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Das Ende der Untertitel?

August 31st, 2010 | Tagged , | 9 Kommentare | 591 mal gelesen

Was ich schon immer in Japan sehr erfreulich fand, war die Angewohnheit der hiesigen Inselbewohner, Filme lieber im Original anzusehen und nicht synchronisiert. In Kinos, im Fernsehen, auf Video – so ziemlich alles konnte man damals (oftmals ausschliesslich) im Originalton sehen. Wer so etwas in Deutschland machen wollte, musste entweder den Film im Ausland besorgen oder Arte schauen.
Das Lesen der Untertitel auf Japanisch – man schaut ja auf die Untertitel, ob man will oder nicht, erwies sich zumindest für mich auch als formidable Art und Weise, die japanische Schrift zu üben.

Laut Kyōdō News, einer Nachrichtenagentur, scheint der Trend allerdings in letzter Zeit zur synchronisierten Fassung zu gehen – Filme wie Avatar oder Alice in Wonderland wurden demzufolge zu 40 bzw. 60% der Kinobesucher lieber in der synchronisierten Fassung gesehen als mit Untertiteln. Zum einen lag es wohl daran, dass sich Untertitel in 3D schlechter lesen lassen, zum anderen laut Aussagen vieler Kinogänger aber auch daran, dass sie das Lesen der Untertitel als schwer und/oder lästig empfinden.

Persönlich bin ich überhaupt kein Fan von japanischen Synchronfassungen. Jene sind zwar nicht so schlimm wie z.B. Die russischen (wo ein einziger Sprecher monoton alle Rollen durchsynchronisiert – aber vielleicht hat sich das ja gebessert), aber die Regeln bei der japanischen Synchronisation sind mir zu starr und die Versuche, z.B. breitgezogenes amerikanisches Englisch auf Teufel-komm-raus ins Japanische zu übertragen zu mühselig. Im Japanischen gibt es ja eine sogenannte Frauensprache – und die wird z.B. Bei der Synchronisation hier aufs derbste strapaziert: Da sieht man im Film, wie gerade eine 200 kg schwere Emanze einem armen Männchen das dritte Bein langzieht, aber Madam garniert in der japanischen Synchronisation das Ganze mit einem herzallerliebsten Geflöte in japanischer Frauensprache, nach dem Motto “und danach werde ich Dich vierteilen, mein Liebster” – das ganze natürlich in hoher, halb erotischer Stimmlage.

Japanische Untertitel muss man allerdings auch mögen: Denen zu folgen erfordert einige Übung dank des Schriftzeichensalats – doch so wie unsereins Sätze überfliegen kann, indem man nur den ersten und letzten Buchstaben und die Länge des Wortes erfasst, ertappt man sich bei japanischen Untertiteln schnell dabei, dass man eigentlich nur die Schriftzeichen bewusst liest – und das dazwischen eher erahnt, ohne es wirklich zu lesen.

Das Wort des Tages: 吹き替え “fukikae”. Wörtlich: “blasen” und “wechseln”. Die Synchronisation (bei Filmen). Ach ja – bei DVD’s gibt es, zumindest bei Filmen der bekannteren Sorte – eigentlich immer eine synchronisierte Fassung neben der Originalfassung.

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Umzug

August 27th, 2010 | Tagged | 5 Kommentare | 592 mal gelesen

Mal was Neues: Weit weg ziehen

 

Am Sonnabend ist es endlich so weit – Umzug. 5 Jahre haben wir in der jetzigen Wohnung gewohnt – in sehr guter Lage (für japanische Verhältnisse) und sogar mit nur 5-stelliger Miete (in Yen, natürlich). Damals hatten wir uns nur diese eine Wohnung angesehen und gesagt “die ist es” – bereut hatten wir es nicht. Da waren wir nur zu zweit. Seit drei Jahren sind wir zu dritt, und ab Anfang nächsten Jahres zu viert.

Das artet langsam aber sicher in Gedränge aus, und so wurde es langsam Zeit, etwas Neues zu suchen. Wir wurden nach sechs Wohnungsbesichtigungen auch fündig – sieh an, ganze 50 Meter von der jetzigen Wohnung entfernt. Eine Entfernung, bei der sich irgendwas in mir dagegen sträubt, eine Spedition anzuheuern, aber das hier ist Japan – da kann man nicht mal so eben ein paar Freunde verdonnern um Möbel zu schleppen. Kein Problem – wenn es um Preisverhandlungen geht, läuft meine Frau zur Hochform auf und handelt, was das Zeug hält.

