Es ist schon mitunter pervers, was man in Japan mit Bier oder solchem, welches letzterem angelehnt sein soll, anstellt. Nicht nur, dass man aufgrund eines absurden Steuersystems und des eigenen Geizes nahezu gezwungen wird, auf, ich sage mal Plörre, umzusteigen (echtes Bier kostet im Supermarkt über 2 Euro, die billigere Variante, 発泡酒 (Happō-shu), hingegen nur fast die Hälfte) – nein, da treibt man noch bunteres Spiel mit dem Gerstensaft (bei beisagter Plörre oftmals sogar eher ein Bohnensaft): Erst wirft man ein “Bier” namens “Strong” mit 7% auf den Markt. “Ja, wie denn, ist doch wie Maibock!” mag der Kenner und Alkoholgourmet jetzt einwerfen. Richtig! Dröhnt wahrscheinlich genauso, nur eben ohne Geschmack. Kalorienreduziertes Bier gibt es in Japan auch – aber das gibt es ja woanders auch. Was liegt da also näher, als sich in Japan dem Markt der kalorienzählenden, figurbewussten Hobbyalkoholiker anzunähern? Asahi hat’s probiert:
Trara! “Strong Off” ist da. Mit 7% Alkohol und 60% weniger Kohlenhydrat! Hurra! Endlich mit einem Riesenschädel aufwachen und NICHT auf das Frühstücksnattō verzichten müssen. Was habe ich darauf gewartet! So wissen wor jetzt wenigstens auch, wie wir durch die Wirtschaftsflaute kommen.
Das ist übrigens kein Nischenprodukt – die Werbung dafür läuft auf Hochtouren und ich habe das Gebräu schon in den Händen vieler Leute gesehen.
Übrigens: Japanische Bierwerbung (sehr, sehr häufig) hat immer eins gemein: Das glucksende Geräusch im Kehlkopf und das “Ahhhhh” danach. Es ist schon recht penetrant. Meine arme Frau hatte deshalb während der Schwangerschaft und Stillzeit Höllenqualen durchlitten… “Trink doch ‘ne Fanta” hatte ich ihr dann mal gesagt. Kam irgendwie nicht gut an. Komisch.
Das Bier reiht sich in einen Trend ein: Laut dieses Artikels werden japanische Frauen immer dünner – während westliche Frauen immer dicker werden – wenn sie älter werden. Der Grund sind laut des Artikels nicht etwa Männer, sondern die kritischen Geschlechtsgenossinnen. Ein harter Wettkampf!
Das Wort des Tages: 糖質 tōshitsu – “Zucker – Substanz”. Kohlenhydrate.
Google hat sich nun also aus rein humanitären Gründen dazu entschlossen, den chinesischen Markt zu verlassen, weil man plötzlich nicht mehr einsehen will, warum man Suchergebnisse zensiert (oder zensieren lassen soll). Über die wahren Gründe mag man spekulieren – ist das ein geordneter, geschäftspolitisch sinnvoller Rückzug? Steckt Druck aus Washington dahinter? Oder wird Google mit anderen Mitteln unter Druck gesetzt?
Der grösste Konkurrent von Google in China heisst Baidu (baidu.com) (百度 = “hundert Mal” – hat aber bestimmt noch eine andere Bedeutung), und der ist, so heisst es, in staatlicher Hand und hat heuer den Alexa-Rank 8 – will heissen, die chinesische Ausgabe von Baidu wird in Sachen Seitenaufrufe nur von 7 Seiten auf der Welt übertroffen (als da wären Google, Facebook, Yahoo, YouTube, Live, Wikipedia und Blogger – ausser Wikipedia alles .com).
Baidu versucht auch seit Jahren Fuss in Japan zu fassen – auf unseren Servern in der Firma wimmelt es nur so vor Baidu-Spiders – hat aber soweit noch keinen Erfolg. Und es ist fraglich, ob sich das ändern wird: Baidus sales point in Japan ist, dass nur Baidu sich wirklich mit Algorithmen auskennt, welche leerzeichenlose, japanische und chinesische Sätze auseinanderklamüsern können. In einem Punkt ist dabei – nach eigenen Tests – Baidu gelegentlich auch besser als Google oder Yahoo in Japan: Baidu sucht mehr nach Inhalten, bewertet also Seiten wie Social Bookmark-Sites (hatena.jp zum Beispiel oder aber auch Goo, Excite usw.) geringer. Ausserdem ist Baidu im Gegensatz zu Google nicht ständig damit beschäftigt, firmeneigenen Kram wie YouTube oder Blogger.com nach oben zu pushen (entschuldigt die Anglizismen). Die Wahrscheinlichkeit, nach einer Suche mit Baidu auf Anhieb auf einer brauchbaren Seite zu landen, erschien mir – in vielen Fällen zumindest – höher.
