Zur Abwechslung mal wieder was Triviales. Softbank, einer der Mobilfunkriesen in Japan (und als alleiniger Vertreiber des iPhones ziemlich erfolgreich) zieht schon seit Jahren die gleiche Kampagne im Fernsehen durch: Mit der “weissen Familie”, bestehend aus Vater (weisser Hund), Mutter, Tochter (japanische Schauspielerin) und einem schwarzen (sagt man das eigentlich noch oder war das bereits politisch inkorrekt?) Sohn. Das sieht dann so aus:
Am Anfang haben viele, nun ja, ich und ein paar Bekannte zumindest, lange gezweifelt, was das ganze soll. Aber nach unzähligen verschiedenen Spots macht es langsam Spass und ich halte mittlerweilen die ganze Werbestrategie für sehr gelungen.
Anscheinend bekommt die Familie in Bälde auch Zuwachs: Ein grosser Bruder, genannt Tara-chan, soll bald auftauchen. Tara? Tara…ntino? Genau. Quentin Tarantino. Wirbt im japanischen Fernsehen bald mit einem weissen Hund und einem farbigen Sohn und japanischer Tochter für Handys. Das ist so absurd, das muss einfach gut sein.
Nun mag ich zwar die Werbekampagne, aber geholfen hat es trotzdem nichts: Ich habe letztendlich meinen Vertrag mit Docomo verlängert, und für ziemlich genau 0 Yen ein neues Handy: Ein Google-Handy. Auch sehr praktisch, denn es kann so ziemlich alles (oder sogar noch mehr!?) das, was ein iPhone kann.
Vor kurzem ist übrigens Tarantino’s neuester Film Inglourious Basterds angelaufen. Werbekampagne hier: 面白さタランかったら全額返金しバスターズ (Omoshirosa TARANkattara zengaku henkin shibastaazu). Tarankattara hier als Wortspiel – die normale Form lautet “tarinakattara” (wenn’s nicht reicht). Zusammen: “Wenn der Film nicht unterhaltsam genug ist, gibt es volles Geld zurück”. Der Deal: Wer innerhalb der ersten 60 Minuten vor Langeweile oder was weiss ich welchen Gründen den Film verlässt, bekommt sein Geld zurück.
Man darf gespannt sein, wie sehr sich “Inglourious Basterds” mit japanischem Mainstream vereinbaren lässt. Obwohl das hartgesottene ブラピ (burapi = Brad Pitt)-Fans in Japan kaum aus der Fassung bringen dürfte.
So einen katastrophalen, schlichtweg irrwitzigen Start der neuen, frischen Regierung Japans hatte ich mir in meinen kühnsten Träumen nicht vorgestellt. Dass es etliche negative Überraschungen gibt, war ja klar. Die meisten hatten auch damit gerechnet, dass sich nicht allzu viel ändern wird. Tut es aber doch: Es wird alles noch schlimmer! Wieso?
- Die Demokraten versprachen, rücksichtslos mit Spendensümpfen und anderen Ungereimtheiten aufzuräumen. Alles sollte sauber und transparent werden.
Resultat: Ministerpräsident Hatoyama selbst scheint ordentlich Dreck am Stecken zu haben – über Jahre hinweg waren seine Spenden falsch ausgewiesen – viele angebliche Spender lebten gar nicht mehr oder wussten von der Spende gar nichts. Zumal jetzt auch die Behauptung im Raum steht, er habe sich von seiner Mutter (entstammt der Gründerfamilie von Bridgestone) ca. 900 Millionen “geliehen” (wäre es geschenkt, müsste er nämlich Steuern zahlen). Klar, wir “leihen” uns mal eben 6 Millionen Euro von unserer Mutter!
Das Postengeschacher für Ex-Politiker sollte aufhören – zu viel Lobbyismus. Stand gross im Programm der Demokraten.
Wen ernennen wir dann also zum Vorstandsvorsitzenden der frisch privatisierten Post? Natürlich! Einen Ex-Parteigenossen!
