You are currently browsing the archives for November, 2008

Bis da kein Gras mehr wächst

November 28th, 2008 | 11 Kommentare | 707 mal gelesen

Nun beginnen die Behörden in Japan, Druck zu machen: In jüngster Zeit mehrten sich Fälle von Drogenmissbrauch in Japan – so zum Beispiel im Falle der russischen Sumoringer vor ein paar Monaten. Etliche Studenten flogen deshalb auch schon von ihren Unis. Drogenmissbrauch in diesem Fall bedeutet Gras rauchen. Und Gras steht ja laut Gesetz in Japan und in den Köpfen der Menschen auf der gleichen Stufe mit Heroin, Kokain und was es sonst noch so gibt.
Wenn es da nicht eine Gesetzeslücke gäbe – der Verkauf von Hanfsamen ist nicht verboten. Es gibt sogar Gebrauchsanleitungen von den Händlern dazu, wie das Zeug am besten gedeiht. Das ist den Politikern nun ein Dorn im Auge – Regierungsbehörden rufen Internetprovider zur Selbskontrolle auf, damit solche Seiten aus dem Netz verschwinden. Ist natürlich potentiell sehr effektiv – der Gedanke, das in der Abkürzung WWW die zwei Wörter „World Wide“ stehen, scheint fremd zu sein. Nun ja. Irgendwas muss ja getan werden gegen die wuchernde Unsitte des Grasrauchens.

Ach ja, Komasaufen, bei dem alljährlich ein paar Studenten das nächste Semester nicht erleben, weil sie von ihren Kommilitonen zum Trinken unglaublicher Mengen genötigt werden, bleibt weiterhin legal.

Der das schreibt raucht übrigens kein Gras und liebt ein gutes Bier. Ist jedoch kein Grund, die Sache nicht auch nüchtern zu betrachten.

Das Wort des Tages: 大麻 – taima – „gross“ und „Hanf“. Die Hanzpflanze. Gleichzeitig der offizielle Begriff für Gras, Haschisch, Pott, Tüte… und was es sonst noch so für Begriffe dafür gibt.

Teilen:  

Soziopathenparadies Japan

November 26th, 2008 | 12 Kommentare | 679 mal gelesen

Jede Gesellschaft bringt ihre Soziopathen hervor – die eine mehr, die andere weniger. Heuer gab es wieder einen durchaus erwähnenswerten Fall, der die Presse seit einer Woche in Atem hält.

In der vergangenen Woche wurde ein älteres Ehepaar recht brutal mit einem Messer ermordet, kurz darauf eine ältere Frau mit einem Messer attackiert (sie überlebte). Die Tatorte lagen dicht beieinander. Der Täter überraschte die Opfer jeweils zu Hause – er war als Paketträger verkleidet. Flüchtete jedes Mal erstmal zu Fuss. Und: Der ermordete Mann sowie der Ehemann der angegriffenen Frau waren beide einstmals stellvertretende Minister im Gesundheits- und Arbeitsministerium. Eine merkwürdige Parallele.

Natürlich ahnte man, das der gleiche Täter dahintersteckt. Und der stellte sich schliesslich über das Wochenende – ein 46-jähriger, der wohl schon einigen Mitmenschen unangenehm aufgefallen war. Sein Motiv: Als Kind hatte er einmal einen Hund nach Hause gebracht, was seinem Vater nicht gefiel – der trug den Hund zu den Behörden, die ihn daraufhin einschläferten. Das war 1974. Und Koizumi suchte nun nach Leuten, an denen er sich rächen konnte.

