Heute fand ich mal wieder einen besonders schönen Fall von Aktionismus – angebracht direkt am Lenker meines und mindestens 500 anderer Fahrräder auf dem Abstellplatz vor dem Bahnhof. Jenes Bändel, liebevoll an allen Fahrrädern angebracht, die nur mit 1 (in Worten: einem) Schloss gesichert wurden: Auf einem bewachten Fahrradabstellplatz, wohlgemerkt:
Auf dem Zettelchen steht also 自転車ツーロック作戦 (jitensha tsū rokku sakusen) – Fahrrad-Zwei-Schloss-Aktion, gesponsert vom Polizeirevier sowie dem örtlichen Antiverbrechenskomitee.
Hatte ich es doch fast schon wieder vergessen: Ich lebe ja in einer Verbrecherhochburg, in der jedem nach meinem Fahrrad, meiner Frau Handtasche und meinem Leben dürstet! Da muss wirklich schon mal etwas Paranoia geschürt werden, damit wir ja nicht unvorsichtig werden. Ich kann mir so etwas nur damit erklären, dass die örtlichen Fahrradschlosshersteller und -vertreiber der Polizeiwache eine neue Kaffeemaschine und dem Antiverbrechensverein einen Vereinsraum spendiert haben.
Natürlich gibt es auch hier Fahrraddiebstähle, aber die stehen wirklich in keinem Verhältnis zu Deutschland zum Beispiel: Hier ist es Pflicht, sein Fahrrad polizeilich zu registrieren. Meistens wird ein Fahrrad nur geklaut, weil jemand besoffen ist und zu faul zum laufen.
Mit Grausen denke ich noch immer an meine Fahrraderlebnisse in Deutschland zurück. Ich war damals froh, wenn ich ca. ein Jahr Freude an meinem Rad hatte – bis zum Diebstahl dauerte es meist nicht viel länger. Geklaut wurden sie aus dem gesicherten Abstellraum im Uniwohnheim, zur Hauptausgehzeit vom hell beleuchteten Abstellplatz vor dem grössten Kino der Stadt usw. usf. Alle waren mit ca. 50 Euro teuren Schlössern gesichert. In Japan ist mir das noch nie passiert (obwohl – ein Sattel wurde mir mal geklaut), und ich kenne nur einen Japaner persönlich, dem mal eins geklaut wurde.
In Deutschland konnte ich im Schnitt ein Mal im Monat den Schlauch flicken, weil wahlweise ein Nagel oder eine Scherbe im Pneu steckte. Auch noch nie in Japan passiert.
Der Gipfel in Deutschland war jedoch ein gerader, relativ dünner Stamm, den irgendein Spassvogel in einem Park direkt in den Schatten eines anderen, noch stehenden Baumes gelegt hatte (das war ein dünner Baum – der Stamm passte gerade so in den Schatten). Ach, was bin ich schön geflogen! Soviel Boshaftigkeit hatte ich bis dato noch nicht erlebt. Ich war damals nur froh, dass es ein Stamm war und kein Drahtfaden in Halshöhe – letzteres war ja angeblich nach Kriegsende eine beliebte Methode der Werwölfe.
Ein zweites Schloss werde ich mir dennoch so schnell nicht kaufen. Wenn ein professioneller Dieb mein Rad wirklich möchte, knackt er auch zwei Schlösser. Das eine Schloss, das ich jetzt benutze, ist bereits überdurchschnittlich gut für hiesige Verhältnisse und sollte zumindest den betrunkenen Fussfaulen abschrecken. Also dann, bis zur nächsten Aktion!
Das Wort des Tages: 作戦 sakusen – “schaffen – kämpfen”. Die Aktion, die Strategie.
So, heute hatte ich etwas mehr Glück mit dem Wetter: Morgens vereinzelte Wolken, die sich später wohlwollend in Luft auflösten. Ziel war der 磐梯山 Mt. Bandai, ein 1’819 m hoher Berg bei Aizu Wakamatsu. Jener gehört zu einer Vulkankette, und früher gab es zwei Berge namens Bandai: Der kleine und der grosse Bandai. 1881 beschloss der Vulkan Bandai jedoch, etwas aktiver in das Projekt Terraforming einzugreifen: Ohne Vorwarnung explodierte der kleine Gipfel und verschwand daraufhin Richtung Tal. Etliche Dörfer verschwanden, ein Fluss wurde aufgestaut und eine neue Seenplatte entstand.
