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September 29th, 2010 | Tagged Kulinarisches | 6 Kommentare | 488 mal gelesen
Ich war schon vorher neugierig: Wie wird sich die zweite Schwangerschaft meiner Frau wohl dieses Mal auf die Essgewohnheiten auswirken? Beim ersten Mal konnte sie plötzlich keinen rohen Fisch mehr sehen (hat sich nach der Geburt sehr schnell wieder erledigt). Dieses Mal ist es … Fleisch. Nun waren wir nie die riesengrossen Fleischesser – zum Vegetarier reicht es nicht, und ein gelegentliches saftiges Steak muss schon sein, aber ansonsten drehte sich schon immer alles mehr um Fisch und Co. sowie Gemüse.
Ich war dabei früher bei meinen ersten Besuchen in Japan immer von der Vielfalt des Gemüseangebots fasziniert – und überrascht, dass das, was viele Japaner in Europa zum Beispiel vermissen, nicht unbedingt roher Fisch, sondern oft eher schlichtweg Gemüse ist.
Gemüselastig: Japanische Küche (links: Knoblauchsprossen, Mitte: Wachskürbis, rechts: Wasserspinat
Der erste Blick auf das Abendessen heute liess erstmal wieder einen Gedanken aufkommen (siehe Foto): Das sieht aber gesund aus! Das auf dem Foto war zwar nicht alles (es gab noch heisse Udon als Suppe dazu), aber es war mal wieder sehr Japanisch: In Soyasauce eingelegte Knoblauchsprossen (nein, die schmecken nicht wirklich nach Knoblauch), mit einem Hauch Krabbenfleisch gekochter Wachskürbis (auf Japanisch: Tōgan, riesige Früchte) und in Austernsauce gebratener Wasserspinat (Kūshinsai).
Wird man davon satt? Ja, auf angenehme Art und Weise. Und die Sachen schmecken auch richtig gut, auch wenn man sich an einige Sachen erst gewöhnen muss. Ich muss an dieser Stelle auch mal meiner Frau Respekt zollen – als ich sie kennenlernte, konnte sie gerade mal zwei Gerichte kochen, in abwechselnder Reihenfolge. Was sie dagegen heute an ganz normalen Werktagen zusammenkocht ist schwer zu übertreffen. Ach ja, ich bin an den Wochenenden dran mit kochen. Vielleicht sogar mit einer Spur Fleisch, mal sehen…
Eigentlich wird es mal wieder Zeit für ein neues Projekt: Eine Datenbank mit Bildern und Beschreibungen zu den gängigsten japanischen Lebensmitteln. Klingt irgendwie nach einer Lebensaufgabe…
Das Wort des Tages: 野菜 yasai. Gemüse.
Heute haben die Justizbehörden in Okinawa den Kapitän des chinesischen Fischkutters freigelassen, welcher vor einer guten Woche nahe der 尖閣諸島 Senkaku-Inseln alias 釣魚台群島 Diaoyu-tai-Inseln (chinesischer Name) mit einem Boot der japanischen Küstenwache zusammenstiess.
Jene Inseln sind unbewohnt, werden im Allgemeinen als japanisches Territorium angesehen, jedoch gleichzeitig und schon immer vehement von Taiwan und der VR China beansprucht. Es geht bei den Inseln freilich weniger um die Inseln als um die Umgebung der Inseln – schliesslich gehört das Gebiet rund um die Inseln bis zu einer Entfernung von 200 km nach Völkerrecht dem Besitzer der Inseln als Ausschließliche Wirtschaftszone (AWZ) zur Verfügung. Und rund um die Senkaku-Inseln gibt es viele Fische – und Erdgasfelder.
1895 riss sich Japan die Senkaku-Inseln zusammen mit Taiwan unter den Nagel. Laut des 1952 in Kraft getretenen Friedensvertrages von San Francisco gehörten die Inseln “offiziell” zu Japan – die Kontrolle über die Inseln sowie ganz Okinawa wurde 1972 von den Amerikanern an Japan zurückgegeben. Dumm nur, dass weder die VR China noch Taiwan den Vertrag unterzeichneten.
