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Kakerlaken im Himmel

Mai 28th, 2009 | Tagged , | 9 Kommentare | 790 mal gelesen

Nein, ich verspüre keine rechte Lust, über Nordkorea zu schreiben. Eigentlich bin ich ein bisschen sauer auf Kim Jong Il, denn ich hatte vorsichtig begonnen zu planen, im September nach Nordkorea zu fliegen. Wenn die so weitermachen, wird das nichts.
Nein, da schreibe ich lieber über einen Werbespot, über den ich herzlich lachen musste:

Die Boyband heisst Butōkan CM – und sie besingen hier ein Produkt, das Kakerlaken tötet. Am Ende sagt der Sänger “Gokiburo to the Heaven” (gokiburi = Kakerlake). Genial. Wenn das so ist, möchte ich dann doch lieber in die Hölle… aber da komme ich als Ungläubiger ja sowieso schon hin.

Wer noch nicht in Japan war, kam sicherlich noch nicht in den Genuss, Bekanntschaft mit hiesigen Kakerlaken zu machen. Es gibt auch kleine Varianten, wie man sie relativ selten auch mal in Mitteleuropa sieht (zum Beispiel am Busbahnhof von Kragujevac/Serbien – solche Horden hatte ich meinen Lebtag noch nicht gesehen). Nicht selten sind Kakerlaken hierzulande aber schlichtweg riesig – daumengross und fett.
Als ich in Japan studierte, wohnte ich in einer kleinen 1-Zimmer-Wohnung in einem relativ alten, undichten Wohnhaus aus Holz und Pappe. Dort gab es auch gelegentlich Kakerlaken, und ich habe den Fehler gemacht, eines der Biester im Badezimmer zu erschlagen (Zeitung funktionierte nicht, erst ein dickes Magazin und viel Schwung half). Nie wieder. Ich habe keine Angst vor Insekten, habe auch schon Insekten gegessen, aber das (Geräusch+Anblick danach, ganz zu Schweigen vom Saubermachen) war schlichtweg eklig.

Irgendwann sah ich wieder eine Kakerlake in der gleichen Wohnung. Ich nannte sie Joe. Joe kam, und das ist keine Erfindung, jede Nacht um Punkt 2 hinterm Kühlschrank hervor, streckte seine Fühler aus, schaute mich mit grossen Augen an (kam mir jedenfalls so vor) und trollte sich nach ein paar Sekunden wieder. Ich versuchte ihn eins, zwei Mal zu fangen, aber das war aufgrund seiner Cleverness und Geschwindigkeit sowie der engen Küchenkonstruktion nahezu unmöglich – zumindest nicht ohne Gifteinsatz. Nach ein paar Wochen war er schliesslich von allein verschwunden.

So, genug von Kakerlaken. Jetzt haben wir es also amtlich: Sie kommen in den Himmel.

Das Wort des Tages: ゴキブリ. Die Schabe. Kakerlake ist eigentlich unkorrekt hier – der Begriff gilt wohl nur Gemeinen Küchenschaben.

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Schwerstarbeit

Mai 25th, 2009 | Tagged | 17 Kommentare | 564 mal gelesen

Da fällt mir ein, dass morgen Nachmittag eine ungemein schwere Aufgabe auf mich zukommt: Ich muss zur Pressevorschau von “Star Trek 11″ ins Kino. Alles im Rahmen meiner Arbeit natürlich. Recherche vor Ort, sozusagen. Der Film kommt übrigens am 29. Mai in die Kinos in Japan.
Leider ist Japan kein Trekkie-Land – die Serie ist kaum berühmt, die Filme sowieso nicht. Und der neue Film wird auch nur kräftig mit Werbung bedacht, weil der Regisseur “Lost” gedreht hat (oder war es ein Schauspieler?) und jene Serie in Japan ein Riesenerfolg war. Auf die Frage in unserer Redaktion, ob man denn etwas mit dem Begriff “beamen” anfangen könnte oder “klingonisch”, erntete ich jedenfalls nur Schulterzucken.

