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Mai 29th, 2007 | 4 Kommentare | 1045 mal gelesen
Gleich zwei Prominente schieden gestern bzw. vorgestern aus dem Leben. Als da wäre Agrarminister Toshikatsu Matsuoka, der sich am Montag kurz vor einer wichtigen Anhörung erhängte. Man soll ja nicht üble Nachrede halten, aber Matsuoka war einer der korruptesten Politiker und konnte lügen, dass sich die Balken biegen. Horrende Nebenkostenabrechnungen für Wohnungen, die er gratis mietete, begründete er mit dem besonderen Trinkwasser, das er brauche – da koste der Liter ebend 60 €. Um dem noch eins draufzusetzen, kam schliesslich noch die Bemerkung “denn wer trinkt schon Wasser aus der Leitung”. Nun ja, Millionen Tokyoter, die sich kein 60 Euro-Wasser leisten können. Mehr dazu von Martin Fritz, ARD Tokyo. Ich erlaube mir an dieser Stelle mal die zynische Bemerkung, dass das die einzige Möglichkeit für Matsuoka war, heil aus den ganzen Affären herauszukommen…
Der zweite Fall dürfte eine ganze Generation zu Tode betrüben: 坂井泉水 Sakai Izumi, 40jährige Sängerin der schon 16 Jahre lang berühmten J-Pop-Band Zard erlag einer Gehirnverletzung nach einem Sturz im Krankenhaus. 蒲池幸子 Kamachi Sachiko (Namen in japanischer Reihenfolge, also Familienname zuerst), so ihr richtiger Name, kämpfte seit geraumer Zeit gegen Krebs, war aber wohl eigentlich auf dem Weg der Besserung.
Zard war seit 1991 permanent in den Hitparaden. Sie sind so berühmt, dass sogar ich sie kenne. Das möchte was heissen, denn ich bin kein J-Pop-Fan. Jedenfalls singt meine Frau heute den ganzen Tag lang Lieder von Zard, denn diese haben sie seit ihrer Schulzeit begleitet. Hier die offizielle Seite.
Das Wort des Tages: ご愁傷様でした – goshūshō sama deshita – Herzliches Beileid. Sakai-san starb eindeutig zu früh.
Mai 25th, 2007 | 5 Kommentare | 721 mal gelesen
Wenn man die ganze Zeit in Japan arbeitet und fast nur Japanisch auf Arbeit spricht, wird die Sprache zur Normalität. Erst wenn man sich mal wirklich überlegt, was man da spricht, könnte einem manchmal ganz blümerant werden. Zum Beispiel Japanisch in der Firma:
Die Firma als solche heisst auf Japanisch
会社 (kaisha)
Nun benutzt man aber dieses Wort nicht unbedingt.
Spreche ich mit einem Vertreter einer anderen Firma, so spreche ich über dessen Firma nicht als kaisha, sondern nenne sie entweder
貴社 (kisha)
oder
御社 (onsha)
(etwa “Ihre ehrenwerte Firma”).
Spreche ich mit der Person über eine dritte Firma, benutzt man der Kürze wegen
他社 (tasha)
– eine “andere Firma”.
Reden wir aber über “meine” Firma
自社 – jisha,
dann muss ich diese sprachlich herabsetzen (quasi “unsere lausige Firma”) und nenne das dann
弊社 (heisha).
Alles klar? Eigentlich ganz einfach, oder (hüstel)?
Ach ja – ein typischer Fehler seitens der Ausländer ist der folgende: Man besucht mit einem Kollegen, nennen wir ihn mal Yamada, eine andere Firma. Und stellt diesen dann dort vor: “Yamada-san …”. Böser Fehler. Wehe, man vergisst in der eigenen Firma, ihn mit -san anzureden. Doch bei einer anderen Firma ist das -san tabu bei den eigenen Leuten.