Soviel steht erstmal fest: Antizyklisch reisen in Japan ist jedes Mal ein Vergnügen: Man hat die gesamte Infrastruktur beinahe für sich allein. So geschehen heute in 猪苗代 (Inawashiro) – der einzige Insasse im Bus Richtung Bandai-Plateau war ich. 750 Yen ärmer und 30 Minuten später war ich in 五色沼入口 (Goshiki-Numa Iriguchi – Eingang zu den fünffarbigen Seen). Dort gibt es einen leichten, ca. 4 km langen Wanderweg vorbei an verschiedenfarbenen Seen.
Dort wimmelt es nur so von Rentnern, und wie es in Japan Usus ist, grüsst man sich mit einem freundlichen Nicken und “konnichiwa”, wenn man sich beim Wandern begegnet.
Nach dem Rundgang ging es endlich los. Erstmal eine lange, staubige Strasse entlang. Dann eine lange Skipiste herauf. Dann geht es in den Wald. Es riecht leicht nach Schwefel, der daran erinnert, dass man sich auf einem nachwievor aktiven Vulkan befindet.
Der Waldweg ist angenehm, aber es geht gut bergauf. Im Vergleich zum Gassan ist der Aufstieg aber noch recht zivil: Man kann sich nahezu ausnahmslos aufrecht durch das Gelände bewegen. Nichtsdestotrotz läuft man fast zwei Stunden lang nur bergauf – kein Wunder: Es gilt, 1’000 Höhenmeter, verteilt auf rund 2 Kilometer, zu bewältigen. Wann hört die Vegetation auf, dachte ich dabei die ganze Zeit: Schaut man von Norden auf den Berg, sieht man nämlich keine Bäume, nur blankes Gestein und fast senkrechte, vulkantypisch sehr bröcklige Wände. Irgendwann bemerkte ich rechterhand einen grossen, roten Hügel: Aha, der Herbst hat hier definitiv schon begonnen. Aber wo ist der Gipfel?
Auf ca. 1,600 m stehen zwei Hütten – dort werden Getränke und Andenken verkauft. Die Besitzer, ein altes Ehepaar, sprechen mich vorsichtig an. Und geben mir einen kleinen Becher mit Kaffee, für umsonst. Sie betreiben den Laden seit vielen Jahren. Sie steigen jeden Morgen hoch und jeden Abend herunter. Im Gepäck: die Getränke, die sie verkaufen. Wahnsinn.
Der Ausblick ist grandios – in der näheren Umgebung gibt es nur einen einzigen Berg, der höher ist – der 西吾妻 Nishi-Azuma, 2’035 m hoch und ebenfalls ein Vulkan. Man sieht die Stelle, an der der kleine Bandai stand, mehr als deutlich. Ein Traumanblick für Geografen und Geologen. Ich bin überrascht, denn der rote Hügel ist bereits der Bandai – von der Hütte sind es nur noch 20 Minuten – die letzten Meter sind wirklich steil, aber man bewegt sich mitten durch Krüppel… nein, Kiefern sind das nicht. Und dann steht man auf dem Bandai und überschaut einfach alles. Ein grandioser Berg und relativ leicht zu ersteigen.
