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Sprachenspass: Sprichwörter

Juli 30th, 2010 | Tagged | 6 Kommentare | 642 mal gelesen

Internationale Beziehungen – ich meine jetzt nicht die Gemeinschaft eines Bayern mit einer Hamburgerin – sind ja an sich schon recht interessant, aber mit Kindern wird die Sache gleich noch besonders witzig – vorausgesetzt, man hat Interesse an der Sprache des anderen. Warum? Man lernt die andere Sprache noch einmal, und zwar von der Pike auf. Japanisch (oder eine andere Fremdsprache) kennen ist eine Sache – eine Unterhaltung mit einem 3-jährigen Stift bekommt man dadurch aber noch lange nicht zustande. Kam ich vor Jahren mal mit japanischen Kindern zufällig zusammen, so rannten die Kinder entweder schreiend weg oder sie erstarrten zur Salzsäule. Heute verstehe ich mich mit den hiesigen Quaden Wänstern Kindern richtig gut. Und das dank der Erziehung zu Hause und unzähligen Kinderbüchern. Einige von den Kinderbüchern sind dabei so gut, dass ich sie – so ich noch Japanisch unterrichten würde – glatt als Unterrichtsmittel verwenden würde.

So tat es mir neulich das Buch rechts oben an – es ist beinahe schon im Manga-Stil gezeichnet und handelt von einem Ramenkoch, der in ein Gespensterhaus gerufen wird um Nudelsuppe zu liefern – und dort an allerlei Gespenster gerät. Der halbe Text, wenn nicht noch mehr, besteht dabei aus gängigen Sprichwörtern, die unsere Tochter (und ich!) begeistert aufschnappen.

Sprichwörter und Redewendungen sind ja bekanntermassen ein Spiegel der Kultur eines Landes – sie geben örtliche kulturelle und geographische Gegebenheiten wieder und sind trotzdem sehr kompatibel. Einfaches Beispiel: “Eulen nach Athen tragen” stammt ja aus dem antiken Griechenland und bezog sich auf die Tatsache, das in Athen an allen Ecken und Enden Eulenstatuen herumlungerten. In England wird daraus ein “Carry coals to Newcastle” und man kann sich denken, warum.

Einige Redewendungen wiederum sind so beliebt (nicht selten dank der Bibel), dass sie in allerlei Sprachen importiert werden – “Perlen vor die Säue (werfen)” heisst auf Englisch “(cast) pearls before swine”, auf Französisch “jeter des perles aux pourceaux” und auf Japanisch “豚に真珠” (buta ni shinju) – exakt die gleiche Redewendung mit der gleichen Bedeutung (und dank Bibel weltweit verbreitet).

In Japan mangelt es auch nicht an originellen oder aus China über die Sutren und Gelehrtenschriften importierten Sprichwörtern und Redewendungen. Hier ein paar nützliche Beispiele:

猫に小判 – neko ni koban
“einer Katze Geld (geben)” – gleiche Bedeutung wie “Perlen vor die Säue”
灯台下暗し tōdai moto kurashi
“Das Dunkel direkt unter dem Leuchtturm”
Etwa: Das Gute liegt manchmal so nahe (dass man es nicht erkennt)
頭隠して尻隠さず atama kakushite shiri kakusazu
“den Kopf verstecken aber den Hintern nicht”
Etwa: Den Kopf in den Sand stecken (und damit denken, dass man, wenn man nichts
mehr sieht, auch nicht mehr gesehen wird) – siehe Gefräßiger Plapperkäfer
泣きっ面に蜂 nakittsura ni hachi
Ein Biene(nstich) auf die weinende Wange
Zur Schande kam noch Schmach dazu (habe ich so mal auf Deutsch gehört, aber
das kommt bestimmt auch nur vom “add insult to injury”)
薮をつついて蛇を出す yabu o tsutsuite hebi o dasu
“Wer im Busch herumstochert wird eine Schlange herauslocken”
Oftmals auch kurz “yabuhebi” – “Busch-Schlange” genannt – auf Deutsch
in etwa “wer sich in Gefahr begibt wird darin umkommen”
鬼が出るか蛇が出るか oni ga deru ka ja ga deru ka
“Entweder kommt der Teufel hervor oder eine Schlange”
- was also auch passiert, es wird nicht gut sein. Quasi die
Wahl zwischen Pest und Cholera.
虎穴にいらずんば虎児を得ず koketsu ni irazunba koji o ezu
“Wer sich nicht in die Höhle des Tigers begibt, wird das Tigerbaby nicht fangen können”
- also “Wer nicht wagt, der nicht gewinnt”.
案ずるより産むが易し anzuru yori umu ga yasushi
“Einfach machen ist besser als sich nur davor zu zieren”
- in etwas “Probieren geht über Studieren” und “Wer wagt gewinnt” in
einem.