Hier ein kleiner Wohnungsvergleich: Die alte Wohnung hat nur auf einer Seite Fenster – will heissen, null Durchzug im Sommer. Zwei grosse Fenster bzw. Balkontüren und ein winziges Toilettenfenster gibt es. Die neue Wohnung hat Fenster auf drei Seiten – sogar im Bad – und zwei Balkons. Die Deckenhöhe der alten Wohnung liegt bei 2,20 m und die Türhöhe bei 1,80 m – ein kleines Problem, wenn man 1,84 m gross ist. Die neue Wohnung ist bei beiden 20 cm höher, und es ist kaum beschreibbar, was für ein Unterschied das ist. Sollte ich jetzt noch mal Kopfschmerzen haben, kann es nur noch am japanischen Bier liegen! Da weiss man doch, woran man ist.

Zudem liegt die neue Wohnung im 3. Stock und damit ganz oben. Das ganze riecht nach steigenden Heiz- und Kühlungskosten, aber da es im Winter oft sonnig ist und im Sommer durchziehen kann, hält sich das hoffentlich die Waage. Andere Vorteile der neuen Wohnung: Ein richtiger Flur. Viel Stauraum. Eine abgetrennte Küche. Nur – leider kein japanisches (sprich, mit Tatami ausgelegtes) Zimmer. Ach ja, und da wäre noch die Izakaya (jap. Kneipe) im gleichen Haus im Erdgeschoss. Die liegt zwar auf der gegenüberliegenden Seite und dürfte damit nicht zu hören sein, aber Häuser mit Bäckereien, Kneipen usw. sind in Japan als Kakerlakenmagnet bekannt. Aber ich bin zuversichtlich – das Haus ist erst 10 Jahre alt und sieht ganz so aus, als ob es weniger anfällig für solche Tierchen ist. Ich kann mich freilich auch irren.

Gut, das ich vor ein paar Jahren die Seite über Wohnen in Japan geschrieben habe… da kann ich gleich noch mal nachschauen, ob ich nicht irgendwelche Formalitäten vergessen habe. Auch gut, dass ich mir vor knapp einem Jahr die permanente Aufenthaltsgenehmigung zugelegt habe – ohne die wäre die Wohnungssuche nämlich sehr viel umständlicher geworden. So konnte ich die Wohnung ganz ohne Bürgen und aus eigenen Stücken organisieren, ohne irgendwelche Leute mit in den Bürokratiesumpf zu ziehen.

Das Wort des Tages: 引っ越し hikkoshi. Der Umzug.

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Todesursache: Öhmm….

August 25th, 2010 | Tagged , | 3 Kommentare | 483 mal gelesen

Es gibt Zeitungsmeldungen, bei denen man nicht weiß, ob man weinen oder lachen soll. Darunter zählte eine Meldung in der Japan Times von heute, die einen heißen Kandidaten für den Darwin-Award vorstellte. Hauptfigur war allerdings nicht besagter Kandidat, sondern die arme Person, die ersteren zuletzt gesehen hat: Da wurde gestern ein 63-jähriger LKW-Fahrer festgenommen, da er Fahrerflucht mit Todesfolge begangen hatte. Tatort: Eine Landstrasse in Gunma, nördlich von Tokyo. Zeitpunkt: Irgendwann nächtens. Das Opfer: Ein JET-Englischlehrer aus Irland, welcher seit einem Jahr in der Region vornehmlich an Grund- und Mittelschulen Englisch unterrichtete. Zustand des einsam auf der Strasse nachts herumlaufenden Lehrers: Nackt, sich Alkohol in den Rachen gießend.

Der arme Fahrer entgegnete wohl beim Polizeiverhör, dass er es nach dem Unfall mit der Angst zu tun bekam und deshalb Fahrerflucht beging. Irgendwo nachvollziehbar, wenn auch nicht ganz korrektes Verhalten.

Nun gut, bei den jetzigen Tiefsttemperaturen knapp unter 30 Grad ist der Zustand des Lehrers auch irgendwo nachvollziehbar, aber es ist schon makaber, dass da der örtliche Englischlehrer nachts den Pöter blank zieht, und sich auf Landstrassen nachts zuzieht…. Die armen Verwandten. als Todesursache mag man ja einiges irgendwie verkraften, aber das….