Schnell ein Onigiri verzehrt, die Aussicht genossen und allmählich zum Abstieg klargemacht – es ist immerhin schon 14:30. Die gleiche Route zu nehmen halte ich für langweilig und wähle deshalb die Südroute (bei diesem Berg auch “Vorderseite” genannt). Vorteil: Ich muss nicht wieder mit dem Bus fahren, sondern kann direkt zum Bahnhof laufen. Nachteil: Andere Wanderer hatten mich schon gewarnt, dass die Route 険しい (steil, schroff) ist. Sie hatten recht. Kein Zickzack, sondern steil den Berg hinunter. Keine Bäume, an denen man sich zur Not festhalten kann, stattdessen loses Geröll und ein Gefälle, dass jeden Fehltritt zur echten Gefahr macht – hier kann man sich an nichts festhalten, es geht einfach steil bergab. Dass die Steine dort zum Teil bimssteinartig sind, macht die Sache nicht einfacher – nicht nur, dass selbst grosse Steine oft unerwartet lose sind, nein, sie zerbröseln teilweise sogar beim rauftreten. Und so geht es auf allen vieren runter.
Das letzte klitzekleine Problem war nur noch, den Bahnhof zu finden. Letztendlich erwies sich der Abstieg als ebenso anstrengend wie der Aufstieg – zumindest erfordert er weit mehr Konzentration. Wer auch immer den Bandai in Angriff nehmen möchte, sei gewarnt: Für die Südroute braucht man eine sehr gute Kondition beim Aufstieg – und gutes Schuhwerk + ein Mindestmass an Erfahrung beim Abstieg.
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Seit gestern mittag bin ich übrigens in Aizu Wakamatsu – ein Ort, den jeder Japaner aus den Geschichtsbüchern kennt, da die Stadt historisch bedeutsam ist. Sehr bekannt ist die Geschichte der 白虎隊 (Byakkotai – “Trupp der weissen Tiger”), die während der Meiji-Restauration gegen die kaiserliche Armee für alte Werte kämpfte. Besagte Gruppe sah von einem Hügel die Stadt brennen, und dachte, die Burg sei gefallen (was aber wohl nicht der Fall war). Sie hielten die Lage daraufhin für aussichtslos und so beschloss eine Gruppe von 20 16 bis 17-Jährigen Samurai-Azubis, Seppuku (aka Harakiri) zu begehen. Einer überlebte (die einen sagen, seine Frau fand ihn, andere sagen, ein Bauer fand ihn) und lebte noch bis 1931, die anderen waren “erfolgreich”.
Diese Geschichte ist sehr beliebt in Japan, und sowohl Mussolini als auch die Nazis liebten die Geschichte sehr. Mussolini sandte eine Originalstele aus Pompei:
Darin preist er die “BIACCOTAI” (vorletzte Zeile). Gezeichnet wurde mit ANNO MCMXXVIII VI ERA FASCISTA – Jahr 1928 – Jahr 6 der Faschisten (Mussolini wurde 1922 Ministerpräsident). Auf der Rückseite würdigt man “Allo Spirito du Bushido” – das wurde wohl nach 1945 von den Alliierten entfernt, später aber wieder erneuert. Aiuch ein deutscher Gedenkstein, gezeichnet “Ein Deutscher – Den jungen Rittern von Aizu” von 1935 steht dort – das Hakenkreuz wurde und bleibt bei diesem Stein entfernt.
Wie es der Zufall so will, war gestern in Aizu auch grosses Festival – Mittelalterspektakel auf Japanisch, sozusagen:
Das schönste am Bergsteigen heute – ca. 20 km Längenkilometer und 2,500 Höhenmeter – war erwartungsgemäss das Herumlümmeln im Onsen und das Bier danach. Prost!
Heute wollte ich nun also mal auf den Mt. Gassan (月山) – ein 1’984 m hoher, zudem auch noch heiliger Berg in der Mitte der Präfektur Yamagata. Um 8 Uhr fuhr der Bus von Yamagata Stadt, und um 9 war ich am Fuss des Berges. In den letzten Tagen war das Wetter typisch für den Herbst hier: Meist heiter, kaum Regen. Das änderte sich jedoch gegen 8:50 – Starkregen. Dann sah es jedoch nach einer Besserung aus, und los ging es: 3 km Strasse bergauf, dann noch mal 2 km Strasse bergauf und danach auf den richtigen Wanderweg.
Und der hatte es in sich: Prinzipiell war es eine sehr steile Naturtreppe mitten durch den Dschungel. Stehenbleiben war keine gute Idee, denn dann wurde man sofort von Myriaden von Mücken überfallen. Weiter oben ging es schliesslich auf nahezu senkrecht stehenden Leitern weiter.