Beim Vorfall vor einer Woche nahm die Küstenwache die Besatzung des Fischkutters fest – und liess bis auf den Kapitän alle wieder umgehend frei. China war darob empört: Man bestellte den japanischen Botschafter mehrfach ein (selbst nach Mitternacht), sagte alle Treffen zwischen Japan und China auf höherer und Provizebene ab und drohte mit allerlei Massnahmen. Quasi als Gegenzug wurden dazu gestern auch noch vier Japaner in China wegen Spionageverdachts angezeigt. Japan pochte derweilen auf eine sachliche Reaktion, China auf Kompromisslosigkeit. Die USA, immerhin Japans militärischer Verbündeter, schauten dem Treiben eher lustlos zu und hoben jüngst nur kurz den Zeigefinger.
Nun gibt es Zoff um Inseln in dieser Gegend schon immer (siehe z.B. hier) – auch mit Russland und Südkorea. In Sachen Senkaku-Inseln kann sich Japan jedoch mit Sicherheit auf etwas gefasst machen: China weiss ob seiner Grösse und Japans Abhängigkeit vom chinesischen Markt. Da wird sich sehr bald herausstellen, wessen Daumenpressen wirksamer sind.
September 18th, 2010 | Tagged Blog | 20 Kommentare | 735 mal gelesen
Ich bin weiss Gott kein “Profiblogger” und versuche auch nicht, einer zu werden. Aber man merkt beim Bloggen bzw. beim Lesen anderer Blogs, dass man als Blogger – zumindest als solcher mit ständigen Lesern und der üblichen Laufkundschaft von Google & Co. eine gewisse Verantwortung hat. Was passiert, wenn ich schreibe, dass ausnahmslos alle Japanerinnen definitiv auf westliche Ausländer abfahren? Dass an jeder zweiten Strassenecke Schlüpferautomaten stehen? Dass Japaner mindestens ein Mal am Tag Sushi essen?
Eine Reihe entrüsteter Kommentare wären die Folge, doch wer nach obigen Stereotypen sucht, muss nicht immer zwangsläufig auch die Kommentare lesen. Zudem tendiert der gemeine Mensch auch nachwievor dazu, erstmal das, was geschrieben steht, für bare Münze zu nehmen, da es ja geschrieben steht. Jaja, die meisten Leser machen das nicht, aber das ist nun mal ein empirischer Wert.
Wo war ich. Ach ja, Bloggen. Vor allem aus dem Ausland. Da gibt es einen hübschen Paragraphen im AuswSG – Gesetz zum Schutze der Auswanderer. Dort findet man unter §1 Absatz 1 folgendes (Link zum kompletten Gesetz hier:
Wer geschäftsmäßig Auskunft über die Aussichten der Auswanderung und über die Lebensverhältnisse im Einwanderungsland, insbesondere über die Arbeits- und Niederlassungsverhältnisse im Ausland oder in diesen Angelegenheiten Rat erteilen will, bedarf der Erlaubnis der zuständigen Behörde. Die Erlaubnis ist zu versagen, wenn Tatsachen die Annahme rechtfertigen, daß der Antragsteller die für die Beratung erforderliche Zuverlässigkeit nicht besitzt, oder wenn der Antragsteller die für die Beratung erforderliche Sachkunde nicht nachweist. Der Nachweis der Sachkunde gilt als erbracht, wenn der Antragsteller fünf Jahre als unselbständiger Berater bei einer in Absatz 2 genannten Auskunfts- oder Beratungsstelle tätig war. Die Erlaubnis kann unter Bedingungen erteilt und mit Auflagen verbunden werden; nachträgliche Auflagen sind zulässig; darauf ist in der Erlaubnis hinzuweisen.
Dieses Gesetz stammt wohlgemerkt aus dem Jahre 1975 – ist aber nachwievor gültig. Da wird es freilich interessiert. Ist dieser Blog hier zum Beispiel bereits “geschäftsmäßig”? Immerhin gibt es hier bezahlte Werbung (Firefox-User mit Adblock wird das evtl. neu sein), und man könnte meine Schreibwut – darunter zahlreiche Tipps zum Leben und Arbeiten in Japan – durchaus verwechseln mit reger Geschäftigkeit mit dem Ziel, Geld zu scheffeln (dem ist nicht so – was den Blogteil dieser Webseite betrifft, könnte ich die Werbung eigentlich auch ganz rausnehmen – es macht keinen Unterschied).