Die Liste wäre freilich endlos – auch in Japan gibt es unzählige Sprichwörter und Redewendungen – sie sind das Salz in der Sprachsuppe, sollten aber wie auch in der eigenen Sprache nur wohldosiert benutzt werden.

Das Wort des Tages: ことわざ (諺) kotowaza – das Sprichwort.

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500. Beitrag und andere Gründe zu feiern

Juli 26th, 2010 | Tagged , | 20 Kommentare | 542 mal gelesen

So, dies ist also der 500. Beitrag im Japan-Almanach aka Tabibitos Japan-Blog. Gebraucht habe ich dafür 4½ Jahre, also relativ lange (andere schreiben so viel in ein bis zwei Jahren); dafür verwende ich aber keinerlei Textpassagen von anderen Seiten und schreibe auch keine Beiträge, die aus nur einem Satz und einem Foto bestehen (obwohl es wahrscheinlich kurzweiliger wäre, auch so etwas gelegentlich zu machen).

Ein paar Zahlen nur so aus Spielerei – ein Eintrag auf diesem Blog ist durchschnittlich 320 Wörter lang (eine durchschnittliche bedruckte A4-Seite hat zwischen 350 und 400 Wörter). Seit 2008 – die Zahlen vorher sind mir leider abhanden gekommen – wurde jeder Beitrag durchschnittlich 480 mal gelesen (bzw. besser: angeklickt). Zu den Suchbegriffen äussere ich mich lieber nicht, denn die sind oft haarsträubend, aber die mit Abstand häufigste Kombination ist “Japan Blog” (#1 bei Google.de). Gibt man dort “Japan Blog deutsch” ein, bin ich nur #3 – SEO mangelhaft, bitte setzen! kann ich da nur sagen. Selber schuld.

Aufgrund meiner Sturheit mangelt es diesem Blog eindeutig an Fotos: Ich möchte partout keine Fotos benutzen, die ich nicht selbst gemacht habe, doch leider fehlt mir dazu eindeutig die Zeit. Deshalb möchte ich an dieser Stelle allen Lesern danken, die sich trotz des Fehlens anschaulicher Illustrationen durch den Textwust kämpfen – und das seit Jahren (würde mich da doch mal interessieren, ob es noch Leser gibt, die seit Anfang an dabei sind!?)

Eigentlich hatte ich gehofft, den 500. Beitrag mit noch einem Jubiläum zusammenlegen zu können – und zwar mit der Fertigstellung der 100. Seite über Reiseziele in Japan. Leider hat das nicht geklappt, ich bin erst bei 98 – von Rebun (nordwestlich von Hokkaido) bis Okinawa, von Aizu-Wakamatsu bis Zushi gibt es aber bereits einiges zu lesen und es werden noch mehr. Das schöne daran ist, das diese Arbeit nie zu Ende sein wird und immer als Entschuldigung für eine Tour aufs Land herhalten kann.

In diesem Sommer, genauer gesagt in der zweiten Augustwoche, geht es allerdings zum ersten Mal seit 12 Jahren wieder nach Südkorea – teils geschäftlich, teils privat. Bis dahin (und danach eventuell auch) werde ich die Zahl der Beiträge möglicherweise etwas reduzieren – Grund dafür ist unter anderem auch die Tatsache, dass meine Tocher bald einen neuen Spielgefährten bekommt. Ob Bruder oder Schwester wissen wir noch nicht, aber das ist auch – für mich zumindest – Nebensache. Hauptsache, es ist gesund.

Gelegentlich werde ich freilich nicht die Finger vom Blog lassen können, und hoffe, dass meine Leser Geduld mit mir haben und von der Themenwahl nicht die Nase voll haben – sinkende Kommentarfreudigkeit schiebe ich mal darauf, auf die Sommerhitze und die Tatsache, dass ich oft nicht die Zeit habe, so viel zu antworten wie ich wollte.

