetter etwas frühlingshafter werden soll, sollte sich die Lage leicht entspannen. Sehr angespannt sieht jedoch noch immer die Lage in Fukushima aus, vor allem in 相馬 Sōma – diese Stadt wurde auch schwer vom Tsunami getroffen, aber aufgrund der nahen Lage zum AKW gelangen keine Hilfsgüter in die Stadt. Die evakuierte Zone (20 km) gilt momentan als radioaktiv stark verseucht – ehemaligen Anwohnern wird ausdrücklich empfohlen, nicht in die Sperrzone zu fahren um persönliche Sachen zu holen.

Lage in Tokyo
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Leicht gestiegene Temperaturen (heute: 12 Grad) und eine grössere Vorhersehbarkeit von Verbrauchsspitzen sorgten dafür, dass der Strom heute nur in einer von 5 Zonen für 3 Stunden gesperrt wurde. Am Wochenende bleibt sowieso allen der Strom erhalten – da die meisten Betriebe am Wochenende schliessen, reicht der Strom.
Die Lage wird sich mit dem Frühlingsbeginn sicher wieder entspannen – aber im Sommer wird es auf jeden Fall kritisch werden: Bei grosser Luftfeuchte und Temperaturen bis knapp 40 Grad wird nun mal gekühlt. Wie sich Stromsperren im Sommer auf die Versorgung mit Lebensmitteln auswirken wird, bleibt abzuwarten, aber es wird mit Sicherheit etliche Engpässe geben.

Lage in Urayasu (mein Wohnort)
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Im letzten Beitrag hatte ich ein Video vorgestellt, in dem man die Bodenverflüssigung und die Folgen sehen konnte. Gestern bin ich mit meiner Tochter quer durch die Stadt zum Meer gefahren – und auch dorthin, wo das Video gemacht wurde. Dort sieht es wirklich wüst aus – schiefe Gebäude, eine Strasse hat sich – längs wohlgemerkt – um ca. 30 Grad aufgestellt, überall Berge getrockneten Schlamms, gerissene Strassen… Jedoch: Interessant war die Topographie der Schäden. Das neueste Neuland, angebaut in den 1990ern, war nahezu vollkommen unversehrt. Das Neuland zwischen Bahnlinie und den neueren Poldern hingegen hat es arg erwischt. Da wird wohl einiges an Ärger auf die Bauherren zukommen – ganz offensichtlich hatte man sich bei einigen Stadtteilen nicht sehr grosse Mühe gegeben mit der Erdbebensicherheit. Am Wochenende war dabei grosser Subotnik: Etliche Nachbarschaften räumten zusammen auf (unsere nicht, da es hier kaum Schäden durch Bodenverflüssigung gab).

Medien
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Die deutschen Medien bereiten mir nachwievor viel Freude. In der Tagesschau vom 27. März weiss der Reporter Mario Schmidt zu berichten, dass die Japaner zunehmend über die Lage verunsichert sind – und zwar aus Ōsaka. Wie er das wohl mitbekommen hat? Hat er etwa japanisches Fernsehen gesehen oder Zeitung gelesen? Ganz ehrlich, liebe ARD: Dazu muss man keinen Reporter in Ōsaka haben. Entweder, ihr berichtet richtig oder gar nicht. Mit Verlaub: Die Stimmung in Tokyo kann man in Ōsaka ganz bestimmt nicht messen.
Der Spiegel orakelt in der Ausgabe 12/2011 hindessen darüber, dass Japan nunmehr auf unbestimmte Zeit das „Land der untergehenden Sonne“ sein wird. Alle Achtung, das ist doch mal ein richtiger Kalauer! Ferner wird darüber gestaunt, wie hilflos Japan in Anbetracht der Katastrophe zu ssein scheint. Ich sollte wirklich aufhören, den Spiegel zu lesen.

Unwort „flyjin“
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Momentan hört man in Tokyo des öfteren den Begriff „flyjin“. Der setzt sich zusammen aus „fly“ (fliegen) und dem -jin in gaijin (Ausländer, das -jin steht für „Mensch“). Gemeint sind Ausländer in Japan, die alles stehen und liegen gelassen haben, um nach dem Erdbeben/der Zuspitzung der Lage im AKW Fukushima das Weite zu suchen.
Vorwürfe hört man – zur Zeit zumindest – eher von anderen Ausländern, die geblieben sind, als von Japanern. Die meisten Japaner werden wahrscheinlich sowieso denken „Wäre ich im Ausland und das würde passieren, würde ich wahrscheinlich auch fliehen“. An der Entscheidung, Tokyo in der schwersten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg zu verlassen, werden sich noch auf lange Zeit die Geister scheiden. Die, die ausharrten, werden sagen „wir sind nicht gleich abgehauen“, die, die gingen, werden sagen „Ihr seid doch einfach nur leichtsinnig/dummgläubig“.
Persönlich kann ich es zumindest keinem verübeln. Die Lage sah teilweise sehr kritisch aus, und noch immer ist die Lage nicht völlig entspannt. Einer unserer Angestellten zog es auch vor, vorläufig in seine Heimat (USA) zurückzukehren – und von dort weiterzuarbeiten. Unser Chef nahm ihm das gehörig übel: Er kommt aus England.

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Wenn der Untergrund flüssig wird

März 27th, 2011 | Tagged , | 12 Kommentare | 2265 mal gelesen

Ich hatte in den vorangegangenen Tagen gelegentlich am Rande daraufhingewiesen, dass es in meiner Stadt vergleichsweise schwere Schäden durch das Erdbeben gab – hauptsächlich verursacht durch 液状化 – ekijōka – Bodenverflüssigung, bei dem sich Sand und Wasser im Untergrund durch die starken Schwingungen verdichten und nahezu flüssig werden. Über 60% meiner Stadt (Urayasu) sind auf relativ neuem Neuland gebaut wurden, darunter auch Tokyo Disneyland und riesige Wohnviertel mit teuren bis sehr teuren Eigentumswohnungen. Im Fernsehen bzw. gleichzeitig im Internet bin ich auf ein Video gestossen, welches jemand geistesgegenwärtig während des Erdbebens aufgenommen hat: Hier erkennt man sehr deutlich die Scherbewegungen und die Geschwindigkeit, mit der die Bodenverflüssigung zu wirken beginnt.

Zum AKW aus Fukushima erstmal nicht mehr. Mit der Unsicherheit werden wir gewiss noch eine ganze Weile leben müssen.

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Sanriku-Kantō-Erdbeben: Update XII

März 25th, 2011 | Tagged , , , | 24 Kommentare | 2357 mal gelesen

Noch einmal ein kurzes Update zur Lage der Nation und des Authors – knapp zwei Wochen nach dem schweren Erdbeben, welches – ein Leser hatte sich bereits gewundert – schon eine ganze Zeit lang anders genannt wird, nämlich das 2011 Tōhoku-Pazifik-Erdbeben. Es wird sich jedenfalls auf lange Zeit in das Gedächtnis einbrennen.