Es gibt übrigens Politiker, die seit einiger Zeit nach der Abschaffung des JET-Programms (Japan Exchange and Teaching Program) rufen – aus Kostengründen angeblich. Durch das JET-Programm kommen alljährlich tausende, meist englischsprachige und meist Englisch-Lehrende aus dem Ausland nach Japan – dort werden sie dann über das ganze Land bis in die tiefste Provinz hinein verteilt – quasi “To boldly go where no man has gone before”. So kommt auch der entlegenste Weiler in Japan in den Genuss eines Quotenausländers, und das muss nicht unbedingt schlecht sein – vorausgesetzt, der Ausländer läuft nicht nachts sturzbetrunken und splitterfasernackt durch die Gegend.

Das Wort des Tages: ひき逃げ hikinige. “hiki” = überfahren, “nige” = flüchten. Zu deutsch: Fahrerflucht.

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Kulturtipp: Tokyo Love @ Strychnin Gallery in Berlin

August 22nd, 2010 | Tagged | 4 Kommentare | 559 mal gelesen

Artwork: Shohei Otomo

 

Wer sich ein bisschen für moderne japanische und japanbezogene Kultur interessiert und sich im September in oder in der Nähe von Berlin aufhalten sollte (wie viele Leser da jetzt wohl schon raus sind!?), dem soll folgender Tipp angediehen sein. Yasha Young, junge Direktorin und Besitzerin der kleinen Strychnin Gallery (gibt es in Berlin und London) kuratiert vom 10. September bis zum 3. Oktober eine japanische Gruppenausstellung. Die zumeist monochromen, maximal etwas Rot enthaltenden Illustrationen von Otomo (siehe rechts) sind mir zumindest geläufig und ich finde sie sehr interessant. Mehr Informationen dazu wie folgt (von der Pressemitteilung der Gallerie):

Teilnehmende Künstler: Nanami Cowdroy, Hush, Nishi, Shohei Otomo, Guy McKinley, Imaone, Xiao Bao, Tom Kristensen, Brian Horton.

Die traditionelle japanische Kunst wird durch ihre starken, technisch perfekten Linien und die Liebe zum Detail charakterisiert. Von den Bewegungen des traditionellen 舞踏 Butō-Tanzes, den eleganten Schwüngen der Kalligraphie bis zum japanischen 浮世絵 Ukiyoe Holzblock‐Druck zeigen all diese Kunstformen eine große Eleganz und Präzision. Diese Elemente wurden übertragen in die Anime‐ und Mangakunst der Pop‐Kultur, was man auch in den Neon‐Plakaten Tokyos und den feinen Linien des modernen japanischen Designs wiederfindet. Während Künstler aus dem Westen beeindruckt sind von der Präzision der japanischen Kunst, beeinflusst eine rebellische Kunstform der westlichen Subkultur den Underground Japans. Die Underground Szene benutzt Stile des Hip‐Hop, Punk, Gothic und Rockabilly als eine Art Flucht aus den Traditionen und Einschränkungen der japanischen Kultur. Diese Rebellion fungiert als ein Ventil innerhalb der modernen Kunst: traditionelle Formen und Bilder wie Samurai, Geishas und Kabuki werden von den Künstlern als Kritik an der Gesellschaft genutzt. Tokyo Love bringt Künstler aus der ganzen Welt zusammen, die eines gemeinsam haben: Sie verwenden japanische Bildnisse und Stile. Einige Künstler sind geboren in Japan, andere teilen einfach die Liebe zu dieser Kunstart, aber alle zeigen in den Werken ihre Gefühle zu dem Land und der Kultur ‐ die Kontraste zwischen Alt und Neu, der Widerspruch zwischen Tradition und Rebellion, das Zusammentreffen von Vergangenheit und Zukunft.

Hush: Modern Angel

 

Hushs Ursprünge als Streetart Künstler werden in seinen aktuellen Werken fortgeführt. Seine Arbeit demonstriert ein Zusammenspiel von verschiedenen Medien und Techniken wie Malen, Leinwanddruck, Sprayen und Papierschichtung. Inspiriert von der Darstellung der weiblichen Form in der Kunst, erarbeitet und zerreißt der Künstler Schichten aus Farbe und Bildern. Er arbeitet indem er “die Leinwand und den Medien ihren eigenen Weg gehen lässt”. Das Ergebnis ist eine Popart‐durchzogene Synthese aus Bilderwelten der Graffitti‐ Kunst. Hush ist geprägt von seinen cross‐kulturellen Erfahrungen. Ursprünglich wurde er als Grafikdesigner ausgebildet an der Newcastle School of Art and Design. Seine Arbeit führte ihn durch Asien, Europa und die USA. Hush hat die außergewöhnliche Fähigkeit, aus seinen zahlreichen Erfahrungen – persöhnlich wie kulturell – einen einzigartigen Stil zu kreieren, der weltweit gelobt wird. Viele zeitgenössische Künstler versuchen das, nur wenige schaffen es auch am Ende.