Dem sinnlosen Verschwenden von Steuergeldern sollte Einhalt geboten werden. Es muss gespart werden, um ein paar der Wahlversprechen zu halten.
Dazu wurde eine Kommission ins Leben gerufen, die sich mit “事業仕分け” jigyō shiwake (Aufgabenverteilung) befasst: Dort geht es wie bei der spanischen Inquisition zu: Die Leiterin der Kommission, Frau 村田蓮舫 (Murata Renhō), lädt Vertreter der einzelnen Resorts zu sich und zerpflückt dort schnippisch die Etats der einzelnen Ministerien. Frau Murata ist hochintelligent (laut Vita) und war einst auch Model und Fernsehmoderatorin. In dieser Woche war der Forschungs- und Entwicklungshaushalt dran: Frau Murata dort: “Warum muss Japan eigentlich weltweit die Nr. 1 in Sachen Forschung anstreben? Reicht nicht auch Nr. 2 oder Nr. 3?” Und flugs wurden ein paar wichtige Projekte gestrichen.
Ist klar, Frau Murata! Das rohstoffreiche Japan kann ja schliesslich immer noch Sushi und Manga exportieren, wenn es mit der Forschung nicht mehr klappt! Sehe ich diese Frau bei ihrer Arbeit, wird mir einfach nur übel.
A propos Wahlgeschenke: Ein Grund, warum sehr viele Japaner die Demokraten wählten, war deren Versprechen, das Kindergeld ordentlich zu erhöhen und zu verlängern.
Und da wird es auch schon lustig: Denn das mit dem höheren Kindergeld wird durch andere Steuern bzw. der Streichung von Freibeträgen finanziert, will heissen, das Kindergeld kommt nicht etwa allen Familien mit Kindern zugute – ein wirkliches Plus erreicht nur eine kleine Gruppe von Kindern mit Eltern (z.B. wenn beide arbeiten, sie zwei Kinder haben und beide Kinder unter 16 Jahre alt sind).
Und – als ob das nicht reichen würde – seit dieser Woche ist plötzlich von einer Einkommensgrenze bezüglich des Kindergeldes im Gerede. Noch dementiert Hatoyama, aber er dementiert recht leise.
Ich könnte noch mehr aufführen. Aber ich denke, das reicht für die Bilanz nach den ersten Wochen.
Das Wort des Tages: イライラする iraira suru. iraira = zornig, wütend. suru – hier: sein. Nachrichten aus der momentanen Innenpolitik machen mich echt wütend.
Es ist nun schon 10 Tage her, das Obama nach Japan kam – aber ein paar Worte möchte ich trotzdem darüber verlieren. In Japan wurde ja bereits im Vorein wild über die Bedeutung Obamas Fahrplan seiner Ostasienrundreise diskutiert – warum verbringt er nur einen Tag in Japan aber drei Tage in China? Ist Japan der untergehende Stern der Region? Andere wiederum beschwichtigten: Immerhin ist Japan die erste Station der Reise gewesen, und das bedeutet doch auch etwas, oder? Man kann sich jedenfalls sicher sein, dass sich Obama und sein Beraterstab sich etwas bei der Planung gedacht haben.
Interessant war dabei, dass Obama etwas machte, was noch kein anderer US-Präsident seit Ende des Zweiten Weltkrieges gemacht hatte: Er verbeugte sich vor dem Kaiser. Und zwar recht tief:
Das wurde in Japan wohlwollend aber ohne grosse Erregung wahrgenommen; in den Staaten hingegen rief es unter gewissen Kreisen eher Entrüstung hervor: Ein US-Präsident verbeugt sich vor Niemandem, erst Recht nicht vor einem Monarchen, der eigentlich nichts zu sagen hat. Bei der The Daily Show vom 17. Nov (Beginnd des Beitrags bei 3:20, aber die ganze Show ist interessant, da Joe Biden zu Gast war) hatte man dazu eine ganz andere These: Obama verbeugte sich primär nicht vor dem Kaiser, sondern zeigte dem japanischen Ministerpräsidenten hinter ihm nur seinen Allerwertesten.