Das Wort des Tages: 試写会 – shishakai. “Versuchen – Bilder (eigentlich: Kopieren) – Treffen”. Die (Film)vorschau.

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Darüber lachen Japaner – 2009

Mai 23rd, 2009 | Tagged , | 4 Kommentare | 568 mal gelesen

Zum 22. Mal hat 第一生命 (Daiichi Seimei, Englisch: Daiichi Life, eine grosse Versicherungsfirma, einen Senryū-Wettbewerb abgehalten. In dieser Woche wurden die Gewinner vorgestellt. Bereits im letzten Jahr hatte ich an dieser Stelle die Gewinner 2008 vorgestellt. Noch mal als Kurzfassung – 川柳 (Senryūu) sind Haikus, also Kurzgedichte im 5-7-5 Format, allerdings mit lustigen Themen. Der Wettbewerb von Daiichi Life gilt generell den “Sarariiman”, also den Schlipsträgern unter den japanischen Arbeitern. Hier ein paar der Gewinner, ein Versuch einer Übersetzung und Anmerkungen meinerseits.

1. Platz
しゅうち心 なくした妻は ポーニョポニョ
shūchishin nakushita tsuma wa pōnyoponyo
“Jegliches Schamgefühl verloren – geht meine Frau auf wie ein Hefekuchen”
Anm.: Diese Beschwerde hört man (wohlgemerkt nicht nur von Männern) wohl auf der ganzen Welt: Bis zur Hochzeit Mass halten und alles für den eigenen Körper tun, doch Jahre nach der Hochzeit ist das alles verschwunden.
“Ponyoponyo” sollte eher “funyafunya” heissen (etwa: weich, schwabblig). “Ponyo” war jedoch der letzte Riesenhit von Anime-Produzent Miyazaki und das Titellied “Ponyoponyo…” war ein Riesenhit.

2. Platz
久しぶり ハローワークで 同窓会
hisashiburi “Hello Work” de dōsōkai
“Seit langem mal wieder ein Klassentreffen – auf dem Arbeitsamt”
Autsch. Das Arbeitsamt in Japan heisst “Hello Work” – dieser Platz war aber für durchschnittliche, arbeitende Männer in Anzügen gedanklich genauso weit entfernt wie der Mond. Das hat sich nun aufgrund der Krise jedoch geändert.

3. Platz
ぼくの嫁 国産なのに毒がある
boku no yome kokusan nanoni doku ga aru
“Obwohl aus heimischer Produktion, ist meine Frau giftig”
Bezieht sich auf die Lebensmittelskandale letzten Jahres, bei denen gerade aus China vergiftete Lebensmittel auftauchten. “Kokusan” (im (eigenen) Land hergestellt) gilt daher, schon seit langem, als Gütesiegel – unter der irrigen Annahme, dass es in Japan keine schwarzen Schafe gibt.

Den Rest der Top 10 gibt es hier zu lesen.

Das Wort des Tages: 毒舌 – dokuzetsu. “Giftige Zunge”. Zu Deutsch Sarkasmus. Findet man nicht allzu oft in Japan, aber es gibt ihn durchaus.

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Abschied von der Alien Registration Card? Gläserner Ausländer

Mai 21st, 2009 | Tagged | 19 Kommentare | 1359 mal gelesen

Jeder, der länger als 3 Monate am Stück in Japan weilte, kennt sie: Die 外国人登録証明書 (gaikokujin tōroku shōmeisho), auf Englisch liebevoll “Alien Registration Card” (Ausländerregistrierungsnachweis) genannt, hier ein Photo selbiger in meinem allerersten Blogeintrag. Geht es nach dem Willen der Politik, soll diese im Rahmen eines neuen Gesetzes bald verschwinden. Beziehungsweise ersetzt werden. Das neue Gesetz, so es die beiden Kammern des Parlamentes passieren wird, hält einige wichtige Neuerungen parat:

1) Die Visafrist für Ausländer, die mit Japanern verheiratet sind oder mindestens ein japanisches Elternteil haben oder auf Dauer in Japan arbeiten, wird von 3 auf 5 Jahre erhöht.