Die Ausstellung läuft wie eingangs erwähnt vom 10. Sep. 2010 bis zum 3. Okt. 2010 – die Gallerie hat Donnerstag bis Sonntag geöffnet, und das jeweils von 12 bis 18 Uhr – und sie ist recht klein.

Adresse: Boxhagenerstr. 36, 10245 Berlin (nahe Frankfurter Tor), Tel: 030-9700-2035.

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Spielverderber überall – heute: Die Brustplätte

August 19th, 2010 | Tagged | 19 Kommentare | 904 mal gelesen

Nicht nur, dass der Staat mittels einer unsinnigen Biersteuer Liebhaber der Gerstenkaltschale dazu zwingt, aus reinem Geiz auf die billigeren, zum Teil unsäglich dürren Plörren umzusatteln, nur um dann irgendwann mal frustriert festzustellen, dass man sich irgendwie an letztere gewöhnt hat.
Nicht nur dass sie den Markt überschwemmen mit kalorienfreien Brausen, die es oftmals gar nicht mehr als normale Variante gibt.

Nicht nur, dass man in Japan alle Türen, ob in Häusern oder Bahnen, nur maximal 1,80 m hoch baut, damit jeder nicht JIN-genormte Ausländer sich im schlaftrunkenen Zustand (oder nach übermässigem Genuss eingangs erwähnter Plörre) dermaßen den Kopf stößt, das er fürchtet, bald nur noch sinnloses Zeug zu lallen.

Nicht nur, dass sie Raucher dazu zwingen, sich in dunklen, völlig versifften Verschlägen zusammen mit Dutzenden anderen Mitgefangenen einzusperren, so sie sich mal gemütlich eine anstecken wollen (in anderen Ländern jagt man Raucher auf die Strasse, hier jagt man sie von der Strasse).

Wacoal

Nein, das ist bei weitem noch nicht alles, was Spielverderber United zu bieten haben. Neueste Attacke: Der “chiisaku miseru” (kleiner machen)…BH! Ganz richtig! Die Dinger sind momentan der absolute Renner – laut Medien und dem Hersteller Wacoal. Nun sind ja japanische Frauen bereits allgemein nicht gerade für übermäßig viel Holz vor der Hütte bekannt. Umso mehr erfreut man sich da als Mann ganz gelegentlich dem Anblick einer stolz dahin schreitenden Ausnahme. Aber nein, selbst die Freude wird einem jetzt also genommen. Laut Hersteller angeblich, damit Frau eine “bessere Silhouette” bekommt, Kleidung anziehen kann, die sie sich mit XXL-Gesäuge nicht allein überstülpen könnte oder einfach nur um nicht irgendwie ständig von Kollegen dumm angemacht zu werden (gerade ältere Japaner sind da mitunter nicht zimperlich). Letzteres dürfte wahrscheinlich der Hauptgrund für die Beliebtheit sein.

Da haben wir also den Salat: Die Frauen werden immer männlicher, die Männer immer weiblicher (siehe Video) und in ein paar Jahren weiss keiner mehr so recht, wen er oder sie eigentlich noch poppen soll. So wird das nie was mit Anhebung der mickrigen Geburtenrate.

Das Wort des Tages: おっぱい oppai. Baby- und Umgangssprache für Brust. Daraus stammen dann Ableitungen wie ペチャパイ (Pechapai – von “pechanko”, umgangssprachlich für “platt”) und でかぱい (Dekapai, von “dekai”, umgangssprachlich für “riesig”).

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Hindernislauf in Südkorea – Teil 2

August 16th, 2010 | Tagged , , | 6 Kommentare | 528 mal gelesen

Nach dem ersten Teil über die letzte kurze Tour nach Südkorea will ich den kurzen Reisebericht nicht unvollendet lassen.

Was vorher geschah: Anreise in Seoul, Hauptgrund Geschäftstreffen geplatzt. Brütende Hitze. Am nächsten Tag: Fahrt an die Ostküste bei strömendem Regen, vorbeiziehender Taifun verspricht, auch die nächsten Tage Bergwanderungen unmöglich zu machen – und das war eigentlich der Hauptgrund für den Abstecher an die Ostküste. Alternative: Fahrt an die nordkoreanische Grenze am nächsten Morgen. Ein zufällig am Abend kennengelernter Koreaner möchte mit – ich soll ihn am nächsten Tag um 10 Uhr anrufen.