Als ich auf einem Plateau in ca. 1’400 m Höhe ankam (gestartet war ich von 700 m), bot sich mir obiger Anblick: Da gibt’s nichts zu sehen. Alles hing in den Wolken, und die begannen sich auch noch schnell zu senken. Satz mit x – das war wohl nix! Die Vernunft siegte über die Neugier, und ich kletterte zurück. Die Entscheidung war richtig – es fing schnell auch weiter unten an, gut zu regnen.
Unten angekommen, war es bereits 12:30. Nächster Bus nach Yamagata: 16:00. Klasse. Ein älteres Ehepaar, das ich auch schon vorher getroffen hatte, sprach mich an: “Sind sie etwa den ganzen Weg gelaufen?” – “Ja, wieso?” – “Haben Sie keinen Bären getroffen? Oben (am Tempeleingang in ca. 1,000 m Höhe) wurde uns gesagt, dass weiter unten an der Strasse vorhin einer gesichtet wurde!”. Nein, den hatte ich nicht gesehen. Übrigens: vor ein paar Tagen fiel ein Bär an einem Parkplatz in der Präfektur Gifu eine Reisegruppe an und verletzte einige Leute.
Hmm, Glück gehabt. Die beiden meinten nur “Da haben Sie ja wirklich Glück gehabt!”. Ich meinte darauf hin: “Naja, ich habe ja immerhin ein Jagdmesser dabei, damit kann man sich im Notfall verteidigen”. Darauf wurde ich etwas verdutzt angesehen- frage mich bloss warum!?
Da kein Bus fuhr, tat ich etwas, was ich ausgiebigst in Europa, aber noch nie in Japan tat: Ich versuchte zu trampen. Und siehe da: das 10. Auto (in etwa) hielt an und nahm mich bis nach Yamagata mit. Ein Ehepaar aus Sendai, und sie waren sehr nett. Geht also auch tatsächlich in Japan.
Immerhin hatte ich so noch Zeit, nach 山寺 Yamadera (=Bergtempel) zu fahren. Der liegt zwischen Sendai und Yamagata, existiert seit dem 9. Jhd. und ist wirklich sehr schön gelegen. Bis man was davon hat, muss man jedoch ordentlich Treppen steigen (das ist aber kein Vergleich zum Gassan).
So, das war seltenerweise mal wieder ein richtiger (wenn auch kurzer) Reisebericht – zu beiden Orten dann mehr später auf diesen Seiten.
Das Wort des Tages: 登山 tozan – “steigen – berg”. Bergsteigen. Hoffentlich habe ich übermorgen mehr Glück…
Beziehungsweise von Prostituiertenspinnen. Arachnophobiker sollten jetzt lieber den Browser schliessen. Kurzes Vorwort: Jemand sagte mal zu mir “Du interessierst Dich wohl auch für jeden Mist”. Da konnte ich nur zustimmend nicken.
Schon seit langem sind mir bei Herbstspaziergängen in Japan Spinnen aufgefallen, die ich so in Europa noch nie gesehen habe: Sie sind gross, die Beine sind schwarz-gelb und der Körper ist, nun ja, recht bunt. Das ganze Tier scheint einem damit eines anzudeuten: “F-a-s-s m-i-c-h n-i-c-ht a-n!!!”. Mich dünkt, dasss ich die gleiche Spinne auch schon mal in Laos gesehen habe: Meine damalige Freundin hatte panische Angst vor nahezu allen Insekten. Als ich ein Photo von ihr in Laos vor einem riesengrossen Blatt machte, bemerkte ich hinter ihr eine Riesenspinne – auch schwarz-gelb. Da die Spinne ausser Beissweite war, war ich Gentleman genug, sie nicht darauf hinzuweisen, sondern nach erfolgtem Foto elegant weiterzulotsen. Manchmal kann ich richtig nett sein.