AKW Fukushima und Folgeschäden
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Die Lage ist nachwievor ernst, auch wenn sich die Medien zumindest ein bisschen abgewendet haben. Hin und wieder tritt Rauch aus dem AKW auf und man weiß scheinbar nicht so recht, warum. Zumindest ist aber zu allen Blöcken Strom gelegt worden, und scheinbar ist man momentan mit einer Bestandsaufnahme beschäftigt: Was funktioniert noch und was nicht. Die Arbeiter vor Art riskieren dabei nachwievor ihr Leben – so wurden heute offensichtlich zwei Arbeiter vor Ort stark verstrahlt – zumindest deren Füße, aber bis zu einem Grad, bei der man von Strahlenverbrennung reden kann.
Allmählich kommen auch die Folgeschäden ans Licht. Zwar sind die Strahlenwerte in der Hauptstadtregion stabil und sehr niedrig (Leute, die zum Beispiel wegen der Lage nach Deutschland zurückgeflogen sind, haben allein durch den Flug eine weitaus höhere Strahlenbelastung erlitten als die, die in Tokyo zurückgeblieben sind, aber das nur am Rande).
Jedoch sorgt das für diese Jahreszeit eher ungewöhnliche Wetter (es ist recht kalt, und der Wind weht oft aus dem Norden) dafür, das es zum Beispiel gestern und vorgestern durch den Dauerregen zu einem starken Eintrag radioaktiven Jods in die Trinkwassereinzugsgebiete von Tokyo und Saitama kam. Die Werte überschritten zeitweise den Grenzwert der für Säuglinge zugelassenen Höchstgrenze um das Zweifache. Verständlicherweise war prompt alles Wasser aus Flaschen innerhalb kürzester Zeit ausverkauft.
Heute lagen die Werte wohl wieder unter dem Grenzwert, aber mit diesem Problem werden wir hier mit Sicherheit noch eine Ganze Weile zu kämpfen haben. Und mit den weiteren Folgeproblemen – in Punkto verstrahlter Nahrung, vor allem bei Gemüse, Milch- und Fleischprodukten und Meerestieren, stehen wir wahrscheinlich erst ganz am Anfang diverser Hiobsbotschaften.
Grund dafür ist freilich auch schlichtes Unwissen: Im Fernsehen wurde ein Milchbauer interviewt, dem es aufgrund der hohen Radioaktivität in seiner Milch untersagt wurde, die Milch zu verkaufen. Er war völlig enttäuscht – und kippte vor den Augen der Kameraleute die komplette Milch in die Jaucherinne. Klar, warum nicht, ist ja auch nur kontaminiert – was soll man sonst damit machen. Der Stadt hat dabei jedoch schon zugesagt, dass die Bauern entweder durch den Betreiber Tepco oder den Stadt entschädigt werden.

Der Stromversorger der Insel Kyūshū kündigte heute übrigens an, zwei seiner zur Zeit in Wartung befindlichen Meiler eventuell vorerst nicht mehr anzustellen, da man keine Akzeptanz von der Bevölkerung erwarten könne. Es handelt sich um das AKW in 玄海 (Genkai) in der Provinz Saga. Sollte man diese Ankündigung wirklich wahrmachen, dürfte sich Kyūshū auch auf Stromausfälle im Sommer gefasst machen.

Es wird übrigens immer schwieriger, verlässliche Neuigkeiten über das AKW Fukushima I zu bekommen – die Nachrichten (auch in Japan) beginnen, sich eher mit anderen Dingen zu beschäftigen. Die wenigen Nachrichten klingen zum Teil auch absurd bzw. unbrauchbar: „Licht im Kontrollraum des Blocks 1 funktioniert wieder“ oder „rechte Pumpe der Anlage so und so scheint kaputt zu sein“. Es ist eine skurrile Situation, denn niemand gibt Entwarnung – das AKW muss sich scheinbar in einer Art Status Quo befinden.

Norden
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Man müht sich, es geht Schritt für Schritt voran, aber – es wird wirklich sehr lange dauern, bis das Gröbste überstanden ist. Die Lage am AKW Fukushima sorgt nun leider auch dafür, dass Ortschaften und Städte unweit des AKW mehr und mehr leiden müssen: Heute meldete sich der Bürgermeister der Stadt Iwaki recht unjapanisch-laut zu Wort und kritisierte die Regierung heftig: In der Stadt gehen mittlerweilen die Nahrungsmittel zu neige, keiner liefert mehr, das Wasser ist radioaktiv verseucht usw. Die Gegend wurde nicht allzu sehr zerstört beim Erdbeben – weshalb man es scheinbar nicht für nötig hielt, den Ort in Notfallpläne aufzunehmen. Überhaupt: In besonders gefährdeten Gebieten werden regelmässig Tsunami-Übungen sowie im ganzen Land Erdbebenübungen abgehalten. Übungen für Störfälle im AKW wurden unter den Anrainern scheinbar jedoch nie abgehalten, weshalb keiner so recht zu wissen scheint, was eigentlich los ist.

Sonstiges
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Die planmässigen Stromausfälle gehen weiter – aber wie in anderen Updates schon angedeutet, wird dies noch über Monate weitergehen. Ansonsten versucht sich jeder so gut wie möglich, sich der Arbeit zuzuwenden. Die Nachbeben haben an Frequenz scheinbar abgenommen – die letzten fünf Stunden waren komplett bebenfrei, und das gab es schon lange nicht mehr. Dafür hatte es am Vormittag mehrfach relativ kräfti gewackelt.
Vom deutschen Botschafter in Japan gab es einen netten Aufmunterungsbrief an alle Deutschen in Japan. Schräg eingescannt und als PDF verschickt. Kann es denn so schwer sein, ein ausgedrucktes Blatt halbwegs gerade zu scannen? Scheinbar schon. Aber egal. Hauptsache, unseren Botschaftern geht es gut in Osaka.
Die Lufthansa fliegt derweilen wenigstens wieder direkt nach Tokyo. Und die ersten Reporter scheinen sich auch wieder in die Hauptstadt zu wagen. Wissen die etwas, was ich nicht weiss!?

Und sonst…
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Auch ich versinke zur Abwechslung wieder in Arbeit. Mein Schwiegervater wohnt noch bei mir, aber ich sehe ihn kaum. Heute morgen sah ich ihn allerdings – als er um 6 aufstand und ich um 6 schlafen ging (war bis 4 Uhr arbeiten). Morgen kommen dann endlich meine Frau und die Kinder zurück. Und sie haben vorgesorgt: Aus Kōbe haben sie bereits eine riesengrosse Kiste mit Gemüse aus Kansai sowie, später, noch ein paar Kisten mit Wasser geschickt.
Ach, in was für einer Zeit sind wir doch gelandet….