Das Wort des Tages (welches als Feature übrigens erfreulicherweise sehr oft auf anderen Blogs kopiert wurde): 目出たい Auge (eigentlich: Sprosse, Trieb)-herauskommen-wie. Ergibt keinen Sinn? Etwas schwer nachzuvollziehen, aber es bedeutet “glücklich, zu beglückwünschen”.

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Kartoffeln waschen

Juli 21st, 2010 | Tagged , | 6 Kommentare | 706 mal gelesen

Da eröffnet es sich wieder, das abgrundtiefe Sommerloch. Kaum ist die lästige Regenzeit vorbei, beginnt die grosse Hitze – im Raum Tokyo klettern die Temperaturen bis auf 40 Grad (so heute gemessen in der Präfektur Gunma), das ganze dazu garniert mit einem mehr oder weniger starken, schwülem auflandigen Wind. Dementsprechend ertrinken momentan die Leute wieder reihenweise in diversen Flüssen und Seen. Der Wechsel von knapp 40 Grad zu 23 Grad und wieder zu 40 Grad und dann wieder zu 23 Grad (innerhalb einer Stunde – während der Mittagspause) ist nicht ohne – das habe ich heute wieder feststellen dürfen. Die nächtlichen Temperaturen knapp unter 30 Grad schreien dazu nach kohlensäurehaltigen Getränken (jaja, Tee löscht besser den Durst… sagt man).

Gestern ging ich mit meiner Tocher ins örtliche Freibad – etwas, was ich in Japan ohne Kind ganz, ganz sicher nicht machen würde. Die Szenerie dort ist schlicht unbeschreibbar: Das Freibad ist gross und hat mehrere 0.4 m bis 1.6 m (!) tiefe Becken – und dazu einen langen, geschlossenen Wasserlauf in der Mitte – dort wird von der Seite permanent Wasser hereingepumpt, um damit wohl einen Fluss zu imitieren. Die ganze Schlaufe ist geschätzte 200 m lang und 5 m breit. Von zwei Brücken regnet es kaltes Wasser. Und ich bin jedes Mal erstaunt, wie viele Leute da reinpassen: Hunderte. Und alles kann mit reingenommen werden – grosse Luftmatratzen genauso wie riesige aufblasbare Delfine, Wale und was weiss ich was. Daraus entsteht eine einzige, riesige Suppe aus Armen, Beinen, aufblasbarem Gummi und… etwas Wasser. Das ganze ist permanent in einer Richtung in Bewegung – stehenbleiben geht nicht, da sich hinter einem sofort ein Damm aus Gummi und Haut aufbaut.
Egal – meiner Tochter hat’s gefallen, und so ging es geschätzte 15 Mal (und gefühlte 100 Mal) herum und herum… Wenigstens konnte ich mich heute dann im Büro erholen. Bis zum nächsten Wochenende.

Das Wort des Tages: 芋洗い imo-arai. “Kartoffeln” – “waschen”. Sinnbildlicher Ausdruck für grosses Gedränge im Schwimmbad / am Meer.

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Gedränge auf dem Bürgersteig

Juli 15th, 2010 | Tagged , | 1 Kommentar | 443 mal gelesen

Angeblich wird momentan geplant, die Bürgersteige Japans zur geschäftlichen Nutzung freizugeben. Bisher gehörten die Bürgersteige der öffentlichen Hand – geschäftlich durften sie nur in sehr wenigen Ausnahmefällen genutzt werden. Dies geschieht hauptsächlich dann, wenn es ein Fest gibt und das mehr oder weniger fahrende Volk dann seine Fressbuden aufbaut.

Das soll jetzt anders werden – gegen eine Benutzungsgebühr soll es nunmehr Geschäften erlaubt sein, Teile des Bürgersteiges zu nutzen. Will heissen, Aufsteller und dergleichen sollen genehmigt werden (das ist momentan nicht legal) und so irre Sachen wie Strassencafés sollen machbar sein – letzteres ist momentan nur möglich, wenn die Fläche zum Grundstück gehört.