Im grossen und ganzen ist der Kurzbesuch positiv aufgenommen worden, obwohl man zum einen enttäuscht war, dass er die Städte Hiroshima, Nagasaki und Obama nicht besucht hatte und der Streit um die Verlegung des US Marines-Stützpunktes Futenma in Okinawa nicht komplett beilegen konnte.
Das Wort des Tages: 天皇皇后両陛下 – Tennō Kōgō Ryōheika – das Kaiserpaar.
Liest man englische Artikel über Japan, trifft man gelegentlich auf das Kunstwort “Galapagosnization” . Galapagos? Genau, die Inseln draussen im nichts mit den berühmten Darwinfinken, die sich von Insel zu Insel unterschiedlich entwickelt haben.
Japan mit Galapagos gleichzusetzen ist dabei in der Regel der Versuch, bildlich darzustellen, dass in Japan die Uhren anders ticken. Ein Paradebeispiel in der Wirtschaft: Der Mobilfunkmarkt. Er ist einfach anders. Leute benutzen hier ihre Mobiltelefone anders – zum Beispiel ausgiebigst zum Fernsehen, Shoppen (auf Seiten, die man nur auf Mobilfunktelefonen aufrufen kann) und zum bargeldlosen Bezahlen. Aus diesem Grund wurden dem iPhone und Google Android in Japan schlechte Chancen eingeräumt (was allerdings im Falle des iPhones widerlegt werden konnte – beim Android muss man abwarten; der Verkauf begann erst diesen Herbst).
Anderes Beispiel: KitKat. Oder Fanta. In so ziemlich allen Ländern dieser Welt ist KitKat ein geschichteter Keksriegel mit Schokolade drumherum. Der nach Keks und Schokolade schmeckt. Nur (?) in Japan lässt man sich nicht lumpen: Da gibt es auch die Geschmacksrichtungen grüner Tee, Sojasauce, Erdbeerkäsekuchen, Süsskartoffel, Kinako usw. usf. Auch Fanta wartet mit vielen lustigen Sorten auf. Selbst McDonalds, KFC usw. lassen sich was für Japan einfallen.
Warum ich ausgerechnet auf dieses Thema komme? Ich habe gerade durch Zufall zum ersten Mal seit langem Countdown TV auf TBS gesehen – dort werden die aktuellen Charts gezeigt. Als ehemaliger Formel 1 (Sendung)-Fan mochte ich sowas schon immer. Als ich bei meinem ersten Japanbesuch 96 die gleiche Sendung sah, dachte ich damals: “Gut, das waren die einheimischen Bands. Mal schauen, wie die allgemeinen Charts aussehen”. Pustekuchen! Das waren die Charts! Und daran hat sich nichts geändert: Man findet in den japanischen Charts in der Regel nur japanische Bands (und einige sind dort seit Jahrzehnten zu finden – wie z.B. Mr. Children oder Shiina Ringo usw.).
Dann wiederum gibt es Bands aus dem Ausland, die im Ausland kein Schwein mehr hören mag – die jedoch nachwievor in Japan hohes Ansehen geniessen. Beispiel: Mr. Big. Aber das ist ja kein japanisches Phänomen – Anne Clark oder Sisters of Mercy waren ja auch in Deutschland vielen Leuten ein Begriff, aber in ihrer Heimat kannte sie so ziemlich keiner.
Darwin hätte jedenfalls an Japan seine Freude gehabt.
Das Wort des Tages: ガラパゴス化 Galapagosu-ka. Galapagos und der Suffix -ung, also in etwas “Galapagosierung”. Von vielen Japanern auch selbst gern benutzt, um mal wieder darauf hinzuweisen, dass Japan etwas ganz, ganz besonderes ist.
