Filmkritik: Okuribito (Departures)

Juli 25th, 2009 | Tagged , , , | 6 Kommentare | 1216 mal gelesen

Immer, wenn ein japanischer Künstler oder Wissenschaftler im Ausland Erfolg hat – sei es mit einem Nobelpreis oder einem Oscar – gibt es ein Riesen-Trara in Japan, ganz nach dem Motto „Wussten wir es doch – wir sind die Besten!“. So geschehen auch letztes Jahr, als ein bis dato im eigenen Land reichlich unbekannter Film den Oscar für den besten fremdsprachigen Film einheimste.

Der Film heisst „おくりびと“ (gelesen: Okuribito). okuru bedeutet „jemanden verabschieden, geleiten“; -bito ist der Mensch, Person (wie auch in Tabibito). Das Wort als solches wird eigentlich nicht in Japan benutzt, aber man kann sich einen Reim über die Bedeutung machen, wenn man es hört.

In dem rund 130 Minuten langen Film von Regisseur 滝田 洋二郎 (Takita Yōjirō) geht es um den Hauptheld Daigo Kobayashi (gespielt von 本木 雅弘 Motoki Masahiro, der durch den Film „Shall we dance?“ einen gewissen internationalem Ruhm gelangte). Daigo verlor seine Mutter (verstorben) und seinen Vater (durchgebrannt) recht früh und zog vom Land nach Tokyo – um dort Cellist zu werden. Wird er auch, aber kaum dass er es ins Orchester geschafft hat, wird jenes auch schon aufgelöst. Frustriert verkauft er sein Cello und zieht nebst verständnisvoller Ehefrau Mika (広末涼子, Hirosue Ryōko – international bekannt geworden durch Luc Bessons Actionkomödie „Wasabi“) aufs Land in das verwaiste Haus seiner Eltern. Land bedeutet Yamagata-Präfektur (welche nicht am A**** der Welt liegt aber verdammt nah dran).

Da beide weder Geld noch Arbeit haben, bewirbt sich Daigo bei einer Firma, die damit wirbt, „Leuten bei der Reise zu helfen“. Beim Vorstellungsgespräch erfährt er zwei Dinge: 1. Es gibt viel Geld (interessante Vokabel hier: 最初は片手 – anfangs eine Hand. Das sind 500,000 Yen, also fast 4,000 Euro pro Monat) und 2.) geht es bei „Reise“ um die „letzte Reise“.

Zähneknirschend nimmt er des Geldes wegen an, traut sich aber nicht, seiner Frau Genaueres zu erzählen: Der Tod ist in Japan nachwievor ein Tabuthema, und gerade deshalb ist dieser Film auch bemerkenswert. Seine ersten beiden Arbeitstage kann man getrost als brutal bezeichnen: Erst muss er als Model für eine DVD für Leichenbestatter herhalten (währenddessen ihm auch sämtliche Körperöffnungen verschlossen werden). Am folgenden Tag wartet eine alte, verstorbene Frau auf ihn – allerdings wartet sie schon gute zwei Wochen.

Sein Mentor Sasaki Shōei (gespielt von 山崎 努 Yamazaki Tsutomu, der auch schon in Meisterwerken wie Kagemusha und Tampopo mitspielte) weist ihn mehr und mehr ins Geschäft ein, doch die neue Arbeit zeigt ihre Schattenseiten. Alte Freunde weisen Daigo wegen des Berufes ab. Seine Frau entdeckt die DVD und verlässt ihn, als er sich weigert, den Job aufzugeben.

Doch Daigo lernt auch die guten Seiten des Berufes kennen: Gerührte Angehörige und Anerkennung seitens der Trauergäste. Seine Frau findet schliesslich auch wieder zurück, doch Daigo wird bald mit seiner Vergangenheit konfrontiert – der Nachricht des Todes seines verhassten Vaters, der ihn ja schliesslich vor 30 Jahren verlassen hatte.

Was kann man aus diesem Film mitnehmen? Zum einen wäre da ein tiefer Einblick in den Yamagata-Dialekt (einem Süd-Tōhoku-Dialekt), der in etwa wie Sächsisch gekreuzt mit Japanisch klingt. Einen Einblick in japanische Bestattungsriten. Und einen, wenn auch kurzen, Einblick in den Umgang der japanischen Gesellschaft mit dem Tod.