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Sanriku-Kantō-Erdbeben: Update XI

März 23rd, 2011 | Tagged , , | 21 Kommentare | 2500 mal gelesen

Heute war ein vergleichsweise guter Tag: Die Bahnen fuhren morgens pünktlich und jetzt scheinbar auch, und aus dem Energiesektor kommen auch etwas bessere Meldungen – zumindest was die Versorgung angeht. Zwar reicht die Energie nachwievor nicht und wird auch eine ganze Weile nicht reichen, aber dank der Einsparbemühungen seitens nahezu aller scheint sich die Lage ein bisschen zu beruhigen (der Strom wird aber nachwievor geplant hier und da abgeschalten – man will das ganze jedoch etwas nachregeln). Auch die Börse lässt leise Hoffnung aufkommen – nach dem zu erwartenden Sturzflug in der vergangenen Woche legte sie heute um fast 5% zu.
Die Nachrichten aus dem AKW in Fukushima sind nachwievor beunruhigend, aber zumindest auf einem geringeren Level beunruhigend als noch in der vergangenen Woche. Aber das wird wohl noch eine Weile so weiter gehen, von beunruhigenden Nachrichten über erhöhte Strahlenwerte mal ganz abgesehen.

Heute möchte ich jedoch ein bisschen mehr auf die Lage im Katastrophengebiet eingehen:
Die Anzahl der bestätigten Opfer hat bereits die Zahl 9’000 überschritten, und noch immer sind mehr als 12’000 Menschen vermisst. Seit geraumer Zeit steht fest, dass dieses Beben weit mehr Opfer gefordert hat als das schwere Erdbeben in Kōbe im Jahr 1995. Leider muss man auch davon ausgehen, dass das Gros der Vermissten nie wieder auftauchen wird. Allein aus einer Ortschaft in der Präfektur Iwate wurde gemeldet, dass knapp 1’000 Menschen vermisst werden – bisher jedoch nicht eine einzige Leiche geborgen wurde. Dies kann zwei Gründe haben – entweder wurden die Menschen vom gewaltigen Sog des Tsunamis auf das Meer gezogen oder sie befinden sich unter einer meterdicken Schicht aus Schutt.
Man schätzt, dass ca. 300,000 Haushalte zerstört wurden – etwas weniger als beim Erdbeben in Kōbe, jedoch ist die Ausgangslage jetzt eine völlig andere: Kōbe war ein relativ begrenztes Ereignis; man konnte relativ schnell Material aus unzerstörten Gegenden heranschaffen. Die trotzdem sehr hohe Opferzahlen erklärte sich schlicht aus der hohen Bevölkerungsdichte und, direkt damit verbunden, ausgebrochenen Grossbränden. Beim jetzigen Erdbeben steht man jedoch vor anderen Problemen:

1) Größe der betroffenen Region
2) Topographie der Region (sehr gebirgig)
3) Schlechte Witterung
4) Akkumulierende Effekte in der gesamten Region (Raffinerien bis in den Raum Tokyo ausser Betrieb, gleichzeitig auftretende Probleme wie die im AKW Fukushima usw.)

Das Hauptproblem im Katastrophengebiet scheint laut allgemeinen Einschätzungen nicht darin zu bestehen, dass es nicht genügend Betten, Essen, Trinken usw. gibt – sondern darin, dass es schlichtweg an Benzin und Diesel mangelt, um die Dinge zu verteilen. Das logistische Problem besteht ergo darin, wie man Brennstoff liefern kann (Häfen, Bahnlinien und Strassen sind stark zerstört) und wie man von den Verteilungspunkten den Brennstoff und die Güter weiter an die Küste bringen kann, denn je kleiner die Strassen sind, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie nicht passierbar sind.
Soll heissen, im Norden kämpfen die Leute vielerorts ums nackte Überleben: Es fehlt an Strom, Wasser, Brennstoff, Lebensmittel, Medikamente, Sanitärartikel, Brillen usw. Da auf dem Land in Japan vor allem alte Leute leben, wird es noch unzählige Todesfälle als Folge des Bebens geben. Das ist teilweise bedingt durch Sachen, an die man als Durchschnittsbürger gar nicht denkt: Nach dem Erdbeben in Kōbe fehlten zum Beispiel Zahnbürsten und Zahnpasta. Nun gut, ein paar Tage nicht die Zähne putzen kann doch nicht so schlimm sein, mag man denken. Es kann: Hunderte Erdbebenopfer überlebten zwar das Erdbeben, wurden aber durch Lungenentzündungen dahingerafft – mangels Mundhygiene wanderten Keime in die Lunge und verursachten dort lebensgefährliche bis tödliche Pneumonien.
Aufgrund der momentan für die Jahreszeit sehr kühlen Witterung versterben leider auch mehr und mehr Menschen im Norden an Unterkühlung – begünstigt durch anhaltende Nässe.
In Japan ist das Interesse gross, als Freiwilliger im Norden zu helfen, jedoch ist das Gebiet momentan noch für freiwillige Helfer gesperrt – aus guten Gründen, denn deren Sicherheit kann momentan nicht gewährleistet werden und allein durch ihre Anwesenheit würden die ohnehin schon dürftigen Ressourcen noch mehr strapaziert werden. Es dürfte aber nicht mehr allzu lange dauern, bis auch Freiwillige helfen dürfen.

Was macht die Politik?
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Man bemüht sich, vor allem durch wirtschaftliche Massnahmen und das schnellstmögliche Instandsetzen der wichtigsten Infrastrukturen. Natürlich werden Fehler gemacht. Natürlich bleiben Fragen offen (z.B. warum die Selbstverteidigungskräfte nicht gerade sehr präsent sind – eigentlich sollte man doch Interesse daran haben, fast das komplette Militär hier einzubinden).
Bei einer Diskussion im Forum der Tagesschau Online vermerkte jemand: „Japan bräuchte einen starken Politiker wie Helmut Schmidt, der sich bei der Sturmflut in Hamburg 1962 einen Namen machte“. Das ist hanebüchener Blödsinn: Allein die Idee, die Sturmflut von Hamburg mit dem Sanriku-Beben zu vergleichen ist lachhaft. Wir reden hier von ganz anderen Dimensionen und mehreren schweren Krisen gleichzeitig.

