Bauen im Zeitraffer

Mai 17th, 2010 | Tagged | 16 Kommentare | 1099 mal gelesen

Die Vorbereitungen für diesen Artikel begannen im Oktober vergangenen Jahres – als man begonnen hatte, den Hinterhof hinter unserer Firma weiter zuzubauen.
Rückblende: Vor 5 Jahren ergab sich beim Blick vom Balkon unserer Firma folgendes Bild: Linkerhand ein zweigeschossiges Wohnhaus. In der Mitte, eine grosse, flache und ziemlich baufällige Garage und rechterhand und ein paar Meter höher gelegen eine absolute Bruchbude. Zwischen diesen drei Objekten standen viele Bäume und Büsche, die, zusammen mit dem Garagendach, dankend von der hiesigen Katzenpopulation angenommen wurde. An manchen sonnigen Tagen räkelten sich bis zu 5 Katzen auf dem heissen Garagendach. Manchmal schlich eine alte Frau um das Anwesen zur rechten durch die Büsche. Im Sommer machten sich die Zikaden über das Grün her – manchmal musste man im Sommer die Fenster schliessen, da man wegen letzterer sein Gegenüber am Telefon nicht mehr verstand.

Vor vier Jahren verschwand plötzlich das Anwesen nebst Büschen und vielen Bäumen zur rechten. Ersetzt wurden sie kurzerhand mit zwei kalten Betonquadern. Ohne Putz, ohne Isolierung. In Deutschland nennt man so etwas „Zu geizig, um Putz anzubringen“ – in Japan hingegen „Designer’s Mansion“. Die Miete kostet deshalb auch gleich mehr. Kein Witz. Drei Katzen blieben.

Im Oktober vergangenen Jahres rotierte wieder die Kreissäge – etliche Bäume verschwanden, sowie die Garage und die kleine Hütte dahinter. Und, wer hätte das gedacht – ersetzt wurde das ganze mit einem kalten, grauen, unverputzten Gebäude, welches gerade so in die Lücke hereinpasst. Das Dach befindet sich genau dort, wo unser Balkon anfängt – und vom Balkon könnte ich jetzt ganz locker aufs Dach springen, denn das sind keine zwei Meter. Bis zum Anwesen rechterhand sind es ebenfalls rund zwei Meter und bis zur Mauer linkerhand an einigen Stellen rund 50 cm. Die armen Katzen.

Interessant ist es dabei, zu sehen, wie in Japan gebaut wird: In der Regel wird hier nämlich kein Keller gebaut. Stattdessen werden – im Falle eines 2- bis 3-geschössigen Baus – 10 m lange Stahlsäulen in den Boden gerammt. Dann werden Gräben entlang des Grundrisses ausgehoben. Darauf kommt eine dicke Isolierfolie – und dann wird Beton reingegossen. Man lässt in der Mitte also Sockel aus Erde stehen (ich nehme mal an, das diese bei Erdbeben dafür sorgen sollen, dass ein Teil der Schwingungen gedämpft wurde. Der Rest ist dann freilich ähnlich wie in Deutschland: Verschalungen hochziehen, Beton reingiessen, Verschalungen entfernen und oben anbringen, wieder Beton rein usw. Im Zeitraffer sieht das ganze dann so aus (das Video hat auch Musik dazu):

Was ich immer wieder nicht begreife, ist, wieso man in Japan nicht isoliert – weder innen noch aussen. Würde man hierzulande beginnen, richtig zu isolieren (inkl. Doppelglasfenster!), könnte man mit grosser Wahrscheinlichkeit einige AKW’s abschalten….

Wem das Video zu schnell war – hier noch die Fotos in chronologischer Reihenfolge:

Get the flash player here: http://www.adobe.com/flashplayer

Weitergehende, sehr empfehlenswerte Literatur zum Thema: BigAl’s „Wie man in Japan Gebäude baut – Teil 1, 2, 3 und 4.

Das Wort des Tages: 建設 kensetsu. Das Bauen, der Bau.

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16 Responses to “Bauen im Zeitraffer”

  • Anonymous sagt:

    Sehe ich das richtig das die eine Art Atrium in Ihrem Haus haben?

    Zu der Isolationsfrage, es wird isoliert sowohl Holz als auch neue Beton Apartmenthäuser.
    Aaaaaber, es ist keine gesetzliche Vorschrift!
    Hier in der Nachbarschaft haben sie 2 Apartmenthäuser in den letzen 12-15 Monaten hochgezogen.
    Eins billig (Apartment ab 70000 Yen/monat) mit einfach Glas und anscheinend keiner Isolation auf dem Beton.
    Das andere mit allem pipapo inklusive (Wasser) Fussbodenheizung und Doppelglas sowie 3 Lagen Isolierung auf dem Beton (wurde extra Werbung gemacht) Dazu Wäremrückgewinnung und auf dem Dach ne Solaranlage und Hobbygärten.
    Preis: ab 35.000.000Yen… nur zu kaufen!
    Es scheint, „billiger“ Sozialbau wird über die Stromrechnung quer-finanziert.