Besagte Spinne bemerkte ich heute wieder in einem Park: Das Netz hatte einen Durchmesser von mindestens einem Meter, und war mit einem Ast in geschätzten 4 Metern Höhe verankert. Und – in dem Netz war ordentlich was los: Es war eine ganze WG, mit mindestens drei der possierlichen Achtbeiner, zahlreichen wesentlich kleineren Spinnen (das waren die Männchen, las ich später) und einem betrachtlichen Vorrat an Frischfutter. Die folgende Stunde war ich schwer damit beschäftigt, dass mein begeistert eichelnsammelndes Kind nicht in das Netz fällt – die hätte wahrscheinlich den Schreck ihres Lebens bekommen und den Spinnen traute ich auch einiges zu.
Jedenfalls weiss ich ab heute wenigstens, wie die Gesellen heissen: ジョロウグモ (Jorōgumo) – jorō ist ein altes Wort für Prostituierte, -gumo (kumo) bedeutet Spinne. Man braucht nicht viel Phantasie, um sich den Hersprung des Namens zu denken. Laut japanischer Quelle haben diese Spinnen zwar ein Gift, welches die Motorik lähmt, aber das ist wohl so gering, dass es bei Menschen “selten wirkt”. Wetten können noch abgeschlossen werden. Diese Spinnen kommen jedenfalls in ganz Südostasien vor – bis nach Japan (auser Hokkaido, da ist es zu kalt). Wer im Herbst in Japan weilt, halte mal Ausschau – es gibt sie wirklich überall.
So, und als nächstes finde ich heraus, wie die possierlichen kleinen, schwarzen Spinnen mit dem kleinen weissen Streifen (kein Kreuz!) heissen, die da gelegentlich in unserer Wohnung herumhüpfen. Ja, hüpfen! Ich habe noch nie ein Netz entdeckt, aber gelegentlich die Tiere selbst. Und sie springen, aber nicht weit.
Ich lese momentan ein Buch namens “How to Japan?A Tokyo Correspondent’s Take”, geschrieben von einem gewissen Colin Joyce, Engländer, welcher jahrzehntelang als Reporter in Tokyo lebte und irgendwann auf die Idee kam, ein Buch über Japan auf Japanisch zu schreiben (「ニッポン社会」入門?英国人記者の抱腹レポート). Das verkaufte sich nicht allzu schlecht, aber es gab lange Zeit keine englische Version (was recht erstaunlich ist). Nun ist er weg aus Japan, und hat scheinbar die Zeit gefunden, das eigene Werk in die eigene Muttersprache zu übersetzen.
Das japanische Original kannte ich jedenfalls nicht, als letzte Woche bei uns zwecks Rezension das englische Buch auf meinem Schreibtisch landete (das passiert oft – wenn ich viel Zeit habe, schreibe ich sogar etwas :-) Nun, für Ausländer, die in Japan leben, steht nicht viel bis gar nichts Neues drin, aber das ist ja auch nicht die Zielgruppe. Andererseits macht es schon Spass, das Buch zu lesen, da man sich darin garantiert wiederfindet. In der Bahn stiess ich beim Lesen auf seine Aussage, dass er sich sicher sei, nicht der einzige Ausländer zu sein, der es nicht über’s Herzen bringen kann, so zu baden, wie es in seinem Land üblich ist – nämlich im “Seifenschleim” zu sitzen (“…unable to go back to the way we used to bathe, sitting there in the soap slime”.) Kurz in mich hineingefragt – könnte ich das? Nein. Beim Gedanken hat es mich kurz geschüttelt.
Leichte Panik erfasste mich daraufhin: Bin ich tatamisiert? Bin ich etwa schon halb Japaner? Klare Antwort: Jain. Man gewöhnt sich hier in der Tat Sachen an, die man sich nicht mehr abgewöhnen kann oder möchte. Dazu gehört die Tatsache, dass man, so man badet, frisch geduscht oder sonstwie gesäubert im klaren Wasser sitzt. Dass man im Restaurant oder in Kneipen platziert wird. Dass man beim Trinken immer auch etwas zu Essen vor sich hat – und ich meine keine Kartoffelchips. Dass man sich immer und überall respektvoll verbeugt (meistens nur angedeutet, versteht sich). Dass man seine Stimme nicht erhebt. Dass man Entschuldigungen etwas blumiger ausdrückt – nach dem Motto “es tut mir wirklich leid, aber”. Dass man das gleiche von allen anderen erwartet – und baff ist, wenn man nur ein “Ham’wer nich” um die Ohren gehauen bekommt.