(Wie) kann man helfen?
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Es wurden schon mehrere Millionen Euro in Deutschland für die Erdbebenopfer gespendet. Zurecht bemerken jedoch einige Kritiker: „Wieso eigentlich? Japan ist eines der reichsten Länder der Erde!“. Das ist richtig. Wie oben erwähnt, mangelt es auch nicht unbedingt an Hilfsgütern – die kann Japan schon auftreiben, und auch den Wiederaufbau kann man finanzieren. Was man bräuchte, ist Zeit und besseres Wetter – und beides kann man nicht spenden. Wer direkt helfen möchte, kann das, wie es einige Leser bereits angeboten haben, durch dreierlei Dinge tun:

1) Wer Wohnplatz zur Verfügung hat, kann dies deutschen „Zwangsheimkehrern“ anbieten. Ich glaube nicht, dass viele (oder auch nur ein paar) das in Anspruch nehmen müssen, aber allein die Tatsache, zu wissen, dass man zur allergrössten Not eventuell auch in Deutschland für ein paar Tage, Wochen unterkommen kann, hilft sicher einigen. Dabei sollte ich vielleicht anmerken, dass ich nicht zu der Gruppe zähle – ich hätte für meine Familie zur Not eine vorübergehende Bleibe.

2) Schauen, welche Hilfsorganisation in Japan vor Ort und aktiv ist. Ich habe sie schon einmal erwähnt und erwähne sie immer wieder gern: Ärzte ohne Grenzen ist eine sehr sinnvolle Organisation. Momentan bittet die Organisation, von zweckgebundenen Spenden (Für Japan) abzusehen, da man momentan nicht sicher ist, wie hoch der Bedarf ist. Bei dieser Organisation kann man sich jedoch sicher sein, dass das Geld gut eingesetzt wird.

3) Besucht Japan!
Einen Aufenthalt in der Hauptstadt oder weiter nördlich kann ich zwar momentan noch nicht empfehlen, aber der Westen (also Nagoya und alles weiter westlich) ist vollkommen normal. Auch in Tokyo wird sich die Lage in ein paar Wochen normalisieren, aber regelmässige Stromausfälle und damit verbundenes, leichtes Verkehrschaos und eine noch immer unsichere Lage im AKW Fukushima sorgen wahrscheinlich nicht für einen entspannten Urlaub.

Wie hilft Tabibito?
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– Durch eine monatliche Spende an Ärzte ohne Grenzen, egal ob irgendwo etwas passiert ist oder nicht
– Durch meine Anwesenheit in Tokyo und dem festen Willen, diese Krise in Japan zu überstehen
– Der Familie meiner Frau zu helfen, so es möglich ist (momentan wohnt mein Schwiegervater bei mir). Aber das ist natürlich selbstverständlich
– Hoffentlich durch diesen Blog und den Versuch, einen so weit möglich neutralen Blick zu bieten (Subjektivität lässt sich freilich nicht ganz vermeiden)

Vorsicht!
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In Japan und scheinbar auch anderswo kursieren seltsame Emails, in denen zu ominösen Spenden und Aktionen aufgerufen wird (eine solcher Ketten-Emails besagte, dass man Jodtabletten in gepolsterten Umschlägen an namentlich genannte Ärzte in Tokyo schicken soll.
Das ist schlichtweg Blödsinn und an der Grenze zur Kriminalität: Jodtabletten in gepolsterten Umschlägen an irgendwelche Ärzte schicken? Das stinkt gewaltig!
Solche Emails (hier und da fehlt es an Kleidung, bitte sofort dies und das dorthin schicken usw). gibt es auch in Japan – es ist Vorsicht geboten, zumal solche Kettenemails oft von Bekannten weitergeleitet wurden).

Alltag
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Yahoo! Japan zeigt auf seiner Startseite momentan folgende Graphik:

Yahoo Japan: Stromverbrauch in Tokyo

Dort steht das Verhältnis des Stromverbrauchs zur vorhandenen Menge. Dem Grossraum Tokyo stehen momentan 37 Megawatt zur Verfügung. In der vergangenen Stunde wurden rund 32,1 MW verbraucht – 86% (z.T. dank der planmässigen Stromausfälle). Nähert sich die Zahl 100%, kann es zu unplanmässigen, massiven Stromausfällen kommen (gelinde gesagt eine Katastrophe). Jedoch kann jeder dazu beitragen, dass zu verhindern. Ein Blick auf diese und ähnliche Graphiken dürfte in den kommenden Monaten zum Alltag werden.

Und jetzt?
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So keine gravierende Verschlechterung der Lage eintritt, werden meine Frau und ihre Kinder am Donnerstag zurückkommen. Ein Restrisiko, auf das AKW und die Nachbeben schielend, bleibt. Andererseits muss es auch irgendwie weitergehen – meine Kleine kommt Anfang April in den Kindergarten und das „Flüchtlingsdasein“ (obwohl es ihnen im Vergleich zu den wirklich Betroffenen im Katastrophengebiet natürlich noch sehr gut geht) zehrt allmählich an den Nerven.
Soll auch heissen: Ab Donnerstag werden die Beiträge weniger und kürzer. Das reicht auch erstmal an Aufmerksamkeit…

Mangelnde Photos
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Ich bräuchte nur 10 Minuten mit dem Fahrrad fahren, um spektakuläre Aufnahmen zu machen. Und als Blogger, Ex-Geographie- und Geologiestudent und Hobbyphotograph juckt es mir freilich in den Fingern. Leider habe ich in Werktagen jedoch keine Zeit – und wenn meine Familie da ist, ist es auch schwer, meiner Kleinen zu sagen „Du, heute fahren wir mal nicht zum Zoo oder zum Spielplatz, sondern wir schauen mal, wie lustig Strassen und Häuser aussehen können, wenn die Erde ein bisschen wackelt!“. Von daher: Keine Photos.
Wer aber wissen will, wie es in meinem Ort aussieht – hier gibt es die offizielle Photostrecke auf der Seite des Rathauses: Schäden in Urayasu. Bitte beim Betrachten der Bilder bedenken: Wir befanden uns fast 400 km vom Epizentrum entfernt. Anders gesagt: Läge das Epizentrum in Köln, könnte es in Zürich oder Leipzig genauso aussehen (aber nur theoretisch: Unsere Stadt sieht so aus, weil das Neuland versagt hat).

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Sanriku-Kantō-Erdbeben: Update X

März 21st, 2011 | Tagged , | 20 Kommentare | 2399 mal gelesen

Nach fast drei Tagen Internetabstinenz (maximal Emails und ein paar wenige Webseiten auf dem Handy) bin ich nun wieder in meiner eigenen Wohnung in der Präfektur Chiba. Deshalb zum ersten Mal seit drei Tagen ein Update bzw. eher ein Stimmungsbericht aus Tokyo bzw. Japan.

