Wahlspass am Sonntag

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    Am kommenden Sonntag, dem 11. Juli 2010, ist es mal wieder soweit: Wahlen sind angesagt. Dieses Mal geht es um das Oberhaus, in dem die Demokraten zusammen mit der Neuen Volkspartei gerade so die einfache Mehrheit hält. Bei den Oberhauswahlen wird dabei ein Teil der Vertreter direkt gewählt. Dieses Jahr hat man so viel Auswahl wie selten zuvor – 2004 stellten sich 5 Parteien, 2007 7 Parteien und dieses Jahr saubere 12 Parteien zur Wahl. Es dürfte jedoch kaum jemanden geben, der all diese Parteien auseinanderhalten kann. Ein paar der Parteien entstanden erst dieses Jahr – meistens gegründet von Politikern, die in der ehemals regierenden liberaldemokratischen Partei keine Chancen mehr sehen.

    Und so ähneln sich die Wahlprogramme recht stark – in vielen Fällen geht es nur um leichte Abweichungen in der Art und Weise, wie die Ziele formuliert werden. Einer der Hauptstreitpunkte ist die Erhöhung der Mehrwertsteuer (jetzt 5%) auf wohl 10%. Grund dafür ist die enorme Verschuldung des Landes, gegen die Deutschland zum Beispiel wie ein Waisenknabe aussieht.

    Ein anderer Streitpunkt ist die Definition des Begriffes Wahlversprechen, bzw. マニフェスト (Manifest) wie es seit kurzem so schön auf Neujapanisch heißt. So versprachen die Demokraten ja eine saftige Anhebung des Kindergeldes + (fast) freie Bildung sowie die Abschaffung der Maut, doch das steht seit vielen Monaten wieder alles auf der Kippe bzw. wird nur halbherzig umgesetzt. Angeblich haben die meisten in der Bevölkerung für den Kurswechsel Verständnis angesichts der leeren Staatskassen – das ist jedoch recht merkwürdig, da die Versprechen inmitten der schwersten Wirtschaftskrise seit WK 2 gemacht wurden, und die Kassen bereits davor schon leer waren.

    Die Wahl am Sonntag dürfte halbwegs interessant werden – jedoch wird sich diese Wahl mit hoher Sicherheit durch eine selbst für japanische Verhältnisse enorm geringe Wahlbeteiligung auszeichnen. Entweder aus Desinteresse, mangels Kenntnis ob der Unterschiede zwischen den Parteien – oder aus Protest. In dieser Reihenfolge.

    Lustig ist da die momentane Werbung von Softbank (Mobilfunkbetreiber) – dort wird dem Ahnen beim Friedhofsbesuch berichtet, dass der eigene Sohn (ein weisser Hund) zu den Wahlen antreten wird – und deshalb, um Japan zu ändern, 素敵なエベレストを考えました – einen schönen Everest (eberesuto) verfasst hat – die Ehefrau berichtigt daraufhin mit leiser Stimme “Manifesuto (Manifest)”. Jaja, ich weiss, man lebt zu lange in Japan wenn man sowas lustig findet (bei ca. 0:40 im untenstehenden Video):

    Das Wort des Tages: 出馬 shutsuba heraus(gehen) – Pferd. Zur Wahl (zum Rennen) antreten – wird auch bei Politikern verwendet.

    5 COMMENTS

    1. Ist die “Manifesuto”-Frau nicht die gleiche wie aus “Achilles und die Schildkröte”? Gleich an Aussehen und Stimme erkannt. Da sieht man mal was für aufmerksame Leser du hast ^^

    2. Also bisher klappt es noch mit “mehr Kindergeld”. Der Antrag zur Kostenuebernahme von Schulkosten laeuft allerdings noch. Bin mal gespannt was dabei rumkommt. Das die meisten Japaner damit einverstanden sind, das diese Leistungen wieder zurueckgenommen werden, kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Grad bei der Kostenuebernahme fuer die Privatschule geht es fuer viele Familien um eine ganze Menge Geld. So kostet z.B. das Schulgeld fuer eine ganz normale private High School locker 500.000 yen im Jahr, ohne Kleidung, Verpflegung, usw. Naja, vielleicht wurden auch von den Interviewern nur Singles gefragt, ohnehin die groesste Bevoelkerungsgruppe in den Metropolen (und weiter wachsend!).

    3. @Juergen
      Gut erkannt! Die gute Frau (Higuchi) ist in Japan sehr bekannt aus unzähligen Filmen und Serien. Sehe ich gerade auf Wikipedia…

      @Coolio
      Einmal haben sie ja in den Nachrichten so eine Abordnung von Hausfrauen beim Treffen mit Politikern gezeigt – bei dem die Frauen einwillig erklärten “Wir verzichten lieber darauf wenn das dem Staat hilft”. Die Frauen sahen alle piekfein aus… waren bestimmt Politikerfrauen. Ich kann mir auch nicht ganz vorstellen, dass alle so freiwillig auf freie Bildung verzichten möchten.

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