Japaner (bzw. meiner Erfahrung nach alle Ostasiaten) sind in Sachen Erfindungsreichtum wenn es ums Geschäft geht unschlagbar. Keine Werbefläche vorhanden? Kein Problem – man mietet einen Tagelöhner und hängt ihm ein Schild um den Hals (obwohl das bestimmt aus Amerika kommt). Keine Kunden im Laden? Man ruft einfach diverse Programmdirektoren an und lässt seinen Schuppen dann zur Bühne irgendeiner langweiligen Sendung werden.

Ich bin deshalb sehr gespannt, welche Lawine die Freigabe der Bürgersteige lostreten wird – diese Entscheidung hat das Potential, das Erscheinungsbild japanischer Innenstädte umzukrempeln. Einen kleinen Haken hat die Sache allerdings: Bürgersteige sind in Japan eher eine Seltenheit. In der Regel hat man nur einen dicken weißen Strich – meistens handtuchbreit – am Wegesrand, alle 10 Meter unterbrochen von einem Strommasten und von Auto- wie Radfahrern nur allzu gerne ignoriert.

Das Wort des Tages: 歩行道 hokōdō – laufen-gehen-Weg. Der Bürgersteig.

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Wie zerronnen so gewonnen

Juli 14th, 2010 | Tagged , | 1 Kommentar | 498 mal gelesen

Neulich beim Aufräumen fielen uns zwei Briefe in die Hände, die wir beinahe schon vergessen hatten: Einer enthielt eine Liste und einen Brief und vier Extra-Zettel, gedacht für die 4 Quartale des letzen (fiskalischen) Jahres: Steuerbescheide der Stadt, bezahlbar in nahezu jedem Convenience Store. Mit dem Zettel geht man in den Laden, bezahlt die Steuer und das wars. In einer idealen Welt hätte dieser Brief keinen Zettel mehr enthalten – leider lag aber noch einer drin, was wohl heissen muss, dass ich die Steuer für das letzte Quartal noch nicht gezahlt hatte. Also umgehend aufgebrochen zum Spätverkauf, 33’000 Yen (rund 250 Euro) eingezahlt und fertig. Ich muss dazu sagen, das diese Art Kommunalsteuer in meiner Stadt aussergewöhnlich niedrig ist.

Auch der zweite Brief war nicht besser: Dort forderte uns die Präfektur auf, “Präfekturbürgersteuer” zu bezahlen. Das hatten wir zum ersten Mal gesehen und hielten das erst für eine Finte – diese Steuer war neu und wir hatten noch was darüber gelesen. Unkostenbeitrag: Rein zufällig 33’000 Yen. Na klasse. Kurz nachgeforscht – die Steuer gibt’s tatsächlich seit kurzem. “Ende Mai” stand auf dem Zettel, also war es wohl wirklich an der Zeit. Ein genauerer Blick liess mich dann aber zusammenzucken: Das war bereits ein Mahnbescheid, und “Ende Mai” bezog sich auf den Zeitraum, währenddessen man damit bequem im Spätverkauf bezahlen kann. Eigentlich war die Steuer Ende Februar fällig.
Also flugs zur Bank und dort eingezahlt. Puuh. Erledigt. Was mich dabei jedoch erstaunt, ist die Geduld japanischer Behörden: Immerhin waren wir mit der Präfektursteuer arg im Verzug – und trotzdem kam nicht mehr als der eine Bescheid. Ich habe allerdings nicht vor, auszuprobieren, was passiert, wenn man noch länger wartet.

Ein Trostpflaster gab es dann doch: Die Stadt schickte uns einen Tag später einen Bescheid, dass wir 33’000 Yen zuviel gezahlt hatten und man uns das nun zurückerstatten möchte. Da hatten wir also doch schon die Kommunalsteuer ganz bezahlt – scheinbar ein Mal jedoch ohne den Zettel abzugeben. Ich glaube, dies ist ein guter Zeitpunkt, um seine Unterlagen zu ordnen…

Das Wort des Tages: 督促 tokusoku – die Mahnung.