Jeder hat so seine Vorstellungen darüber, was man gerne noch so alles machen möchte im Leben. Eine Sache, die ich schon immer machen wollte, ist ein Buch schreiben (oder daran beteiligt sein) – oder für eine Zeitung oder eine Zeitschrift zu schreiben. Man ist ja bescheiden. Letztes Jahr wurde ich gefragt, ob ich nicht als Redakteur für einen neuen, deutschsprachigen Reiseführer über Japan mitschreiben wolle (ich wäre für ganz Kansai, Shikoku und Chūgoku zuständig gewesen). Klar wollte ich, und Verlag und ich waren uns bereits über alles einig, aber dann musste ich in letzter Minute aus familiären Gründen absagen. So eine Chance kommt doch bestimmt noch mal wieder… oder?
Vor zwei Wochen nun wurde ich vom Verleger des Magazins “MIDORI” angeschrieben – Midori (=Grün) ist das “Fachmagazin für Koi-, Teich- und Gartenkultur”. Alles Sachen, mit denen ich eigentlich nicht viel am Hut halte (obwohl ich die Begeisterung z.B. für Kois sehr gut verstehen kann). Ein Nischenmagazin also, welches quartalsweise erscheint, in D, A und CH erhältlich ist und in ersterem 6.5o € kostet. Dafür gibt es aber auch 100 sehr gut gestaltete Seiten voll mit Grün, Fischen und etlichen off-Topic-Berichten. Die Auflagenzahl fand ich beeindruckend: 18,000 sind es laut Verleger.
So werde ich nun also ein Mal im Quartal meinen Senf hinzusteuern – nein, nicht über Kois oder Gärten, sondern über andere diverse Themen. In der nächsten Ausgabe ist bereits ein Artikel über zwei Seiten enthalten, wobei der allerdings mangels Zeit “recycelt” werden musste – will heissen, es ist ein Artikel, der bereits in diesem Blog erschienen ist. Für darauf folgende Ausgaben habe ich mehr Zeit, und so werden es komplett neue Artikel werden. Ansonsten – wer Kois und japanische Gärten mag, und nie geträumt hätte, dass es dazu ein deutschsprachiges Magazin gibt, sei hiermit eines besseren belehrt. Mehr Infos zum Magazin gibt es hier: http://www.midori-magazin.com
So. Kind gezeugt habe ich. Bäume gepflanzt habe ich auch schon. Fehlt nur noch das Haus…
Das Wort des Tages: 執筆 shippitsu. Verfassen, schreiben (Buch, Artikel usw.)
Meine Frau war letztens im Rathaus, um an einer Tombola teilzunehmen. Was es zu gewinnen gibt? Einen Kindergartenplatz! Da unsere Kleine schon sehr bald 3 wird, haben wir beschlossen, sie behutsam auf die Menschheit loszulassen. In unserer Stadt sieht es dabei sogar relativ gut aus: Bei der Tombola bewerben sich 78 Kinder für 50 Kita-Plätze, was zum einen bedeutet, dass man eine 2/3 Chance hat, tatsächlich einen Platz zu bekommen. Zum anderen bedeutet dies, dass wir nicht den Irrsinn mitmachen müssen, den neulich die Frau eines Geschäftspartners durchleben musste: Sie wohnt in Yokohama (weiss jetzt nicht genau, welcher Stadtteil), und in ihrem Verwaltungsbezirk gibt es keine Tombola: Dort gilt, wer zuerst kommt, ergattert einen der wertvollen Plätze. Wir reden dabei nicht von stundenlangem Anstehen, sondern von Tagen: Geschlagene drei Tage standen wahlweise sie und wahlweise ihr Mann beim (bzw. vor) dem Amt an! Und – kurz vor ihnen war Schluss. Alles umsonst.
Völlig verzweifelt bat ihr Mann dann letztendlich meinen Chef, ob er sie nicht pro Forma einstellen könnte – dann könnte sie nämlich ihr Kind in eine Kita in dem Stadtbezirk unserer Firma stecken, wo es etwas besser aussieht.