2) Wiedereinreisegenehmigungen sind nicht mehr erforderlich, wenn man für einen Zeitraum kürzer als 1 Jahr ins Ausland verreist (bisher mussten diese Genehmigungen gesondert eingeholt werden)

3) Alles wird von der Ausländerbehörde geregelt: Vieles konnte man bisher im eigenen Wohnort erledigen (Statusänderungen und dergleichen). Das ist logischerweise umständlich für die Bürokratie. Aber nun wird es umständlich für alle Ausländer, denn die Ausländerbehörden sind sehr dünn gesät unnd ohnehin schon chronisch überlaufen. Angeblich sollen Statusmeldungen zukünftig aber wohl auch per Telefon und Internet machbar sein.

4) Ausländer werden ins Einwohnermelderegister aufgenommen – das war bisher nicht möglich. Mit dieser Massnahme sollte es, zumindest theoretisch, möglich sein, sich besser in seinem Wohnort zu integrieren. Ausländer werden somit z.B. auch in die Juki-Datenbank aufgenommen.

5) Die oben genannte Karte soll durch die 在留カード (zairyū kaado (etwa: Aufenthaltskarte) abgelöst werden. Pikantes Detail: Die Karte soll einen RFID-Chip enthalten, bestückt mit den persönlichen Daten des Trägers.

Gerade dieser Punkt hat es in sich: RFID’s enthalten einen Transponder, will heissen, sie können berührungsfrei und mit einem geeigneten Scanner auch aus ein paar Metern Entfernung ausgelesen werden.

Japaner müssen nachwievor keine ID mit sich herumtragen, Ausländer müssen. Immer und überall. Das soll auch bei den neuen Karten der Fall sein. Wer ohne erwischt wird, zahlt bis zu 200,000 Yen (1,700 Euro) Strafe.

Gerade diese Chipkarte macht mir doch allerhand Sorgen: Man braucht nicht viel Phantasie, um zu sehen, was gemacht werden kann: Unauffällige Scanner, die an den grossen Bahnhöfen aufzeichnen, welche Ausländer (und nur die) wohin gehen und woher kommen. Polizisten, die mit einem kleinen Handlesegerät sich gerne (offensichtlichen) Ausländern nähern. Ganz zu schweigen vom potentiellen Missbrauch – RFID-Scanner gibt es überall zu kaufen, und bis der erste den Code knackt, wird es nicht allzu lange dauern.

Viel wird man dagegen nicht machen können. Maximal eine Kartenhülle kaufen, die die Karte vor Lesegeräten unsichtbar macht (gibt es, und ich werde einer der Ersten sein, der das macht). Aber wie immer steht ja das lustige Argument im Raum “Wer nichts zu befürchten hat, braucht nichts zu verstecken”.
Orwell, 1984. Japan, 2009. Bald in diesem Theater.

Zum Weiterlesen:

Feuilleton in der Japan Times zum Thema, vom 16. Mai

Wörter des Tages: Siehe oben.

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Männer auf die Weide!

Mai 18th, 2009 | Tagged | 20 Kommentare | 641 mal gelesen

Wo ich doch neulich erst beim Thema Bräutigamschau war – die japanische Firma Cyber Agent hatte vor einiger Zeit ein Mini-SNS entwickelt, bei dem Frauen Männer aus ihrem Bekanntenkreis anderen Frauen vorstellen konnten. Als Hintergrund wurde eine eingezäunte Weide gezeigt, welche in Quadranten unterteilt war: Die Y-Achse reichte von 草食 (sōshoku – wörtlich “Grasfresser” – gemeint sind eher begnügsame Menschen) bis 肉食 (nikushoku – “Fleischfresser”, Hedonisten). Die X-Achse reichte von 硬派 (kōha – Hart) bis 軟派 (nanpa – weich). Entsprechend waren die Männer dort dargestellt worden – als Schaf oder Hund oder Hengst usw.