Das makabre an der Geschichte ist allerdings, dass das Sozialministerium gar nichts damit zu tun hatte – es ist zwar das Gesundheitsamt, dass sich solcher Fälle annimmt, aber letztendlich kümmert sich das Umweltministerium darum. Aber woher sollte der Täter das wissen…

Die Japan Times (26. Nov 2008, S. 2) veröffentlichte in dem Zusammenhang ein paar Zahlen, an die man sonst kaum kommen würde. Und die Zahlen haben mich ob der Grössenordnung halbwegs geschockt: Laut Umweltministerum wurden allein 2006 ca, 420,000 Hunde und Katzen zum Gesundheitsamt gebracht. 95% der Tiere wurden eingeschläfert (wie auch immer man das in Japan macht) – meldete sich kein Besitzer, wurde kurzer Prozess gemacht. Bei Katzen sieht es ganz arg aus: Nur 1% überlebte den Gang zur Behörde.

Das zeugt mal wieder von Japans einfachem Verständnis von Tieren – die lässt prinzipiell nur zwei Strategien zu:

______________      ____     _______    _______
|Tier essbar?|------|ja|-----|jagen|----|essen|
|____________|  |   |__|     |_____|    |_____|
                |_________________________   _______
                    |nein|---|unbrauchbar|---|jagen|
                    |____|   |___________|   |_____|

Ganz einfach eigentlich. Übrigens – bringen Besitzer ihre Tiere zum Gesundheitsamt, weil sie sie nicht mehr halten können oder wollen, werden die Tiere in der Regel binnen eines Tages eingeschläfert.
Nun ja. Das Wort des Tages könnte Tierheim sein, aber leider gibt es dafür kein geläufiges Wort hier.

Das Wort des Tages: 殺処分 satsu shobun. Satsu bedeutet töten, shobun bedeutet „loswerden“ (aber auch „vollstrecken“). Auf Deutsch einschläfern, keulen.

Teilen:  

Nie wieder

November 24th, 2008 | 9 Kommentare | 594 mal gelesen

Dieses Wochenende war wieder ein langes Wochenende – davon strotzte es nur so in diesem Jahr – denn Montag war Feiertag. Was für ein Feiertag? „Tag des Dankes für Arbeit“. Hah. Und der Tag muss natürlich abgefeiert werden.

Also, langes Wochenende, schönes Herbstwetter – zumindest am Sonntag – und was macht man da am besten? Wegfahren. Nach Kamakura, der alten Hauptstadt, praktischerweise nur 1 h von Tokyo mit dem Zug entfernt. Ich war bestimmt schon 5 mal dort, aber nicht in den letzten 10 Jahren. Der Zug war recht voll, als wir in Tokyo zustiegen. „Die meisten fahren bestimmt nur bis Kawasaki oder Yokohama“, dachte ich. Danach „naja, oder bis Ofuna, wer weiss“. Nix. Die fuhren fast alle nach Kamakura. Schon vor der Einfahrt in den Bahnhof wurde im Zug davor gewarnt, dass es im Bahnhof recht turbulent sei.

Daibutsu von Kamakura

Das war untertrieben. Es war ebenbürtig mit Shinjuku – dem Bahnhof in Tokyo, in dem alltäglich 4 Millionen Menschen umsteigen – zur Stosszeit. Eigentlich wollten wir in eine kleine Bahn umsteigen und weiterfahren, aber das war völlig ausgeschlossen – auf dem Bahnsteig stapelten sich die Menschen. Die Benutzung der Bahnhofstoiletten war mangels eines Schlafsackes auch aussichtslos.
Also laufen. Wie zehntausende andere auch. Auf die Karte brauchte man nicht schauen – wir folgten den Ameisen. Die Autos stauten sich in der ganzen Stadt.

An der Hauptattraktion, dem Daibutsu, bildeten sich endlos lange Schlangen von Menschen, die dem Buddha in den Hintern kriechen wollten (um aus dem Rücken herauszuschauen). Im Hase-Tempel ging es zu wie bei Don Quijote (japanische Woolworth-Variante) beim Räumungsverkauf. Wir kamen an einem Polizisten und einer alten Frau vorbei, die sich unterhielten. Die alte Frau klagte: „So schlimm war es schon lange nicht mehr. Man traut sich als Anwohner gar nicht auf die Strasse“.

