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Einheit 731

Februar 23rd, 2011 | Tagged , | 7 Kommentare | 2051 mal gelesen

Eine der vor allem in Japan vielbeschworenene Gemeinsamkeiten zwischen Deutschland und Japan ist die Tatsache, dass die nationalistischen, totalitären Regime während des Zweiten Weltkrieges einen solchen Hass auf Andere entwickelte, dass man ihnen jegliche Menschlichkeit absprach und es dadurch als legitim befand, an lebenden Menschen herumzuexperimentieren. Das geschah in den Konzentrationslagern Deutschlands und das geschah auch im vom Japan besetzten China. Und möglicherweise auch im Herzen von Tokyo. Die Rede ist von der berüchtigten 731部隊 (nana-san-ichi butai) – Einheit 731. Die Einheit wurde vom Militärarzt und Generalleutnant Ishii Shirō angeführt.

Ishii und die Einheit 731 sind in Japan durchaus bekannt – vor allem durch den Roman 悪魔の飽食 (Akuma no hōshoku) – Des Teufels Sättigung von Seiichi Morimura. Der Roman legte die von Einheit 731 begangenen Verbrechen erstmals der Öffentlichkeit dar, wurde aber auch heftig kritisiert, da z.B. ein Foto nachweislich gefälscht war und alle Zeugen, die im Buch zitiert wurden, anonym waren (aus verständlichen Gründen, muss dazu gesagt werden, denn Nationalisten in Japan a) verleugnen die Existenz solcher Verbrechen und b) sind nicht gerade zimperlich). Einheit 731 gehörte der 関東軍 – Guandong-Armee an und war als Einheit zur Bereitstellung von sauberem Trinkwasser für die Truppen getarnt.

Eigentlicher Auftrag der Einheit war jedoch die Erforschung und Herstellung biologischer Waffen, die vor allem in China an gefangenen Chinesen ausprobiert wurden. In der Nähe der chinesischen Großstadt Harbin baute die Einheit 1940 eine riesige Anlage, die rund 6 km² und ca. 150 Gebäude umfasste – mit tausenden Containern, in denen z.B. Krankheitsüberträger wie Flöhe und Ratten gezüchtet wurden. Auf militärische Brauchbarkeit getestet wurden hochansteckende Krankheiten wie Pest, Cholera, Pocken, Tularämie(Hasenpest) und andere. An Menschen wurden dort aber auch Waffen getestet und vieles andere mehr – Organe wurden von lebenden Menschen entnommen, Gliedmassen amputiert und falschrum wieder angenäht, Körperteile gefroren und wieder aufgetaut usw. usf. Getestet wurde nicht nur an chinesischen Soldaten, sondern auch an Frauen und Kindern. Angaben über die Gesamtzahl der Opfer schwanken erheblich – man findet Zahlen von einigen Tausend Toten bis zu 400’000 Toten (die genaue Zahl dürfte genauso schwer zu ermitteln sein wie die Anzahl z.B. der Toten der Bombenangriffe auf Dresden – zumal die Diskussion um dieses Thema noch immer sehr aufgeheizt ist).

Zurück nach Tokyo: 1989 fand man im Stadtteil Shinjuku nahe eines grossen Krankenhauses und einer Schule für Infektionskrankheiten ein Massengrab, das auf mögliche Kriegsverbrechen hindeutete. 2006 meldete sich eine gewisse Frau Toyo Ishii zu Wort – sie arbeitete dereinst im Forschungslabor und der Militärschule der Einheit 731 in Tokyo und offenbarte, dass sie in den letzten Tagen des Krieges dabei half, Leichen und Leichenteile zu vergraben, um die Verbrechen zu vertuschen. Sie wurde sogar vom Gesundheitsminister heranzitiert, um ihren Bericht zu verifizieren.

Gestern war es schliesslich so weit: Nach langer Vorbereitung, immerhin wurden sogar Anwohner dazu umgesiedelt, begann man gestern, am 21. Februar 2011 damit, in Shinjuku/Tokyo (genauer gesagt Toyama 1chōme, genaue Lage siehe hier mit den Ausgrabungen am ehemaligen Standort der Einheit 731. Das ist beachtlich für Japan – einem Land, in dem man sich zwar irgendwie der Kriegsgräuel gewiss ist, die eigene Rolle dabei aber doch lieber vertuschen möchte. Man darf auf die Ergebnisse gespannt sein. China jedenfalls ist mehr als gespannt, denn die meisten Opfer waren Chinesen.