In Japan liebt man grosses Gefühlskino. So wie Hollywood? Nein, oft noch schlimmer. Manchmal tut die Gefühlsduselei schon weh. Natürlich ist auch dieser Film Gefühlskino, aber das lässt sich bei diesem Thema nicht vermeiden. Motoki und Hirosue spielen ihre Rollen hervorragend, doch ist es Yamazaki, der diesen Film mit seinem trockenen, sarkastischem Humor richtig sehenswert macht. Erfrischend empfand ich auch, dass nicht alles, was man erwarten würde, gezeigt wird – man kann sich den Teil eben selber denken (Beispiel: Mika akzeptiert letztendlich die Arbeit ihres Mannes, aber das wird nicht extra mit grosser Versöhnungsszene ausgekostet, sondern wird aus einigen Szenen von ganz allein klar).

Wer nachdenkliche, etwas ungewöhnliche Filme mag, wird diesen Film mögen. Wer Japan mag, wird diesen Film mögen. Wer eine Prise Sarkasmus zu schätzen weiss, wird diesen Film mögen. Nun bleibt nur zu hoffen, dass die Synchronisatoren die Übersetzung nicht verhauen (würde mich mal interessieren, wie sie den Dialekt darstellen), ansonsten – Daumen hoch, der Film ist gut.

Das Wort des Tages: 汚らわしい (穢らわしい) – kegarawashii. Schmutzig, unrein. Das wirft Daigos Frau ihm an den Kopf, als sie von seiner Arbeit erfährt. Menschen, die diese Arbeit machen, wurden früher auch zur Kaste der 穢多 (Eta) gezählt – mehr dazu siehe hier.

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6 Responses to “Filmkritik: Okuribito (Departures)”

  • Heydal sagt:

    Sehr bezeichnend das der Film erst im Ausland Erfolg haben muss, damit er im Inland zur Kenntnis genommen wird. Aber das läuft ja bei uns nicht anders. Nur wenn andere was gut finden kann man sich sicher sein das es gut ist. Eigene Meinung ist da eher hinderlich…. hauptsache cool Mann.

  • Lori sagt:

    Ja, ich moechte nicht in der Haut der Synchronisatoren stecken. Ein deutscher Dialekt ist eben nicht ein japanischer Dialekt, aber wie soll man das „Laendliche“ anders darstellen, als dialektal? Ein Dilemma.

  • u.n sagt:

    Also ich habe schon vor ’ner Weile über diesen Film etwas gelesen. Wie kommt’s, daß Du jetzt darüber schreibst? Hast ihn gerade im Kino gesehen oder auf DVD?

    Ansonsten finde ich, daß sich das Thema und wie es aufgearbeitet zu sein scheint recht interessant anhört.

    Sollte ich ihn (den Film) finden, werde ich ihn mir auf jeden Fall auch ansehen.

  • Anonymous sagt:

    Ich hatte den Film im Maerz gesehen schon kurz nach dem Anlaufen im Kino. Hier http://blueschi73.blogspot.com/2009/03/okuribito.html hatte ich kurz etwas drueber geschrieben. Fuer mich ist dieser Film definitiv ein sehr gelungenes Stück vom Japanischen Top Kino! Ich habe selber schon einer Japanischen Trauer bei gewohnt und muss sagen das dieser Film mir den Beruf nun gezeigt hat zu vor hatte ich das etwas anders gesehen.

    Was fuer mich auch interessant ist, ist die Tatsache das dies extrem viel Japaner ähnlich sehen ja sogar der Beruf selber neue Nachfrage bekommen hat. Sicher nicht nur einfach Kino, oder ticken da die Japaner auch anders als anderer Menschen?

  • dfsjl sagt:

    ich war nicht wirklich überzeugt, daß Mika den Job ihres Manns akzeptiert.

    Sie kommt schließlich zurück, als sie schwanger ist.

    Und sie ist durch und durch Japanerin und verhält sich schon sehr ambivalent, als sie ins Inaka ziehen. (Juhu! Alles toll!)

  • Kiri sagt:

    Wahrlich ein interessanter Film und ein super Bericht von dir. Zu gern würd ich ihn mir mal ansehen… mal sehen ob ich ihn irgendwie auftreiben kann…