Irgendwann liefen wir geschafft zum Bahnhof und wollten irgendwo verschnaufen – Kind hatte Hunger, Mama war fix und fertig und Papa lechzte nach Kaffee. Nach einer halben Stunde warten hatten wir einen Platz. „Warum sind die Angestellten trotz des Hochbetriebes so extrem freundlich?“ fragte ich mich noch so, bis ich die Rechnung sah: Würde ich für zwei Stück Kuchen, zwei Kaffee und ein Glas Milch 3,600 Yen (30 Euro) verlangen, wäre ich auch sehr, sehr freundlich. Ich würde vielleicht sogar lächeln.
Gottseidank mussten wir nicht zurück, sondern fuhren in die andere Richtung zum Übernachten – nach Yokosuka. Gottseidank. Nie wieder Kamakura an einem milden Herbstsonntag!

Das Wort des Tages: 三連休 sanrenkyū – drei-folgende-Urlaub. Langes Wochenende. Bei vielen Feiertagen in Japan gilt: Fallen sie auf ein Wochenende, ist der folgende Montag frei. Im September gab es das zwei Mal, im Oktober ein Mal und im November wieder zwei Mal. Recht praktisch. Eigentlich.

Teilen:  

Leuchtende Vorbilder

November 20th, 2008 | 1 Kommentar | 503 mal gelesen

Am Montag dieser Woche gab es einen kleinen Auffahrunfall in Ibaraki, bei dem der Unfallverursacher ganz offensichtlich ziemlich angetrunken war (und versuchte, zu fliehen). Schönes Detail: Die Polizisten, die den Unfall aufnahmen, hatten es mit einem Kollegen zu tun. Einem 53-jährigen Vorgesetzten ziemlich weit oben in der Hierarchie. Der damit beauftragt war, eine Kampagne gegen das Fahren unter Alkohol in der Hauptstadt zu leiten. Da hat man aber wirklich den Bock zum Gärtner gemacht – ich frage mich, was in dem Mann vorging, als er mit der Kampagne beauftragt wurde. Übrigens kann er sich nicht einmal an den Unfallhergang erinnern.
Seit einem folgenschweren Unfall im vergangenen Jahr bei Fukuoka ist die Bevölkerung ziemlich sensibilisiert in Sachen Alkohol am Steuer: Bei dem Unfall hatte ein betrunkener LKW-Fahrer ein Auto von der Brücke gestossen – das Ehepaar im Auto überlebte zwar, nicht aber die drei noch sehr kleinen Kinder im Wagen.

Das Wort des Tages: 酒酔い運転 – sakeyoi unten – „Alkohol-betrunken-fahren“. Gelegentlich sieht man auch die amerikanische Abkürzung DUI (Driving Under the Influence of alcohol) in hiesigen Nachrichten.

Teilen:  

Wirtschaft und Wein

November 18th, 2008 | 2 Kommentare | 546 mal gelesen

So, nun ist es auch hier amtlich: Japan steckt in der Rezession – um das behaupten zu können, muss das Wirtschaftswachstum ja in zwei aufeinanderfolgenden Quartalen im Minus sein. Und genau das ist nun sicher. Aber da sieht es ja in Europa nicht anders aus.
Was hat das nun mit Wein zu tun. Nun, auch in Japan warten alljährlich Millionen und aber Millionen auf den Erstverkauf des „Beaujolais nouveau“ aka „Beaujolais primeur“ – einer der wenigen Weine, der schon im Jahr seiner Herstellung getrunken werden – wie das Kind auf den Weihnachtsmann. Der Verkauf startet traditionell in der dritten Novemberwoche – morgen ist es wieder so weit, und wie jedes Jahr veranstalten die Marketingfuzzis ein grosses Getöse. Doch ach, dieses Jahr gingen von den Grosshändlern nur Bestellungen für 6,48 Millionen Flaschen (à 750 ml) ein. Ein Rückgang von 20% verglichen zum Vorjahr.
Jedoch ist auch das noch eine betrachtliche Menge – das bedeutet immerhin, dass jeder 20. Japaner eine Flasche kauft. Statistisch gesehen zumindest. Ich bin jedenfalls keiner der 6,48 Millionen – warum ich für einen meiner Meinung nach doch relativ geschmacksneutralen Rotwein 2 bis 3’000 Yen ausgeben soll leuchtet mir Weinbanausem nicht ein.