Noch brennender interessiert mich dann aber doch die Frage, wer denn die zuständigen Behörde ist und wie und wo ich geahndet werden würde, wenn ich hier schreiben würde, wie man am besten nach Japan aussiedelt (Koffer packen, Chef und Telekom dicken Finger zeigen, Zug zum Flughafen nehmen, an der Security Schuhe ausziehen usw.). Ich überlasse das ganze mal des Lesers Phantasie. Das Gesetz hat einen triftigen Grund – man will verhindern, dass irgendwelche Bauernfänger wild Leute in ein nicht-existierendes Paradies zu treiben versuchen – doch mit dem Phänomen Bloggen/Webseiten schreiben entsteht hier eine enorme Grauzone.
Genauso suspekt ist mir dabei allerdings auch die Pflicht, im Impressum seine Adresse hinterlassen zu müssen (stimmt das überhaupt noch!?). Kann mich noch gut an einen Beinahe-Psychopathen erinnern – vor knapp 5 Jahren hatte ich per Zufall gemerkt, dass jener ungefragt und ohne Quellenangabe eine komplette Seite von mir in seine Seiten eingebaut hatte. Als ich ihn darum bat, entweder die Quelle zu nennen oder den Artikel zu entfernen, bot mir der Geselle erstmal per E-Mail eine Tracht Prügel an. Clever wie er war hatte er auch schon meine Adresse bei der DENIC nachgeschlagen und versprochen, mir dort demnächst einen unangemeldeten Besuch abzustatten.
Solange solche Psychopathen frei herumlaufen, werde ich es mir wohl als Familienvater gut überlegen, ob ich meine Adresse überall bekanntgebe.
P.S. Würde mich auch mal interessieren, was passieren würde, wenn ich hier “Sarrazin ist doof” schreiben würde. Würde ich dann beim nächsten Versuch, in Deutschland einzureisen, nach Erzurum abgeschoben werden?
P.P.S. Auf das oben zitierte AuswSG bin ich beim Lesen des Blogs Die Auswanderer – Interessantes und Belangloses aus unserem Leben in Mexico gestossen (fand sich in meiner Referrerliste). Prädikat: Sehr interessant.
Das Wort des Tages: 違法 ihō. falsch/anders – Gesetz. Illegal.
Heute hat Tepco (The Tokyo Electric Power Company, Inc., im Japanischen kurz: 東電) seinen neuen 10-Jahres-Plan in Sachen Energiestrategie vorgelegt. Tepco – das ist der viertgrösste Stromerzeuger der Erde (Nr. 1 war E.on, Nr. 3 RWE – Stand 2007, nach verkauften Einheiten) und, der Name lässt es erahnen, hauptsächlich verantwortlich für die Versorgung von Tokyo und Umgebung.
Die guten Nachrichten zuerst. 10 Millionen Tonnen CO&sub2; pro Jahr weniger will man bis 2020 erreicht haben. Die schlechten Nachrichten: Im Auslandsgeschäft will man dies durch effizientere Kohle- und Ölkraftwerke erreichen, im Inland hingegen durch den Ausbau der Kernenergie. Alternative Energiequellen erscheinen im 10-Jahres-Plan eher unter der Rubrik “ferner liefen”. Im Klartext: Erneuerbare Energie lohnt nicht, im Ausland bauen wir auf fossile Brennträger weil billiger und im Inland auf Kernkraft, da sich eh keiner drüber aufregt. Nicht mal dann, wenn man wider besseren Wissens Kernkraftwerke auf seismisch äusserst aktiven Verwerfungen baut.
Einerseits ist die japanische Ausrichtung auf Kernenergie eine logische Sache: Das Land hat selbst keine fossilen Brennstoffe und ist zu 99.99% vom Weltmarkt abhängig. Andererseits verwundert es mich dann doch sehr, dass man a) nicht endlich mal damit anfängt, die Häuser ordentlich zu isolieren und b) auch auf Arten wie die Geothermalenergie setzt – wenn sich ein Land für diese Art der Energiegewinnung neben Island eignet, dann Japan.