    (Ist aber in D oft nicht anders, dort gibt es genug „Vermieter“ die nur über Richter zu minimalen „Eco“ oder zum Modernisieren zu bringen sind.)

  • snoeksen sagt:

    Ich hab auch schon mal überlegt, wenn man es schaffen würde, deutsche Isolierfenster am japanischen Markt zu etablieren, man wäre ein gemachter Mann. Hat wohl eher was mit „wir bauen die Häuser eh nur für max. 30 Jahre Gebrauch“ und „ich will aber mit den Jahreszeiten auf du und du sein“ zu tun.

    Und da die Frage auch nicht fehlen darf: von wem ist die Musik im Video?

  • Anonymous sagt:

    @Michael
    Ja, ist ein ganz komischer Bau – auf jeden Fall keine Wohnung. Ein Fenster geht über zwei Etagen, ein anderes ist riesengross (mit Blick auf die Mauer in zwei Meter Entfernung. Die sind noch am Innenausbau – mal sehen, was das wird. Ich wollte den Architekten schon vorschlagen, das Dach zum Biergarten auszubauen – da könnte ich dann beim Bier trinken aufpassen, ob unsere Belegschaft auch richtig arbeitet :-)

    @snoeksen
    Die nennen sich Cassette Con-Los und sind ziemlich gut drauf:
    http://www.con-los.com/

  • Michael sagt:

    @snoeksen
    Gute Doppelglasisolierfenster gibt es in Japan in jedem Homecenter!
    Viele sogar mit spezialbeschichtung fuer bestimmte Wellenlaengen.

    Soweit zum Thema gemachter Mann.

  • Oliver sagt:

    Hallo!

    Ich dachte es es wird nicht gedämmt weil es idR keine Zentralheizung gibt. Also im heißen Sommer immer Durchzug und im Winter Heizung unter dem Kotatsu. Naja, so ähnlich steht es jedenfalls bei Wikipedia. Stimmt das denn nicht mehr, oder gilt das nur auf dem „Land“?

    Grüße aus dem kalten Deutschland (Mitte Mai und ich habe noch die Heizung an)

  • BigAl sagt:

    @tabibito: Vielen Dank fuer den Verweis. Die Links 2-4 haben allerdings ein kleines Klammerproblem ;)

    Die jap. Haeuser sind nicht nur schlecht bis gar nicht isoliert, sondern verletzten auch viele andere architektonisch/thermodynamische Regeln. So findet man oft uebermaessig viele Winkel und Erker, die unnoetig die Oberflaeche vergroessern.

    Hauptgrund fuer die vielen Maengel ist wohl wirklich ermeintliches Sparen. So sind in unserem neuen Gebauede viele Scheiben doppelt, manche einfach – und so zieht es halt trotzdem wie Hechtsuppe. Was die Fenster alleine nicht schaffen machen die Metallrahmen wett und geben durch Kondensation dem Schimmer erst so richtig die Nahrung.
    Die Dichtungen sind in einer Form verbaut… Also in Deutschland haette man fuer sowas kein Diplom gekriegt.
    Auch die Heizung an die Zimmerdecke zu bauen verschaerft das Problem noch. Ich habe mich oft selbst gefragt, warum man in Deutschland die Heizungen an die am schlechtesten isolierte Stelle (unter dem Fesnter baut) – aber macht Sinn um die Kaeltebruecken auszumerzen.
    Weiterhin sind viele kleine Heizungen in Sachen Wirkungsgrad das Allerletzte. Die Neubauten in Nuernberg haben fast alle kleine Blockkraftwerke.

  • Michael Hess sagt:

    @BigAl
    eben NEUBAUTEN!
    Das gleiche gilt auch für Japan in Neubauten. Viele der neueren Wohnanlagen (

  • Michael Hess sagt:

    Nachtrag,
    Der Wohnungsbau in Japan ist eine Kopie des Hausbaus in den USA. Und dem Prinzip der Gewinnmaximierung.

    Änderungen gibt es nur wenn
    a) gesetzliche Vorschriften es Vorschreiben
    b) der Kunde es fordert.

    Und der japanischen Eigenheim/Eigentumswohnungs Kunde scheint vermehrt EKO nachzufragen.
    Firmen wie Panasonic und OM-Solar haben den Trend erkannt und liefern entsprechend hochwertiges Material.

    Andererseits hat ja Europa gerade den großen Schritt zur ökologisch Wertvollen Leuchtstoffröhre vollzogen.