Das Wort des Tages: 解禁 kaikin – „aufheben, lösen – Verbot“. Eines der Lieblingswörter der Marketingstrategen in Japan – bezeichnet den Moment, in dem ein Produkt auf die Lämmer losgelassen wird. Mäh.

Teilen:  

Gekochte Makrelen, Glücksfall Erdbeben und Bares für Alle II

November 13th, 2008 | 8 Kommentare | 882 mal gelesen

Heute mal zwei Bonmot und ein Update:

Aso, der jetzige Ministerpräsident, entstammt einer alten Politikerdynastie und ist, salopp gesagt, stinkreich. Was ihm natürlich etliche Leute vorwerfen. Deshalb fällt er momentan durch krampfhafte Bürgernähe auf. So berichtete er jüngst von „Hokke no nitsuke“ im Parlament, die er in billigen Izakaya (trad. Kneipenrestaurants) in Tokyo gesehen haben will. „Hokke“ ist eine sehr billige Makrelenart (auf Deutsch „Atkamakrele“ – da gibt es aber noch nicht ein Mal einen Wikipedia-Artikel darüber), die in der einfachen japanischen Küche oft verwendet wird. „nitsuke“ bedeutet in Soyasauce gekocht. Kleines Problem: Hokke werden in Tokyo gegrillt, nicht gekocht. So ziemlich ausnahmslos. Dieser Aurutscher wurde sofort von Pro-(seltener) und Contra-(häufiger)Aso-Gruppen ausgiebigst auf 2channel, Japans grösstem BBS, diskutiert – siehe z.B. hier. Da sage noch einer, Japaner sind immer vielbschäftigt…

———–

Der oberste Regierende der Präfektur Hyōgo merkte diese Woche an, dass „ein schweres Erdbeben in der Kanto-Region“ (rund um Tokyo) eine echte „Chance“ für die Kansai-Region (rund um Osaka) sein würde – wirtschaftlich gesehen. Das letzte schwere Beben hatte 1923 ca. 140,000 Menschenleben gekostet.
Natürlich brach ein Sturm der Entrüstung los (den der gute Mann, Toshizo Ido, gar nicht verstehen konnte). Eigentlich sollte er es auch besser wissen: Kobe liegt in seinem Amtsbezirk und wurde 1995 schwer verwüstet – mit ca. 5,000 Toten.

———–

Ein Update zum vorangegangenen „Bares für alle“-Beitrag. Gestern hat die Regierungskoalition tatsächlich den Plan abgenickt, jedem Japaner Bares zu schenken. Aso wurde darauf auch von einem ausländischen Reporter befragt, ob das denn auch für in Japan arbeitende und lebende Ausländer gelten soll. Antwort schlagfertig „Oh, darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht“. Der Plan also: Erwachsene zwischen 18 und 65 Jahren sollen 12,000 JPY bekommen; alle Anderen 8,000. Die Opposition spricht von „amtlicher Korruption (des Wählervolks)“ und Wirtschaftswissenschaftler sagen voraus, dass die Wirkung gleich null sein wird: Ähnliches wurde 1999 gemacht und es geschah gar nichts.

Das Wort des Tages: 暇人 himajin – Freizeit (bzw. Langeweile) – Mensch. Leute, die zu viel Langeweile haben. Wie die tausenden von mehr oder weniger irren, die sich da auf 2 Channel beharken. Laut einer Untersuchung sind die meisten von denen weiblich (was man, wenn man die gebrauchten Kraftausdrücke liest, kaum glauben mag).

Teilen:  

Bares für Alle!