Es gab jedoch auch andere Unterteilungen – z.B. von イケメン (Ikemen – Männer, die es bringen und schön aussehen, bis ブサメン (busamen – hässlicher Mann) sowie von ボンボン (bonbon – stinkreich bis 貧乏 binbō – arm). Erstere Einteilung finde ich ja auch noch recht witzig, aber letztere Einteilung hat schon etwas Menschenverachtendes. Deshalb gab es auch über 100 Beschwerden (das ist ja wie Viehhaltung) – und die Firma nahm das Spiel bzw. SNS heute vom Netz. Die Profile der Männer nebst Photos wurden übrigens ohne das Wissen der Betroffenen ins Netz gestellt.

Was lehrt uns das? Japanische Frauen lieber nicht unterschätzen! Die wissen nämlich oftmals sehr genau, wie und wonach sie suchen.

Hier noch ein Link zum Artikel dazu auf der Sankei-Shinbun-Webseite nebst Screenshot.

Das Wort des Tages: 草食男子 – sōshoku danshi – Grasfresser-Mann. Hört man in letzter Zeit häufiger. Ein Typus Mann, der sehr genügsam lebt – kein Alkohol, kein Sex, nur Arbeit… eine Art selbsternanntes Zölibat (ohne religiöse oder gesundheitliche Gründe, wohlgemerkt). Hmm. Kann mir nicht passieren….

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Schon immer geahnt: Die Gene sind schuld

Mai 14th, 2009 | Tagged , | 6 Kommentare | 452 mal gelesen

Ministerpräsident Aso, nicht sehr wohl gelitten, aber dank der noch schlechteren Opposition im Aufwind, hat heuer mal wieder einen Rückschlag hinnehmen müssen: Sein stellvertretender Chefkabinettssekretär und enger Vertrauter 鴻池 祥肇 Kōnoike Yoshitada stolperte über eine klitzekleine Affäre: Während der Goldenen Woche Ende April fuhr er dorthin, wo ich ebenfalls hinfuhr: Nach Atami. Mit seiner Geliebten. Und dem Dienstfahrschein für den Shinkansen, der nur zu beruflichen Zwecken benutzt werden darf.

Dies wurde von 週刊新潮 (Shūkan Shinchō), einem weiteren, recht seriösem Wochenblatt, gestern enthüllt. Kōnoike ist natürlich verheiratet. Und immerhin 68 Jahre alt. Nicht schlecht. Als Reaktion auf den Artikel reichte er seine Kündigung ein und liess sich ins Krankenhaus bringen, da es ihm wohl nicht so gut ginge. Hoffentlich hatte er sich in Atami nicht übernommen…

Vom Magazin wird er, sinngemäss übersetzt, so zitiert: “Das mit dem Frauen hinterherjagen und viel Alkohol trinken liegt in meiner DNA. Mein Vater war genauso.” Zudem rühmte er sich auch einst, gleichzeitig mit 10 verschiedenen Frauen liiert gewesen zu sein.
Das ist doch mal ein Vorbild für die Wähler! Saufen, fremdgehen bis der Arzt kommt und das ganze schlicht und einfach mit der Erblehre erklären.

Das Wort des Tages: 遺伝子 idenshi – “Hinterlassen-übermitteln-Teilchen (auch: Kind). Zu deutsch “Gene”.

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Pleitewelle

Mai 12th, 2009 | Tagged | 4 Kommentare | 468 mal gelesen

War heute abend auf dem Gründungstreffen einer Gruppe von Leuten, die zwei Sachen miteinander gemeinsam haben: IT und Unternehmertun. Es sind einige sehr interessante Leute in Sachen Web 2.0, IT-Firmen, Programmierung usw. dabeigewesen. Die Gruppe wurde von jemanden gegründet, der jahrelang bei einer weltweit operierenden Recruiting/Headhunting-Firma arbeitete (die haben allerdings keine Niederlassung in Deutschland, soweit ich weiss).