Dass man manchmal nach dem entsprechenden Wort in der eigenen Sprache sucht, es nicht findet, und dann eben auf Japanisch vor sich hinmurmelt oder es zumindest denkt (zum Beispiel das “itterasshai” wenn jemand irgendwohin geht). Dass man beim Anblick von Fischen und Tieren ganz spontan an Essen denkt. Dass man garantiert die Schuhe auszieht, wenn man seine Wohnung betritt.
Usw. usf. Die Liste würde endlos sein – und da gibt es ja auch noch hunderte “Du weisst, Du bist zu lange in Japan, wenn…”-Witze (Beispiel: …Du auf dem Bahnsteig mit Deinem Regenschirm den Abschlag beim Golf übst).
Das Buch kann ich jedenfalls nur empfehlen – es ist ziemlich amüsant. Vor allem die Passagen über “wie man Besucher aus dem eigenen Land in Japan verwirren kann (Beispiel: Sag ihm, dass “Hashi” sowohl Brücke als auch Stäbchen bedeuten kann – abhängig von der Intonation. Sage dann zwei Mal “Hashi” genau auf die gleiche Art und Weise und schärfe ihm ein, ja den Unterschied zu lernen).
Das Wort des Tages: 畳 – tatami. Die japanischen Reisstrohmatten. Hier und da liest man das Wort “tatamisiert” (weiss nicht, wer es erfunden hat) als Begriff für Ausländer, die lange in Japan leben und sich vieles hier angewöhnt haben.
Dank einer praktischen japanischen Regel, die besagt, dass (Luft holen) der Tag zwischen zwei Feiertagen – so jene auf einen Wochentag fallen – automatisch ebenfalls zu einem Feiertag wird, beschert uns dieses Jahr in Japan mal etwas ganz Besonderes: Nach der obligatorischen Goldenen Woche Ende April/Anfang Mai gibt es nächste Woche die mittlerweilen sogenannte Silberne Woche. Wie immer, weiss natürlich niemand, um was für Feiertage es sich da eigentlich handelt, aber das ist ja Nebensache. Ein Blick in den Kalendar verrät uns, dass es sich am 21. Sep (Montag) um den 敬老の日 – keirō no hi – Tag des Respekts vor den Älteren, immer am dritten Montag im September, sowie am 23. Sep (Mittwoch) um den 秋分の日 (Shūbun no hi) – Herbst-Tagundnachtgleiche handelt. Beide Feiertage gibt es schon seit langem, doch diese günstige Konstellation ist ein Novum.
Das soll mir recht sein. Zwei Tage des kostbaren, aber angesammelten Urlaubs reichen, um den Genuss von 9 freien Tagen zu kommen. Zeit für eine kleine Spritztour in die Berge Nordjapans. Natürlich verreisen viele Japaner auch dieses Mal, und so man den Aussagen der Tourismusindustrie glauben schenken darf, wird wohl wesentlich fleissiger gebucht als bisher in diesem Jahr – ein Hauch Optimismus macht sich breit, dass es mit der Wirtschaft vielleicht doch mal allmählich besser wird.
Das Wort des Tages: 国民の休日 – Kokumin no kyūjitsu – der Volksfeiertag. So werden diese Brückentage genannt.
Die Polizei fand laut Mainichi Shimbun vom 5. Sep 2009 durch Zufall heraus, dass man scheinbar mittlerweilen eine Prüfung ablegen muss, um Yakuza zu werden: Bei einer Durchsuchung fand man einen Prüfungsbogen mit 12 Fragen und Musterantworten – gefragt wird unter anderem, welche Aktivitäten illegal sind (z.B. illegales Entsorgen von Industriemüll, illegaler Verkauf von Diesel usw.), was man immer und auf jeden Fall tun soll (stets dem “Vorgesetzten” berichten) usw. Den Bogen fand man bei einer Gruppe, die zur 山口組 (Yamaguchi-gumi) gehört – der mächtigste Yakuza-Clan in Japan mit Hauptsitz in 神戸市灘区 (Kobe, Stadtteil Nada-ku).