Und so ging es weiter: Eigentlich will ich lieber allein los – erst recht, da besagter Koreaner nur ca. 100 Wörter Englisch kann, wobei er mir dabei um Längen voraus ist: Ich kann gerade mal Hallo, Tschüss, Danke und “Ein Bier bitte” sagen. Obwohl ich (erneut) festgestellt habe, dass Japanischkenntnisse mitunter nützlich sind: Der “Intercity-Busterminal” heisst “Shigai taaminaru” auf Japanisch, und “Sige tominar” (oder so) auf Koreanisch – ich brauche nur zu nuscheln und man versteht mich. Das ist aber eher eine Ausnahme. Andererseits das gleiche Phänomen wie auch in Japan: Man sagt etwas auf Koreanisch, wird aber nicht verstanden, da das Gegenüber die Kombination “grosser weisser Mann (mit Bart!)” + Koreanischkenntnisse als invalide Eingabe abtut und auf stumm schaltet – so sage ich einer jungen Dame in einem abstrusen Cafe “Hat Koppi juseyo” – “heissen Kaffee bitte”. Sie schaut mich an wie ein Alien, aber ein anderer Bediensteter hinter ihr sagt exakt die gleichen Wörter nochmal, mit der gleichen Intonation: “Hat!” … “Koppi!”.

Südkorea
Diskriminierung mal anders rum: Schild an einer Toilettentür (westliche Toilette) im Busbahnhof von Sok’cho. Die Übersetzung ist nicht 100% korrekt, auf Koreanisch steht dort nämlich nur “Oeguk-in chon’yo” – “Für Ausländer”, aber es impliziert in der Tat ein bisschen, dass Koreaner diese Toilette nicht nutzen sollen.

Ach ja – eigentlich will ich also nicht, aber da ich es versprochen hatte, rief ich doch den Koreaner an. Genauer gesagt zerrte ich eine Koreanerin im Hostel herbei, schilderte ihr die Lage und hielt ihr mein Handy ans Ohr. Antwort: “Teilnehmer vorübergehend nicht erreichbar”. Na sieh mal einer an, da hatte wohl noch einer kalte Füsse bekommen.

Also ging es allein los. Natürlich goss es in Strömen. Ich habe einen japanischen Reiseführer bei mir. Klar komme ich mir damit ein bisschen blöd vor, aber mein Lonely Planet von Korea ist über 10 Jahre alt, und wegen einer knappen Woche einen Neuen kaufen lohnt nicht. Zumal der japanische Reiseführer den Vorteil hat, dass Stadtpläne mit Schriftzeichen UND Hangul (koreanisches Alphabet) versehen sind – beides hilfreicher als lateinische Buchstaben.

Laut Reiseführer muss ich mit dem Bus knapp 50 km bis nach Daejin fahren, von dort “etwas” laufen und dann auf Glück hoffen: Wer zur Grenze will, muss sich vor dem Sperrgebiet (ca. 12 km von der Grenze entfernt) registrieren – und sich dann irgendwie durchschlagen, denn ohne Auto darf man nicht rein. Ich hatte freilich gerade keins dabei. Klingt … interessant. Ich bin der einzige Fahrgast im Bus, und es geht immer weiter nach Norden entlang der Küste. Koreanische Busfahrer rasen wie die Wilden, und so bin ich gute 30 Minuten später an der Endhaltestelle – im Nirgendwo. Ich laufe erstmal los – erstaunlicherweise regnet es hier kaum. Nach ca. 2 km komme ich zum grossen Besucherzentrum. Ich gehe zur Anmeldung. “Ihr Auto?” werde ich gefragt. “Halte ich später an” antworte ich. Der Mann guckt etwas schräg, und deutet an, dass ich in der Ecke warten möge. Die nächsten melden sich an. Dann die Nächsten – ein junges Pärchen. Der Schaltermensch erklärt etwas, und zeigt in meine Richtung. Dann winkt er mich herüber: Er hatte die beiden gefragt, ob sie mich mitnehmen könnten, und die beiden hatten nichts dagegen.

Ich danke den beiden auf Koreanisch und bleibe erstmal stumm. Will sie ja schliesslich nicht sinnlos zutexten. Wir schauen zusammen einen kurzen Film zur Verhaltensweise im Sperrgebiet an. Dann gehen wir zum Auto. Er spricht mich dann schliesslich an – offenbar kann er ein bisschen Englisch. Madam scheint weniger begeistert.