Die Versammlung (ca. 15 Leute) begann auch gleich mit einer netten Rede des Organisators: “Ich bin übrigens seit ca. anderthalb Stunden arbeitslos”. Aha. Es waren etliche Leute mehr dabei, die vor relativ kurzer Zeit ihren Job verloren (z.B. bei Investmentbanken). Genaue, objektive Daten kann ich noch nicht vorlegen, aber subjektiv betrachtet ist es enorm, was hier momentan alles den Bach heruntergeht. Auch mehr als auffällig sind die zahlreichen “テナント募集中” (Mieter gesucht)-Schilder in leeren Bürofenstern.

Wenigstens hat der Nikkei-Index sich seit einigen Tagen ziemlich erholt, aber nach Licht am Ende des Tunnels sieht es momentan noch nicht aus. Dass die Recruiting-Firmen am meisten leiden, ist freilich klar: Vorher gab es viele Jobs und wenige qualifizierte Bewerber – jetzt ist es genau andersrum. Nun ja, das soll unser gesundes Selbstvertrauen jetzt nicht weiter belasten…

Das Wort des Tages: 破綻 hatan. Bankrott. Zusammenfall. Noch rechnet man mit einem negativen Wachstum von 3 bis 4 Prozent für 2009 (in Deutschland wohl 6 Prozent). Ob diese Prognose stimmt, werden wir bald sehen.

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Schweinegrippe erreicht Japan

Mai 10th, 2009 | Tagged , , | 17 Kommentare | 1805 mal gelesen

Man hat sich Mühe gegeben in Japan, das muss man schon sagen – mit zahlreichen Massnahmen hat man dafür gesorgt, das die Schweinegrippe nicht nach Japan kommt. Alle Beteiligten haben dabei jedoch aus gutem Grund betont, dass die Frage nicht lautet, ob die Schweinegrippe Japan erreicht, sondern wann. Seit heute wissen wir die Antwort: Am 9. Mai. Drei Passagiere, aus Kanada kommend, wurden positiv getestet. Zwei Oberstufenschüler und einer der Lehrer.

Nun, mal sehen, was man sich hier alles einfallen lässt. Heute zog sich in den Hauptnachrichten (19 Uhr, NHK) der Nachrichtensprecher eine Maske über den Nüschel und erklärte, wie man die Masken aufsetzt und entsorgt (während Wissenschaftler in Grossbritannien und anderswo bereits relativ gut nachgewiesen haben, dass die Masken kaum schützen). Ich habe weniger Sorge vor der Schweinegrippe, sondern eher vor dem jetzt folgenden, damit verbundenen Aktionismus in Japan.

Der äusserte sich zum Beispiel schon darin, dass Krankenhäuser bereits häufig Patienten mit Fieber abgewiesen haben – aus Angst vor der Grippe wurde den Patienten schlichtweg der Zutritt verwehrt. Das klingt ja schon mal vielverspechend furchterregend…

Das Wort des Tages: 水際対策 Mizugiwa Taisaku (Wasserrand – Massnahme). Das Schlagwort machte seit Beginn der Schweinegruppe die Runde in den Nachrichten. “Wasserrand” ist hier sinnbildlich für Landesgrenze (ist ja in Japan das Gleiche…), also der Ansatz, die Epidemie an der Landesgrenze zu stoppen.

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Emanzipation? Nein danke!

Mai 7th, 2009 | Tagged | 15 Kommentare | 1270 mal gelesen

Nein, nein – dies ist kein Aufruf zum zügellosen Chauvinismus, sondern die Zusammenfassung eines interessanten Artikels in der letzten Ausgabe von AERA (vom 4. Mai 2009). Aera ist ein sehr beliebtes und halbwegs seriöses Wochenmagazin. Der Artikel trug den Titel “40代vs.20代の婚活闘争” (yonjūdai baasasu nijūdai no konkatsu tōsō Der Kampf am Hochzeitsmarkt bei Frauen in den 20ern und 40ern). Das Wort “婚活” (konkatsu) ist die Kurzfassung von “結婚活動” (kekkon katsudō) und ist relativ neu – es rührt vom lange gebräuchlichen Wort 就職活動 (shūshoku katsudō) her. katsudō bedeutet “Aktivität”, shūshoku ist die “Stellensuche” und “Kekkon” die “Hochzeit”. Ich hoffe, der Diskurs in die japanische Sprache wird mir an dieser Stelle verziehen.