Es gibt auch sehr viele private Kindertagesstätten, doch dort brauchen die Fachkräfte aka Kinderschinder keine Qualifikation. Ein paar Monate alte Babys krabbeln dort auf engstem Raum umher, während rund um sie die 3 bis 5-jährigen toben. Allein vom Hinschauen bekommt man oft den Anschein, dass die Betreuerinnen oft hoffnungsvoll überfordert und/oder absolut demotiviert sind.
Mal schauen, was uns das Losglück bringt. Lieber nichts erwarten.
Passend dazu übrigens eine Meldung, über die ich eigentlich schon vor einer Weile schreiben wollte: Das World Economic Forum (Weltwirtschaftsforum) veröffentliche jüngst den “Global Gender
Gap Report 2009″ – den Bericht über die Gleichstellung zwischen Mann und Frau weltweit (kann man hier herunterladen (PDF)).
Dort wird nach mehreren Parametern (Hauptparameter: Gesundheit, Wirtschaft, Bildung & Politik) gemessen, wie es um die Gleichstellung bestellt ist. 1 ist ideal, 0 das unterste. Deutschland lag weltweit auf Rang 12 (Score: 0.745). Vor der Schweiz und hinter der Niederlande (#1-4: Skandinavien). Japan lag direkt vor Gambia – auf Rang 75 (von 134 untersuchten Staaten; Score: 0.6769) – liegt damit aber wiederum nur knapp hinter Tschechien und Italien. Hauptgrund: Anteil an der Politik. Die Frage wäre freilich, ob Japan mit mehr Frauen in der Politik auch wirklich familien- und kinderfreundlicher werden würde…
Das Wort des Tages: 幼稚園 yōchien (Yō-chi-en). Der Kindergarten.
Es nicht noch gar nicht so lange her – der fast eine Woche andauernde Serverausfall. Es war ein Alptraum und ich war mächtig wütend. Das einzige, was mir blieb, war das schnelle Suchen eines anderen Providers, der schnellstmögliche Umzug meiner Seiten und das Kündigen des alten Providers – 1blu. Eine Entschuldigung für den von 1blu verschuldeten Komplettausfall gab es natürlich nicht.
Nun dachte ich, die Sache hätte sich mit Serverumzug und Kündigung erledigt – zumal ich ja eine Bestätigung der Kündigung erhielt.
Pustekuchen. Heute kam eine Rechnung über gute 200 Euro ins Mailfach geflattert. Ich war leicht überrascht und kramte nochmal nach der Bestätigungsemail – und war noch überraschter:
vielen Dank für Ihre Nachricht vom 29.10.2009.
Mit Bedauern bestätigen wir Ihnen die Kündigung für folgendes Produkt:
2010!? Was ist das denn? Schneller Anruf bei der Kundenhotline – wo mir der freundliche Servicemitarbeiter freudestrahlend mitteilte, das doch alles seine Richtigkeit habe: Mein Vertrag endet am 11.11. 2009 – und die Kündigungsfrist beträgt einen Monat vor Vertragsende. Noch freudestrahlender: Sie haben nun mal nur zwei Wochen vor Vertragsende gekündigt!
Eine kurze Anmerkung meines Kündigungsgrundes wurde dann mit einem “Tja…” quittiert.
Ich koche gerade. Und es ist kein Essen, dass ich da koche. Kundenorientierter Service? Mitdenken, um eventuellen Imageschaden von der eigenen Firma abzuwenden? Fehlanzeige. Aber damit muss ich jetz wohl leben, obwohl ich mir die AGB doch noch mal genau durchlesen werde.
Heute nachmittag brach medientechnisch die Hölle los: Tatsuya Ichihashi war von der Polizei gefasst worden, und zwar in Osaka. Wer ist Ichihashi? Rückblende:
Im März 2007 wurde die damals 22-jährige Englischlehrerin Lindsay Hawker, angestellt bei der damals grössten (und jetzt bankrotten) Sprachschulgruppe Nova und wohnhaft in 市川 Ichikawa (Chiba), von Freunden als vermisst gemeldet. Bei ihren Sachen findet man eine auf einem Zettel gekritzelte Telefonnummer. Die gehört besagtem Ichihashi. Die Polizei fuhr also zu dessen Wohnung – doch während der Befragung springt der damals 28-jährige barfuss aus seiner Wohnung und flieht.