Wer nicht mitgelesen hat – ich war seit Freitag abend in Kōbe bei der dorthin evakuierten Familie, und dort ist – nicht überraschenderweise – alles normal. Würde man ohne Fernseher und Zeitung sein, wäre es fast unmöglich, zu merken, dass sich in einem grossen Teil Japans ein Drama abspielt.
Ich beschloss, heute relativ früh, kurz nach Mittag, den Rückweg nach Tokyo anzutreten. Ich hatte da so eine Ahnung – nämlich dass die Shinkansen recht voll werden könnten. Und siehe da – keine Platzkarten, und schon in Kōbe gab es in den nicht-reservierungspflichtigen Waggons nur noch gedrängte Stehplätze. Will heissen, von Shin-Kōbe bis Shin-Yokohama stand ich im Gang. Im Blog würde ich schreiben: 2½ Stunden im Shinkansen gestanden. Für andere Medien sollte ich wohl besser schreiben: Über 600 km im Gang gestanden.

———Nachrichtenquellen—————–
Es ist momentan schwer zu sagen, ob sich die Lage in Japan etwas entspannt hat – oder ob die Leute einfach nur noch müde von den Nachrichten geworden sind und die Nachrichtensender ebenso. Es scheint immer schwerer, herauszufiltern, was wirklich stimmt und was nur so scheint, wie es scheint. Grund dafür ist auch der grosse Unterschied der Sachen, die in Japan gemeldet werden und der, die in Deutschland gemeldet werden. Ein gutes Beispiel dafür ist der Nachrichtenticker auf der Webseite der Tagesschau. Dort erscheinen dann Meldungen wie „Infolge des Nachbebens in der Region Tokio wurde der Flugverkehr am Hauptstadt-Flughafen Narita vorübergehend eingestellt. “ (19. März 2011, 11:37) – eine Meldung, die in der Tat wichtig ist. Dass der Flugverkehr wenig später wieder in den Normalbetrieb ging, steht danach jedoch nirgendwo mehr. Oder vor wenigen Stunden (21. März, 09:05): „Einsatzkräfte im AKW werden in Sicherheit gebracht“ (nachdem grauer Rauch aufstieg). Japanische Nachrichten: Ein paar der Einsatzkräfte wurden von Reaktor 3 aus Sicherheitsgründen abgezogen. Das liest sich schon etwas anders.
Deshalb: Leute mit schwachem Herz sollten deshalb momentan lieber nicht den Nachrichtenticker der Tagesschau lesen: Die Titel sind oftmals reisserisch oder falsch gewählt, und schlechte Nachrichten finden schneller den Weg in den Ticker als gute Nachrichten.

———AKW Fukushima I—————–
Scheinbar sieht es – aus Sicht der japanischen Öffentlichkeit, so aus: Im AKW Fukushima I werden scheinbar Fortschritte gemacht – das Werk wurde ans Stromnetz angeschlossen (das ist zweideutig – hat also wieder Strom) und die elektrischen Anlagen in einigen der 6 Meiler scheinen noch zu funktionieren. Die Armee hat zudem einen Panzer entsandt, der den Platz zwischen Werk und Meer von Trümmern räumt, da diese die Rettungsmassnahmen erschweren.
Sorgen scheinen hauptsächlich noch Reaktor 3 und 4 bzw. deren Abklingbecken zu machen: Besonders Block 3 scheint demzufolge das Potential für eine Katastrophe zu haben, da hier besonders gefährliche Materialien (MOX? Bin nicht sicher) benutzt bzw. gelagert wurden.
Obwohl die Gefahr noch nicht gebannt ist, sieht es (scheinbar) besser aus als in der vorgangenen Woche, als ein Block nach dem anderen in die Luft flog. Allerdings setze nach und nach die Folgen ein: Radioaktivität in Luft, Wasser, Nahrungsmitteln – in ersten Orten wurde bereits davor gewarnt, Leitungswasser zu trinken. In bestimmten Lebensmittel (hauptsächlich Milch und Blattgemüse wie Spinat) wurden zu hohe Konzentrationen radioaktiven Jods entdeckt und der Verkauf entsprechend gestoppt. Dies stellte man in bisher mindestens 5 Präfekturen fest. Dies wird nur die Spitze des Eisberges sein. Würde es beim Jod bleiben, hätten wir noch relativ viel Glück, denn die Halbwertszeit beträgt nur 8 Tage. Jedoch – man darf davon ausgehen, dass radioaktiv belastete Nahrungsmittel das Leben für die nächsten Wochen oder Monate bestimmen werden.

Laut dieser Meldung (japanisch) von Mainichi Shinbun wurde das AKW Fukushima 1 übrigens laut neuesten Schätzungen nach dem Beben von einem 14 m hohen Tsunami getroffen: Gebaut wurde das AKW jedoch so, dass es lediglich bis 5 m standhält. Soll heissen: Der Tsunami war in Fukushima I aussergewöhnlich stark. Und: Kein Wunder, dass es dort jetzt so katastrophal aussieht.

———Lage in Tokyo—————–
Wie eingangs erwähnt, waren die Shinkansen Richtung Tokyo heute stark überfüllt – es waren auch sehr viele Familien unterwegs. Will heissen, viele, die vorher für ein paar Tage aus der Region verschwanden, kehren nun nach Tokyo zurück. Mit, wie oben erwähnt, einer gewissen Unsicherheit im Nacken.
Über das lange Wochenende wurde der Strom im Grossraum Tokyo nicht abgeschaltet (soweit ich das sehen konnte, wurden Abschaltungen jeweils erst geplant und dann ausgesetzt). Das war zu erwarten – an Wochenenden scheint man den Bedarf decken zu können. Ab Morgen wird es wieder planmässige Stromsperren geben, und man kann davon ausgehen, dass dies auch wirklich geschehen wird: Es ist nach ein paar wenigen warmen Tagen wieder sehr kalt geworden, und morgen ist Werktag, also verbrauchen Betriebe und Büros wieder viel Strom. Wenn es ganz dumm kommt, schwebt wieder die Gefahr eines völligen, unplanmässigen Blackouts über der Stadt. Mit entsprechenden Konsequenzen: Unsicherheit, Mangel an Informationen, keiner kommt rein oder raus aus der Stadt. Wollen wir hoffen, dass dies nicht passiert.

Im hiesigen Supermarkt gab es heute sogar ganz normal Milch und Brot – beides Dinge, die vorher schwer bis gar nicht erhältlich waren. Mit Windeln, Toilettenpapier, Servietten usw. sieht es noch immer teilweise mau aus, da nachwievor vieles nach Norden geschickt wird.

———Was kommt jetzt?—————–
Bereits jetzt gibt es Diskussionen darüber, was mit Fukushima 1 geschehen soll. Stillegen oder reparieren? Mal wird das eine gesagt, mal das andere. Angeblich hat das bei den Löschversuchen eingesetzte Meerwasser die Meiler ohnehin schon irreparabel geschädigt. Jedoch: Woher bekommt Ostjapan so schnell die nötige Energie her, die gerade fehlt? Es dürfte nicht übertrieben sein, zu behaupten, dass die wirtschaftliche Lage des Landes in den nächsten Monaten und Jahren davon abhängt, wie schnell man den Energiehunger wieder sättigen kann. Das ist ein harter Brocken.