Los geht es also mit dem Auto – durch zahllose Barrikaden und vorbei an einem hypermodernen Grenzübergang – hier wurde optimistischerweise schwer in die Infrastruktur im Falle einer plötzlichen Wiedervereinigung investiert. Wenig später erreichen wir das Ziel – das 고성통일전망대 Gonseng (Wieder)vereinigungsobservatorium. Immerhin geht es etwas leiser zu als vor 11 Jahren, als ich an einem anderen Punkt der Grenze war: Damals beschallte man sich noch lautstark von beiden Seiten.

Südkorea
Grenze zu Nordkorea: Die eigentliche Grenze liegt in etwa auf Höhe der kleinen Halbinsel

Die DMZ (entmilitarisierte Zone) ist an dieser Stelle Koreas besonders interessant: Dank der sogenannten “Sonnenscheinpolitik” Südkoreas, die allerdings schon wieder beendet ist, war es an diesem Ort nämlich für zahlende Südkoreaner möglich, ein paar Kilometer weit nach Nordkorea hereinzufahren – zu einem besonders schönen Abschnitt der koreanischen Bergwelt. Bis eine Touristin quasi “aus Versehen” von einem nordkoreanischen Soldaten erschossen wurde.

Und so hat man unter sich die kompletten Grenzanlagen mit allerneuester Strassen- und Eisenbahnanbindung vor sich, und keiner darf sie benutzen. Automatisch denkt man dabei an die Wiedervereinigung Deutschlands zurück – an all die Probleme die Kosten und die Tatsache, dass selbst nach 20 Jahren noch erhebliche Unterschiede bestehen. Dabei waren sich Ost- und Westdeutschland noch relativ nah: Der Unterschied zwischen Nordkorea und Südkorea sowie die Probleme bei einer potentiellen Wiedervereinigung dürften jeglicher Vorstellungskraft trotzen. Nur als Beispiel: Es gibt zahlreiche Berichte von Flüchtlingen und Hilfsorganisationen aus dem Norden, dass die Menschen dort aufgrund der desaströsen Nahrungsmittelknappheit entgegen dem allgemeinen Trend nicht immer größer, sondern immer kleiner werden: 1.4 m “grosse” Soldaten sollen wohl keine Seltenheit sein.

Mit den beiden Koreanern komme ich mehr und mehr ins Gespräch. Sie spricht etwas Englisch, er etwas Japanisch. Zu einer Diskussion über Politik reicht es zwar nicht, aber wir unterhalten uns ganz gut. Danach geht es noch zusammen in ein hypermodernes Museum über die Grenze und die Teilung. Die beiden fragen, wohin ich nach der Grenze gehen möchte. Ich sage “nach Sok’cho”. Da wollen die
Beiden auch hin, und sie bieten an, mich bis dahin mitzunehmen. Unterwegs halten wir noch an einem See – dort steht die Villa des ersten südkoreanischen Präsidenten sowie – keinen Kilometer davon entfernt – das Wochenendhaus vom Kim Il Sung, dem nordkoreanischen Gottvater (die gesamte Region gehörte von 1945 bis 1950 zu Nordkorea).

Gegen 6 Uhr abends erreichen wir Sok’cho. Ob ich auch hungrig sei, fragt er – ja, sage ich, denn außer einer Scheibe Toastbrot am Morgen hatte ich noch nichts gegessen. Sie haben auch Hunger, sagt er – sie hatten ebenfalls kein Mittag. Toll. So hat keiner aus Rücksicht auf den Anderen was gegessen. Jedenfalls verabschieden wir uns dort – ich gebe ihnen meine Visitenkarte und sage ihnen, sie sollen sich unbedingt bei mir melden, falls sie mal nach Japan kommen – das kann durchaus passieren.

Am nächsten Tag hatte ich gerade mal den Vormittag zur Verfügung, denn am Nachmittag musste ich schon wieder zurück nach Seoul. Also früh aufgestanden, und raus mit dem Bus zum Nationalpark. Von den Bergen sieht man gerade mal die Füsse, und die Seilbahn fährt ins weiße Nichts. Aber man hofft ja. Aus purem Zeitmangel geht es also mit der Seilbahn in die Wolken und dann ein paar Hundert Meter durch zähen Nebel – sowie die letzten paar Meter am Seil entlang auf den Gipfel. Und wer hätte das gedacht: Die Wolken haben Löcher, und nach einer Weile kann man tatsächlich etwas sehen. Aber nur für kurze Zeit.