November 11th, 2008 | 11 Kommentare | 709 mal gelesen

Auch in Japan überlegt man im Angesicht der angelaufenen Rezession, wie man zum Beispiel die Binnennachfrage ankurbeln könnte. Eine Idee, die schon lange im Raum steht (und was, wenn ich mich recht erinnere, auch schon mal gemacht wurde) ist das Verschenken von Bargeld an alle. Ausnahmslos alle, denn würde man das nach Einkommen staffeln, müsste man erst wieder einen Zensus durchführen usw.

Nun wurden erste Zahlen bekannt: Geht es nach der jetzigen Regierung, würde eine vierköpfige Familie gegen Ende März vom Staat ca. 60,000 Yen erhalten. Das sind nach jetzigem Stand etwas unter 500 Euro. Da man wie bereits gesagt nicht nach Einkommen staffeln will, gab es daher schon einen ersten Aufruf von Politikern, einkommensstarke Familien sollten sich zurückhalten. Das ist ziemlich geschickt: Eine vor etlichen Jahren erfolgte Volksbefragung ergab nämlich, dass sich rund 90% der Japaner (ich mag mich um ein paar wenige Prozente irren) selbst zum Mittelstand zählen. Dazu kommt ein gewisser Stolz, der dann bei sehr vielen Japanern in der Tat zum Gedanken „Also WIR sind auf die Almosen nicht angewiesen“ führen könnte.

In der Tat – laut einer aktuellen Umfrage halten 58.1% der Befragten nichts von der Idee mit dem Bargeldverteilen – nur 31.4% sind dafür. Das ganze würde den Staat übrigens rd. 2 Billionen Yen, also ca. 16 Milliarden Euro kosten. Und die Regierung hierzulande verliert momentan ohnehin an Zuspruch wegen ihres bisherigen Krisenmanagements. Dabei finde ich die Idee immer noch besser als den Vorschlag in Deutschland, die KFZ-Steuer für Neuwagen entfallen zu lassen – klar leiden die Automobilbauer, aber wer sich einen Neuwagen leisten kann, steht ja vergleichsweise noch relativ gut da.

50.3% der Befragten gaben übrigens auch an, jenes Geld, so es verteilt werden sollte, für alltägliche Ausgaben zu verwenden – nur 27.2% würden es zur Bank tragen. Würde mich doch mal interessieren, was der gleiche Vorschlag in Deutschland bewirken würde – sicherlich mehr Zuspruch und eine viel höhere Sparerquote.

60,000 Yen. Pfff… damit kann ich mir ja nicht mal ’nen ordentlichen Plasmabild-Fernseher kaufen…

Das Wort des Tages: 定額給付金 – teigaku kyūfukin – Festbetrag – stiften – Geld. Auf Deutsch „Konsumgutschein“. Der Name dieser „Spende an die Bürger“.

Teilen:  

Wind of Change

November 6th, 2008 | 1 Kommentar | 508 mal gelesen

Was haben eine kleine Stadt an der Westküste Japans, sehr viele Amerikaner und fast alle Kenianer gemeinsam? Genau, sie freuen sich über den Wahlsieg Obamas am 4. November. Erstere, weil ihre Stadt genauso heisst: Obama (小浜, „Kleiner Hafen“).

In Japan sind die Politiker nun sehr gespannt, wie sich Obama aussenpolitisch verhält. Das misst man im Falle Japans heuer allerdings an einer heiklen Angelegenheit: Der Aufklärung der Schicksale der von Nordkorea seit den 1970ern verschleppten Japanern. Für deren Sache trommeln die Angehörigen lautstark seit Jahren in Japan, und weil die Sache so populär geworden ist, messen sich Politiker hierzulande daran, wie sehr sie sich für deren Sache einsetzen. Dazu gehören auch aussenpolitische Maßnahmen.

Obwohl in den 6er-Gesprächen mit Nordkorea vereinbart, hat Japan wegen der Verschleppten sämtliche Hilfslieferungen storniert und stark gegen die Entscheidung der USA protestiert, Nordkorea von der „Schurkenstaatliste“ zu nehmen. Bekanntlich ohne Erfolg.