Ishii wurde übrigens nicht für seine Taten belangt: Er handelte mit Murray Saunders, einem amerikanischen Militärarzt, einen Deal aus – im Gegenzug zur Übergabe aller Forschungsergebnisse aus den biochemischen Experimenten wurde ihm Strafverfolgung gewährt. Ishii betrieb in den darauf folgenden Jahren ein kleines Bordell und war beliebt in der Nachbarschaft, da er umsonst Patienten behandelte. Ishii starb 1959 schliesslich eines natürlichen Todes. So zumindest eine Lesart. Es gibt auch die Auffassung, dass Ishii nach Maryland/US zog, um dort weiter in der Forschung zu arbeiten.

Japanische Nachrichten (Video) zur Ausgrabung
Nachrichten zum Thema auf Asahi
Augenzeugenbericht eines Einheit 731-Mitgliedes (Deutsch, TAZ)

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Chinesische Medizin vs. Schnupfen

Februar 18th, 2011 | Tagged , | 13 Kommentare | 1990 mal gelesen

Geboren am 7. Feb 2011: LouVor drei Tagen fielen abends selbst in Tokyo knapp 10 cm Schnee (immerhin!) – natürlich Schnee von der übelsten Sorte, grossflockig und nass, stellenweise auch mit Regen versetzt. Was macht die halbe Stadtbevölkerung dann? Genau, sich erkälten. Dem habe ich mich dank der täglichen Fahrten in vollen Bahnen triefender und schnaubender Zeitgenossen mal wieder angeschlossen.
Normalerweise koste ich dabei meine Erkältungen voll aus – warum nicht eine Woche leiden, wenn es mit Medizin nur 7 Tage dauert? Dieses Mal habe ich mich jedoch ausnahmsweise für Medizin entschieden – meinen Kindern zuliebe und weil man ja doch irgendwie Hoffnung hat, das ganze abkürzen zu können.
Da ich bereits weiss, dass normale japanische Erkältungsmedizin bei mir rein gar nichts bewirkt (vielleicht, weil sie auf 50 kg leichte Durchschnittsjapaner abgestimmt ist? Nur so ein Verdacht), habe ich dieses Mal zur Zauberwaffe gegriffen: 漢方 kanpō. Das ist traditionelle, chinesische Medizin, die auch in Japan sehr, sehr verbreitet ist. Man kann sie überall kaufen, ob verschreibungspflichtig oder nicht. Die Inhaltsstoffe klingen schon mal vielversprechend: Neben diversen Kräutern ist auch 牛黄 goō dabei – die Zeichen stehen für „Rind“ und „gelb“. Das klingt schon mal verdächtig – und ist es auch. Es sind Gallensteine vom lieben Rindvieh. Na dann! Gottseidank sind es Kapseln, die sich im Magen auflösen. Die Medizin hilft wohl gegen Halzschmerzen, Kopfschmerzen, leichtes Fieber, Triefnase und Schüttelfrost. Ob sie wirklich hilft? Gute Frage. Schlechter geht es mir nicht. Wesentlich besser aber auch nicht. Nächstes Mal werde ich mich dann wohl doch wieder für die masochistische Variante entscheiden.
Das Problem ist dabei bestimmt auch der Glaube. Nein, ich glaube nicht daran, dass alle Medikamente helfen. Ich weiss, dass Antibiotika z.B. unersetzlich sind und sehr schnell helfen, aber eine echte Medizin gegen Erkältung? Das ist dann wohl doch eher viel Schlaf, ab und an eine heisse Zitrone und zur Vorbeugung mehr Sport. Letzteres fehlt mir momentan leider wirklich.

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Getränkeautomat – the next generation

Februar 14th, 2011 | Tagged , | 12 Kommentare | 3805 mal gelesen

GetränkeautomatJedem Japan-Besucher fällt eines in Japan sofort auf: Die enorme Dichte von Automaten, an denen man so ziemlich alles kaufen kann. Am häufigsten findet man Getränkeautomaten: So gab es laut der JVMA (Japan Vending Machine Manufacturers Association) 2009 in Japan 2,1 Millionen Automaten für Erfrischungsgetränke. Will heissen, auf 60 Japaner kommt ein solcher Automat. Der Umsatz dieser Automaten lag im gleichen Jahr bei knapp 1,9 Billionen Yen. Getränke (ausser Alkohol) kosten an diesen Automaten meist zwischen 100 bis 150 Yen. Holen wir also mal den Taschenrechner raus und gehen von einem Durchschnittspreis pro Dose/Flasche von 120 Yen aus: An einem durchschnittlichen Automaten werden pro Tag 20 Getränke gekauft. Der Durchschnittsjapaner kauft entsprechend 130 nichtalkoholische Getränke im Jahr am Automaten – bzw. mindestens eins alle drei Tage. Randnotiz: Andere Automaten (Zigaretten, Reis, Eis, Eintrittskarten, Zeitungen, Batterien, Socken usw.) mit eingerechnet gibt es knapp 4 Millionen Automaten in Japan (Rohdaten siehe hier).

Logischerweise kenne und nutze auch ich solche Automaten relativ regelmässig. Und ich bin einiges an Service gewohnt: Automaten, die heisse und kalte Getränke anbieten. Automaten, in denen der Kaffee frisch gemahlen und gebrüht wird. Automaten, die einen anquatschen, wenn man vorbeiläuft (mit „Guten Morgen“ am Morgen usw). Automaten, die einem im örtlichen Dialekt ansprechen (so z.B. im Tsugaru-Dialekt in Hirosaki) usw.
In jüngster Zeit fielen mir jedoch vor allem die Automaten der neuesten Generation auf: Riesenmaschinen mit einem riesigen 47-Inch-grossen Touch-Screen – ohne jegliche Tasten. Einfach das gewünschte Getränk angrabschen und schon erscheinen Informationen dazu.

Getränkeautomat
Das ist aber noch nicht alles: Laut Hersteller erkennt eine Kamera im Automaten Geschlecht und Alter (und was weiss ich sonst noch) des Bedienenden und preist entsprechend Getränke an. In meinem Fall einen Dosenkaffee mit dem Namen „Boss“. Es hätte schlimmer sein können… Ebenfalls laut Betreiber werden die Daten nach der Getränkewahl gleich wieder gelöscht. Man geht also nicht den letzten Schritt: Ein Automat in Shinagawa weiss nicht, was ich Tage zuvor in Maihama gewählt habe. Ansonsten sind die Automaten schon vernetzt – ich nehme mal an, um sie fernzusteuern in Hinblick auf welches Produkt besonders beworben werden soll und was wo wie schnell aufgefüllt werden muss. Meine mit iPad etc. vertraute 4-jährige Tochter findet die Automaten natürlich auch grosse Klasse – es ist schwer, sie wieder davon wegzulocken.

Bemerkenswert finde ich an dieser Stelle doch immer wieder, wie sicher Japan ist: Selbst an dunkelsten Ecken findet man Automaten – und noch nie habe ich zerkratzte Scheiben, angekokelte Knöpfe, besprühte Automatenwände und ähnliches gesehen.

Wer sich mehr für diese Automaten interessiert – hier gibt es ein PDF zum herunterladen (nur Japanisch) mit zahlreichen Zusatzinformationen.

Das Wort des Tages: 次世代 jisedai – „nächste(r/s) Generation“. Neue Generation.

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Geboren am 7. Februar 2011…

Februar 7th, 2011 | Tagged | 43 Kommentare | 1766 mal gelesen

Geboren am 7. Feb 2011: Lou…wurde mein Sohn Lou, also heute, und zwar pünktlich vor Kaffee und Kuchen, um 13:52. Lou muss daher auch gleich mal für die geringer werdende Anzahl von Blogbeiträgen herhalten, da er und seine Schwester uns mit Sicherheit noch mehr auf Trab bringen werden.
Eigentlich sollte Lou bereits am 3. Februar soweit sein, aber scheinbar hatte er keine rechte Lust oder es war ihm noch zu kalt. Das bereitete uns bereits Kopfzerbrechen, denn meine Frau ist von normaler, japanischer Statur, aber schwere Kinder liegen scheinbar in meiner, deutschen, Familie. Die Hebamme meinte noch „das könnten fast 4’000 Gramm werden – sowas erleben wir maximal, wenn überhaupt, nur ein Mal im Jahr“. Nun, sie sollten ihr Pensum früh erfüllen dieses Jahr. Ich hatte das Gefühl, sie haben so ziemlich jedes Instrument benutzt, das das im Kreissaal so zur Verfügung stand: Saugnapf, Schere, Zange… ich wollte schon rufen „Ich möchte meine Frau gern in einem Stück wiederhaben“, aber der Witz wäre bestimmt nicht gut angekommen. Der Kampf dauerte vom Beginn der Wehen an nur 3 Stunden (dank Wehenbeschleuniger), aber die letzte Stunde war schlichtweg brutal. Ich hatte zum Schluss schon die leise Ahnung, das 100’000-Yen-Wort (rd. 1’000 Euro) 帝王切開 Teiō-Sekkai (Kaiser-Schnitt) zu hören, denn soviel kostet das Prozedere angeblich, und das wird nicht erstattet. Letztendlich ging es aber mit ach und krach ohne.
Das Ergebnis: 4’155 Gramm pures Geschrei, verteilt auf 53 cm. Eine erschöpfte Mutter (japanische Durchschnittsbabys wiegen ca. 2’800 Gramm!) und eine eifersüchtige, aber tapfere Tochter. Soviel heute und mal in eigener Sache.

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Kirishima-Ausbruch / Schneemalheur

Februar 1st, 2011 | Tagged , | 7 Kommentare | 799 mal gelesen

Freunde der aktuellen Nachrichten aus dem Bereich der Natur kommen in Japan momentan voll auf ihre Kosten. Zum einen wäre da der Ausbruch des 霧島 Kirishima – ein Vulkan bzw. eigentlich ein kleines, bis 1’700 m hohes Bergmassiv auf Südkyūshū, welches sich die Präfektur Kagoshima und Miyajima teilen. In dem Massiv befindet sich der gut 1’400 m hohe 新燃岳 Shin-moe-dake (Neu-Brennen-Berg, ein recht junger Vulkan, der seit 3 Tagen vor sich hin rumort, ungehörige Mengen Asche ausspuckt – und innerhalb der letzten 24 Stunden einen neuen Lavadom mit fast 500 m Durchmesser bildete. Dieser könnte in den nächsten Tagen mit lautem Knall auseinanderfliegen und pyroklastische Ströme zur Folge haben.

Kirishima – von Kagoshima aus aufgenommen

 

Noch herrscht rund um den Berg Eruptionswarnstufe 3 (5 ist die höchste) – das bedeutet, das der Zugang zum Berg begrenzt ist. Ab Stufe 4 wird begonnen zu evakuieren. Eine Webkamera, die auf den Shinmoedake gerichtet ist, gibt es hier.

Ansonsten leidet Japan momentan auch unter dem La Niña-Phänomen: Sicher, man ist seit jeher an ordentliche Schneemengen im Winter entlang der Westküste gewöhnt, doch dieses Jahr brechen zahlreiche Orte sämtliche Rekorde. In einigen Orten rund um Niigata türmt sich der Schnee bis zu 4 m auf, und ein Schnellzug an der Westküste kam bei sehr rasch gefallenen 2.5 m Neuschnee nicht mehr weiter – über 300 Fahrgäste müssen nun schon die zweite Nacht in Folge im Zug übernachten. Das selbe geschah bereits kurz nach Weihnachten vergangenen Jahres, als es auf einer Schnellstrasse bei Aizu-Wakamatsu (Fukushima) weder vor noch zurück ging: Gute zwei Tage standen hunderte Autos und LKWs im Schnee, ohne das jemand zu ihnen vordringen konnte.

In Tokyo hält sich das alles freilich wie immer in Grenzen – gestern fielen vereinzelte Krümel, aber ein richtiger Schneeschauer liess sich noch nicht blicken. Das kann aber noch kommen – wenn Schnee in der Hauptstadt fällt, dann erst im Februar oder Anfang März.

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