    In Japan werden diese Energiesparlampen (Aber Sondermüll wegen Quecksilber)
    durch LED-Lampen (naja wenigstens kein giftiger Sondermüll durch Schwermetalle) ersetzt.
    Vorteile der LED liegen aber energietechnisch und Lebensdauertechnisch klar auf der Hand.

  • Michael Hess sagt:

    Nicht das man mich für ein Schwätzer hält…
    http://g-life.osakagas.co.jp/1-living/1-floor/0-difference-a.html

    Aber ich vergaß… common sense sagt, so was gibt es in Japan nicht!
    Andere halten ja Japaner für prinzipiell blöde.

  • Michael Hess sagt:

    huestel…
    Was ich sie noch fragen wollte,
    haben sie das hier z.B. mal gelesen?
    http://www.nasahome.jp/house.html

    „Ja ich sollte nun wirklich gehen, entschuldigen Sie die Störung…“

    ;)

  • Anonymous sagt:

    Wenn dieses „Ding“ irgendwann mal genutzt werden sollte, vielleicht kannst du den Nutzer ausfindig machen und nach seinen Beweggründen zur Wahl dieses „Ding“ fragen.

    Sind das eigentlich gegenüber auch Büros? Man kann dort diverse Balkone erkennen, aber da euer Büro ebenfalls über eine derartige Einrichtung verfügt, muss es sich nicht zwangsläufig um Wohnungen handeln. Als Bewohner kann man sich dann aber nur zu solch einer Aufwertung des Wohnumfeldes beglückwünschen.

    Sind die Japaner da eher aufmüpfig und versuchen auf derlei Stadtgestaltung Einfluss zu nehmen? Ich glaube in der BRD hätte solch ein Vorhaben keine Chance.

  • Anonymous sagt:

    Ich vergaß: Der gute Mann bei 1:00 wie lange hat der denn geschlafen? Der Architekt sollte bei der Planung des Biergartens dann Liegestühle miteinplanen;o)

  • Michael Hess sagt:

    Da ist einiges an Text verloren gegangen
    Im letzten Beitrag sollte es heißen:

    huestel… (Colombo nimmt zum 4ten mal die Zigarre aus dem Mund und dreht sich auf dem Weg zur Tür nochmal um)
    Was ich sie noch fragen wollte,
    haben sie das hier z.B. mal gelesen?
    http://www.nasahome.jp/house.html

    „Ja ich sollte nun wirklich gehen, entschuldigen Sie die Störung…“
    (Colombo dreht sich um und geht zur Tür)

    ;)

    Der Fehler liegt wohl am versehentlichen verwenden von „Groesser Kleiner Pfeilen“ als Klammern

    Denn auch beim dem anderen Text fehlt alles hinter dem „kleiner als“ Zeichen.

  • Michael Hess sagt:

    @Terry
    Es gibt nur sehr selten Bauvorschriften wie man sie in Deutschland kennt, z.B. DU MUSST Flachdach bauen in einer Regien, weil irgendwelche Deppen vor 40 Jahren das cool fanden, oder Deine Außenwand muss roter Klinker der Sorte XYZ sein.
    Wie gesagt diesen Wahnsinn gibt es in Japan nicht.
    (Auch keine Vorschrift über die Höhe von Treppenstufen!)

    Es gibt ab und zu Hoehenvorschriften fuer Gebäude (z.B. maximal 2 Stockwerke) und Vorschriften zum „Lichtprofil“, deswegen gibt es bei höheren Häusern manchmal diese komischen Schraegen. Das soll verhindern das der Schattenfall auf Nachbarn zu gross wird.
    Wie gesagt solche Regeln sind Regional!

  • umij sagt:

    >Es gibt nur sehr selten
    >Bauvorschriften wie man sie
    >in Deutschland kennt

    und leider sehen die meisten Mittel- und kleineren Großstädte in Japan dann auch so aus.

  • Anonymous sagt:

    @Umij
    komisch zeigen Japaner mal nicht Uniformität wird ihnen das vorgeworfen.
    Ich kann es wiederumn nicht verstehen das in Deutschland einen Bauvorschriften dazu zwingen ein Flachdach zu errichten/beizubehalten nur damit das „Gesamtbild“ nicht gestört wird.
    Oder wenn ich daran denke welchen Stress ein Bekannter mit seinem Kanadischen Blockhaus hatte.
    Da ist mir die Japanische Individualität im Hausbau manchmal lieber, obwohl es natürlich Grenzwertige Fälle gibt.
    Aber wie sagt man so schön, über Geschmack lässt sich streiten.
    Ich sehe hier eher die Chance mein „Traumhaus“ zu bauen als unter dem Vorschriften Wahn in Deutschland.
    (Der Bruder meines Schwagers musste die Gesamte Treppenanlage in seinem renovierten Haus herausreißen, weil EINE Stufe um 0,5cm, nicht die die geforderte Mindesthöhe hatte.)