Kurze Zeit später findet man auf dem Balkon seiner Wohnung eine Badewanne – gefüllt mit Gartenerde und der nackten, gefesselten Leiche von Lindsay. Nun begann eine beispiellose Suche: Ein 140-Mann starkes Polizeiteam beschäftigte sich mit dem Fall. Es wurden zahllose Fahndungsplakate gedruckt – unter anderem mit Bildern, wie Ichihashi wohl aussehen würde, wenn er sich die Haare gefärbt oder als Frau verkleidet hätte usw. Die Eltern kamen eigens aus England nach Japan und traten auch vor die Presse – um sich über die schlampige Polizeiarbeit zu beschweren. Dieses Jahr wurde das Kopfgeld auf bisher einmalige 10 Millionen Yen erhöht – das sind um die 70,000 Euro.
Im vergangenen Jahr hiess es lapidar von der Polizei, dass “der Mann bestimmt bereits Selbstmord begangen habe und deshalb nicht zu finden sei” (siehe u.a. hier). Das wurde natürlich von den Eltern angeprangert, zumal ja in Japan nachwievor selbst Mord verjährt.
Während der letzten Tage gab es jedoch plötzlich Bewegung: Ein Schönheitschirurg in Nagoya gab an, dass sich der Verdächtige bei ihm Muttermale entfernen und die Nase verändern liess. Ein neues Fahndungsfoto wurde erstellt. Kollegen einer Baufirma in Osaka stellten fest, dass sie über ein Jahr mit dem Mann gearbeitet hatten – bis vergangenen Monat. Auch in Fukuoka war er gesichtet worden. Heute wurde er also entdeckt – gemeldet von einem Angestellten einer Fährgesellschaft: Er wollte nach Okinawa.
Was die Polizei danach jedoch machte, wird mir ein Rätsel bleiben: Sie schaffte den Verdächtigen heute abend in einem normalen Shinkansen nach Tokyo. Das weiss natürlich die Presse, und so versammelten sich hunderte Presseleute am Shinkansen und am Bahnhof. Momentan wird Ichibashi zur Polizeiwache Gyōtoku gebracht, und er müsste bald da sein: Gyōtoku liegt drei Kilometer von mir entfernt, und gerade flog ein Pressehubschrauber ca. 100 m von meinem Haus entfernt vorbei (wir liegen auf dem Weg). Warum die Polizei ihn nicht mit Hubschrauber oder Sonderwagen bringt – oder statt im Bahnhof Tokyo nicht bereits in Shinagawa aus dem Zug holt, ist mir schleierhaft.
Wie auch immer – mit Ruhm hat sich hier die japanische Polizei nicht gerade bekleckert: Inmitten des Ballungsgebietes Tokyo, in einer dicht besiedelten Wohngegend, flieht ein Verdächtiger barfuss vor der Polizei – und lebt danach unbehelligt in verschiedenen Orten des Landes, und das beinahe 1’000 Tage lang. Dieser Fall dürfte hierzulande noch hohe Wellen schlagen.
Im Übrigen wird der Mann nicht wegen Mordes gesucht, sondern wegen 死体遺棄容疑 – shitai iki hōgi – Verdacht des Zurücklassens einer Leiche. Und das war auch das Wort des Tages. Kein schönes zwar, aber das sieht man sehr oft in Presse- und Polizeimeldungen.
