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Wahnsinn Religion

März 11th, 2010 | Tagged | 10 Kommentare | 967 mal gelesen

Mein kurzer Abstecher nach Shikoku vergangenes Wochenende war mal wieder eine Gelegenheit, ein kleines bisschen Buddhismus zu erleben – schliesslich haben wir ja auch im Tempel übernachtet und ausgiebig Zeit gehabt, uns jenigen genau anzusehen.

Buddhismus ist und bleibt für mich ein Buch mit sieben Siegeln – es gibt so viele Lehren und Sekten, dass mir das Christentum dagegen paradiesisch leicht verständlich vorkommt. Das ist freilich eine völlig unfundierte Aussage und sehr objektiv – wenn ich behaupten würde, das Christentum halbwegs zu verstehen, würde ich lügen.
Einen gewissen Reiz kann man dem Buddhismus nicht absprechen, und viele Asienreisende verfallen diesem Reiz: Die Religion hat etwas friedfertiges, es gibt scheinbar keine aufdringlichen Missionare, die Tatsache, dass der Mensch unvollkommen ist, wird als gegeben hingenommen und man muss nicht immer zur Beichte rennen, wenn man mal was ausgefressen hat. Zudem sehen die Tempel alle schön und exotisch aus, der Dalai Lama ist ein guter Mann, der immer lächelt, und von fanatischen, bombenlegenden Buddhisten, denen alles egal ist, da ja im Paradies 18, wenn nicht noch mehr, Jungfrauen auf einen warten, hat man auch noch nicht gehört.
Schaut man sich das scheinbar gelassene, farbenfrohe Leben in Tempeln in Indien, Thailand und sonst noch wo an, sieht Buddhismus wie eine vernünftige Lebenseinstellung aus, die man nicht unbedingt verstehen, aber doch zumindest bewundern kann.

Dachte ich mir früher so. Bis ich von einem buddhistischen Phänomen hörte, das mir eine ordentliche Gänsehaut bescherte: Das lebendige Mumifizieren. Das Konzept: Als Mensch in seiner sterblichen, unperfekten Hülle kann nicht die höchste Stufe erreichen – wie man sich auch anstrengt, man wird nicht zum Buddha. Zumindest eine Strömung im Buddhismus versucht dieser doch essentiellen Einschränkung zu entgehen. Sie schlägt vor, dass, wer sich lebendig mumifiziert (und – kleines, aber bedeutendes Detail – bis zum Ende in sitzender Position verbleibt), doch zum Buddha werden kann.

Die Prozedur ist schmerzvoll – und dauert lange: Der Regel nach 2’000 Tage, also über 5 Jahre. In den ersten tausend Tagen assen die Mönche nur noch gewisse Wurzeln und Nüsse und trieben viel Sport: Ziel war, jegliches Gramm Fett loszuwerden, denn jenes ist bei einer Mumifizierung nicht dienlich. In den folgenden tausend Tagen tranken die Mönche dann einen eigentlich giftigen Tee aus den Stoffen des Lackbaums – jener Tee hatte zur Folge, dass der Körper zu giftig wurde, um Würmer und dergleichen als Speise zu dienen. Danach ging es im Lotussitz in ein dunkles, enges Grab – mit einer Glocke und einem Schlauch zur Aussenwelt zum Luft holen. Jeden Tag klingelte der Mönch dann mit dem Glöckchen – so er noch lebte. 1’000 Tage nach dem letzten Klingeln schauten die Mönche schliesslich nach, ob die Mumifizierung gelungen war oder nicht: Bei den meisten wohl nicht, denn bisher sind nur um die 20 gelungene Beispiele bekannt. Die, die es geschafft hatten, wurden umgehend zu Buddhas erklärt.

Diese Praxis fand wohl vor allem in Nordjapan statt – aber nur bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts: Heute ist das ganze nicht mehr zeitgemäss und wird dementsprechend nicht mehr praktiziert. Sagt man.
Diese Praxis ist gelinde gesagt beeindruckend: Wie willens- und glaubensstark muss man sein, um dies 5 Jahre durchzustehen? Und welche Leichen hat der Buddhismus noch im Keller versteckt?

Diese kleine Geschichte soll keine Wertung sein – aber eine Warnung, fremde Religionen mit Respekt und EhrFURCHT zu behandeln: Als Fremder lernt man wirklich nur die Spitze des Eisberges kennen. Mit Religionen ist eben nicht zu spassen.

Das Wort des Tages: 即身仏 sokushinbutsu (sofort-Seele-Buddha) – der Name für die Prozedur.

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