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Kolumne: Wahnsinn Arbeitswelt

Dezember 13th, 2010 | Tagged , | 9 Kommentare | 945 mal gelesen

Den folgenden Artikel habe ich für die Herbst (2010)-Ausgabe der Zeitschrift Midori geschrieben – und wie immer erscheint hier – mit Verspätung – die Online-Ausgabe. Viel Spass beim Lesen!

Neulich in einem Geschäftshotel in Japan: Ich bin zu früh dran, um einzuchecken, würde aber trotzdem ob der Hitze gern mein Gepäck abstellen. Im selbigen befindet sich ein iPad, das ich für das spätere Meeting brauchen werde. Der Batterieanzeiger deutet allerdings sachte an, dass ich das Gerät womöglich umsonst mitgebracht habe. Kein Problem, denke ich mir, denn an der Rezeption steht ein Schild mit dem Verweis, dass man auf Anfrage sein Handy oder auch Computer am Empfang aufladen lassen kann. Ich reiche also iPad und Aufladegerät herüber und bitte, es aufzuladen. Umgehend verschwindet das Berufslächeln vom Gesicht meines Gegenübers. Sein Kollege merkt das und gesellt sich dazu. Kurz darauf taucht eine weitere Angestellte auf. Getuschel. Da müsse man erstmal den Manager fragen, ob das geht, lautet das Ergebnis. “Aber wieso – dort steht doch, dass Handys und Computer aufgeladen werden können”, versuche ich zu argumentieren. “Das schon”, entgegnet man mir, “aber das hier ist ja was Anderes”.
Flink entschwand der erste Angestellte und kam umgehend mit dem Manager zurück. Der schaut sich kurz das Gerät an – und entscheidet, dass man es wohl doch irgendwo in die Kategorie Computer einordnen und entsprechend aufladen könne.

Wie oft wurde und wird mir doch von Japanern bei Offenbarung meiner Nationalität gesagt, dass sich Deutsche und Japaner ja so sehr ähneln und bestimmt deshalb schon immer gut auskamen (gelegentlich, bei älteren Semestern, garniert mit dem Dauerbrenner “Nächstes Mal aber ohne Italien, oder!?”). Laut Ansicht nicht weniger Japaner ähnelt sich dabei wohl vor allem die Einstellung zur Arbeit. Wirklich? Warum jammern dann die meisten Deutschen, die ich in Japan treffe, über ihre Arbeit und was das doch für Nerven koste, in einer japanischen Firma zu arbeiten?

Eines der ersten Dinge, die mir in Japan auffielen, war die schiere Masse von Angestellten, egal, wo man hinkommt. An Baustellen zum Beispiel sieht man sehr oft eine Person arbeiten und vier Leute drumherumstehen, die über jeden Handgriff diskutieren. Nein, da wird keiner angelernt – das sind alles gestandene Bauarbeiter. Vor und hinter der Baustelle stehen dazu oft noch angeheuerte Jedi-Ritter, die mit ihren Leutchstäben dem Verkehr oftmals mehr Schaden als Nutzen bringen.
In manche Läden und Restaurants traut man sich kaum alleine rein, weil man sich dort plötzlich mutterseelenallein einem Heer von Angestellten gegenüber sieht – alle sehen dabei irgendwie beschäftigt aus, obwohl niemand da ist. Man fragt sich beim Anblick solcher Massen oft, wie um alles in der Welt das Geschäft Gewinn einbringt. Andererseits erklärt sich so auch die in Japan permanent niedrige Arbeitslosenrate, die nur sehr selten über 5% klettert.

Wenn es also so viele Arbeiter und Angestellte gibt, müsste doch eigentlich alles innerhalb eines normalen Arbeitstages zu schaffen sein, könnte man versucht sein zu denken. Pustekuchen! Es ist schlichtweg unglaublich, wie man es in Japan schafft, Angestellte mit sich selbst zu beschäftigen. Da wird jeder kleine Schritt in unglaublich wichtigen Meetings besprochen, da wird bestätigt, verschoben, komplett umgekrempelt, verworfen was das Zeug hält. Ist kein Entscheidungsträger vor Ort, wird die Misere besonders ersichtlich – trotz mehrstündiger Besprechungen kommt es zu keinem einzigen Ergebnis, da erstmal später nach oben berichtet werden muss. Vorpreschen und spontan Verantwortung übernehmen sind dabei verpönt – es geht um den gesamtheitlichen Konsens, und der muss vom Oberen letztendlich noch abgesegnet bzw. bestätigt werden. Wehe dem, der es wagt, diese Kette zu unterbrechen! Einzelgängerische Entscheidungen und Handlungen stören den Betriebsfrieden empfindlich, und die Strafen dafür können drakonisch sein. Grosse Unternehmen wie JR West oder Toyota wurden deshalb in jüngerer Zeit schon oft an den Pranger gestellt. Wer mehr über die Art und Weise des Umgangs in japanischen Firmen lesen möchte, dem sei an dieser Stelle der autobiographische Roman “Mit Staunen und Zittern” der Belgierin Amélie Nothomb empfohlen.