Der Tag, als meine Tochter das Licht der Welt erblickte, liegt eigentlich gar nicht so lange zurück – denke ich zumindest, und doch wird sie in anderthalb Monaten bereits 3 Jahre alt. Das bedeutet in Japan Zeit für das 七五三 (Shichigosan) – “753″, ein Ritual, das vor allem in der Kanto-Region sehr beliebt ist. Da die Wikipedia diesbezüglich sowieso alles besser weiss, fasse ich mich kurz: Das Fest wird für 3 und 7-jährige Mädchen sowie für 3- und 5-jährige Jungs veranstaltet. Man (Eltern, oft auch Grosseltern), geht zum Shintō-Schrein, bezahlt ein paar Tausend Yen und der Priester sorgt mittels eines Rituals dafür, dass die lieben Kleinen ab jenem Tag wohlbehütet von allem Bösen durchs Leben schreiten können. Das interessiert 3, 5 bzw. 7-jährige Kinder reichlich wenig, und so gibt es, quasi als Anreiz, nach dem Ritual sogenannte 千歳飴 (Chitose-Ame, 1000-Jahre-Bonbons) – lange, weiss-rote Zuckerstangen.
Shichigosan: Zeit, die vergangenen drei Jahre zu rekapitulieren…
Das Ritual wird irgendwann um den 15. November begangen, aber man sieht es nicht so eng – viele machen es kurz vorher oder kurze Zeit später. Unsere Tochter ist zwar eigentlich noch 2 Jahre alt, aber sie wird am 1.1. 3 Jahre alt (und beginnt somit ihr 4. Lebensjahr), weshalb uns der Priester in einem Vorgespräch empfohlen hatte, es dieses Jahr zu machen.
Wir waren natürlich nicht die einzigen – ca. 12 Kinder nebst Familien quetschten sich in den engen Raum. Das dauert dan etwas, denn der Priester liest dann litaneienhaft wie folgt vor “Und hiermit bete ich für Taro Yamada, geboren am 12. Oktober 2006, wohnhaft in Matsudo, Horie 2-14-7, Grand Heights Apartment 341…” und so weiter – und das für 12 Kinder. Gelegentliche Zwischenfälle gibt es natürlich in dieser Altersgruppe, denn die Kinder müssen alle vorne in erster Reihe sitzen und kennen das alles gar nicht. Unser Kind schoss wie immer den Vogel ab, als es (aber nicht als erste!) irgendwann beschloss, den Priester fürchten zu müssen, als der mit einem Zweig auf sie zuging, und zu schreien anfing (das ist noch normal), kurze Zeit später aber, noch halb weinend, auf Aufforderung des Priesters ein fröhlich-ängstliches “Konnichiwa” Richtung Gott schmetterte. Alle lachten… und suchten in der Menge nach den Gesichtern der Eltern.
Eine sehr freundliche Mutter mit ihrer liebreizenden Tochter sass vorher neben mir. Kind: “Wo ist Papa?” – Mama: “Auf Arbeit”. Meine Güte – es ist Shichigosan, ein wichtiger Tag, und Sonnabend – und Papa krebst auf Arbeit herum.
Verbunden wird das ganze natürlich anschliessend mit einem guten Essen – und wie überall, sind alle Beteiligten danach ziemlich erschöpft.
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Themenwechsel. Dank des Internets ist es ja nun relativ einfach, alte Freunde wiederzuentdecken. So war ich vor etlichen Monaten sehr überrascht, als mich eine alte Freundin wiederentdeckte – eine Japanerin, die ich 1995 kennenlernte, da sie damals im Studentenwohnheim direkt unter mir wohnte. Ich hatte sie später auch in Japan getroffen, aber seit guten 10 Jahren hatten wir keinen Kontakt mehr. Mittlerweilen treffen wir uns wieder gelegentlich. Es war recht interessant – damals sprachen wir nur Deutsch. Heute spricht sie kein Deutsch mehr, ich aber dafür Japanisch. Aber – es machte nicht den geringsten Unterschied.