Südkorea
Glück gehabt: Die Wolken haben ein Loch

Am nächsten Tag ging es dann auch schon wieder zurück. bei strömendem Regen, versteht sich. Alles in allem gab es aber dank der Berge doch noch ein versöhnliches Ende.

Bei meiner ersten Tour nach Südkorea war ich nicht allein, bei dieser Tour jedoch schon. An der Stelle eine kleine Warnung an alle, die sich allein auf den Weg nach Südkorea machen: Ausserhalb der Grossstädte wie Seoul oder Pusan ist es sehr schwer für Einzelne, auswärts essen zu gehen – sehr viele koreanische Restaurants lassen Einzelpersonen gar nicht erst rein. Nein, das kann nicht nur an mir gelegen haben – ich sah eigentlich relativ gepflegt aus… Dachte ich so zumindest….

Mehr Fotos gibt es hier zu sehen:

Get the flash player here: http://www.adobe.com/flashplayer

So, nach dem kurzen Abstecher geht es ab dem nächsten Beitrag wieder um Japan….

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Hindernislauf in Südkorea

August 10th, 2010 | Tagged , , | 7 Kommentare | 580 mal gelesen

Manchmal gibt es Reisen, bei denen man denkt, dass alles verflucht ist. Gestern kam ich nachmittags in Seoul an – und es war abgemacht, dass ich am Flughafen unseren koreanischen Geschäftspartner anrufe, um festzumachen, wann wir uns wo und warum treffen. Gesagt, getan. Eine Frauenstimme schimpfte auf mich umgehend am Telefon ein. Ich weiss nicht warum, aber für ungeübte Ohren klingt Koreanisch immer ein bisschen so, als ob man gerade was ausgefressen und nun dafür verbal bestraft wird. Eins war jedoch klar – es war eine Ansage vom Band. Versuchte mir wahrscheinlich beizubringen, dass der Teilnehmer momentan nicht erreichbar ist.

Nun gut. Also erstmal zum Hotel. Eine Stunde später halte ich der Rezeption das Telefon ans Ohr und bitte, zu übersetzen. Siehe da, Teilnehmer nicht erreichbar. Also rufe ich im Büro an. Lapidare Antwort dort: Ist nicht da. Erst als ich den Teilnehmer am anderen Ende der Leitung zur Schnecke mache – schliesslich bin ich gerade extra wegen des Meetings aus Tokyo angeflogen – erklärt er mir, dass die Mutter des Chefs am Vortag verstorben sei und er deshalb momentan nicht in Seoul ist. Oops. Mail gecheckt – siehe da, ein paar Stunden zuvor kamen zwei Emails von ihm und seinem Sekretär mit Lageschilderung. Soviel zum geschäftlichen Teil dieser Reise. Natürlich kann man ihm da keinerlei Vorwürfe machen.

Heute ging es schliesslich dann mit dem Bus nach Sok’cho an der Ostküste. Dort gibt es einen ganz famosen Nationalpark in den Bergen, und letztere riefen mich mit ganz lauter Stimme. Heute regnete es in Strömen, doch das sollte mir relativ egal sein – war die meiste Zeit sowieso im Bus. Dachte ich so. Meine Frau funkte mich derweilen an und sagte “Ach ja, da ist ein Taifun im Anmarsch. Sei vorsichtig”. Schnell im Internet nachgesehen – und schau an! Der Taifun zieht genau zwischen Korea und Japan lang und streift dabei die Gegend hier am Nachmittag. Wenn ein Taifun “vorbeistreift” bedeutet dies in der Regel eins: Aushaltbare Windstärken, aber ungeheure Wassermengen. Klasse. Berge kann ich also getrost vergessen.

Dafür traf ich heute aber zufällig zwei nette Koreaner beim Abendessen, denen ich partout nicht ausreden konnte, mein Essen mitzubezahlen. Zwei Leute waren es – einer sprach gar kein Englisch, der andere ungefähr 100 Wörter. Als ich fragte, ob sie vielleicht Japanisch können (keineswegs abwegig hier) zeigten sie mir auch ohne Worte relativ deutlich, was sie von Japan halten. Als ich mit ihnen anhand einer Reisekarte in meinem (japanischen) Reiseführer etwas erklärte, erblickten sie die japanische Bezeichnung 日本海 Nihonkai, Japanisches Meer, worauf sich die Minen noch mehr verdüsterten. Aber egal – ich bin ja schliesslich Deutscher und kein Japaner. Weia.