Nach dem Rückzug von Google interessierte mich nun doch brennend, was passiert, wenn man zum Beispiel nach dem Vorfall auf dem Tiananmen-Platz “baidugelt”. In Festlandschina werden die Seiten dazu ja gnadenlos herausgefiltert. Versuch eins (alles aus Japan heraus): Ich suche nach 「天安門事件」 – dem “Tian’anmen-Vorfall”. Übrigens gab es zwei davon – der bekanntere von 1989 wird offiziell richtig “六四天安門事件” (64 Tian’anmen-Vorfall – 64 steht für 4. Juni) genannt. In Japan ist jedoch die Kurzform (siehe oben) bekannter. Also rein damit in baidu.jp – und hier ist das Ergebnis:
Die ersten Suchergebnisse sind allesamt kritisch – die Videos auf You Tube, der Eintrag in der Wiki usw. usf. Ähnliches (wenn auch ohne die Bilder oben) kommt heraus, wenn man nach 六四天安門事件 sucht, also dem vollen Namen.
Was passiert aber nun, wenn man – vom Ausland aus – auf der Originalseite von Baidu (baidu.com) sucht? Auf chinesisch ist der Vorfall schlicht als 六四事件 (64-Vorfall) bekannt. Und das kommt dabei raus:
Bitte auf die Domainnamen achten: people.com.cn, chinanews.com.cn und wahrscheinlich noch mehr sind regierungsnahe Seiten (Nr. 5 beschäftigt sich dabei mit einem chinakritischen Artikel im deutschen Internet). Ich habe nicht sehr weit gesucht, aber zumindest unter den ersten Seiten waren ganz offensichtlich keine kritischen Seiten. Das kann freilich mehrere Gründe haben:
1) Es gibt keine kritischen Seiten zu dem Thema auf Chinesisch. Darf bezweifelt werden – der chinesische Artikel zum Thema in der Wikipedia ist sehr umfangreich und kritisch
2) Weil kritische Seiten in China selbst nicht gesehen werden können, tauchen sie mangels Klicks auch im Ausland in der Suchmaschine nicht oben auf. Wäre zu überprüfen.
3) Baidu zensiert auf chinesisch – egal, ob im Land oder im Ausland gesucht wird.
Übrigens – wenn man die erste Seite der Suchergebnisse im chinesischen Baidu anklickt, landet man auf einer 404-Seite (Seite kann nicht gefunden werden). Schlüsse über obiges Gesagtes überlasse ich dem Leser. Doch Vorsicht: Auch im Falle Chinas gilt, zwei Mal überlegen, bevor man die chinesische Politik verurteilt: China ist gross und Peking weit weg.
Das Wort des Tages: 天安門事件 Tenanmon-Jiken. Der Tian’anmen-Vorfall.
Dreckige Delphinkiller – diesen Kommentar hatte mir vor Jahren mal ein vorausschauender, wenn auch wortkarger Leser meiner Japan-Seiten ins Gästebuch geschrieben, immerhin versehen mit “freundlichen Grüssen aus Berlin”. Rund zwei Jahre später dann gewinnt ein Film über genau solche Gestalten den Oscar als besten Dokumentarfilm. Eine Filmkritik kann ich dabei leider nicht liefern – mangels Gelegenheit, das Objekt des Anstosses in Japan zu sehen.
Vorurteil hin oder her – japanische Medien und viele Japaner schlechthin sind unheimlich daran interessiert, welchen Eindruck man im Ausland über Japan hat. Wobei viele das ganze auch durchaus selbstkritisch angehen. Eines jedoch kann man hier nicht verknusen: Wenn ein dahergelaufener Ausländer einen kritischen Film über Japan dreht. Auf diese Art und Weise wurde auch schon vor zwei Jahren der kritische Film Yasukuni abgewürgt, der es aus Angst der Kinobesitzer, Randale unter rechten Gruppierungen zu schüren, schliesslich in kein Kino mit mehr als 20 Sitzplätzen schaffte (behaupte ich jetzt mal – jedenfalls hat ihn keine einzige Kinokette ins Programm genommen, und unabhängige Kinos gibt es nur selten).