Immerhin hat aber gestern Mitsubishi Estate Inc. z.B. beschlossen, alle Eigentumswohnbauten, die ab jetzt gebaut werden, von Anfang an mit Solaranlagen zu bauen. So können im Schnitt rund 10% Energie selbst erzeugt werden.
Das Wort des Tages: 再生可能エネルギー Saisei Kanō Enerugii – “erneuern-möglich-Energie”. Erneuerbare Energie (jaja, nicht gerade “physically correct”).
September 9th, 2010 | Tagged Wirtschaft | 5 Kommentare | 541 mal gelesen
Seit Mai diesen Jahres kennt der Yen eigentlich nur noch eine Richtung: Die nach oben. Kurs zum Euro? Im April lag er noch bei über 125 Yen zum Euro, heute bei 108 Yen. Kurs zum Dollar? Im April zahlte man 94 Yen pro Dollar (und das war schon wenig), heute 83 Yen. Der Euro-Yen-Kurs liegt so tief wie seit 8 Jahren, kurz nach Einführung des Euro, nicht mehr. Der Dollar befindet sich gegenüber dem Yen auf dem tiefsten Stand seit 15 Jahren. Und ungefähr so lange ist es auch her, dass die Bank of Japan intervenierte, um den Yen zwangsweise abzuwerten. Ach ja: Vor knapp zwei Jahren hatte ich diesen Artikel hier geschrieben: Damals war der Yen von 165 auf 115 Yen pro Euro gefallen…
Was ist da eigentlich los? Und wann schlägt der Trend um? Das ganze ist, so man die Fakten betrachtet, recht bizarr. Ich versuche mal darauf als Nicht-Ökonom einen Reim zu machen: Aufgrund der Wirtschaftskrise in den USA fällt der US-Dollar und wird als Anlageziel unattraktiver. Auch die Staatshaushaltkrisen in Europa rücken den Euro nicht gerade in ein gleissendes Licht. Der chinesische Yuan? Zu unsicher. Also flüchten sich Devisenhändler und Finanzminister sowie Privatpersonen in traditionell sichere Anlageobjekte – Gold, zum Beispiel. Schweizer Franken. Und den japanischen Yen eben. Nun sollte das eigentlich das stolze Japan erfreuen, dass man scheinbar so viel Vertrauen geniesst. Dumm nur, dass der hohe Yen die japanische Exportwirtschaft abwürgt – und Japan ist bekanntlich ganz enorm auf Exporte angewiesen. Stimmen aus der Politik und der Wirtschaft rufen deshalb auch schon lautstark nach einer Intervention seitens der Bank of Japan – doch logischerweise sind Japans Handelspartner strikt dagegen, denn nur jetzt können sie billig in Japan verkaufen sowie gleichzeitig eigene Produkte attraktiver machen, da die japanischen Importe zu teuer werden.
So viel steht fest – die japanische Wirtschaft ist noch lange nicht über den Berg, und der starke Yen lähmt die Wirtschaft. Zwar scheint die Binnennachfrage während der letzten Monate leicht angestiegen zu sein; auch die Zahl der Firmenpleiten ist leicht rückläufig, doch viele kleinere und auch grössere Firmen zehren vom Eingemachten.
Die Politik hat natürlich derweilen nichts Besseres zu tun, als sich mit innerparteilichen Querelen zu beschäftigen: Bald wird der neue Parteivorsitzende der regierenden Demokraten gewählt – der Parteivorsitzende ist bei den Demokraten quasi auch der Ministerpräsident Japans. Und so streiten sich der amtierende Chef Kan, mit schwachem Rückhalt in der Partei und etwas mehr Rückhalt in der Bevölkerung mit dem erwiesenermassen reichlich korruptem Ozawa – jener hat starke Kräfte in der Partei hinter sich, ist aber in der Bevölkerung aufgrund seiner Skandale verrufen. Als ob es nichts Besseres zu tun gäbe!
Das Wort des Tages: 為替取引 kawase torihiki – “Umtausch – Handel”. Devisenhandel. Beliebtes Hobby auch vieler Japaner heutzutage.