Den Vogel schoss aber nun jemand ab, den ich beinahe völlig vergessen hatte: Ein Russe, der 1992 für ein paar Wochen an meiner Schule war (vorher war ich für ein paar Wochen dort). Das er mich nun gefunden hat, grenzt schon ein bisschen an ein Wunder, denn er spricht kein Deutsch mehr und nur leidlich Englisch. Es ist jedenfalls sehr interessant zu sehen, was aus ihm geworden ist. Das ganze wäre ja wirklich mal wieder eine gute Entschuldigung für einen Zwischenstopp in Russland…
Das Wort des Tages: 行事 gyōji – Ritual, Fest, Anlass.
So es meine Zeit zulässt, versuche ich momentan, jeden Abend 15 Minuten Vergangenheit Revue passieren zu lassen – dank der Tatsache, dass die ARD momentan unter dem Titel Wendeherbst jeden Tag die Tagesschau von vor genau 20 Jahren zeigt. Ein Dankeschön dafür an die ARD. Im Herzen zahle ich immer noch GEZ…
Im Herbst 1989 war ich gerade mal 15 Jahre alt und lebte in einem kleinen Schloss in einem noch kleineren Kaff im Hohen Fläming. Jaja, klingt wie ein Märchen, war aber wirklich so – im Schloss war eine Sprachschule mit unaussprechlich langem Namen untergebracht. Meine Heimatstadt lag beinahe “gegenüber” von dem weissen Flecken da mitten in der DDR, in Atlanten profan mit Westberlin betitelt. Will heissen, so ca. jedes zweite Wochenende fuhr ich mit der Bahn immer schön an der Grenze entlang.
Als 15-jähriger, bis dato ohne Werbung aber mit viel Propaganda aufgewachsen, war man freilich ein kleines bisschen irritiert, denn – zumindest ich – kannte die Stasi bis dato nicht und hatte so meine Bedenken gegenüber einem System, das Arbeits- wie Obdachlose hervorbringen kann. Aber die Zeit war aufregend, und jeder wollte wissen, wie es weiter geht. So richtig Angst vor der Zukunft – so ich mich recht erinnere – hatte dabei keiner. Und so sassen alle wie gebannt vor dem Fernseher und schauten Elf-99, die damalige, plötzlich sehr “peppige” (sic) Fernsehsendung für Heranwachsende. Westfernsehen war ja dort, zumindest tagsüber, verboten.
Nun, in solchen Erinnerungen kann man natürlich schwelgen, wenn man die damaligen Nachrichten sieht. Bis zum Höhepunkt des Ganzen sind es auch nur noch wenige Tage. Und natürlich betrachtet man viele Dinge aus der Retrospektive alles ein bisschen anders.
Natürlich will ich diesen Artikel nicht ohne Japanbezug enden lassen. Die meisten Japaner (aber auch Engländer, Amerikaner – eigentlich alle) sind nachwievor an der genauen Herkunft interessiert. Ich sage meist, “bei Berlin”, da die meisten Ausländer – und Deutsche – meine Heimatstadt sowieso nicht kennen (mit Ausnahme einer Irin, die ich mal auf einer Fahrt in einem alten Kutter entlang des Mekhongs in Laos traf – sie hatte nämlich genau dort jahrelang in einem Pub gearbeitet). In der Regel wird – meist vorsichtig – weitergebohrt: West? Ost?
Häufig höre ich daraufhin die Frage oder den Kommentar, ob bzw. das es interessant sein muss, zwei so verschiedene Systeme zu kennen. Ich antworte dabei gern (und sehr, sehr subjektiv, bevor mich jetzt Politologen und Soziologen auseinanderreissen), dass es zumindest hilft, beide Systeme zu kennen, wenn man in Japan lebt: Irgendwo ist Japan mit der sehr stark ins Getriebe eingreifenden Politik eine Mischform. Mit dieser Aussage lehne ich mich freilich mal wieder sehr stark aus dem Fenster – dies soll kein Vergleich zwischen den Rechtssystemen, staatlichen Organen usw. sein. Ein bisschen beginnt der Vergleich auch zu hinken, da ja die ewig regierende Partei hier just abgewählt wurde.