———Was gelernt?—————–
Wer denkt, dass sich in Japan jetzt Antiatomkraftgegner finden und sammeln werden, dem sei hier schon vorweg gesagt: Nein. So tickt das Land nicht. Das mag für manche paradox klingen, zumal das Land ja bereits zwei Kernwaffenexplosionen wegzustecken hatte. Aber in Sachen Kernkraft denkt man da ganz pragmatisch. Eines wird sich jedoch bestimmt vertieft haben: Das Misstrauen gegenüber der Politik und den Energiefirmen.

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Sanriku-Kantō-Erdbeben: Update IX

März 19th, 2011 | Tagged , | 31 Kommentare | 7992 mal gelesen

Ein kleines bisschen hat sich alles beruhigt – möchte man meinen, aber das täuscht. Um das AKW wird noch immer verbittert gekämpft mit allen möglichen wie unmöglichen Mitteln. Den Versuch, mittels Wasserabwurf aus Hubschraubern die Brennelemente zu kühlen kann man dabei wohl eher als PR-Gag bezeichnen. Wichtiger wird es wohl – so zumindest meine Einschätzung als Laie – sein, die Meiler mit Strom zu versorgen, was wohl am Wochenende geschehen soll. Wieviel von der Technik vor Ort jedoch noch zu gebrauchen ist, steht auf einem anderen Blatt.
Besonders vefolge ich die Reaktionen der britischen und amerikanischen Botschaften – denn die scheinen die Lage ebenfalls kritisch, aber mit kühlerem Kopf zu betrachten. Und – die beiden Botschaften nebst Peronal befinden sich im Gegensatz zur deutschen Botschaft auch noch in Tokyo. Die britische Botschaft hat heute dabei die Warnstufe erhöht – Briten wird anempfohlen, nicht erforderliche Besuche bzw. Aufenthalte in Tokyo zu verschieben bzw. eine Abreise in Erwägung zu ziehen (O-Ton: „consider leaving“). Bei einer Pressekonferenz heute wurde gefragt, was geschehen müsse, bis die Botschaft die Warnung verschärfen würde (quasi auf das Level der deutschen Botschaft, die schon seit Tagen dazu auffordert, Tokyo und den Norden zu verlassen). Die Antwort: Hypothetisch gesehen ist das möglich – zum Beispiel, wenn der Pool mit den abgebrannten Brennelementen explodiert und danach zehn Tage lang sehr starker Wind aus Fukushima Richtung Tokyo wehen würde – einhergehend mit sehr viel Regen. Das klingt wirklich sehr hypothetisch, aber trotzdem hoffe ich natürlich, dass so etwas nicht passieren wird.

Mein Tag heute war ansonsten ein kleines bisschen ruhiger: Morgens ging es ins Büro, doch mich quälte schon ein paar Tage lang die Tatsache, dass unsere Pässe und Bankkarten zu Hause herumliegen. Ohne die würde ich nur sehr ungern nach Kōbe fahren – zumindest momentan. Also ging es mit dem Fahrrad, da das zur Zeit schneller ist, über 20 km vom Büro nach Hause. Kurzer Blick in den benachbarten Supermarkt – frisches Gemüse und Fleisch usw. gibt es es wie immer in rauhen Mengen; Windeln, Batterien, Trockennahrung usw. jedoch kaum bzw. gar nicht. Das wird wahrscheinlich wirklich alles entweder in das Katastrophengebiet geschickt oder gehamstert.
Zu Hause konnte ich anhand der Briefkästen feststellen, dass wir nicht die einzigen sind, die vorerst nicht dort wohnen – drei (uns nicht mit eingeschlossen) von 14 Parteien sind scheinbar die gesamte Woche nicht dagewesen. An der Haustür hing zwar ein Zettel, auf dem steht, dass die Wasserversorgung noch nicht funktioniert und man auch nicht weiss, wann sie wieder funktionieren wird. Aber – es gab erstaunlicherweise Wasser. Also schnell das schmutzige Geschirr abgewaschen, Sachen gepackt und zurück ins Büro.

Abends ging es nach um 7 zum Bahnhof Shinagawa zum Shinkansen. In Shinagawa ein düsteres Bild: Abgedunkelter Bahnhof, unzählige Menschen, die sich träge durch die Gänge kämpften, leere Brotläden, eine sehr dichte Spannung. Der Shinkansen war ausgebucht – komischerweise waren aber viele Plätze frei. Entweder haben die Leute es aufgrund des Verkehrschaos nicht rechtzeitig zum Bahnhof geschafft – oder nur für den Fall der Fälle gebucht. Ich weiss es nicht.

Jetzt bin ich seit halb elf nachts in Kōbe in einem kleinen Hotel. Morgen früh werde ich meine Frau und die Kinder schnappen und wir werden in ein Hotel in der Nähe ziehen, zumindest für zwei Nächte. Es ist schon komisch, hier zu sein: Die Spätverkaufläden sind voll mit Waren. Alle Lichter sind an, und man muss nicht Sorge haben, dass alles im nächsten Augenblick ausgehen kann. Das Handy funktioniert immer. Wie lange es wohl dauern wird, diesen Zustand auch in Tokyo wieder herzustellen?

So nichts gravierendes dazwischenkommt, werde ich am Montag wieder nach Tokyo fahren. Und je nach Lage im AKW hoffe ich, dass meine Familie auch wieder zurück kann. In den nächsten zwei, drei Tagen wird es auf jeden Fall etwas ruhiger zugehen auf diesem Blog. Aber Japan verschwindet ja sowieso schon allmählich vom Radar in Deutschland.

