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Japanische Etikette – ein Irrtum und seine Folgen

April 5th, 2010 | Tagged , | 8 Kommentare | 751 mal gelesen

An diesem Wochenende habe ich ein Beispiel für Etikette erlebt, wie es besser nicht beschrieben werden könnte. Das ganze begann mit einer Abschiedsfeier für einen Kollegen, der in der vergangenen Woche die Firma verlassen hatte. Er war ein paar Jahre dabei, hat ausgezeichnete Arbeit geleistet und wir waren ihm dementsprechend eine Abschiedsfeier schuldig.

Also ging es am Freitagabend zu einer etwas besseren izakaya (japanisches Kneipenrestaurant). Am Eingang gibt es dort zwei grosse Wandschränke mit Bügeln. Also Jacke aus, rauf auf den Bügel und fertig. Als die Feier zu Ende war, ging es zum Wandschrank – dort hing einiges, aber keine Lederjacke. Nur Jackets. Nanu? Drei mal gesucht, noch mal am Platz nachgesehen – nein, definitiv nicht da. Ein junger Angestellter kommt vorbei, fragt, was los ist, denn um mich herum steht eine Menschentraube – meine mitfühlenden Kollegen. Ich erkläre, was geschehen ist – und er quittiert das mit “Der Wandschrank ist eigentlich nur für grosse Gruppen mit Reservierung”. Ich sage ihm – freundlich – dass das irrelevant sei: Wenn dem so sei, sollte man ein Schild anbringen. Ausserdem ändert das nichts daran, dass eine in Japan doch recht auffällige Lederjacke weg ist.

Mittlerweilen ist auch der Chef des Ladens aufgetaucht, und der ist etwas erfahrener in Sachen Etikette. Er zieht den Kollegen zur Seite und stimmt mir sofort zu: Ja, da hätte wirklich ein Schild sein sollen. Er bietet mir an, sofort den 幹事 (kanji) anzurufen. Wenn sich in Japan Menschen zu irgendeiner Festivität verabreden, wird immer jemand zum kanji bestimmt – der hat die Aufgabe, dafür zu sorgen, dass alles seine Richtigkeit hat, jeder den Weg findet, die Rechnung bezahlt wird usw. usf.
Seine Gruppe war gross: 35 Leute, ebenfalls Firmenfeier. Also wird der kanji angerufen – der ruft danach Einen nach den Anderen an.

Nun war mir in dem Moment die Jacke weniger wichtig – wichtiger war das Schlüsselbund in der Jacke. Ich sage dem Besitzer, dass ich eine halbe Stunde in der Gegend sein werde und dann nochmal vorbeischaue. Ich gebe ihm Email-Adresse und Telefonnummer. 30 Minuten später: Der kanji hat eine heisse Spur: Einem Untergebenen kam die Jacke eines anderen Untergebenen verdächtig vor. Letzterer ist aber nicht mehr erreichbar. Da ich ja nicht alleine wohne, mache ich mich also auf den Heimweg – ohne Jacke.
Am Wochenende dann eine Email und ein Anruf vom Besitzer: Er fährt am Sonntag die Jacke abholen. Ich sage ihm, dass es bis Montag Zeit habe – vielleicht könnte er sich die Jacke ja dann auch schicken lassen (der Besitzer tat mir wirklich leid).

Sonntag abend wieder eine Email – er bringt die Jacke am nächsten Tag in meine Firma (ich hatte ihm meine Karte hinterlassen). Der Schlüssel sei auch da. Heute abend dann Showdown in der Firma: Der Besitzer kommt, mit Jacke. Und zwei Taschen: In der einen: Eine (ziemlich teure) japanische Süssigkeit. In der anderen: Ziemlich teurer Käsekuchen (ca. 20 Euro). Ersteres: Von ihm. Letzteres von dem Jackendieb. Dazu noch ein dutzend Entschuldigungen (und ein dutzend Entschuldigungen und Beschwichtigungen von mir). Japanische Etikette eben… das weibliche Personal in meiner Firma freute sich jedenfalls über die beiden Taschen.

Das Wort des Tages: お詫び owabi – die Entschuldigung. Es gibt einige Formen der Entschuldigung in Japan – “owabi” ist eine der höheren Formen (also wenn man sich – zumindest förmlich – “wirklich” entschuldigt, also wirklich die Verantwortung übernimmt).

Wie jemand seine Anzugjacke mit einer schwarzen, glatten, mindestens 5 mal schwereren Lederjacke verwechselt, ist mir jedoch nachwievor ein Rätsel. Würde mich mal interessieren, wann er es bemerkt hatte und was seine Frau (so vorhanden) dazu gesagt hatte…

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