Mai 23rd, 2007 | 1 Kommentar | 437 mal gelesen
Eines der unvermeidbaren Übel in Zivilisationen – oder solche, die es werden wollen – sind die vielen, vielen Gesetze, die sich so im Laufe der Jahre ansammeln und darauf warten, zum Anachronismus zu werden. Dazu zählte bis zu diesem Jahr auch ein Gesetz in Japan, welches folgendes besagte:
Wird ein Kind innerhalb der ersten 300 Tage nach der vollzogenen Scheidung geboren, so geht die Vaterschaft automatisch auf den Geschiedenen über.
Wer auch immer dieses schicke Gesetz erfunden hat… Jedenfalls wurde jetzt nach der Abschaffung Anfang dieses Jahres Bilanz gezogen, und es zeigte sich, dass schon etliche Frauen davon Gebrauch machten und nicht den Verflossenen, sondern den wirklichen Vater eintragen liessen.
Das Wort des Tages: 不倫 – furin. -rin bedeutet Treue, auch Tugend, fu- ist die Negation dessen. Also die Untreue (bzw. hier eher mit Ehebruch zu übersetzen).
Überlegt die Politik. Ein kurzer Bummel in Shibuya oder rund um Disneyland lässt den aufmerksamen Beobachter diese Frage freilich vehement verneinen.
Und doch – Japan gehört zu den wenigen dutzend Nationen, in denen die Volljährigkeit erst mit 20 beginnt. Das soll sich nach dem Willen der Politiker jetzt ändern. Da man eh schon dabei ist, die Verfassung umzukrempeln, soll auch gleich das Wahlalter und die Volljährigkeit herabgesetzt werden auf 18. Deshalb wurde ein schöner Expertenausschuss diese Woche ins Leben gerufen (siehe unten).
Keine Sorge – so schnell wird es nicht zur Gründung der HKP (Hello Kitty Partei), der ガングロ党 (Ganguro-Tō) und der LaSPJ (Lilo & Stitch – Partei Japan kommen – die Verfassung wird frühestens 2010 geändert.
Das Wort des Tages: 年齢条項の見直しに関する検討委員会 – nenrei jōkō no minaoshi ni kansuru kentō iinkai – der “Ausschuss zur Überprüfung der Änderung des Altersparagraphs”. Es geht nichts über blumige Namen.
Vor wenigen Tagen hatte ich über die Babyklappe als Pilotprojekt geschrieben. Ab dem 10. Mai konnte diese benutzt werden. Heute wurde veröffentlicht, dass das erste Kind, das dort “abgegeben” wurde, nicht ganz dem entsprach, was man erwartet hatte: Ein 3-jähriger Junge wurde zwei, drei Stunden nach Eröffnung hineingezwängt! Das ist schlichtweg urkomisch, wenn es nicht so traurig wäre. Man wird jedenfalls in dem Krankenhaus gestaunt haben…(siehe Wort des Tages).
Der Junge ist wohl ansonsten wohlauf und erzählte den Ärzten, dass er von seinem Vater von einer anderen Präfektur dorthin gebracht wurde.
Das Wort des Tages, das in diesem Zusammenhang fiel: 想定外 sōteigai: sōtei bedeutet “Annahme, Vermutung”, -gai ist “ausserhalb”. Das lag wirklich abseits dessen, was man erwartet hatte…
Nein, natürlich nicht mein Baby. Das würde auch gar nicht mehr reinpassen in den von aussen und innen aufmachbaren, 50 x 60 cm grossen Inkubator, in Deutschland Babyklappe genannt, der da gestern in Kumamoto “eingeweiht” wurde. Das von Deutschland übernommene Modell ist ein Novum in Japan und war ein heiss umkämpftes Thema seit vielen Jahren.
Novum ist nicht ganz richtig – schon vor zwanzig Jahren hatte jemand in der Präfektur Gunma die gleiche Idee: Eine unbewachte Hütte mit Krippe – genannt 天使の宿 (tenshi no yado – Engelshaus). Bilanz nach sechs Jahren: 10 Babies wurden abgegeben (und umgehend betreut und adoptiert). In keinem der Fälle meldeten sich die leiblichen Eltern jemals. 1992 wurde die Einrichtung jedoch geschlossen, nachdem ein totes Baby gefunden wurde.