Nun möchte ich nicht den ganzen Artikel hier übersetzen, obwohl er es wert wäre. Aber eine kleine Zusammenfassung kann es schon sein. In Japan ist es etwas schwieriger, einen Partner für’s Leben zu finden, denn fängt man erstmal an zu arbeiten, hat man keine Zeit mehr für so etwas. Deshalb organisierten grosse Firmen zum Beispiel schon seit langem “お見合い” (omiai)-Partys, bei denen sich Heiratswillige trafen, sich vorstellten und mit etwas Glück zu mehr verabredeten. Auch Eltern organisierten und organisieren oft solche Treffen mit Unbekannten, um ihre Sprösslinge vom Markt zu bekommen.

Dabei sind vor allem japanische Frauen sehr berechnend (obwohl gewisse Grundregeln überall gelten). Gesucht wird die eierlegende Wollmilchsau, bildlich gesprochen – nämlich die “3高” (sankō – Drei “Hochs”) –

高学歴 (kōgakureki) – Hohe Bildung (nicht nur Uni, sondern gute Uni)
高収入 (kōshūnyū) – Hohes Einkommen
高身長 (kōshinchō) – Hohe Körpergrösse

Zur Zeit gibt es allerdings einen Trend Richtung Sicherheit vs. Status – aufgrund der momentanen Wirtschaftslage sind 公務員 (kōmuin), also öffentliche Angestellte (bzw. Verbeamtete) wie Rettungskräfte, Polizei usw. am gefragtesten. Die verdiene womöglich weniger als Manager, aber sie verdienen definitiv genug und die Arbeitsplätze sind vergleichsweise sicher.

Die Ziele in Sachen Hochzeit sind dabei für verschiedene Altersgruppen recht unterschiedlich. Die sogenannte アラフォー – Generation (arafō – Verballhornung des englischen Wortes “Around 40″, als Wort bekannt geworden durch eine Fernsehserie) sind andere als die der アラサー (arasaa – genau: About 30)- Generation. Während zum Beispiel Frauen in den 20ern häufiger versuchen, ihren Freund zu heiraten, während er noch an einer (natürlich hervorragenden) Uni studiert, da er ihnen sonst später weggeschnappt werden könnte, schauen sich 40+ – Jährige auch gern bei wesentlich älteren Männern um, die während der Zeit des hohen Wirtschaftswachstums in den 1980ern genug Geld gemacht hatten und einiges an Kapital und/oder Immobilien mitbringen.

Interessant waren die zitierten Ergebnisse einer Umfrage seitens des japanischen Kabinetts in der Bevölkerung zum Thema Gleichberechtigung: Im Jahre 2007 stimmten da gute 40% der japanischen 20-Jährigen dem Leitbild “夫は外で働き、妻は家庭を守る” (otto wa soto de hataraki, tsuma wa katei o mamoru – Die Frau hütet Haus und Hof, während der Mann arbeitet) zu. Zustimmen nicht im Sinne von “Ja, das ist so”, sondern im Sinne von “Ja, so soll es sein”, wohlgemerkt (siehe Graphik bzw. den ganzen Report).
Eine ähnlich hohe Zustimmungsrate gab es nur bei den 60-jährigen Frauen – die geringste Zustimmung fand dieser Ansatz bei den 40-Jährigen.