“The Cove” handelt ja von einer alten Tradition im Fischerstädtchen Taiji (Präfektur Wakayama, südlich von Ōsaka), bei der gute tausend Delphine in einer Bucht zusammengetrieben und getötet werden. Diese Tradition hält, obwohl die Tiere nachweislich stark schwermetallbelastet sind, an, und das Fleisch wird gegessen. Der Film wurde teilweise mit versteckten Kameras gedreht und erzählt aus der Perspektive von Tierschützern.
So ganz liess sich der Film freilich nicht verstecken – auch hier war er nach der Oscarverleihung eine Randnotiz in den Nachrichten wert. Und: Momentan spaltet der Film die Nation – und zwar in Einheimische und Zugereiste. Mehr und mehr Ausländer nehmen sich des Themas an und versuchen, auf den Film aufmerksam zu machen. Wird das Erfolg haben? Wohl kaum.
Ohne den Film bewerten zu wollen – das kann ich, wie eingangs beschrieben nicht – gibt es hier ein paar klitzekleine Probleme:
- Die meisten Japaner wussten bis dato nicht, dass überhaupt Delphine getötet und gegessen werden in Japan. Taiji und noch eine handvoll anderer Gemeinden sind nicht gerade sehr repräsentativ für das Land, wenngleich auch ein Beleg dafür, dass in Japan alles, was mit dem Rücken nach oben im Meer schwimmt, als jagd- und damit essbar gilt.
- Die Tatsache, dass eine Handvoll Ausländer mit versteckten Kameras den Fischern von Taiji bei ihrer Arbeit zuschaut, sorgt eher für Kopfschütteln – wer wagt sich da wohl, den ersten Stein zu werfen?
- Die Tierliebe manifestiert sich in Japan anders (oder … tut sie das überhaupt!?), und das ist teilweise sogar in der Religion begründet. Die Idee, dass ein Tier Symbolcharakter besitzt und dermassen verehrt wird, dass sich unzählige Teenager damit die eigenen Wände zupflastern, ist den Leuten hier völlig fremd. Und ich gebe es zu: Mir ist die Idee auch fremd – schon seit langem, nicht erst seit Japan. Wieviel Geld wurde wohl bisher dafür aufgewendet, den Grossen Panda zu schützen – hauptsächlich aufgrund seines Kuschelfaktors – während alltäglich Arten wie der Gemeine Rotbauchpfeifdrüsling, der Gefleckte Steppenelch oder die Brünftige Heckenhornisse vor die Hunde gehen – und dies ausser einer Handvoll örtlicher Bauern und Biologen niemanden interessiert?
Mit den Walen ist dies nicht anders – alle mögen die Wale und schwärmen davon, wie intelligent die Tiere sind – aber nur wenige haben wirklich eine Ahnung über aktuelle Bestandszahlen oder warum Pferde- und Schweinefleisch in Ordnung ist, Walfleisch aber nicht. Bewohner von Nationen wie dem lebertrantraumatisierten Deutschland können da schnell mit dem Finger auf ferne Länder zeigen (ohne zu ahnen, dass Japaner zum Beispiel schockiert sind, wenn sie hören, dass in Deutschland die putzigen Kaninchen einfach so auf dem Teller landen).
Einen Effekt könnte der Film jedoch haben: Womöglich wird die Tradition in Taiji bald beendet, zumindest wird darüber nachgedacht. Dass der Film jedoch ausserhalb von Taiji jemals wirklich von sich Reden machen wird, darf bezweifelt werden: So funktioniert Japan nicht.
Das Wort des Tages: イルカ iruka – der Delphin. Interessant sind hier die Schriftzeichen (wobei man jedoch fast nur Katakana verwendet): 海豚 – “Meer” und “Schwein”. Dies sagt möglicherweise schon etwas darüber aus, auf welche Art und Weise die Tiere früher in Japan betrachtet wurden.