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Eilmeldung: Oberhauswahl – Regierungspartei wird abgestraft

Juli 12th, 2010 | Tagged , | 4 Kommentare | 453 mal gelesen

Heute, am 12. Juli 2010, fanden die 22. Wahlen des Oberhauses (参議院) statt. Zur Wahl stand nicht das komplette Oberhaus, sondern nur 121 der 233 Sitze (das ist bei der Oberhauswahl so – nur ein Teil wird direkt gewählt). Diese Wahl war mit Spannung erwartet worden, denn das Regierungsbündnis hielt vorher nur eine sehr knappe Mehrheit, und die Stimmung im Land ist schon seit geraumer Zeit eher negativ gegenüber den 2009 an die Macht gekommenen Demokraten.
Die Stimmenauszählung ist jetzt (13. Juli, 1:00 morgens) noch nicht vollendet, aber soviel steht fest: Das Regierungsbündnis wurde abgestraft und verliert etliche Sitze – und damit die Mehrheit. Gewinner sind die Liberaldemokraten mit mindestens 51 Sitze, gefolgt von den Demokraten mit mindestens 43, danach der Kōmeitō mit 9, der Minna-no-tō (ebenfalls 9), den Kommunisten mit 3 und den Sozialdemokraten mit einem Sitz. 5 Sitze waren zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht eindeutig vergeben, aber sie werden nichts mehr am Endergebnis ändern.

Die Stärke der Liberaldemokraten überrascht etwas – schliesslich hatten etliche wichtige Köpfe der Partei frustriert die Partei verlassen und neue Parteien gegründet (dazu zählt auch die jetzt sehr erfolgreiche “Minna-no-tō”.

Das Oberhaus ist in Sachen Gesetzgebung dem Unterhaus untergeordnet – gesetzgebende Verfahren können auch unter Umgehung des Oberhauses durchgeboxt werden. Den Demokraten sollte das Ergebnis jedoch eine deutliche Warnung sein – wenn sie so weitermachen wie bisher, kommen sie höchstens bis zur nächsten Unterhauswahl. Aber die findet ja erst in drei Jahren statt.

Das Wort des Tages: 惨敗 sanpai – “tragisch” + “Niederlage”. Die schwere Niederlage.

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Anpfiff vom Botschafter

Juli 8th, 2010 | Tagged | 2 Kommentare | 446 mal gelesen

So, da hat Deutschland heute also im Halbfinale der WM 1:0 gegen Spanien verloren. Schade eigentlich. Die Konsequenzen hätte ich aber heute morgen auch nicht erahnen können: . Aber eins nach dem anderen.

Heute begann die 17. Internationale Buchmesse von Tokyo. Auf der habe ich, so wie im vergangenen Jahr, beruflich heute einen ganzen Tag verbracht – dieses Mal sogar ausgerüstet mit einem VIP-Pass, der mich dazu ermächtigte, am offiziellen Empfang, an dem “nur 900 Leute teilnehmen dürfen”, teilzunehmen. Eine lauschige Veranstaltung, aber sehr geeignet, um Kontakte zu pflegen und zu knüpfen.

Ach ja – irgendwie muss ich ja noch den Zusammenhang zwischen dem Titel dieses Eintrages, dem verloreren WM-Spiel und der Buchmesse erläutern. Auf der heutigen Buchmesse war ich mit mehreren Leuten verabredet – darunter mit einem Japaner, der früher oft im arabischen Raum unterwegs war und ein echtes Original ist. Auch bei der Buchmesse in Tokyo wird jedes Jahr ein spezielles Land ins Rampenlicht gerückt – dieses Jahr war es Saudi-Arabien. Jenes liess sich nicht lumpen und baute mitten in der Messe ein Beduinenzelt auf und legte es schick mit Teppichen aus. Als ich dort vorbeilief, traf ich zufällig – vor der verabredeten Zeit – besagten Japaner. “Ah, da sind Sie ja! Kommen Sie, ich stelle Sie mal dem saudischen Botschafter vor!”. Kurzes Händeschütteln, kurze Vorstellung – und der Botschafter sagte plötzlich “Was war mit Deutschland los? Warum haben die plötzlich verloren?” – Meine schlagfertige Antwort: “Öhmm…. Pfff…”. Darauf der Botschafter: “Alle meine Freunde hatten auf Deutschland gewettet. Einige von ihnen sogar um Geld!”. Darauf konnte ich nur ein “I’m out of here” antworten. Endlich lachte er. Und sagte “Komm, ich stell Dich kurz dem saudischen Minister für höhere Bildung vor!”. Gesagt, getan. Dazu schnell noch einen arabischen Kaffee und eine Dattel – und ich verliess mit allen Gliedmassen noch dran das Zelt.