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Sanriku-Kantō-Erdbeben – Update VIII

März 17th, 2011 | Tagged , , | 48 Kommentare | 4976 mal gelesen

Die vergangenen 15, 16 Stunden waren zum ersten Mal etwas entspannter als in den vorangegangenen Tagen.
Grund dafür ist die Tatsache, dass es in diesem Zeitraum keine stärkeren Nachbeben gab, sowie die leise Hoffnung, dass sich AKW vielleicht etwas tut. Klar liegt die Strahlung dort im sehr, sehr ungesunden Bereich. Logisch, dass amerikanische Strahlenschutzexperten anraten, das Gebiet im Umkreis von ca. 80 km zu vermeiden bzw. zu verlassen (im Vergleich zur deutschen und französischen Regierung, die ihre Landsleute auffordern, gleich Tokyo und Umgebung zu verlassen).
Es ist interessant und verwirrend zugleich, zu sehen, wie unterschiedlich die Botschaften ihre eigenen Landsleute beraten. Wieviel öffentlicher Druck steckt hinter den Entscheidungen? Laut gestriger Schätzung sollen sich wohl noch 1’000 Deutsche in Tokyo aufhalten. Nun, ich würde sehr gern wissen, woher diese Zahlen stammen. Da ich bei der Botschaft registriert bin, hatte ich (auf Empfehlung auf der Webseite der Botschaft hin) eine kurze Email an die Botschaft geschickt, in der ich erklärte, wo ich bin und dass unsere Familie in Ordnung ist. Man kann ja nie wissen. Danach gab es keine Antwort (was natürlich in Ordnung geht), aber auch sonst gibt es von der Botschaft eigentlich nichts zu hören. Während andere Länder wie China und Frankreich (Gerüchten zufolge) spezielle Flüge zur Verfügung stellt, wird man als Deutscher offenbar im Dunkeln gelassen. Das soll keine Beschwerde sein – spricht aber nicht unbedingt für die angeblich extrem hohe Dringlichkeit.

Gestern sind mir im Newsticker der Tagesschau die folgenden beiden Aussagen – auch noch hintereinander – sauer aufgestossen:

Oettinger: Reaktor faktisch außer Kontrolle

EU-Energiekommissar Günther Oettinger hat vor unmittelbar bevorstehenden katastrophalen Ereignissen am japanischen Kernkraftwerk Fukushima gewarnt. Vor dem EU-Parlament sagte Oettinger: „Man muss befürchten, dass das Ganze in Gottes Hand ist und dass sich in den nächsten Stunden weitere katastrophale Entwicklungen ergeben können.“ Der Reaktor sei faktisch außer Kontrolle. Oettingers Sprecherin sagte dazu Reuters, die Erklärung des Kommissars beruhe nicht auf besonderen zusätzlichen Informationen.

Es gab Kommentare, die die Atomhysterie auf das linke/grüne Lager zurückführten. Ich denke, Oettinger widerlegt das. Nett ist die in der Tat notwendige Richtigstellung seiner Sprecherin. Woher Oettinger die Chuzpe hat, einfach mal so diese Behauptungen aufzustellen (mag die Wahrscheinlichkeit auch hoch sein) ist mir schleierhaft.

Experte: Größere Folgen als in Tschernobyl möglich

Der Energieberater Mcyle Schneider hält angesichts der sichbaren Schäden an den Reaktoren im Kraftwerke Fukushima I eine größere Katastrophe als in Tschernobyl für möglich. „Mir fehlen die Worte“, sagte der Träger des Alternativen Nobelpreises der ARD.

Auch diese Nachricht finde ich bemerkenswert. Alternativer Nobelpreis hin oder her – anhand der „sichtbaren Schäden“ solche Behauptungen aufzustellen ist pure Kaffeesatzleserei. Hat Schneider ein paar Photos gesehen und das war es? Mir fehlen hier auch die Worte.

Ich hoffe, ich werde nicht falsch verstanden. Ich bin kein glühender Verfechter der Kernenergie. Ich bin sicher, dass von Fukushima eine ganz grosse Gefahr ausgeht. Wie jedoch obige Meldungen entstehen und ihren Weg in die Medien finden gefällt mir gar nicht.

Ich für meinen Teil werde morgen Abend zu meiner Familie nach Kōbe fahren und dort bis Montag bleiben, denn Montag ist ein nationaler Feiertag. Bis Montag herrscht hoffentlich auch ein bisschen mehr Klarheit bezüglich des AKW. Sollte sich die Lage glaubwürdig entspannt haben, fahre ich danach zurück nach Tokyo. Falls nicht, nun ja. Shinkansen-Platzfahrkarten für Freitag Abend waren jedenfalls erhältlich. So viel zum Thema Panik.

Zur Lage im Norden: Dort sieht es wirklich sehr hart aus. Japan erlebt im Moment einen starken Wintereinbruch, und das trifft die Leute hart. Es mangelt nicht an Lebensmitteln und Decken usw. – sondern an der Möglichkeit, Ales zu den Bedürftigen zu bringen. Da die Strassen und Häfen zerstört sind, kann man kaum Benzin und Diesel liefern – und das wird an allererster Stelle benötigt.

Unsere Firma erhielt unzählige Anfragen, wie man aus dem Ausland Nachrichten der Ermunterung schicken kann. Davon wird keiner satt und keine Strasse wieder heil – aber es zeigt Japan, dass die Welt an sie denkt. Wer ebenfalls eine Nachricht schreiben möchte:

http://www.eltnews.com/columns/support_japan/

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Sanriku-Kantō-Erdbeben – Update VII: Augen zu und durch

März 16th, 2011 | Tagged | 55 Kommentare | 4230 mal gelesen

Tag 5 nach dem Beben.
Ich bin immer noch in Tokyo and meine Familie – zumindest Frauen und Kinder – sind in Kōbe. Soweit, so gut.

Zur Lage:
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Die Leute – Ausländer wie Japaner – sind scheinbar in zwei Lager geteilt: Die, die mehr Angst vor den Nachbeben haben, und die, die mehr Angst vor dem AKW haben. Ich gehörte zur zweiten Gruppe, aber die kräftigen Beben gestern Abend (Yamanashi/Shizuoka) und heute mittag (Chiba) lassen mich auch momentan zur ersten Gruppe abdriften.
Was kann man zum AKW noch sagen. Alles ist schlimm, und nachdem auch die letzten Leute abgezogen wurden, wird es bestimmt nicht besser. Laut etlicher vertrauenerweckender Expertenberichte ist Tokyo wohl ziemlich sicher. Wetten abschliessen möchte ich darauf nicht, aber an irgend etwas muss man ja glauben.

Versorgung:
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Japan hat rund 30% seiner Raffinerien „verloren“ – sie sind entweder zerstört oder vorsichtshalber geschlossen. Das macht sich vor allem im Norden bemerkbar.
Der Strom wird in und um Tokyo nachwievor mehr oder weniger planmässig abgeschaltet, aber es herrscht viel Verwirrung darüber, da sich die Zeiten ständig ändern.
In den vergangenen Tagen kam man zudem problemlos ohne Heizung aus, aber ab heute gibt es einen Kälteeinbruch im gesamten Land, was die Lage vor allem im Norden, energietechnisch aber auch um Tokyo verschärfen lassen dürfte.
Immerhin bemühen sich fast alle, Energie zu sparen – verkürzte Öffnungszeiten und Teilbeleuchtung sind zwei populäre Massnahmen.
Wie es in meiner Stadt/Wohnung nun aussieht, weiss ich nicht, aber die Darstellung, ab Donnerstag wieder Wasser liefern zu können, wurde zurückgenommen und auf einen unbestimmten Termin verschoben.