Heute abend habe ich Niko getroffen – ein Schweizer Typograf, Fotograf und Videokünstler, der momentan (mal wieder) in Tokyo weilt. Niko alias nubero hat bereits früher einen sehr kurzen Film über das Nachtleben gemacht – im timelapse-Verfahren. Der Film ist entsprechend eher eine Installation aus zahllosen Fotos mit passend eingebauter Geräuschkulisse. Lange Rede, kurzer Sinn – seht es Euch selbst an (ist kurz):
Momentan ist ein neues Werk in Planung unter dem Arbeitstitel 20Tokyo10: Die Idee ist, verschiedene Leute aus Tokyo zu Wort kommen zu lassen – eine Collage aus ungeschnittenen Interviews in verschiedenen Sprachen und passenden Fotos. Die Idee dahinter ist die Tatsache, dass es zwar sehr viele Dokumentationen über Japan gibt, viele dabei allerdings ziemlich alt sind.
Über die Qualität des Schnittes und der Umsetzung schlechthin mache ich mir bei Anblick des Erstlingswerkes keine Sorgen, aber der Film lebt und stirbt mit der Auswahl der Menschen, die zu Wort kommen. Deshalb an dieser Stelle ein kleiner Aufruf: Wer hat Ideen für die Auswahl der Menschen, die zu Wort kommen sollen? Wer kennt jemanden, der interessant und interessiert sein könnte? Es können Japaner sein und Ausländer – die Sprache kann Englisch, Deutsch oder Japanisch sein. Über jegliche Vorschläge würden sich nubero und meine Wenigkeit sehr freuen – das ganze könnte sehr interessant werden.
Momentan stecke ich bereits in den Vorbereitungen für die Goldene Woche (eine knappe Woche Urlaub Ende April / Anfang Mai) – zumal dieses Mal Besuch aus Deutschland ansteht. Nach einigem Hin und Her habe ich mich für Kusatsu entschieden – ein bekannter Ausflugsort in dem Bergen von Gunma, umgeben von bildhaft schönen (wenn auch mitunter explosiven) Vulkanen. Aus Neugier habe ich deshalb schon mal nachgesehen, wie man denn dorthin am besten ohne eigenes Gefährt kommen kann.Eine Bahnanbindung hat der Ort jedenfalls nicht – man fährt wohl am besten zu einem Bahnhof namens Naganohara Kusatsu-guchi und fährt von dort mit dem Bus weiter. Flugs also meinen Wohnort und besagten Bahnhof bei Jorudan eingegeben – dort kann man kostenlos Verbindungen (inkl. Flugzeug) heraussuchen. Fehlanzeige: Der Bahnhof ist nicht im System.
Aus Not bei Google Map vorbeigeschaut (aus Not, da ich weiss, dass das System noch alles andere als vollkommen ist) – die haben seit einigen Monaten auch eine Verbindungssuche im Programm. Ergebnis: Siehe rechts. Ich wunderte mich schon, warum alles über 6 Stunden dauern soll.
Ein zweiter Blick macht stutzig: Google Map empfiehlt für Nicht-Motorisierte erst eine Fahrt mit der Bahn und dann, siehe rotes Kästchen, einen strammen Fussmarsch bis zum Ziel: Laut Google dauert das “nur” ungefähr 3 Stunden und 13 Minuten. Das klingt ja schon fast nach einer Herausforderung!
Das Wort des Tages: 乗換案内 norikae annai. Norikae = Umsteigen, Annai – Die Auskunft, die Anleitung. In Japan ein Instrument, auf das ich bei dem Bahngeflecht keinesfalls verzichten möchte.