Den folgenden Artikel habe ich für die Mai-Ausgabe der Zeitschrift Midori geschrieben – und wie immer erscheint hier – mit Verspätung – die Online-Ausgabe. Viel Spass beim Lesen!
Schaut man sich Japan und die Bewohner des Archipels von Weitem an oder von mir aus auch für kurze Zeit von Nahem, ganz zu schweigen von Japan in den Medien, so mag man schnell den Einblick bekommen, japanische Frauen haben nicht viel zu sagen sondern schlichtweg ihre Rolle als wohlwollende Ehefrau zu erfüllen. Jedoch: Stimmt das? Ist Japan das Paradies für Chauvinisten, die da zwischen devoten Vertretern des anderen Geschlechts alles Erdenkliche ausleben können? Und wie stehen japanische Frauen in der Gesellschaft heute da?
Ein Blick auf die Sprache gibt da einen Vorgeschmack: Es gibt einige Wörter für Ehefrau – darunter das Wort 家内 kanai (wörtlich: “im Hause”), oku-san (oku = hinten, da Frauen früher in den nobleren Häusern die hinteren Zimmer belegten) oder auch 愚妻 gusai (wörtlich: “dumme Ehefrau”, eine mittlerweilen leicht veraltete Bescheidenheitsform für das Wort “Ehefrau”). Schwiegermütter kommen dabei erst recht nicht gut weg: das Schriftzeichen für Schiwegermutter – 姑 shūtome – besteht aus den beiden Elementen “Frau” und “alt”. Ach ja: Das chinesische Schriftzeichen für “gut” besteht aus “Frau” und “Kind” (好). Aber die Zeichen sind ja auch schon vor tausenden von Jahren entstanden. Und gegen Frau und Kind ist ja auch nichts einzuwenden.
Noch erschreckender ist im Falle Japans jedoch zum einen der Blick auf die Medien, insbesondere die werbebasierten Massenmedien, sowie auf internationale Statistiken wie zum Beispiel dem Gender Gap Index, erstellt vom Weltwirtschaftsforum. A propos: Was haben Aserbaidschan, Madagaskar, Indonesien und Simbabwe gemeinsam? Ganz einfach: Laut des genannten Indikators haben Frauen in diesen Ländern mehr mitzureden in Wirtschaft und Politik als die Geschlechtsgenossinnen in Japan. Der Index wurde 2009 für 134 Länder erhoben, und Japan schaffte es nicht einmal unter die Top 100. Und tatsächlich: In der Politik sowie in den höheren Ebenen von Firmen sind Frauen schlichtweg unterrepräsentiert. Und zwar derart unterrepräsentiert, dass ich mich jedes Mal erschrecke, wenn ich Nachrichten aus Deutschland gerade aus jenen Bereichen sehe: So viele Frauen!
Was erwartet die Gesellschaft in Japan von Frauen? Jeder in Japan kennt den Begriff der yamato nadeshiko, dem Idealbild der japanischen (Ehe)frau. Als Kojima Akiko, Gewinnerin des Miss World-Titels 1959, dereinst gefragt wurde, ob sie denn nun nicht Schauspielerin werden möchte, antwortete sie, dass sie lieber eine liebende Ehefrau werden möchte – eine 大和撫子 yamato nadeshiko eben. Als ich vor etlichen Jahren an einer deutschen Universität die ersten Bekanntschaften mit Japanern machte, war ich ebenso verblüfft – auf die Frage, was sie denn nach dem Studium so machen möchten, antworteten die meisten weiblichen Befragten “Na heiraten, Kinder bekommen – Hausfrau eben”. Diejenigen, die sagten, sie wollen mit dem Studierten später mal was anfangen, waren in der Minderheit.
Für Ausländer, die bereits seit vielen Jahren mit, für oder gegen die Emanzipation kämpfen, mag das alles ungewohnt klingen, und ich habe nicht selten schlechte Meinungen über Japanerinnen – hauptsächlich von ausländischen Frauen – gehört. Dabei muss man jedoch erstmal schauen, warum viele Japanerinnen mit diesen Vorstellungen in die Zukunft schauen: Unterwerfen sie sich da den Erwartungen der Gesellschaft? Ist das pure Resignation? Wollen die Frauen in Japan viel lieber in Arbeit und Politik, wissen es jedoch selbst noch nicht? Und warum ist die Geburtenrate in Japan so katastrophal gering, wenn doch so viele eher an Familie als an Karriere denken?