Ach ja; Während es gestern noch nahezu unmöglich war, in einem Convenience Store hier in Ebisu etwas essbares zu finden, sah es heute wesentlich besser aus. Es gab Sachen – mehr als ich gedacht hatte. Bis zum Normalzustand ist es aber noch ein weiter Schritt, aber das ist erstmal zweitrangig.

Sonstiges
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Mittlerweile gab es schon die erste Spende eines treuen Lesers an mich. Vielen Dank! Sicher wird dieses Ereignis auch in unsere Haushaltskasse mehr oder weniger tiefe Löcher reissen, aber ich hoffe, zum jetzigen Zeitpunkt, dass wir schon damit fertig werden. Unter anderem deswegen bin ich ja auch noch in Tokyo.
Wer spenden möchte, dem würde ich deshalb lieber „Ärzte ohne Grenzen“ anempfehlen. Ich unterstütze die Organisation seit Jahren allmonatlich und glaube fest, dass die Organisation sehr, sehr viel leistet. Momentan sind sie übrigens auch im Erdbebengebiet in Japan aktiv. Und zwar noch lange nach dem THW. Das hätte man dort wirklich gut gebrauchen können.

Nebenbei:
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– Zu den Medien und Meldungen aus Deutschland äussere ich mich vorerst lieber nicht, denn Meldungen wie „Geigerzähler in Deutschland ausverkauft“ etc. machen mich kirre.

– Jetzt ist es amtlich: Ich bin Japaner! Beweis siehe hier:

http://worldwen.vs120101.hl-users.com/?p=2112&cpage=1#comments

dort steht:

Hier ein Blog eines Japaners der Deutsch kann
http://www.tabibito.de/japan_blog/blogs/

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Sanriku-Kantō-Erdbeben – Update VI: Nachbeben/Medien

März 15th, 2011 | Tagged , | 35 Kommentare | 2514 mal gelesen

Allzu viel gibt es nach Update V nicht hinzuzufügen – dieser Tag begann mit sehr viel Stress und der zwar schweren, für mich aber zur Zeit einzig richtigen Entscheidung: Meiner Frau, ihrer Schwester und ihrer Mutter am Morgen zu sagen, dass sie die Kinder packen und gen Süden fahren sollen. Schwer im Sinne von riskant: Sie kommen bestimmt gut ein paar Tage ohne mich aus, da sie nicht allein sind und bei Verwandten, sondern schwer im Sinne von „was passiert, wenn plötzlich Hunderttausende die gleiche Idee haben und ihre Familie verfrachten wollen.
Aber es hat funktioniert. Zwar gab es wohl schon lange Schlangen am Fahrkartenschalter, aber sie konnten schnell Fahrkarten und sogar Sitzplätze ergattern und sind glücklich in Kōbe angekommen. Sicherlich wird der Eine oder Andere sagen „Moment mal, war das letzte richtig schwere Erdbeben nicht in Kōbe?“ Richtig. Und trotzdem ist es dort auf jeden Fall sicherer.

In Sachen AKW schwanken die Gefühle von Minute zu Minute. Erst gibt es beruhigende Nachrichten, dann schlechte. Ein Bekannter besuchte einen Pressetermin bei der britischen Botschaft, bei dem auch der technische Berater der britischen Regierung (Name leider unbekannt) auftrat: Er war der festen Überzeugung, dass es schlichtweg unmöglich sei, dass es so folgenschwer wie Tschernobyl werden würde. die Bauart sei grundsätzlich verschieden und selbst eine Kernschmelze würde nicht den gesamten Laden in die Luft sprengen und alles in der weiteren Umgebung verstrahlen. 
Auf der anderen Seite die deutschen Medien: Die Tagesschau sehnt bereits den Super-GAU herbei. Nebenbei gesagt ein absolutes Unwort, denn das „G“ in GAU steht für „größter“ – bekannterweise ein Superlativ, den man nicht steigern kann. Schade, dass sich sogar die Tagesschau der „Bild“-Sprache bedient. 

Just während ich das geschrieben habe gab es ein schweres Nachbeben….in Kanagawa…eine starke sechs bei Kamakura/Yoshida auf der japanischen Skala. Es scheint, die Beben wandern weiter südlich. Ich hoffe, Denis in Kamakura ist ok. Soeben wurde bekanntgegeben, dass der Shinkansen stillsteht – das ist die Linie, mit der meine Familie heute nach Kōbe gefahren ist …. Genau davor hatte ich grosse Sorgen). Das Beben schien sehr nah unter der Oberfläche zu sein.

Ich glaube, das reicht in Sachen Updates heute. Die Beben beginnen, an den Nerven zu zehren. Die Tatsache, dass das Hauptbeben ganz Honshu um ein paar Meter (ich habe gelesen 4 m) verschoben hat, hat zweifelsohne im Untergrund Spannungen hinterlassen, die sich jetzt nach und nach abbauen). 

Mehr wahrscheinlich morgen wieder nach einer – so hoffe ich – relativ ruhigen Nacht. 

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Sanriku-Kantō-Erdbeben – Update V: Langzeitige Evakuierung

März 15th, 2011 | Tagged , | 32 Kommentare | 2686 mal gelesen

Nur ein ganz, ganz kurzes Update.

Die Informationen zum AKW in Fukushima werden immer beunruhigender und der Wind wird in den nächsten Tagen aus der Richtung wehen (seltenerweise). Hinzu kommt die Versorgungslage, die momentan eher schlechter als besser wird. Sachen wie Trockennudeln, Wasser in Flaschen, Fertiggerichte, Brot, Taschentücher (und alles ähnlich Verwendbare), Toilettenpapier, Windeln usw. gibt es nahezu nirgendwo mehr zu kaufen.

Aus diesem Grund habe ich heute morgen meine Frau, ihre Schwester und die Schwiegermutter gedrängt, so schnell wie möglich Kantō zu verlassen. Das haben sie auch gottseidank getan. Sie haben die insgesamt drei Kinder geschnappt, sind mit dem Zug zum Bahnhof Tokyo gefahren und sitzen seit ca. 14 Uhr im Shinkansen nach Kōbe. Dort haben wir Verwandte.

Nun sind alle Frauen und Kinder der Familie vorübergehend in Sicherheit (auch wenn sich die Versorgungspässe schnell auf ganz Japan ausweiten werden), und alle Männer (der Mann der Schwester, Schwiegervater und ich) sowie die jüngste Schwester (also alle, die Arbeit haben), harren in Tokyo aus: Wenn alle die Hauptstadt verlassen würden, wäre Japan sehr schnell am Ende.

Die Entscheidung, sich von der Familie zu trennen, ist schwerwiegend. Aber die Sorge um die Kinder überwiegt, und so bin ich – für’s erste – erleichtert, dass sie im Shinkansen sitzen.

Mehr später

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