Bei der Buchmesse ist mir ein grosser, eindrucksvoller Foliant bei einem japanischen Verlag aufgefallen. Sah sehr nach mittelalterlichem Druckwerk aus, aber die Illustrationen waren seltsam neuzeitlich. Genauer Blick – oh, Deutsch! Titel: “Das Rote Buch”. Dahinter ein Foto (!) vom Author. Was ist mir denn da entfallen!? Ein kurzer Blick ins Internet verrät: Geschrieben vom schweizer Psychiater C. G. Jung, zwischen 1914 und 1933. Unter absolutem Verschluss gehalten bis 2001 – und erst 2009 veröffentlicht. Ein oppulentes, handgeschriebenes Werk mit rund 100 Illustrationen des Authors – das Buch bzw. die Illustrationen und die Gestaltung haben mich sofort in den Bann gezogen. Interessanterweise gibt es in der deutschen Wiki keinen Artikel darüber – wohl aber in der englischen (siehe hier). Gute 100 Euro kostete die japanische Ausgabe – mit den gescannten Seiten des Originals und japanischer und englischer Übersetzung. Verlockend.

Interessant fand ich bei der Buchmesse (wie auch schon im vergangenen Jahr) die Freizügigkeit der Veranstalter: Da steht der Verlag der Kommunistischen Partei Japans direkt vor dem Verlag einer buddhistischen Sekte. Scientology hat auch einen Stand und bietet “völlig kostenlos” Stresstests mit einer futuristisch anmutenden Maschine (Espresso-Automat!?) an. Auch die haarsträubende Partei des Glücks war dort auf Bauernfang, unweit der Vereinigung katholischer Verlage.

Das Wort des Tages: 怒られた okorareta. Passive Vergangenheitsform von oko-ru (sich aufregen, ärgern). Ergo: Schelte bezogen haben.

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Wahlspass am Sonntag

Juli 5th, 2010 | Tagged | 5 Kommentare | 481 mal gelesen

Am kommenden Sonntag, dem 11. Juli 2010, ist es mal wieder soweit: Wahlen sind angesagt. Dieses Mal geht es um das Oberhaus, in dem die Demokraten zusammen mit der Neuen Volkspartei gerade so die einfache Mehrheit hält. Bei den Oberhauswahlen wird dabei ein Teil der Vertreter direkt gewählt. Dieses Jahr hat man so viel Auswahl wie selten zuvor – 2004 stellten sich 5 Parteien, 2007 7 Parteien und dieses Jahr saubere 12 Parteien zur Wahl. Es dürfte jedoch kaum jemanden geben, der all diese Parteien auseinanderhalten kann. Ein paar der Parteien entstanden erst dieses Jahr – meistens gegründet von Politikern, die in der ehemals regierenden liberaldemokratischen Partei keine Chancen mehr sehen.

Und so ähneln sich die Wahlprogramme recht stark – in vielen Fällen geht es nur um leichte Abweichungen in der Art und Weise, wie die Ziele formuliert werden. Einer der Hauptstreitpunkte ist die Erhöhung der Mehrwertsteuer (jetzt 5%) auf wohl 10%. Grund dafür ist die enorme Verschuldung des Landes, gegen die Deutschland zum Beispiel wie ein Waisenknabe aussieht.

Ein anderer Streitpunkt ist die Definition des Begriffes Wahlversprechen, bzw. マニフェスト (Manifest) wie es seit kurzem so schön auf Neujapanisch heißt. So versprachen die Demokraten ja eine saftige Anhebung des Kindergeldes + (fast) freie Bildung sowie die Abschaffung der Maut, doch das steht seit vielen Monaten wieder alles auf der Kippe bzw. wird nur halbherzig umgesetzt. Angeblich haben die meisten in der Bevölkerung für den Kurswechsel Verständnis angesichts der leeren Staatskassen – das ist jedoch recht merkwürdig, da die Versprechen inmitten der schwersten Wirtschaftskrise seit WK 2 gemacht wurden, und die Kassen bereits davor schon leer waren.

Die Wahl am Sonntag dürfte halbwegs interessant werden – jedoch wird sich diese Wahl mit hoher Sicherheit durch eine selbst für japanische Verhältnisse enorm geringe Wahlbeteiligung auszeichnen. Entweder aus Desinteresse, mangels Kenntnis ob der Unterschiede zwischen den Parteien – oder aus Protest. In dieser Reihenfolge.