Da die Berge wohl morgen ins Wasser fallen (bruhaha… was für ein Brüller), muss ich also nach Alternativen Ausschau halten. Eine wäre eine Fahrt an der Küste entlang bis zur Grenze nach Nordkorea. Dort gibt es ein Museum, eine Aussichtsplattform usw. Als Ostdeutscher ist man ja schliesslich nur den Blick von der anderen Seite der Mauer gewohnt :) Einer der beiden Koreaner möchte unbedingt mit – ich soll ihn deshalb morgens um 10 anrufen. Na, das wird bestimmt ein Gaudi.

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The God Tongue

August 5th, 2010 | Tagged , | 3 Kommentare | 465 mal gelesen

Ja, manchmal hänge ich mich träge vor den Fernseher und lasse mich berieseln – ziemlich oft schalte ich aber eher früher als später aus, weil nichts vernünftiges kommt. Ein Programm hat es mir in letzter Zeit allerdings angetan – die マジ歌 Maji-Uta (=ernsthaftes Lied)-Rubrik in der Sendung ゴッドタン The God Tongue. Die Sendung kommt ein Mal pro Woche so gegen Mitternacht auf TV Tokyo. Das Konzept ist banal: Jemand trägt ein Lied vor, und ein paar Leute mit Milch im Mund müssen zuhören – sobald die Milch raus ist, und zwar nicht durch die Speiseröhre, ist das Ziel erreicht. So weit, so gut. Die Leute in der Sendung sind allerdings wirklich zum grossen Teil sehr witzig – darunter der anfangs vielleicht etwas gewöhnungsbedürftige Banana Man oder Gekidan Hitori.
Hier eine Probe – es wird viel gequatscht, die Lieder beginnen bei 7:45. 12:30 und 21:00 – für Japanischsprechende sehr witzig, aber ansonsten auch sicherlich amüsant.


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Japaner besonders langlebig? Alles Humbug!

August 3rd, 2010 | Tagged , | 8 Kommentare | 692 mal gelesen

Es ist ja allgemein bekannt, dass Japaner besonders langlebig sind – selbst im Vergleich zu anderen Industrienationen und trotz Kugelfischverzehr und einer gewissen Zuneigung zu exzessiver Arbeit und viel Alkohol.

Das ganze könnte sich jedoch bald als geschönte Statistik erweisen. Am Wochenende rückten Amtsleute in Tokyo aus, um ihrem ältesten männlichen Bewohner ein Geburtstagsständchen vorzutragen. Der 111-jährige war auch tatsächlich zu Hause, zusammen mit seiner Familie – doch der Greis bestand fast nur noch aus Knochen. Und ich meine Knochen. Der gute Herr war schon rund 30 Jahre tot und hockte seitdem da im Oberzimmer. Natürlich floss die Rente während der letzten 30 Jahre stetig weiter, aber immerhin wurden damit auch diverse Mitgliedsbeiträge beglichen. Die Familie bot auf den Fund hin eine schlichte, überzeugende und einfach geniale Ausrede: Der alte Herr wollte eben zum Sokushinbutsu (“lebender Buddha”) werden und deshalb liess man ihn wo er war. Klar doch! (Mehr zu dem Vorfall siehe auch bei Christian: Sokushinbutsu Reloaded).

Heute dann der zweite Streich: Amtsleute sollten eine 113-jährige Frau in Tokyo aufsuchen. Eine sehr alte Frau öffnete daraufhin die Tür: Es war die gut 90-jährige Tochter, die erklärte, dass sie ihre Mutter seit Jahrzehnten nicht gesehen habe. Aha.

Vielleicht sollte man in Japan mal eine Bestandsliste bei allen über 100-jährigen machen: Wer weiss, wie viele Leichen es da noch im Keller gibt. Das wäre für Japan auch mal die Gelegenheit, die Personen- bzw. Familienregister auszumisten: Das System ist nämlich sehr starr und ziemlich unsinnig – so kann das Stammregister einer Person nicht mit der Person mitziehen – es bleibt auf jeden Fall im Geburts- bzw. ersten Meldeort. Will heissen, keiner weiss so richtig, wie viele Leute wirklich irgendwo leben oder vielleicht schon seit Jahrzehnten verzogen oder verstorben sind.

Das Wort des Tages: 寿命 jumyō. Die Lebenserwartung.

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