Die Argumente für und gegen die Einrichtung sind die gleichen wie auch in Deutschland: Die Babyklappe ermutige Eltern, ihr Baby dort abzugeben. Das Jikei-Krankenhaus in Kumamoto hingegen sagt, dass die Klappe leben retten kann. Womit sie meiner Meinung nach recht haben.
Ganz so anonym wird es aber wohl nicht gehen: Die Stadt will jeden einzelnen Fall überprüfen und eventuell strafrechtlich verfolgen. Dem japanischen Gesetzbuch zufolge müsste allerdings jeder Fall verfolgt werden, denn das Aussetzen des eigenen Kindes und anderer Schutzbefohlener ist strafbar.
Kleine Randstatistik: Abtreibung gilt in Japan als ziemlich normal: 23% aller Schwangeren lassen abtreiben. Man redet auch nicht viel darüber.
Das Wort des Tages: 赤ちゃんポスト ”コウノトリのゆりかご” akachan posuto “kōnotori no yurikago”. Akachan ist das Baby, Posuto der “Briefkasten”. Beides zusammen ergibt die “Babyklappe”. Kōnotori ist der Storch, yurikago die Wiege. Also “Babyklappe Storchenwiege” – der Name der oben beschriebenen Einrichtung.
Mai 9th, 2007 | 3 Kommentare | 433 mal gelesen
Der Streit um die Besuche japanischer Ministerpräsidenten im Yasukuni-Schrein ist kein neuer (siehe hier und hier) und führt jedes Mal zu heftigen Protesten aus →Südkorea und →China.
Der gegenwärtige Ministerpräsident Abe hat es seit Amtsantritt vermieden, den Schrein zu besuchen. Allerdings steckt er wie auch seine Vorgänger im Dilemma: Geht er hin, gibt es Krach mit den Nachbarn. Geht er nicht hin, bekommt er Ärger mit den durchaus einflussreichen nationalistischen Kreisen in Japan.
Abe muss lange gegrübelt haben, was man da machen könnte. Nun kam heute heraus, dass er zwar selbst nicht gegangen ist, aber besagtem Schrein ein 真榊 (Masakaki, im Shintō heiliger, immergrüner Baum, siehe hier) gestiftet hatte. Sofort kamen Stimmen aus Südkorea, die sich schwer enttäuscht zeigten. Der Protest aus China jedoch war heute verhältnismässig leise. Mal sehen, ob das ein cleverer Schachzug war…
Das Wort des Tages: 奉納する hōnō suru. Etwas einem Schrein widmen. Sieht man sehr oft in Schreinen – meist in Steinlampen geritzt.
…sind meiner Meinung nach die praktischen Biergutscheine, die im ganzen Land in nahezu jedem Laden einlösbar sind. Dafür bekommt man dann zwei Flaschen des Biers seiner Wahl – in einer Flasche sind in Japan 633 ml. Und ich meine Bier, nicht Happōshu (“Bier für Arme”, mehr siehe hier).
Geschenkgutscheine und überhaupt kleine Geschenke spielen in Japan eine wesentlich grössere Rolle – denn die werden nicht nur innerhalb von Familien, sondern auch zwischen Vorgesetzten und Untergebenen, Nachbarn, zwischen Vertretern verschiedener Firmen usw. als kleines Dankeschön umhergereicht.
Wer also Tabibito beim Schreiben seiner Seiten und des Blogs unterstützen möchte, weiss jetzt wie ;-)

Mehr wert als Bares: Biergutschein
Das Wort des Tages: お中元 ochūgen. Eine kleine Aufmerksamkeit, ein kleines Geschenk. In Japan meistens Lebensmittel (guter Kaffee, Sake, Süssigkeiten usw. usf.). Jeder halbwegs grosse Supermarkt bietet das als Service an: Man kauft ein hübsch verpacktes etwas und das wird direkt dem Beschenkten gesendet.