Eine Nacht im Blue Train

August 25th, 2008 | 4 Kommentare | 1009 mal gelesen

Nachtzüge mochte ich schon immer. Nachts durch das monotone Rattern einschlafen, morgens mit dem Ziel vor Augen aufwachen – während ich es selten schaffe, im Bus oder Flugzeug ein Auge zuzumachen, habe ich in Zügen nicht das geringste Problem damit.
Nachtzüge haben mich bisher nach Moskau gebracht und Tbilisi, nach Kiev und Tai’yuan, nach Vilnius und Belgrad usw. usf. Jede Fahrt war mehr oder weniger ein Genuss. Meistens jedenfalls. Auch in Japan gibt es schon seit langem – lange Zeit vor dem Shinkansen natürlich – Nachtzüge, und da die meist dunkelblau angestrichen sind, nennt man sie logischwerweise „Blue Train“. Sie fahren von Tokyo und oder Osaka nach Hokkaido, Kyushu und an die Westküste (z.B. nach Izumo).
Wie vor ein paar Wochen angekündigt, wollte ich endlich mal in Japan mit dem Nachtzug fahren. Ganz sicher nicht, um Geld oder Zeit zu sparen: Ein Platz im 4-Mann-Abteil (die billigste Variante) von Tokyo nach Fukuoka kostet letztendlich genausoviel wie der Shinkansen – gute 22,000 Yen, dauert aber 10 Stunden länger. Und wer rechtzeitig bucht, kommt mit dem Flugzeug noch günstiger hin.


Blue Train – Japanischer Nachtzug [klicken um zu vergrössern]

Dass der Zug ausgebucht war, wusste ich ja nun schon vorher. Meine Pritsche war oben in einem 4-Bett-Abteil (die Abteile sind übrigens zum Gang hin offen), aber ich hatte das Glück, mein Abteil nicht mit drei sondern mit 6 weiteren Leuten zu teilen. Und zwar mit zwei Müttern mit insgesamt 4 Kindern. Wahrscheinlich tat ich ihnen leid, sie entschuldigten sich etliche Male für den zu erwartenden Radau. Ich erklärte ihnen, dass ich selbst ein Kind habe, worauf den beiden ein Stein vom Herzen zu fallen schien: Erstens weil sie nun wussten, dass ich ihre Sprache spreche und Zweitens weil ich Erfahrungen mit Kindern habe.
Der Zug fuhr um 18 Uhr in Tokyo ab. In japanischen Schnell- und Sonderzügen gibt es immer Kaffeetanten, die durch den Zug laufen, Getränke und Snacks und vor allem Obento verkaufen – eine Art japanische Lunchbox de Luxe. Teuer, aber man wird selten enttäuscht. Ich hatte jedoch vorher schon Hunger und habe mir deshalb ein Onigiri (Reisbällchen, klein) und ein paar Bier besorgt. Der Zug fuhr los, ich freundete mich mit den Kindern und ihren Müttern an, und gegen 20 Uhr begannen sich alle zu wundern, wo die Kaffeetante bleibt. Der Schaffner wusste die Antwort: Keine Kaffeetanten in diesem Zug, erst am nächsten Morgen ab 8 Uhr.


Blue Train – Innenansicht [klicken um zu vergrössern]

Die meisten waren halbwegs überrascht – 16 Stunden Zugfahrt und keine Atzung in den ersten 14 Stunden? Wie jetzt? Auch kein längerer Halt unterwegs, wurde uns versichert. Wenigstens hatte ich drei Bier…
In Nagoya wurde es schliesslich extrem: Die Abteile neben dem meinigen waren bis dahin leer, doch in Nagoya stürmte eine Rentnergruppe auf Speed den Zug. Und alle sprachen und lachten ausnahmslos so laut und angeregt, als ob es ihre allerletzte Zugfahrt sein würde. Gegen 1 Uhr morgens war endlich Ruhe im Karton.


Erster Blick aus dem Fenster am Morgen: Sonnenaufgang über der Seto-Binnensee [klicken um zu vergrössern]

Was haben Rentner und kleine Kinder gemeinsam? Richtig, die Angewohnheit, früh aufzustehen. Halb sechs war die Nachtruhe vorbei (aber nur in unserem Waggon, dank besagter Zusammensetzung der Passagiere). Das war jedoch in Ordnung, da die Landschaft einiges hergab. Wir vergewisserten uns beim Schaffner, ab wann die Kaffeetanten vorbeikommen. „Die starten 8 Uhr im Waggon 1… kann aber sein, dass die Getränke und das Essen nicht reichen“. Ich war im Waggon 6. Der Zug war wie gesagt voll besetzt. Mehr und mehr Leute, die von hinten an uns vorbei Richtung Lok liefen, machten mich langsam nervös. Bei dem Andrang kommen die Kaffeetanten ganz sicher nicht bis Waggon 6. Also auch vor, und siehe da – keinen Meter hatten sie sich bewegt, und die Schlange war lang. Ich hatte Glück und hielt eine Obento-Schachtel im Arm wie ein kleiner Junge seine Schultüte. Ja, der Mensch lebt nicht vom Bier allein.
Morgens halb elf war ich endlich am Ziel – in Tosu (Präfektur Saga), mitten auf Kyushu. Nachtzüge sind auch hier nicht unbedingt erholsam, aber definitiv den Spass wert. Wer allerdings mit dem Nachtzug Richtung Kyushu reisen möchte, sollte sich beeilen – der einzige Blue Train nach Kyushu (der sich aufteilt in den „Fuji“ nach Oita und den „Hayabusa“ nach Kumamoto) soll wohl im März nächsten Jahres ausrangiert werden. Er folgt damit vielen anderen Nachtzügen, die bereits auf immer gestrichen wurden. Vielleicht hätten sie doch besser auch am Abend Getränke und Essen verkaufen sollen…

Das Wort des Tages: 夜行 yakō – „Nacht“ und „laufen“ – der Nachtzug. Sehr schade, dass sie langsam verschwinden.

Teilen:  

4 Responses to “Eine Nacht im Blue Train”

  • Terry sagt:

    Ein sehr schöner Bericht. Erinnert mich an meine bisher einzige Reise mit einem Nachtzug nach Moskau und Leningrad (hieß damals noch so)und zurück nach Berlin. War sehr spannend und eindrucksvoll.

    Seit langem schwirrt auch die Idee mit der Transsibirischen Eisenbahn und der BAM mal eine Reise zu unternehmen. Double (kennste hoffentlich noch) hatte es so bis nach Peking geschafft.

  • Hamu-Sumo sagt:

    Worin liegt der Reiz, obwohl es günstigere Alternativen gibt? Ich meine, für dich ist es das Abenteuer, andere haben Angst vor’m Fliegen, usw., aber kann man damit alleine einen randvollen (und auch nicht so kleinen) Zug erklären?

  • Anonymous sagt:

    Schwer zu erklären. Vielleicht liegt es daran, dass man langsamer reist, mehr Zeit hat, anzukommen. Man trifft auch allerhand Leute jedes Mal und sieht Landschaften, die man sonst kaum wahrnimmt. Vielleicht ist es auch die Tatsache, dass man zum Nichtstun gezwungen ist: Keine Bildschirme, nur ein gutes Buch. Man muss es einfach mögen. Ich bevorzuge natürlich aber auch weniger volle Züge.

  • Gilly sagt:

    Sehr schön geschrieben, habe mich gut amüsiert. Vielen Dank. Sollte ich es je nach Japan schaffen, werde ich auf jeden Fall auch mal so eine Nachtfahrt machen.