In meiner Wahlheimatstadt erscheint alljährlich ein Katalog – eine Art Gelber Seiten, in denen alle Institutionen und Geschäfte aufgelistet werden. Deshalb mal an dieser Stelle eine kleine Statistik – wer möchte, kann das gern mit seinem Wohnort vergleichen:
Stadtname: 浦安 Urayasu, Präfektur Chiba
Stadtfläche: 17 km²
Einwohner: 164'000
davon Ausländer: 3,300 (2,0%)
Einwohnerdichte: 9'480 pro km²
Neulandanteil (neu seit 1960): ¾ der Gesamtfläche
Bahnlinien: 1
U-Bahnlinien: 1
Buslinien: 26
Besucher pro Jahr: > 20 Millionen (hauptsächlich Disneyland & Cirque du Soleil)
Hotels: 22
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Fast Food-Restaurants: 27
Restaurants - gemischt: 40
Restaurants - westlich: 40
Restaurants - ethnisch: 8
Restaurants - japanisch:28
Sushibars 29
Japanische Esshallen: 12
Tonkatsu-Restaurants (jap.Kotelett) 12
Yakiniku (koreanisches Gegrilltes)-Restaurants: 19
Okonomiyaki-Restaurants: 14
Udon/Soba (jap. Nudeln): 26
Ramen-Shops (chin. Nudelsuppe) 25
Chinarestaurants: 27
Jap. Kneipen (Izakaya) 66
Bars 25
Convenience Stores: 54
Universitäten: 3
Oberschulen: 4
Mittelschulen: 9
Unterschulen: 17
Kindergärten: 22
Bibliotheken: 5
Bücher in Bibliotheken: 2 Millionen
Schreine: 4
Tempel: 12
Friseure: 91
Zahnärzte 79
Usw. usf. Erstaunlich, was man alles auf 17 km² unterbringen kann!
Mein kurzer Abstecher nach Shikoku vergangenes Wochenende war mal wieder eine Gelegenheit, ein kleines bisschen Buddhismus zu erleben – schliesslich haben wir ja auch im Tempel übernachtet und ausgiebig Zeit gehabt, uns jenigen genau anzusehen.
Buddhismus ist und bleibt für mich ein Buch mit sieben Siegeln – es gibt so viele Lehren und Sekten, dass mir das Christentum dagegen paradiesisch leicht verständlich vorkommt. Das ist freilich eine völlig unfundierte Aussage und sehr objektiv – wenn ich behaupten würde, das Christentum halbwegs zu verstehen, würde ich lügen.
Einen gewissen Reiz kann man dem Buddhismus nicht absprechen, und viele Asienreisende verfallen diesem Reiz: Die Religion hat etwas friedfertiges, es gibt scheinbar keine aufdringlichen Missionare, die Tatsache, dass der Mensch unvollkommen ist, wird als gegeben hingenommen und man muss nicht immer zur Beichte rennen, wenn man mal was ausgefressen hat. Zudem sehen die Tempel alle schön und exotisch aus, der Dalai Lama ist ein guter Mann, der immer lächelt, und von fanatischen, bombenlegenden Buddhisten, denen alles egal ist, da ja im Paradies 18, wenn nicht noch mehr, Jungfrauen auf einen warten, hat man auch noch nicht gehört.
Schaut man sich das scheinbar gelassene, farbenfrohe Leben in Tempeln in Indien, Thailand und sonst noch wo an, sieht Buddhismus wie eine vernünftige Lebenseinstellung aus, die man nicht unbedingt verstehen, aber doch zumindest bewundern kann.
Dachte ich mir früher so. Bis ich von einem buddhistischen Phänomen hörte, das mir eine ordentliche Gänsehaut bescherte: Das lebendige Mumifizieren. Das Konzept: Als Mensch in seiner sterblichen, unperfekten Hülle kann nicht die höchste Stufe erreichen – wie man sich auch anstrengt, man wird nicht zum Buddha. Zumindest eine Strömung im Buddhismus versucht dieser doch essentiellen Einschränkung zu entgehen. Sie schlägt vor, dass, wer sich lebendig mumifiziert (und – kleines, aber bedeutendes Detail – bis zum Ende in sitzender Position verbleibt), doch zum Buddha werden kann.
Die Prozedur ist schmerzvoll – und dauert lange: Der Regel nach 2’000 Tage, also über 5 Jahre. In den ersten tausend Tagen assen die Mönche nur noch gewisse Wurzeln und Nüsse und trieben viel Sport: Ziel war, jegliches Gramm Fett loszuwerden, denn jenes ist bei einer Mumifizierung nicht dienlich. In den folgenden tausend Tagen tranken die Mönche dann einen eigentlich giftigen Tee aus den Stoffen des Lackbaums – jener Tee hatte zur Folge, dass der Körper zu giftig wurde, um Würmer und dergleichen als Speise zu dienen. Danach ging es im Lotussitz in ein dunkles, enges Grab – mit einer Glocke und einem Schlauch zur Aussenwelt zum Luft holen. Jeden Tag klingelte der Mönch dann mit dem Glöckchen – so er noch lebte. 1’000 Tage nach dem letzten Klingeln schauten die Mönche schliesslich nach, ob die Mumifizierung gelungen war oder nicht: Bei den meisten wohl nicht, denn bisher sind nur um die 20 gelungene Beispiele bekannt. Die, die es geschafft hatten, wurden umgehend zu Buddhas erklärt.