Nun, zum einen mag man das mit dem sehr hohen Stellenwert der Familie in Ostasien begründen, doch das reicht nicht aus. Die meisten werden wohl eher daran denken, was ihnen als Frau in Japan im Berufsleben so blühen wird: Schikane durch Vorgesetzte, schlechtere Gehälter, unzählige Überstunden, kaum Freizeit (und damit auch kaum eine Gelegenheit, nach dem Märchenprinzen zu suchen – denn der manifestiert sich ganz bestimmt nicht in dem vulgären, frauenfeindlichen Vorgesetzten, der sich die letzten paar Haare wie einen Strichcode quer über den Scheitel zieht und sich an jedem zweiten Abend ganz unsittlich mit seinen Untertanen besäuft. Schaut man sich in japanischen Firmen so um, gibt es zwar viele Frauen – meistens jedoch in der Rolle der Empfangsdame, in der Verwaltung oder … bei der Dateneingabe.
Bei diesen Aussichten wundert es nicht, wenn viele sich nach einer Familie sehnen – und die Logik des Studiums, mit dem man später sowieso nichts anfangen wird, sollte dabei auch klar sein: ein abgeschlossenes Studium, wenn möglich an einer guten Uni, erhöht die Chancen auf einen gut erzogenen, gut verdienenden Ehegatten ganz ungemein. Doch was erwartet die japanische Ehefrau so im Familienleben? Ist sie dort wirklich so unterwürfig, wie es viele Filme, Bücher und der allgemeine Eindruck von aussen glauben machen wollen?
Der traditionelle Werdegang sieht so aus: Nach der Hochzeit geht der Ehemann wie zuvor seiner Arbeit nach, und noch immer ist es nicht selten, dass die Faru ihren Mann nur selten zu Gesicht bekommt: Von morgens bis spät abends sind die meisten Männer auf Achse, und ein Wochenende ist für viele nur einen Tag lang. Viele Frauen hören nach der Hochzeit auf, zu arbeiten, um sich dem eigentlichen Zweck der Ehe zu widmen: Ein Kind oder zwei oder mehrere bekommen und sich danach der Erziehung und dem Haushalt widmen. An der Erziehung beteiligen sich viele Männer dabei kaum, da sie zu selten zu Hause sind – und wenn sie zu Hause sind, zu kaputt (oder vorgeben, zu kaputt zu sein). Dass das nicht unbedingt das solideste Fundament einer Beziehung ist, kann man sich denken. In sehr vielen Haushalten ist zudem die Ehefrau auch für die Finanzen zuständig – will heissen, das Gehalt wird auf das Konto der Gattin überwiesen und letzterem ein durch zähe Vehandlungen abgerungenes Taschengeld ausgezahlt – in guten Zeiten und bei guter Führung mehr, ansonsten weniger. Irgendwie muss man ja verhindern, dass der Göttergatte alles beim Pachinko verjubelt.
Mitunter legt sich Frau Gemahlin derweilen oft ein erkleckliches Sümmchen zur Seite – dieser Notgroschen wird へそくり hesokuri genannt, in der Regel geheim gehalten und soll für den Fall der Fälle dienen. Für welchen Fall insbesondere, überlasse ich der Phantasie des Lesers. Die Chefs einiger? etlicher? nach traditionellen Regeln geführten Firmen kennen freilich die Misere ihrer Angestellten – und überweisen in manchen Fällen an der Ehefrau vorbei eine kleinere Summe auf das Konto der Männer, damit sie das zusammen mit Kollegen bei Trinkgelagen unbedarft durchbringen können.