Man darf bezweifeln, dass Obama eine einfache Lösung für den Spagat zwischen der Beruhigung Nordkoreas und der Beruhigung Japans finden wird: Einem japanischen Politiker schwante das wohl neulich, als er feststellte, dass „die Sache der entführten Japaner wohl nicht ganz oben auf der Prioritätenliste der Amerikaner steht“. Eine selbstredende Sache eigentlich, denn was ist wichtiger: Ein atomwaffenschwingender, unberechenbarer „kommunistischer“ Monarch, der nichts zu verlieren hat (so er überhaupt noch lebt) oder zehn Japaner, die nach 30 Jahren aus Nordkorea repatriiert werden (so sie überhaupt noch leben).

Übrigens wurden auch zwei Japaner von Obama nach Nordkorea entführt. Oh, welch ein schönes Wortspiel!

Das Wort des Tages: 外交 – gaikō – aussen, verkehren. Die Aussenpolitik.

Teilen:  

Müde vom Marschieren? Schreib ’nen Aufsatz!

November 4th, 2008 | 7 Kommentare | 783 mal gelesen

Das dachte sich wohl der oberste Befehlshaber der japanischen Luftstreitkräfte, als er an einem Aufsatzwettbewerb der Apa-Hotelgruppe teilnahm. Thema des Wettbewerbs: „真の近現代史観 (Wahre moderne Geschichtsauffassung)“. Nicht schlecht für eine Hotelgruppe, die auf ihrer Webseite auch auf koreanisch und chinesisch um Kunden wirbt.
4-Sterne-General Tamogami gewann den Wettbewerb und damit auch 3 Millionen Yen just mit einem glühend nationalistischen Aufsatz. Eine der Kernaussagen des Aufsatzes:

我が国が侵略国家というのは濡れ衣だ
(wagakuni ga shinryaku kokka to iu no wa nureginu da)
„Die Behauptung, das unsere Nation eine Angriffsnation (war) ist eine falsche Anschuldigung“.

Weiterhin führte der General aus, dass es ohne den Zweiten Weltkrieg heute kein so harmonisches Nebeneinander (hüstel) der Rassen geben würde – ohne den Krieg hätte Japan noch 100 bis 200 Jahre bis dahin gebraucht. Aha. Konklusio: Die Auffassung, dass Japan eine Angriffsmacht war, ist schlichtweg falsch.

Lange währte die Freude nicht – keine 72 Stunden nach Veröffentlichung des Aufsatzes war er auch schon Zivilist, da das Verteidigungsministerium befand, dass seine Meinung nicht mit der offiziellen Linie vertretbar sei.

Am 3. November, dem Tag seines Rauswurfs, gab der Ex-General noch eine Pressekonferenz, in der er betonte, nichts von dem, was er geschrieben habe, zurückzunehmen zu gedenke. Und er zeigte sich überrascht und traurig über die Reaktion.
Nun ja, ein bisschen mehr Weitsicht hätte man einem 4-Sterne-General doch schon zugetraut…

Das Wort des Tages: 不適切 futekisetsu – un-angemessen. So bewertete das Ministerium in einer öffentlichen Stellungnahme die Aussagen. China reagierte erfreut.

Teilen:  

Willkommen zu Hause!

November 2nd, 2008 | 11 Kommentare | 868 mal gelesen

Aber wo ist verdammt noch mal meine Wohnung!? Ist das überhaupt mein Block? Gerade betrunkenen Heimkehrern müssen doch eigentlich vor allem in Japan regelmässig diese Fragen durch den Kopf gehen…

Wohnblock in Tokyo
[Photo: Nagelneuer Wohnblock auf der Insel Kachidoki (wörtlich: Siegesschrei) im Zentrum von Tokyo]


Das Wort des Tages: お帰り(なさい) okaeri(nasai) – „Willkommen zu Hause“ – sagt man zu dem, der nach Hause / ins Büro zurückkommt. Immer.

Teilen: