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Das Geschäft mit den Tempeln

Dezember 28th, 2006 | Kein Kommentar bisher | 432 mal gelesen

Weihnachten ist nun also vorbei, obwohl erwartungsgemäss keine echte Weihnachtsstimmung aufkam. Nach dem gegenseitigen Versprechen, uns dieses Jahr nichts, aber auch wirklich nichts zu schenken, gab’s eine neue Digitalkamera für meine Frau und einen iPod für mich. So viel zum Thema “Dieses Jahr aber keine Umstände”. Gottseidank ist jedenfalls die alberne Weihnachtsdeko verschwunden. Und wir warten mehr und mehr darauf, dass unser Kind allmählich den Ausgang findet. Scheint aber vorerst kein Interesse daran zu haben. Zwar bewegt es sich tatsächlich langsam nach unten, aber es scheint sich dort, wo es ist, pudelwohl zu fühlen.

Also befolgen wir den Rat des Arztes, der viel Bewegung verschrieben hat. Gestern ging es deshalb zum Nakayama-dera, einem recht grossen Tempel rund 40 km nordwestlich von →Ōsaka. Der ist vor allem unter Schwangeren oder solchen, die es werden wollen, bekannt. Vor Ort beteten wir schliesslich für eine sichere Geburt (siehe Wort des Tages). Ob es was hilft, wenn ich als Agnostiker bete, steht auf einem anderen Blatt. Aber eins steht fest – es kann nicht schaden und es ist wirklich dass, wofür es sich zu beten lohnt.

Am Tempel fand ich schliesslich ein Novum – hab es jedenfalls noch nirgendwo anders gesehen – eine Rolltreppe im Tempel! Es war nicht zu fassen. Da steht dieser altehrwürdige Tempel mit den uralten Steintreppen und Holzbauten – mittendrin dann eine Rolltreppe. Macht Sinn. Wie sollen sonst die ganzen Alten und Schwangeren die Treppen hochkommen…

Tempel und Schreine sind kleine Unternehmen, die selbst Werbung machen und sich wirtschaftlich über Wasser halten müssen. Rolltreppen dürften da wohl der letzte Marketing-Trick sein. Mehr zum Thema Ablasshandel an anderer Stelle…

Rolltreppe im Tempel
Rolltreppe im Tempel Nakayama-dera

Das Wort des Tages: 安産 anzan. “An” bedeutet “sicher”, -zan (san) ist die Geburt (auch Produktion). Die meisten Tempel verkaufen unter anderem “Anzan-Amulette” (Omamori).

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Frohe Weihnachten!

Dezember 24th, 2006 | 3 Kommentare | 457 mal gelesen

Ungewöhnlich lange Ferien brechen an – von Weihnachten bis zum 9. Januar. Diese Weihnachten werden wohl etwas besonderes werden – da ich heute noch gearbeitet habe, geht es erst morgen zur Familie. Meiner zweiten Familie. Nach Nishinomiya bei Kobe. Meine Frau ist schon eine Weile dort, und so wie es aussieht, komme ich genau richtig, denn die Entbindung unseres ersten Kindes steht unmittelbar bevor. 9 Monate Aufregung neigen sich dem Ende. 18 Jahre der Aufregung stehen uns bevor. Aber vorher ist erstmal Weihnachten. Um ein winziges bisschen Weihnachtsstimmung herzuzaubern, habe ich heute sogar eine Flasche Glühwein bei Ikea ergattert.
In diesem Sinne wünsche ich allen Lesern (sofern es noch regelmässige Leser bei der momentanen Schreibflaute gibt) ein gesegnetes Weihnachtsfest.

Übrigens habe ich die kompletten Seiten auf einen anderen Server gewuchtet. Leider mussten dabei die Umlaute in den Kommentaren daran glauben. Tut mir leid. Soll nicht wieder vorkommen.

Wort des Tages: メリークリスマス (merii kurisumasu). Merry Christmas!

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Ich mach’ nur grad schnell die Steuererklärung…

Dezember 15th, 2006 | 1 Kommentar | 519 mal gelesen

Das Jahr neigt sich dem Ende entgegen und das gilt auch für das fiskalische Jahr (zumindest was die Steuer anbelangt. Zeit, die Steuererklärung zu verfassen. Weihnachten und Abgabeschluss für die Steuererklärung auf ein Mal – klingt wie ein Alptraum. Aber nicht in Japan. Habe gerade meine Erklärung für dieses Jahr geschrieben, und das hat mich ca. 30 Minuten gekostet (war zwischendurch noch auf dem Örtchen…). Eigene Adresse. Firmenadresse. Versicherungs- und Rentenbeiträge, die man dieses Jahr bezahlt hat. Eventuell noch Angaben zu Ehepartner und Kinder, so diese nicht selbst arbeiten. Dann noch den roten Namensstempel drauf und fertig. So einfach kanns gehen! Steuererklärung auf Bierdeckel? Kein Thema (wenn es hier Bierdeckel geben würde).
Es sei dazu angemerkt, dass den Rest die Steuerbüros der Firmen erledigen, so man fest angestellt ist. Ansonsten hat man ein bisschen mehr Arbeit. Aber nur ein bisschen.


Steuererklärung

Japanische Steuererklärung. Nein, nicht Seite 5 von Anhang 34/5-b der Anlage zur Vermögenssituation, sondern die gesamte Erklärung!

Das Wort des Tages: 確定申告 kakutei shinkoku. (Steuererklärung). kakutei bedeutet eigentlich “Entscheidung” oder “Bestimmung”, shinkoku ist die Erklärung. Je nachdem wieviel Rente / Versicherung bezahlt, bekommt man allein dafür im Januar bis zu
100,000 Yen zurück.

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Weihnachten – ein Fest für alle in Japan

Dezember 10th, 2006 | 3 Kommentare | 1040 mal gelesen

Weihnachten ist ursprünglich für Japaner genauso elementar wie für uns Halloween. Gab’s früher nicht, wurde aber irgendwann zur Steigerung der Inlandsnachfrage kurzerhand eingeführt. Nicht etwa direkt, sondern über Amerika. Da die Amerikaner bereits mit ihren Weihnachtsbräuchen dringend den alten Kontinent übertrumpfen müssen, ist es natürlich ganz selbstverständlich, dass man Japan wiederum Amerika ausstechen muss. Und so wird Weihnachten ein Fest für jedermann – für Weihnachtsfetischisten wie für Weihnachtshasser.

Erstmal zu den Assoziationen. Höre ich in Deutschland “Weihnachten”, denke ich an folgendes (bitte korrigieren, wenn ich falsch liege):

  • 4 Wochen Stress: Wann kaufe ich Geschenke? Wo? Für wen? Warum ist Weihnachten schon übermorgen, ich hab doch noch gar nichts?
  • Weihnachtsmarkt: Stollenzeit. Und Glühweinzeit. Die alte Frage – was ist besser: Selber Glühwein trinken oder die Glühweinopfer beobachten?
  • Weihnachtsbaum am 24.12 aufbauen
  • Kirchenchor – live oder aus dem Fernseher
  • Heiligabend-Essen, je nach Region verschieden (bei uns war es Wiener mit Kartoffelsalat)
  • Schenken und geschenkt bekommen. Harmonie und Eintracht.
  • Während der Weihnachtsfeiertage: Familie abklappern. Frühstück – Stollen. Mittag – Ente. Nachmittags: Kaffee und Kuchen. Abends: Ente oder ähnliches.
  • Nach Weihnachten: Weil es so viel Arbeit gemacht hat, bleibt der Weihnachtsbaum erstmal stehen (wär ja sonst unökonomisch). Versuch, die Nahrungsaufnahme nach den 20,000 Kalorien zu Weihnachten etwas zu drosseln (= keinen Stollen mehr). Sich geistig auf das gleiche Spektakel, dieses Mal nur mit flüssiger Nahrung, zu Silvester vorzubereiten.