Diese Praxis fand wohl vor allem in Nordjapan statt – aber nur bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts: Heute ist das ganze nicht mehr zeitgemäss und wird dementsprechend nicht mehr praktiziert. Sagt man.
Diese Praxis ist gelinde gesagt beeindruckend: Wie willens- und glaubensstark muss man sein, um dies 5 Jahre durchzustehen? Und welche Leichen hat der Buddhismus noch im Keller versteckt?
Diese kleine Geschichte soll keine Wertung sein – aber eine Warnung, fremde Religionen mit Respekt und EhrFURCHT zu behandeln: Als Fremder lernt man wirklich nur die Spitze des Eisberges kennen. Mit Religionen ist eben nicht zu spassen.
Das Wort des Tages: 即身仏 sokushinbutsu (sofort-Seele-Buddha) – der Name für die Prozedur.
An diesem Wochenende sollte es wieder nach Shikoku gehen – das ist die kleinste der vier Hauptinseln Japans. Für mich war es die dritte Reise durch Shikoku – an die ersten beiden Reisen denke ich sehr gerne zurück, denn diese Insel bietet alles, was micn interessiert: Berge, Meer, nette Menschen, viel Kultur – und die Tatsache, dass ein Grossteil der Insel sehr ländlich und ursprünglich ist.
Dieses Mal ging es allerdings nicht zum Vergnügen hin, sondern aus einem ernsteren Anlass: 法事 Hōji stand auf dem Programm – ein “Todesgedenktag”, der den buddhistischen Regeln zur Folge zum Beispiel 33 Jahre nach dem Ableben von den Familienangehörigen gemeinsam begangen wird. Wie es der Zufall so will, war jenes Familienmitglied der Vorsteher eines buddhistischen Tempels, welcher heuer vom Sohn geleitet wird. Jener Tempel steht in der tiefsten Provinz in Shikoku: Der nächstgelegene Flughafen / die nächstgelegene Grossstadt liegt gute 2 Stunden mit dem Auto entfernt, und das auch nur, seit in den vergangenen Jahren neue Tunnel, Schnellstrassen usw. gebaut wurden.
Hinter den 7 Bergen…
Am Sonnabend ging es also erst zum Flughafen Haneda (Tokyo), dann mit dem Flieger um 7:20 (!) nach Matsuyama und von dort mit dem Auto gute 2 Stunden entlang der Küste gen Süden. Im “Familientempel” versammelten sich nach und nach die Familienmitglieder – die meisten hatte ich in den vergangenen Jahren schon getroffen, aber neue Gesichter waren auch dabei. Darunter auch insgesamt sechs Kinder.
Um 15 Uhr begann die Zeremonie, und ich kann mit Stolz (!?) sagen, dass meine gerade 3 Jahre alt gewordene Tochter zielstrebig wusste, wie sie die ganze Zeremonie, nun ja, wie soll ich sagen, interessanter als üblich gestaltete: “この人誰?” (kono hito dare? – “Wer ist das denn”? Sagte sie laut-fröhlich, als der Gehilfe des Priesters (genauer gesagt – sein Sohn) hereinkam. Als der Priester ein Opfer zum Schrein brachte, war sie drauf und dran, hinterherzurennen – in Erwartung, es gäbe etwas zu essen und aus Angst, sie würde nichts abbekommen.
Zum Ende trug eine Gruppe von gut 10 Frauen und Männern gemeinsam eine Sutre vor. Als sie fertig waren, kam von ihr der Zwischenruf: “皆逃げてるよ!” – “minna nigeteru yo” – “Schau mal, jetzt rennen alle weg”. Aber es wurde ihr verziehen – die Gruppe, die meisten kannten den Verstorbenen und seine Familie, hatten sich schon vorher darauf gefreut, sie zu sehen.