Man vermutet, dass der Prüfungsbogen an alle Neulinge im ganzen Land verteilt wurde. Hintergrund ist das im August 2008 in Kraft getretene 改正暴力団対策法 (Kaisei Bōryokudan Taisaku-hō) – das Überarbeitete Gesetz zur Bekämpfung von Banden. Das Wort Bande (wortwörtlich: Gewalt-Gruppe) ist in Japan Neusprech für Yakuza. Dabei sind die Yakuza mittlerweilen eher wie gewaltige, milliardenschwere Firmen mit Aktienhandel und allem.
Zurück zum Gesetz: Jenes besagt, dass die Bosse von Mitgliedern, die wegen einer Straftat erwischt und verknackt wurden, ebenfalls belangt werden können. Yakuza-Bosse haften also für ihre Untertanen. Der Test ist damit schlichtweg ein Versuch der Bosse, Neulinge auf die “richtige Bahn” zu bringen. Natürlich wird die Yakuza dadurch nicht ihre “traditionellen Einkommensquellen” vergessen.
Diese Geschichte fiel mir heute wieder ein, als ich in einem 銭湯 “sentō” in Tokyo war. Sento ist ein öffentliches Badehaus und stammt aus der Zeit, in der nicht alle heisses Wasser hatten. Heute gibt es auch noch etliche, aber die meisten Besucher sind eher älteren Semesters. Das Sento, in dem ich heute war, glich bereits eher einem Onsen (heisse Quelle), mit dem für Tokyo typischem, schwarzen Wasser (das muss so sein! – liegt am Untergrund). Neben mir: Ein Yakuza mit dem typischen, handgeschnitzten und farbigem Tattoo. Man kann sagen, was man will: Das sind schon Meisterwerke.
Der eine oder andere mag jetzt denken: Ich denke, Tattoos sind verboten in japanischen Bädern? Das stimmt in vielen Fällen. Es gibt jedoch sehr, sehr viele Ausnahmen – insbesondere bei Badehäusern, die fast nur von den dort Wohnenden benutzt werden.
Das Wort des Tages: シノギ. Slang (besonders bei der Yakuza) für “Geschäft” (in deren Sinne, also von Schutzgeld über Drogenverkauf bis zur Prostitution usw). Das Wort tauchte mehrfach in dem Test auf. Mehr dazu im Japanischen Slang-Wörterbuch.
Seit gestern steht sie also nun, die neue Regierungskoalition. Die Verhandlungen dauerten länger als (von den Beteiligten) gedacht. Nach dem Erdutschsieg der Demokraten am 30. Aug. 2009 haben letztere zwar die absolute Mehrheit (64%) im Unterhaus und die einfache Mehrheit im Oberhaus (45%), doch das reicht leider nicht aus: Für viele Gesetzesvorhaben braucht man im Unterhaus eine 2/3 Mehrheit. Im Notfall geht es zwar auch ohne Mehrheit im Oberhaus, doch mit einer einfachen Mehrheit lässt sich alles schon merklich beschleunigen.
Mit wem gehen die Demokraten nun also ins Bett? Mangels Alternativen gleich mit zwei Parteien: Den Sozialdemokraten (社民党) sowie der Neuen Volkspartei (国民新党, People’s New Party, “PNP”). Und das ist ein explosives Gespann: Die Demokraten sind Mitte Links. Die Sozialdemokraten links. Die PNP ist Mitte Rechts. Die einen sind für Auslandseinsätze, die anderen dagegen. Die einen mögen die Amerikaner, die anderen weniger. Sowohl PNP als auch die Sozialdemokraten halten jeweils nur ein Prozent im Unterhaus und 2% im Oberhaus, doch da die Demokraten beide Parteien benötigen, um sowohl im Unterhaus als auch im Oberhaus ihre Vorhaben zu erreichen, wird es da noch genug Ärger geben.
