Fahrradschlossindustrielobbymachenschaften
Heute fand ich mal wieder einen besonders schönen Fall von Aktionismus – angebracht direkt am Lenker meines und mindestens 500 anderer Fahrräder auf dem Abstellplatz vor dem Bahnhof. Jenes Bändel, liebevoll an allen Fahrrädern angebracht, die nur mit 1 (in Worten: einem) Schloss gesichert wurden: Auf einem bewachten Fahrradabstellplatz, wohlgemerkt:

Hatte ich es doch fast schon wieder vergessen: Ich lebe ja in einer Verbrecherhochburg, in der jedem nach meinem Fahrrad, meiner Frau Handtasche und meinem Leben dürstet! Da muss wirklich schon mal etwas Paranoia geschürt werden, damit wir ja nicht unvorsichtig werden. Ich kann mir so etwas nur damit erklären, dass die örtlichen Fahrradschlosshersteller und -vertreiber der Polizeiwache eine neue Kaffeemaschine und dem Antiverbrechensverein einen Vereinsraum spendiert haben.
Natürlich gibt es auch hier Fahrraddiebstähle, aber die stehen wirklich in keinem Verhältnis zu Deutschland zum Beispiel: Hier ist es Pflicht, sein Fahrrad polizeilich zu registrieren. Meistens wird ein Fahrrad nur geklaut, weil jemand besoffen ist und zu faul zum laufen.
Mit Grausen denke ich noch immer an meine Fahrraderlebnisse in Deutschland zurück. Ich war damals froh, wenn ich ca. ein Jahr Freude an meinem Rad hatte – bis zum Diebstahl dauerte es meist nicht viel länger. Geklaut wurden sie aus dem gesicherten Abstellraum im Uniwohnheim, zur Hauptausgehzeit vom hell beleuchteten Abstellplatz vor dem grössten Kino der Stadt usw. usf. Alle waren mit ca. 50 Euro teuren Schlössern gesichert. In Japan ist mir das noch nie passiert (obwohl – ein Sattel wurde mir mal geklaut), und ich kenne nur einen Japaner persönlich, dem mal eins geklaut wurde.
In Deutschland konnte ich im Schnitt ein Mal im Monat den Schlauch flicken, weil wahlweise ein Nagel oder eine Scherbe im Pneu steckte. Auch noch nie in Japan passiert.
Der Gipfel in Deutschland war jedoch ein gerader, relativ dünner Stamm, den irgendein Spassvogel in einem Park direkt in den Schatten eines anderen, noch stehenden Baumes gelegt hatte (das war ein dünner Baum – der Stamm passte gerade so in den Schatten). Ach, was bin ich schön geflogen! Soviel Boshaftigkeit hatte ich bis dato noch nicht erlebt. Ich war damals nur froh, dass es ein Stamm war und kein Drahtfaden in Halshöhe – letzteres war ja angeblich nach Kriegsende eine beliebte Methode der Werwölfe.
Ein zweites Schloss werde ich mir dennoch so schnell nicht kaufen. Wenn ein professioneller Dieb mein Rad wirklich möchte, knackt er auch zwei Schlösser. Das eine Schloss, das ich jetzt benutze, ist bereits überdurchschnittlich gut für hiesige Verhältnisse und sollte zumindest den betrunkenen Fussfaulen abschrecken. Also dann, bis zur nächsten Aktion!
Das Wort des Tages: 作戦 sakusen – “schaffen – kämpfen”. Die Aktion, die Strategie.
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