Klein aber fein: Das Schloss von Uwajima
Die ganze Tokyo-Gesandschaft hatte beschlossen, dass es doch zu schade wäre, schon nach nur einer Nacht wieder abzureisen – also blieben wir eine weitere Nacht, also bis Montag abend. Damit war Sonntag und Montag noch Zeit, sich die Gegend ein bisschen anzusehen. Das Wetter war recht durchwachsen: Viel Regen, niedrige Wolken, aber wenigstens annehmbare Temperaturen von ca. 12 Grad. Aber das kann auch recht reizvoll sein: Tieffliegende Wolken zwischen hohen Bergen können durchaus eindrucksvoll sein.
An der Westküste der Insel machte man früher aus der Not eine Tugend: Die Rias-Küste von Westshikoku bietet eigentlich kaum Platz zum Leben, geschweige denn zur Landwirtschaft – die Berge gehen bis direkt ans Meer und sie sind fst ausnahmslos sehr steil. Also machten sich die Bewohner damals daran, die Hänge in Terassen umzuwandeln und landwirtschaftlich zu nutzen. Die Felder sind dabei gerade mal so breit wie ein Badehandtuch. Das ist prinzipiell gesehen natürlich clever: Von oben gesehen wird so aus einem steilen Berg eine einzige Ackerfläche. Von der Seite gesehen sieht man hingegen nur eines: Steine. Das Modell (durchaus auch in Europa, wenngleich dort aus anderen Gründen – nämlich um Weinstöcken so viel wie möglich Sonne angedeihen zu lassen – bekannt) ist sehr arbeitsintensiv und heutzutage mit Sicherheit ein Anachronismus, denn für die maschinelle Landwirtschaft ist schlichtweg kein Platz vorhanden.
Terassenfeldbau in Yusu
Aus diesem Grund verschwinden die sogenannten 段々畑 – dandanbatake – Terassenfelder nach und nach. Man sieht in der Region mehr überwucherte als intakte Terassen. Schade, möchte man da gerne sagen, aber das ist wohl eher der Standpunkt des temporären Besuchers.
Mehr zu Shikoku dann wieder demnächst auf diesen Seiten!
Nachtrag: Mehr Photos hier:
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Das Japanische Tourismusamt (観光庁 – Japan Tourims Agency) hat am Mittwoch einen interessanten Gesetzesentwurf vorgelegt, der, so er denn angenommen wird, frühestens im Herbst in Kraft treten könnte. Doch bereits am ersten Tag hat der Entwurf für ordentliche Diskussionen gesorgt, und die werden noch eine Weile lang anhalten.
Es geht dabei um vieles und betrifft (fast) alle Japaner: Urlaub. Genauer gesagt geht es um die ゴールデンウィーク (Goldene Woche): Ende April/Anfang Mai gibt es vier Nationalfeiertage kurz hintereinander: den Showa-Tag (29. April), den Tag der Verfassung (3. Mai), den Grünen Tag (4. Mai) und den Kindertag (5. Mai). Je nachdem, wie die Wochenenden liegen und je nach Kulanz der Firmenchefs, hat in dieser Zeit fast ganz Japan frei: Gleichzeitig. Das bedeutet alljährlich unendliche Staus, unbezahlbare Preise für Flugtickets und Stress an jedem noch so kleinen, halbwegs bekannten Ort – Himmel und Hölle sind in dieser Woche losgelassen.
Der Gesetzesentwurf sieht vor, die Goldene Woche von nun an zu staffeln: Kanto hat in der einen Woche Urlaub, Kansai in der nächsten usw. usf. Zwar gibt es zum Beispiel in Deutschland keine Goldene Woche, aber die Staffelung der Schulferien zwischen den einzelnen Bundesländern entspricht genau jener Idee.