Die Art und Weise, Unternehmen zu führen, kann es jedenfalls nicht sein, was Deutsche und Japaner verbindet. Es gibt sicherlich viele Ausnahmen und zwischenmenschliche Scharmützel mit diversen Kollateralschäden in deutschen Firmen, doch unsinnig erscheinende Sachen wie das zig-malige Verfassen ein- und desselben Briefes aus Übungs- oder Bestrafungsgründen oder das ungeschriebene Gesetz, dass man zum Beispiel nie zeigen sollte, dass man eine Fremdsprache besser beherrscht als sein Vorgesetzter, auch wenn es der Firma nützen würde, sollte in europäischen Gefilden doch eher die Ausnahme sein. Hoffe ich zumindest.

Man ist also sehr nach Harmonie aus, nach Konsens, und nach Perfektion. “Herausstehende Nägel müssen eingeschlagen werden”, besagt ein altes japanisches Sprichwort. Schaut man allerdings genau hin, packt einen mitunter das kalte Grausen: Zwar sehen ausnahmslos alle ab Montag morgen im Büro ganz furchtbar beschäftigt und gestresst aus, doch sobald man zum Rapport antreten lässt und fragt, was heute ansteht, kommt oft nur Gestammel und sehr schwammige Angaben wie “ich muss noch ein paar Emails verfassen” usw. Man fühlt sich regelrecht schlecht dabei, Aufgaben zu verteilen. Allerdings: So richtig viel passiert während der nächsten Tage nicht, der Alltag plätschert dahin und alle sind irgendwie so beschäftigt, dass unbedingt Überstunden geschoben werden müssen. Doch dann: Es ist Freitag (oder je nach Unternehmen Sonnabend). Plötzlich herrscht Panik, es wird telefoniert wie verrückt, und es werden Unmengen an Emails herausgeschickt. Gleichzeitig mehren sich auf wundersame Art und Weise die Anrufe von irgendwelchen mehr oder weniger dubiosen Firmen sowie die ungebetenen Besuche nicht minder dubioser Vertreter.

Das irritierte mich anfangs, und auch nach vielen Jahren kann ich mich nicht so recht daran gewöhnen. Mir fiel da die aussergewöhnliche Telefonierwut unseres Vertriebes an Freitagen auf. Welchen Sinn macht eine Kaltaquise am Freitag um 7 Uhr abends? Würde jemand am Freitag nachmittag, geschweige denn Abend, eine Firma in Deutschland anrufen und sagen “Darf ich mir vorstellen, wir sind die und der, wären Sie eventuell an unserem Service interessiert?” so kann ich mir das Ergebnis lebhaft vorstellen: Mildes bis deutliches Desinteresse (vielleicht war ich aber auch zu lange nicht mehr in Deutschland). Ich war neugierig: Steckte dahinter eine schlaue Taktik? Gab es eine Strategie? Die Antwort war desillusionierend: “Ist uns gar nicht aufgefallen. Rufen wir wirklich mehr an am Freitag?”. Und das Schlimme: Die Leute gehen am Freitag abend nach 7 Uhr ans Telefon und zeigen sich interessiert!

Fragt mich jemand nach der Arbeitsmoral in Deutschland, entgegne ich gerne, dass das Prinzip “Dienst ist Dienst, Schnaps ist Schnaps” ein wichtiger Grundgedanke ist. In Japan hingegen wird gern vermischt. Wo hört der Dienst auf, wo beginnt das Private? Die Grenzen verwischen. Im Handy stehen dutzende bis hunderte Telefonnummern. Kunde? Freund? Manchmal erhält man keine klare Antwort. Wie viele Verträge werden wohl in Japan nicht im Büro, sondern ausserhalb, in Trinkhallen oder Restaurants abgeschlossen? Möchte jemand in Japan Industriespionage betreiben, muss er einfach nur Angestellter oder Stammgast in diversen beliebten Treffs werden.

Komischerweise finden sich dann aber doch Parallelen in Deutschland und in Japan – so zum Beispiel die Reglementierwut in Firmen und Ämtern. Die aber wie am oben genannten Beispiel im Hotel mitunter recht seltsame Blüten treibt: Steht etwas nicht in den Anweisungen, kann es nicht gemacht werden oder setzt erstmal die ganze Apparatur in Gang. Hinzu kommen Anweisungen von diversen Verbänden. So fällt es zum Beispiel auf, das beinahe alle Geschäfte ein englisches Schild an der Kasse stehen haben: “Bitte verstehen Sie, dass wir kein Geld wechseln können”. Zum Teil versehen mit dem Zusatz “Aufgrund zahlreichr Probleme damit in der Vergangenheit”. Als ob die 2% Ausländer in Japan (von denen über 80% kein Englisch sprechen) nichts anderes zu tun hätten als pausenlos von Laden zu Laden zu ziehen um Geld zu wechseln.

Und doch sind sowohl Japan als auch Deutschland wirtschaftlich sehr erfolgreich – japanische und deutsche Marken sind im Ausland beliebt und machen beide Nationen zu Exportnationen. Japaner begründen das am liebsten mit Fleiss und dem Hang zum Perfektionismus. Trotz allem ist es unglaublich schwer für Deutsche (und andere Ausländer), sich problemlos in japanischen Unternehmen zu integrieren. Und für Japaner, in fast ausschliesslich von Ausländern geführten Unternehmen zu arbeiten – Japan ist eben Japan.

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