Nun zu traditionell japanischen Weihnachten:

  • Extrem penetrante Weihnachtsliedbeschallung ab ca. Anfang November
  • Fehlen jeglicher weihnachtsbezogener Esswaren (nur ganz selten sieht man mal Stollen)
  • Weihnachtsmänner überall. In jeglicher Form und Grösse. Sie verfolgen mich. Sie sind hinter mir her. Hilft mir denn keiner!?
  • 23. Dezember: Feiertag. Nicht etwa wegen Weihnachten, sondern da hat der Tennō Geburtstag.
  • Die Dichte der Weihnachtsmänner und die Bewerbung der Weihnachtstorten erreicht den Gipfel.
  • Am 24. oder 25. Dez: So man nicht arbeiten muss (selten!) – ein “Date” mit dem Partner oder ebend als Familie unterwegs. Weihnachtstorte essen. Oder ganz traditionell: Zu Kentucky Fried Chicken essen gehen (kein Scherz!).
  • Nacht vom 24. zum 25. Dez: Erstaunlich, wie schnell die ganze Deko sich in Luft auflöst.
  • Nach Weihnachten: Aufatmen: Die Weihnachtsmänner sind weg. Seelisch auf Neujahr vorbereiten: Drei Tage in Harmonie und Eintracht mit der ganzen Familie verbringen. Und Neujahrskarten kaufen, bedrucken,
    schreiben und wegschicken.

Soviel zum Weihnachtstrubel hier. Wie auch in Deutschland bemüht man sich also herzhaft, die Fassade aufrecht zu erhalten. Unterschied: Je nach Fassade steckt in Deutschland hinter Weihnachten aber wirklich etwas. In Japan ist es nur die Fassade.


Schreck lass nach

Genau das hatte noch gefehlt: Weihnachtsmänner auf Mopeds – gestern gesehen in Kobe

Das Wort des Tages: クリスマスケーキ kurisumasu keeki. (Christmas Cake). Die Weihnachtstorte. Besteht aus luftigem Teig, bestrichen mit Sahne und garniert mit Obst oder irgendwelchem Schmuck. Geht von ganz billig bis extrem teuer. Zweite Bedeutung: Unverheiratete Frauen über 25. Genau wie niemand eine Weihnachtstorte nach dem 25. Dez kaufen will, hat es eine über 25-jährige Frau schon etwas schwerer, in Japan einen Mann zu finden. Obwohl sich auch das allmählich ändert, denn auch in Japan
heiratet man immer später.

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Ausflug nach Katsushika-ku

Dezember 2nd, 2006 | Kein Kommentar bisher | 486 mal gelesen

Strahlend blauer Himmel, 15 Grad. Es ist Dezember in Tokyo. Und dementsprechend mal wieder perfekt für einen ausgedehnten Radausflug (nun ja, 50 km sind nicht übermässig ausgedehnt). Heute ging es zum nordwestlichsten Rand von Tokyo, dem Stadtteil Katsushika-ku. Nichts aufregendes, aber die Gegend um den Bahnhof von Shibamata bietet noch ein bisschen “Shitamachi” (=Unterstadt)-Atmoshpäre, wo es laut und herzhaft hergeht. Konnte ich auch heute live erleben – eine greise Frau warf ein Taschentuch einfach in eine Ecke an der Strasse. Ein ca. 50 Jahre alter, kräftig ausschauender Mann begann umgehend, die alte Dame zur Schnecke zu machen. Die zog dann ihren Keirō-Trumpf: Keirō bedeutet “Respekt vor dem Alter” und ist im konfuzianistisch geprägten Japan nachwievor sehr bedeutend. Also begann sie zu zetern “So behandelt man doch alte Leute nicht” usw. Das war ihm offensichtlich reichlich egal – “Um so schlimmer – wenn Du so alt bist, solltest Du doch dann wissen, dass man Müll nicht einfach auf die Strasse wirft” usw. usf. Szenen aus der Shitamachi.



Katzen vor einem winzigen Jizō-Schrein in Shibamata

Das Wort des Tages: 下町 shitamachi. “Shita” bedeutet “unten, unter”. “Machi” ist die Stadt bzw. auch der Stadtteil. Kurzform von 城下町 (Jōkamachi) – die Burgunterstadt. Quasi dort, wo der Pöbel haust, hätte man im alten Rom gesagt. Shitamachi findet man mal hier, mal dort, noch resteweise. Sie sind sehr eng, oft ein bisschen schmutzig und zeichnen sich durch ein dichtes gesellschaftliches Netz aus – jeder kennt Jeden. Man bekommt ein bisschen Ahnung von einem solchen Viertel, wenn man sich den Film Always- Sanchōme no Yuhi ansieht.

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