Lustig ist da die momentane Werbung von Softbank (Mobilfunkbetreiber) – dort wird dem Ahnen beim Friedhofsbesuch berichtet, dass der eigene Sohn (ein weisser Hund) zu den Wahlen antreten wird – und deshalb, um Japan zu ändern, 素敵なエベレストを考えました – einen schönen Everest (eberesuto) verfasst hat – die Ehefrau berichtigt daraufhin mit leiser Stimme “Manifesuto (Manifest)”. Jaja, ich weiss, man lebt zu lange in Japan wenn man sowas lustig findet (bei ca. 0:40 im untenstehenden Video):

Das Wort des Tages: 出馬 shutsuba heraus(gehen) – Pferd. Zur Wahl (zum Rennen) antreten – wird auch bei Politikern verwendet.

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Andere Länder, andere Rechtssysteme

Juli 1st, 2010 | Tagged | 7 Kommentare | 577 mal gelesen

Neulich – genauer gesagt am 29. Juni – widmete sich ein Kolumnist der Japan Times dem japanischen Rechtssystem, und zwar auf eine Art und Weise, das selbst Laien (sprich: meine Wenigkeit) das Geschriebene nachvollziehen können. Hintergrund war die Tatsache, dass immer mehr Botschaften Juristen damit zu beauftragen, das japanische Rechtssystem ins Licht zu rücken. Ganz speziell ging es darum, herauszufinden, was Botschaften für ihre Bürger im Falle von Kindesentführungen tun können. Entführt nämlich zum Beispiel eine japanische Mutter ohne Einverständnis des Mannes ihr Kind nach Japan, so wird das in Japan nicht geahndet – im Gegenteil, kommt es danach womöglich zur Klage seitens des Mannes, so stehen die Chancen gleich Null, dagegen etwas machen zu können (siehe hier). Entführt hingegen ein Elternteil ohne Einverständnis des Anderen ein Kind aus Japan und wird dabei ertappt, ist eine Verurteilung quasi sicher. Nach welchen Maßstäben wird da wohl gemessen?

Natürlich sind auch in Japan Gesetzesbücher frei zugänglich. Das muss schon sein. Logischer erster Schritt (für mich als Laien zumindest) wäre dementsprechend, erstmal nachzuschlagen, was die Gesetze so sagen. In oben genannten Fällen ist der Gesetzestext jedoch ziemlich schwammig – zwar werden Höchst – und Mindeststrafen festgelegt, aber es fehlt eine eindeutige Definition dazu, was Kindesentführung gilt und was nicht. Welche Kriterien müssen erfüllt werden, um den Strafbestand zu erfüllen? Um diese Frage zu beantworten, gibt es Kommentare und Urteilsbegründungen relevanter Verfahren in der Vergangenheit. Genau hier liegt jedoch der Hund in Japan begraben: Vergangene Urteilsbegründungen können in der Regel nicht eingesehen werden, auch nicht von Juristen. Begründung dazu: Schutz der betroffenen Personen.

Das könnte eventuell auch einer der Gründe sein, warum es an japanischen Gerichten nur sehr selten Freisprüche gibt – Verteidiger haben kaum eine Chance gegen die Art und Weise der Auslegung der Gesetze durch die Staatsanwaltschaft. Sind Ermittler und Staatsanwaltschaft von der Schuld überzeugt, war es das – man kann nicht mit einem “bei dem und dem Urteil wurde aber zu Gunsten des Angeklagten entschieden” daherkommen.
Zitiert wurde in dem Zusammenhang auch ein Sprichwort von Konfuzius: Man muss die Gesetze nicht kennen – es reicht, wenn man sich daran hält. Schön gesagt: Wie in fast jedem anderen Land auch sieht man Gesetzesübertretungen nahezu ununterbrochen: Rote Ampeln überfahren, Radfahrer mit Regenschirm oder beim Telefonieren usw. usf. Selbst eine einfache, dahingesagte Beleidigung reicht aus, um gegen das sehr schwammige Gesetz der “Störung der öffentlichen Ruhe” zu verstoßen – ein Japaner wurde wohl mal zu einer Bewährungsstrafe verdonnert, weil er eine fremde Frau in einer Bar als “fett” bezeichnete.

Das Wort des Tages: 刑法 keihō. Strafe-Gesetz. Das Strafrecht.

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