En wüster Abstrakt meinerseits, ich weiss, aber die beschriebenen Sachen spiegeln so ziemlich genau das wieder, was ich in Japan alltäglich lese und höre und sehe. Man ist weit, sehr weit von der Emanzipation entfernt. Das liegt an zum Teil wesentlich schlechteren Arbeitsbedingungen und Gehältern für Frauen, die sich dem zu entziehen versuchen, indem sie heiraten. Und es legt auch ein typisches Dilemma der unverheirateten Männer da: Jene sind für Frauen hierzulande oft am attraktivsten, wenn sie am beschäftigsten sind. Leider sind sie jedoch so beschäftigt, dass sie ihre karge Freizeit lieber mit essentiellen Dingen verbringen: Schlafen z.B. Oder Manga lesen, Pachinko spielen usw.

So viel steht jedenfalls fest: Singles haben es in Japan nicht leicht. Und wer aus reiner Liebe heiratet, hat schon recht grosses Glück. Das Schriftzeichen für Liebe (愛 ai) tauchte übrigens nicht im Artikel auf.

Hier gibt es eine Online-Zusammenfassung des Artikels (sehr kurz und natürlich nur auf Japanisch).

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Pazifistenhatz am Kaiserpalast / Goldene Woche

Mai 3rd, 2009 | Tagged , | 10 Kommentare | 531 mal gelesen

Pazifisten haben es in Japan nicht einfach. Das konnte ich heute erst wieder mit eigenen Augen (und Ohren) erleben. Wir liefen vom Norden her (Kanda/Jimbochō) gen Kaiserpalast. Vor dem Kaiserpalast warteten wir an einer Ampel. Plötzlich ging ein ohrenbetäubender Krach los. Quelle des Lärms: An der Ampel stand ein kleiner Bus der Linken – mit montierten Lautsprechern und mit einer Losung rund um den Bus geschrieben: Für Frieden und gegen die Änderung der Verfassung. Im Schlepptau: Mindestens sechs Busse der Ultranationalisten – natürlich auch schön mit Sprüchen und der japanischen Kriegsflagge versehen. Und – die Busse der Rechten sieht man meist nur in Schwarz – heute sah ich zum ersten Mal die weisse Version.
Die Rechten begannen nun noch direkt an der Ampel, den Pazifisten über Lautsprecher zu beschimpfen. Teilweise im schönsten Yakuza-Slang. Die Ampel sprang schliesslich auf Grün und der Pazifistenbus fuhr vor uns vorbei – in ihm: Nur ein einziger, kleiner Mann als Fahrer. Er kam mit Sicherheit gerade von der Arbeit und brachte nur den Bus zurück.
Die Rechten schrien über Lautsprecher “Wenn alle Pazifisten wären wie Du, wer würde uns dann beschützen?”. Ein anderer meinte hinterher:

俺みたいな馬鹿なお兄さんに説明してみろよ!

(Versuch das mal einem dummen Jungen wie mir zu erklären!)

Hmm, es geht nichts über gesunde Selbstkritik. Zu gern hätte ich die Aktion gefilmt – ich hatte meine Kamera dabei – aber das war mir dann doch ein kleines bischen zu heiss – schliesslich hatte ich auch noch meine kleine Tochter auf dem Arm. Die fragte ob des Spektakels nur “Papa, was ist das?” – “Idioten, mein Schatz, Idioten”…

Momentan ist in Japan übrigens wieder “Goldene Woche”. Der letzte Mittwoch war Feiertag, und der kommende Montag, Dienstag und Mittwoch sind auch Feiertage. Ganz Japan hat also Urlaub. Ich werde wieder das machen, was ich jedes Jahr mache: Mich drei Tage lang in heissen Quellen fläzen, gutes Essen geniessen, Tennis spielen usw. Mit Familie. Genauer gesagt mit vier Generationen – Tochter, Frau, Eltern und Grossmutter. Und Schwester.

Das Wort des Tages: 危険 kiken. Gefahr. Prinzipiell kann man Fotos usw. von den Rechten und ihren Bussen machen. Ein Video von der heutigen Aktion jedoch hätte man als Beweismaterial vor Gericht benutzen können, und das werden sie wohl nicht gerne sehen. Der Krach war übrigens so laut, dass ihn ganz sicher auch der Kaiser hören konnte, so er ausserhalb seiner Gemächer weilte.

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