Bis vor einigen Jahren war die Scheidungsrate in Japan übrigens trotz alledem erstaunlich niedrig. Nicht, dass Scheidungen aus religiösen Gründen in Japan verpönt sind – der Grund lag eher darin, dass viele Frauen, die heute über 60 Jahre alt sind, kaum gearbeitet haben und damit auch kaum Anspruch auf Rente haben. Eine Scheidung, besonders im fortgeschrittenen Alter, bedeutete damit (je nach Grösse des bereits erwähnten Notgroschen) den Absturz in die Armut. Vor einigen Jahren wurde jedoch schliesslich beschlossen, dass geschiedene Frauen einen Anspruch auf einen Teil der Rente des Mannes haben, womit auch die Scheidungen anstiegen: Verständlich, wenn der Gatte, den man vorher kaum zu Gesicht bekam, plötzlich in Rente geht und damit schlagartig jeden Tag zu Hause herumhängt.
Jedoch: Auch in Japan haben sich diesbezüglich die Dinge bereits mehr oder weniger stark geändert. Es gibt mehr arbeitende Frauen als früher. Frauen scheinen selbstbewusster geworden zu sein, und nicht wenige kleine, moderne Firmen wurden von Frauen gegründet. Viele Ehepaare entscheiden sich für 共働き tomobataraki (=beide arbeiten), was sicherlich durch die wirtschaftlich mageren 1990ern und den letzten beiden Jahren begünstigt wurde. Mehr Väter kümmern sich auch wirklich um ihre Kinder. Und mehr Frauen legen Wert auf Karriere und steigen in – meist jungen, modernen Firmen – höher und höher.
Im Vergleich zu sehr vielen anderen Ländern liegt Japan jedoch nachwievor meilenweit zurück in Punkto Gleichberechtigung: Japanische Frauen haben es noch immer sehr schwer, sich im Berufsleben durchzusetzen oder, und auch das ist wichtig, Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen – die gesellschaftliche Barriere dafür ist sehr gross. Das freilich hindert auch in Japan Frauen nicht daran, zu Hause “die Hosen anzuhaben” – logisch, schliesslich müssen sie sich ja um Haushalt und Erziehung kümmern.
September 2nd, 2010 | Tagged Klima | 14 Kommentare | 784 mal gelesen
Jetzt ist es laut JMA (気象庁 – Japanese Meteorological Agency) also amtlich: Dies ist der heisseste Sommer seit Beginn der Wetteraufzeichnungen 1898 – die Temperaturen lagen zwischen Juni und August im Landesschnitt 1.61 Grad über dem Durchschnitt. Einen grossen Anteil daran hatte der Monat August – vielerorts, so auch in Tokyo, lag die Temperatur knapp 3 Grad über normal, und 3 Grad sind eine ganze Menge: Seit Wochen regnet es nicht, die Tagestemperaturen liegen permanent bei 35 und die Nachttemperaturen bei 27 Grad. Gemessen in 1 m Höhe über einer bewachsenen Freifläche, versteht sich. Mit anderen Worten: Es ist unerbärmlich heiss, und noch immer ist kein Ende in Sicht.
Na mein Kleiner, hast du dich verlaufen?
In den Medien tauchen im Zusammenhang mit dem Sommer auch immer neue, weniger appetitliche Nachrichten auf: So befinden sich wohl sonst eher weiter südlich angesiedelte Kakerlakenarten auf den Vormarsch gen Norden – darunter die bis 5 cm langen Wamon-Kakerlaken (jene sind recht angriffslustig und fliegen auch nicht selten) sowie die bis 4 cm langen Satsuma-Kakerlaken. Schon gewusst, dass einige von denen bis zu 1.5 m pro Sekunde zurücklegen können? 5 cm – das berechtigt beinahe eine Ausweistragepflicht!
Die Hitze scheint den Tieren wirklich gut zu bekommen. In unserer alten Wohnung hatten wir seit Einzug 5 Jahre lang Ruhe vor den Viechern – keine einzige haben wir zu Gesicht bekommen – aber Anfang August tauchten gelegentlich welche auf (und zwar zwei Tage, nachdem die Mieter über uns ausgezogen waren…Zufall!?). In der neuen Wohnung haben wir noch keine gesehen, wohl aber im untersten Stock neben der Treppe. Umziehen hilft übrigens bei Kakerlakenplage selten weiter: Hat man wirklich häufig solche Tiere in der Wohnung, ziehen jene meistens mit – in Form von Eiern, an Kleidung, Taschen, Tüten usw. usf.
Das Wort des Tages: 繁殖する hanshoku suru. Sich vermehren, sich ausbreiten.