Um die Situation zusammenzufassen: Vor der Wahl: Liberale drücken Gesetz im Unterhaus durch, das wird vom Oberhaus abgelehnt, geht zurück zum Unterhaus und wird dort durchgesetzt. Der Koalitionspartner Kōmeitō nickte meistens brav.
Nach der Wahl: Demokraten müssen kräftig nach links und nach rechts schielen, bevor sie etwas machen können. Na, ob das was wird… Ganz Japan wartet schon gespannt auf die Einlösung der ganzen schönen Wahlversprechen.
Das Wort des Tages: 連立政権 renritsu seiken – die Koaltionsregierung.
Die Grundlagen der Koalitionsvereinbarung findet man bei der Sankei Shinbun (japanisch).
Die Wirtschaftskrise hat ganz offensichtlich keinen Einfluss auf die Spielwut der Japaner: Seit dem 4. September wird die Playstation 3 verkauft, und das während der vergangenen 4 Tage mehr als 150’000 mal. Alle Achtung.
Die Playstation 3 wird ja seit dem 11. Nov 2006 in Japan verkauft – und das mittlerweilen über 3.4 Millionen mal. Anders gesagt, hat einer von 35 Japanern irgendwo eine Playstation 3 stehen. Die neue Playstation kostet mit 29’980 Yen (rund 220 Euro) 10’000 Yen weniger als das Vorgängermodell, ist dabei jedoch kleiner, leichter und leistungsfähiger. Ein guter Deal sozusagen. Ob ich mir irgendwann mal so etwas zulegen werde, steht in den Sternen… falls ich irgendwann aufhöre, zu bloggen, wird’s wohl daran gelegen haben.
Das Wort des Tages: ファミコン – famikon – zusammengesetzt aus “family” und “computer”, also Spielcomputer, Spielekonsolen usw.
Es gibt keinen japanischen Mann über 30, der ihn nicht kennt: Gundam, Held einer Anime-Serie, die erstmals 1979 von TV Nagoya ausgestrahlt wurde. Gundam ist ein Riesen-Kampfroboter, der in einem interstellaren Krieg der Gute ist – und von einem 14-jährigen gesteuert wird.
Wie auch immer – Sunrise, die Firma, die Gundam kreierte, sowie Bandai Namco, einer der grössten Spielzeughersteller Japans, welcher auch Gundam-Produkte vermarktet, hatten anlässlich des 30. Geburtstages von Gundam beschlossen, einen 18 Meter grossen Kampfroboter in Odaiba aufzustellen. Das ganze soll der “Green Tokyo Initiative” dienen. Und war ein Riesenpublikumsmagnet – Photos von Gundam tauchten dabei auch ganz rasch auf vielen Blogs aus Japan auf. Dem will ich nicht nachstehen – wer gerade in Japan weilt, sollte sich den Anblick nicht entgehen lassen: Gundam wird nach dem kommenden Wochenende “disassembled”.
Wie beliebt Gundam in Japan ist, erkennt man übrigens an der Tatsache, dass die Seite über Gundam in der japanischen Wikipedia länger ist als die über Deutschland. Erstere hat übrigens kein einziges Photo, letztere ist mit solchen gespickt. A propos Photos:
Die Veranstalter versteigerten übrigens die Chance, sich auf der Schulter des Kolosses fotographieren zu lassen. Der Gewinner zahlte 2.3 Millionen, also fast ein halbes durchschnittliches Jahresgehalt. Bald noch interessanter als Gundam selbst sind freilich die Besucher: Man sollte meinen, dass die Kinder ihre Eltern dorthin zerren, doch in Wirklichkeit ist es andersrum.
Das Wort des Tages: 戦士 – senshi – “Krieg” – “Herr”. Der Krieger. Gundams vollständiger Name lautet 機動戦士ガンダム (kidō senshi gandamu) – Roboterkrieger Gundam.