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Ich bin’s doch, ich!

Oktober 16th, 2008 | 8 Kommentare | 896 mal gelesen

Gestern war ich etwas verwundert, an jedem Geldautomaten einen Polizisten zu sehen. Wird das jetzt Mode? Hat die Polizei zu viel Zeit? Letzteres vielleicht schon, aber momentan herrschen mal wieder Aktionstage in Japan. Das Ziel des grossangelegten Aktionismus’: Trickbetrügern das Handwerk zu legen.

Die Masche wird wohl in Deutschland als “Enkeltrick” bezeichnet und ist ein Dauerbrenner: Jemand sucht Telefonnummern älterer Leute heraus, ruft die an und lässt raten, wer dran ist: “Klaus-Bernhard?” – “Genau, genau”. Und schon wird um Geld gebettelt, weil der neue Porsche eine Beule hat oder man einen Unfall hatte usw. usf. Naja, einfache aber effektive Masche.

In den ersten 8 Monaten dieses Jahres wurden so wohl rund 21,4 Milliarden Yen (also ca. 140 Millionen Euro) erschwindelt – und es gibt mit Sicherheit viele unentdeckte Fälle.

Gestern war jedenfalls Rentenauszahlungstag, und so schickte die Polizei laut eigener Aussage 56,000 Beamte (!) los, um 81,000 Geldautomaten möglichst lückenlos zu überwachen. Und Rentner zu fragen, ob sie von der Masche gehört haben. Keine so schlechte Idee also. Aber der gigantische Aufwand ist schon beachtlich.

Laut einer anderen heute von der Polizeibehörde veröffentlichten Statistik schlagen die Alten jedoch zurück: 2007 wurden in Japan ca. 50,000 Straftaten von über 65-jährigen begangen. 1998 waren es ca. 14,000. Der Anstieg ist nicht nur mit der Alterung der Gesellschaft zu erklären. Gesellschaftliche Hemmschwellen sind es, die gesunken sind: Wer mit 70 Jahren völlig allein lebt, hat nicht viel zu befürchten von der Gesellschaft, wenn er beim Ladendiebstahl erwischt wird. Und etliche Straftaten wurden von verzweifelten Seelen begangen, die nur erreichen wollten, dass sie entweder ein Dach über dem Kopf haben oder sich jemand um sie kümmert. Kein gutes Zeichen.

Unter den Missetätern war übrigens eine 79-jährige obdachlose Frau, die im August in Shibuya wahllos auf Leute einstach – und zwei junge Mädchen verletzte.

Das Wort des Tages: オレオレ詐欺 – oreore sagi: “ore” bedeutet in der Männerumgangssprache “ich”, “sagi” ist der Betrug. Der Name für die oben beschriebene Enkelkindmasche. In der offiziellen Sprache aber eher als 振り込め詐欺 – furikome sagi: furikome ist Befehlsform und heisst “Überweise! (Geld)”.

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