Kolumne: Wahnsinn Arbeitswelt

Dezember 13th, 2010 | Tagged , | 9 Kommentare | 1249 mal gelesen

Den folgenden Artikel habe ich für die Herbst (2010)-Ausgabe der Zeitschrift Midori geschrieben – und wie immer erscheint hier – mit Verspätung – die Online-Ausgabe. Viel Spass beim Lesen!

Neulich in einem Geschäftshotel in Japan: Ich bin zu früh dran, um einzuchecken, würde aber trotzdem ob der Hitze gern mein Gepäck abstellen. Im selbigen befindet sich ein iPad, das ich für das spätere Meeting brauchen werde. Der Batterieanzeiger deutet allerdings sachte an, dass ich das Gerät womöglich umsonst mitgebracht habe. Kein Problem, denke ich mir, denn an der Rezeption steht ein Schild mit dem Verweis, dass man auf Anfrage sein Handy oder auch Computer am Empfang aufladen lassen kann. Ich reiche also iPad und Aufladegerät herüber und bitte, es aufzuladen. Umgehend verschwindet das Berufslächeln vom Gesicht meines Gegenübers. Sein Kollege merkt das und gesellt sich dazu. Kurz darauf taucht eine weitere Angestellte auf. Getuschel. Da müsse man erstmal den Manager fragen, ob das geht, lautet das Ergebnis. „Aber wieso – dort steht doch, dass Handys und Computer aufgeladen werden können“, versuche ich zu argumentieren. „Das schon“, entgegnet man mir, „aber das hier ist ja was Anderes“.
Flink entschwand der erste Angestellte und kam umgehend mit dem Manager zurück. Der schaut sich kurz das Gerät an – und entscheidet, dass man es wohl doch irgendwo in die Kategorie Computer einordnen und entsprechend aufladen könne.

Wie oft wurde und wird mir doch von Japanern bei Offenbarung meiner Nationalität gesagt, dass sich Deutsche und Japaner ja so sehr ähneln und bestimmt deshalb schon immer gut auskamen (gelegentlich, bei älteren Semestern, garniert mit dem Dauerbrenner „Nächstes Mal aber ohne Italien, oder!?“). Laut Ansicht nicht weniger Japaner ähnelt sich dabei wohl vor allem die Einstellung zur Arbeit. Wirklich? Warum jammern dann die meisten Deutschen, die ich in Japan treffe, über ihre Arbeit und was das doch für Nerven koste, in einer japanischen Firma zu arbeiten?

Eines der ersten Dinge, die mir in Japan auffielen, war die schiere Masse von Angestellten, egal, wo man hinkommt. An Baustellen zum Beispiel sieht man sehr oft eine Person arbeiten und vier Leute drumherumstehen, die über jeden Handgriff diskutieren. Nein, da wird keiner angelernt – das sind alles gestandene Bauarbeiter. Vor und hinter der Baustelle stehen dazu oft noch angeheuerte Jedi-Ritter, die mit ihren Leutchstäben dem Verkehr oftmals mehr Schaden als Nutzen bringen.
In manche Läden und Restaurants traut man sich kaum alleine rein, weil man sich dort plötzlich mutterseelenallein einem Heer von Angestellten gegenüber sieht – alle sehen dabei irgendwie beschäftigt aus, obwohl niemand da ist. Man fragt sich beim Anblick solcher Massen oft, wie um alles in der Welt das Geschäft Gewinn einbringt. Andererseits erklärt sich so auch die in Japan permanent niedrige Arbeitslosenrate, die nur sehr selten über 5% klettert.

Wenn es also so viele Arbeiter und Angestellte gibt, müsste doch eigentlich alles innerhalb eines normalen Arbeitstages zu schaffen sein, könnte man versucht sein zu denken. Pustekuchen! Es ist schlichtweg unglaublich, wie man es in Japan schafft, Angestellte mit sich selbst zu beschäftigen. Da wird jeder kleine Schritt in unglaublich wichtigen Meetings besprochen, da wird bestätigt, verschoben, komplett umgekrempelt, verworfen was das Zeug hält. Ist kein Entscheidungsträger vor Ort, wird die Misere besonders ersichtlich – trotz mehrstündiger Besprechungen kommt es zu keinem einzigen Ergebnis, da erstmal später nach oben berichtet werden muss. Vorpreschen und spontan Verantwortung übernehmen sind dabei verpönt – es geht um den gesamtheitlichen Konsens, und der muss vom Oberen letztendlich noch abgesegnet bzw. bestätigt werden. Wehe dem, der es wagt, diese Kette zu unterbrechen! Einzelgängerische Entscheidungen und Handlungen stören den Betriebsfrieden empfindlich, und die Strafen dafür können drakonisch sein. Grosse Unternehmen wie JR West oder Toyota wurden deshalb in jüngerer Zeit schon oft an den Pranger gestellt. Wer mehr über die Art und Weise des Umgangs in japanischen Firmen lesen möchte, dem sei an dieser Stelle der autobiographische Roman „Mit Staunen und Zittern“ der Belgierin Amélie Nothomb empfohlen.

Die Art und Weise, Unternehmen zu führen, kann es jedenfalls nicht sein, was Deutsche und Japaner verbindet. Es gibt sicherlich viele Ausnahmen und zwischenmenschliche Scharmützel mit diversen Kollateralschäden in deutschen Firmen, doch unsinnig erscheinende Sachen wie das zig-malige Verfassen ein- und desselben Briefes aus Übungs- oder Bestrafungsgründen oder das ungeschriebene Gesetz, dass man zum Beispiel nie zeigen sollte, dass man eine Fremdsprache besser beherrscht als sein Vorgesetzter, auch wenn es der Firma nützen würde, sollte in europäischen Gefilden doch eher die Ausnahme sein. Hoffe ich zumindest.

Man ist also sehr nach Harmonie aus, nach Konsens, und nach Perfektion. „Herausstehende Nägel müssen eingeschlagen werden“, besagt ein altes japanisches Sprichwort. Schaut man allerdings genau hin, packt einen mitunter das kalte Grausen: Zwar sehen ausnahmslos alle ab Montag morgen im Büro ganz furchtbar beschäftigt und gestresst aus, doch sobald man zum Rapport antreten lässt und fragt, was heute ansteht, kommt oft nur Gestammel und sehr schwammige Angaben wie „ich muss noch ein paar Emails verfassen“ usw. Man fühlt sich regelrecht schlecht dabei, Aufgaben zu verteilen. Allerdings: So richtig viel passiert während der nächsten Tage nicht, der Alltag plätschert dahin und alle sind irgendwie so beschäftigt, dass unbedingt Überstunden geschoben werden müssen. Doch dann: Es ist Freitag (oder je nach Unternehmen Sonnabend). Plötzlich herrscht Panik, es wird telefoniert wie verrückt, und es werden Unmengen an Emails herausgeschickt. Gleichzeitig mehren sich auf wundersame Art und Weise die Anrufe von irgendwelchen mehr oder weniger dubiosen Firmen sowie die ungebetenen Besuche nicht minder dubioser Vertreter.

Das irritierte mich anfangs, und auch nach vielen Jahren kann ich mich nicht so recht daran gewöhnen. Mir fiel da die aussergewöhnliche Telefonierwut unseres Vertriebes an Freitagen auf. Welchen Sinn macht eine Kaltaquise am Freitag um 7 Uhr abends? Würde jemand am Freitag nachmittag, geschweige denn Abend, eine Firma in Deutschland anrufen und sagen „Darf ich mir vorstellen, wir sind die und der, wären Sie eventuell an unserem Service interessiert?“ so kann ich mir das Ergebnis lebhaft vorstellen: Mildes bis deutliches Desinteresse (vielleicht war ich aber auch zu lange nicht mehr in Deutschland). Ich war neugierig: Steckte dahinter eine schlaue Taktik? Gab es eine Strategie? Die Antwort war desillusionierend: „Ist uns gar nicht aufgefallen. Rufen wir wirklich mehr an am Freitag?“. Und das Schlimme: Die Leute gehen am Freitag abend nach 7 Uhr ans Telefon und zeigen sich interessiert!

Fragt mich jemand nach der Arbeitsmoral in Deutschland, entgegne ich gerne, dass das Prinzip „Dienst ist Dienst, Schnaps ist Schnaps“ ein wichtiger Grundgedanke ist. In Japan hingegen wird gern vermischt. Wo hört der Dienst auf, wo beginnt das Private? Die Grenzen verwischen. Im Handy stehen dutzende bis hunderte Telefonnummern. Kunde? Freund? Manchmal erhält man keine klare Antwort. Wie viele Verträge werden wohl in Japan nicht im Büro, sondern ausserhalb, in Trinkhallen oder Restaurants abgeschlossen? Möchte jemand in Japan Industriespionage betreiben, muss er einfach nur Angestellter oder Stammgast in diversen beliebten Treffs werden.

Komischerweise finden sich dann aber doch Parallelen in Deutschland und in Japan – so zum Beispiel die Reglementierwut in Firmen und Ämtern. Die aber wie am oben genannten Beispiel im Hotel mitunter recht seltsame Blüten treibt: Steht etwas nicht in den Anweisungen, kann es nicht gemacht werden oder setzt erstmal die ganze Apparatur in Gang. Hinzu kommen Anweisungen von diversen Verbänden. So fällt es zum Beispiel auf, das beinahe alle Geschäfte ein englisches Schild an der Kasse stehen haben: „Bitte verstehen Sie, dass wir kein Geld wechseln können“. Zum Teil versehen mit dem Zusatz „Aufgrund zahlreichr Probleme damit in der Vergangenheit“. Als ob die 2% Ausländer in Japan (von denen über 80% kein Englisch sprechen) nichts anderes zu tun hätten als pausenlos von Laden zu Laden zu ziehen um Geld zu wechseln.

Und doch sind sowohl Japan als auch Deutschland wirtschaftlich sehr erfolgreich – japanische und deutsche Marken sind im Ausland beliebt und machen beide Nationen zu Exportnationen. Japaner begründen das am liebsten mit Fleiss und dem Hang zum Perfektionismus. Trotz allem ist es unglaublich schwer für Deutsche (und andere Ausländer), sich problemlos in japanischen Unternehmen zu integrieren. Und für Japaner, in fast ausschliesslich von Ausländern geführten Unternehmen zu arbeiten – Japan ist eben Japan.

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9 Responses to “Kolumne: Wahnsinn Arbeitswelt”

  • Stefan sagt:

    Wie sieht es denn in Japan mit Startups aus? In Deutschland widersetzen ja gerade diese sich der starren Reglementierwut und wollen flexibel und unhierarchisch arbeiten (so zumindest kürzlich in einer Stellenbeschreibung mit dem schönen Satzende „despite we are German“ (oder so ähnlich) gelesen).

    Gibt es in Japan auch Ambitionen von kleinen Unternehmen, den Arbeitsalltag in der „alten Welt“ zu durchbrechen?

  • Herm sagt:

    Sehr guter Beitrag. Manches davon (Freitag) hattest du ja vorher schonmal geschrieben. Immer wieder schön zu lesen

  • Snjeko sagt:

    Hallo,

    vielen Dank für den Artikel. Es war wirklich interessant, deinen Bericht über das Arbeitsleben in Japan zu lesen. Klingt stellenweise wie vom Mars … na ja, ist es ja auch fast. :-) *duck*

  • fritz sagt:

    ahh jetzt haste den spannungsbogen aber nicht aufgelöst… durfteste nun dein iPad aufladen oder nicht??

  • Tobey sagt:

    @fritz
    „Der schaut sich kurz das Gerät an – und entscheidet, dass man es wohl doch irgendwo in die Kategorie Computer einordnen und entsprechend aufladen könne.“ ;-)

    Und zum Thema: Wie überleben die Firmen in Japan? WIE? Dieses Geheimnis könnte die deutsche Wirtschaft, nein jede Wirtschaft weltweit retten! Die ganze Woche über nix schaffen, 500% an Angestellten haben, wie ist es möglich, dass sich die Firmen länger als 6 Monate halten können? Auf der anderen Seite erklärt das aber auch die enorme Verschuldung…

  • Julia sagt:

    LOL Jedi-Ritter. xD Die sind mir auch aufgefallen – na ja, aber besser, als arbeitslos zu Hause rumzuhängen, oder?

    Ich hab auch immer in der Freizeit das Gefühl, dass Japaner etwas zögerlich sind. Beispiel: Eine Party geht sehr lange, bis in den frühen Morgen. Um 6 heißt es, „hey, wir sollten langsam los, oder?“ Und dann setzen sich alle noch mal hin und schlafen vielleicht ne Runde auf unbequemen Stühlen. Dann wird alles noch 3 mal wiederholt, und so gegen 8 ist man dann endlich unterwegs.

  • Anonymous sagt:

    @Stefan
    Startups stellen oft ihre eigenen Regeln auf – zum Beispiel verordneter Mittagsschlaf usw. Aber: In vielen Startups sind die Bedingungen teils noch härter – Stichwort unkontrollierte Überstunden, die nicht vergütet werden, kaum Freizeit usw. Hängt freilich alles stark von der Philosophie des Firmengründers ab.

    @Fritz
    Einer hat’s gemerkt :) Ja, ich durfte. Bedurfte aber einer kleinen Erklärung über den momentanen Stand der Technik…

    @Tobey
    Zu einem guten Teil durch die Liebe zum Detail und zur Qualität. Sowie durch die Opferbereitschaft gegenüber der Firma – und damit sind alle Etagen gemeint.

    @Julia
    Kann ich auch ein Lied von singen. Keiner will der Erste oder der Letzte sein. Manchmal eine echte Geduldsprobe.

  • Lori sagt:

    Haha, sehr guter Artikel. Musste an sehr vielen Stellen kraeftig nicken.

    Eine kleine Anmerkung zum „Geheimnis“ japanischer Wettbewerbsfaehigkeit:
    Es stimmt natuerlich, dass man in Japan weniger ergebnisorietiert und ineffektiver arbeitet (im Allgemeinen!), aber ich denke, das wird durch die langen Arbeitsstunden wieder wettgemacht.
    Ausserdem muss man wohl unterscheiden zwischen den nach wie vor sehr konkurrenzfaehigen Sektoren der japanischen Wirtschaft wie Maschinenbau (Autos, Roboter etc.) und Elektronik und den Sektoren in denen das Geld dann wieder verschwendet wird (wie z.B. Landwirtschaft und Service).
    Ich bin auch der Meinung, dass die Loehne in Japan speziell im Dienstleistungssektor ziemlich niedrig sind, wenn man die Arbeitszeit einrechnet. Ich weiss noch, wie meine Frau in einem Kleidungsgeschaeft arbeitete und pro Woche an die 60 Stunden schaffte. Lohn: Etwa 1600 Euro / Monat.

    Ich habe in Japan zwar auch schon Vollzeit gearbeitet und koennte da noch einiges erzaehlen, aber vielleicht ist ein kleines Beispiel aus einem meiner gegenwaertigen Nebenjobs auch ganz interessant:
    Ich arbeite in einer Juku (Paukschule) und die Arbeitszeit ist von 17 – 21 Uhr. Interessant ist, dass alle Lehrer immer und ausnahmslos bis ungefaehr 21.30 Uhr bleiben und die meiste Zeit davon mit tratschen und gelangweilt aussehen verbringen (die Kinder sind dann naemlich schon zu Hause und es gibt so gut wie nichts zu tun). So gegen halb zehn sagt unsere Vorgesetzte (die im Gegensatz zu allen anderen auch wirklich beschaeftigt ist) dann meist nur „Otsukaresama“ und das wars (manchmal gibt es noch eine kurze Bemerkung, falls etwas Besonderes vorgefallen ist). Und dafuer warten dann meist ein knappes Dutzend Leute eine halbe Stunde – die selbstverstaendlich nicht bezahlt wird. So etwas nennt man in Japan dann Service-Ueberstunden (サービス残業)…

    ヤレヤレだぜ

  • MK sagt:

    Ich kann sehr gut nachvollziehen…Meine Landesleute sind echt ziemlich krass darauf.

    Ich habe in Japan nur halbes Jahr gearbeitet, denn es hat mir gereicht.
    Am Anfang habe ich alles nicht gemacht was mein Vorgesetzte von mir erwartet hat und was er für richtig hält: Z.B. über die Arbeitszeit hinaus in der Firma bleiben, immer lächeln, Kaffee kochen und servieren, jede Kleinigkeiten seine Zustimmung erhalten usw.

    Ich habe zwar studiert,aber nicht um akademischen Knecht zu werden.

    Viele Mitarbeiter blieben lange in der Firma um Meckerei des Vorgesetztes zu vermeiden. Dabei versuchen sie ihre Arbeit sooo langsam wie möglich machen damit sie bis 20:00 bzw. 21:00 Uhr beschäftigt sein können.

    Die ieblingsfrage der Vorgesetzte war: Was ist wichtig für Sie? Die Arbeit? Oder das Private?
    Natürlich gibts nur eine Antwort in Japan…Als ich erstesmal gefragt wurde, habe ich versehntlich ehrlich geantwortet. Dann war Polen offen.

    Ich wundere mich warum alle es aushalten. Na ja, jeder muss selbst entscheiden.

    Wie schaffst du denn so lange dort zu arbeiten?