Was man sich von der Änderung verspricht: Eine bessere Verteilung und mehr Umsatz in der Tourismusindustrie: Das ist nachvollziehbar, denn es dürfte nicht wenige geben, die aufgrund der unbezahlbaren Preise und/oder des Stresses während der Goldenen Woche lieber auf eine Reise verzichten. Es haben sich jedoch schon zahlreiche Gegner gefunden – aus folgenden Gründen:
- Es würde schwieriger werden für Familien, sich zusammenzufinden: Sehr viele Japaner fahren während der Goldenen Woche zurück zu ihrer Familie (in vielen Fällen aufs Land / in kleinere Städte) oder nutzen die Gelegenheit, alte Freunde zu treffen: Das wird freilich schwerer, wenn die Freunde/Familienmitglieder in unterschiedlichen Gegenden wohnen
- Die Industrie und auch das Finanzwesen würden ihre liebe Not mit der Staffelung haben – jetzt haben Vertrieb und Produktion zur gleichen Zeit frei, doch sollte der Urlaub gestaffelt werden, gäbe es Koordinationsprobleme, wenn nicht sogar Produktionsausfall.
Natürlich gibt es noch mehr Gegner (im Fernsehen wurde ein wild gegen den Entwurf wetternder Kalendarproduzent interviewt – der sagte am Ende nur kauzig: Toll, da müssten wir ja alle schon gedruckten Kalendar für nächstes Jahr einstampfen).
Man darf gespannt sein. Persönlich würde ich die Idee sehr begrüssen, obwohl man in der Region Tokyo wahrscheinlich nicht allzu viel davon hat: Da haben dann noch immer gute 30 Millionen gleichzeitig frei und versuchen, der Metropole zu entfliehen.
Interessanter wird da schon der zweite Grundgedanke des Gesetzesentwurfes: Die dauerhafte Einrichtung der Silbernen Woche im September (ebenfalls mit Staffelung). Die gab es aufgrund einer günstigen Kombination zweier Feiertage mit einem Wochenende letztes Jahr, doch die günstige Konstellation gibt es nur alle paar Jahrzehnte.
Man darf jedenfalls gespannt sein, wie sich die Diskussion entwickelt und ob man sich durchsetzt (persönlich glaube ich eher, dass die Gesetzesvorlage abgelehnt wird).
Das Wort des Tages: 休暇分散化 kyūka bunsan-ka – “Urlaub – streuen – -ung. Urlaubsstaffelung.
Ausser schlechter Politik und schlechter Wirtschaftslage und schlechtem Wetter gibt die Nachrichtenlage nicht viel her, deshalb mal ein kurzes Update über neue Seiten innerhalb dieser Webseite. Was in den letzten paar Monaten neu entstand:
Japan:
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Okinawa: Halbwegs ausführliche Seite über die Präfektur als solche
Insel Okinawa: Und eine ausführliche Seite über die Hauptinsel von Okinawa
Kurashiki (Präfektur Okayama): Seite über Kurashiki – auch nett. Die Seite dürfte innerhalb dieser Woche fertig werden.
In Sachen Ziele in Japan gibt es nachwievor einen erheblichen Rückstau – die folgenden Seiten werden in den folgenden Wochen noch hinzukommen:
Okayama – Seite über die Hauptstadt der gleichnamigen Präfektur
Bitchū Takahashi – ein sehr, sehr schöner Ort in Okayama
Kōfu – Seite über die Hauptstadt der Präfektur Yamanashi
Yamagata – Seite über die Hauptstadt der gleichnamigen Präfektur
Yamadera – ein kleiner Ort in Yamagata
Aizu Wakamatsu – historische Stadt in der Präfektur Fukushima
Yokosuka – In der Präfektur Kanagawa
Damit mir auch ja nicht der Stoff ausgeht, geht es zudem nächstes Wochenende zum dritten Mal nach Shikoku – dieses Mal in den äussersten Westen der Insel.
Oben genannte Seiten bringen mich meinem Ziel auch etwas näher: Früher oder später möchte ich zu jeder der 47 Präfekturen (bzw. 都道府県 todōfuken, also 43 Präfekturen (ken), 1 dō 2 fu und 1 to) zumindest einen Ort vorstellen – sind die obigen Seiten fertig, fehlen “nur” noch 6: Miyazaki, Ōita, Wakayama, Gifu, Iwaki und Gunma. In einigen der 6 war ich zwar schon, aber nicht lange genug, um wirklich etwas darüber schreiben zu können.
Bereits im November/Dezember kamen noch die folgenden Seiten dazu:
Das Wort des Tages: アップする. appu suru. Schönes Neujapanisch aus der Internetwelt: appu = englisch “up”, suru = machen. Eine neue Seite ins Netz hochladen.